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Ela Eckert, Ingeborg Waldschmidt (Hrsg.): Inklusion (Montessori-Pädagogik)

Cover Ela Eckert, Ingeborg Waldschmidt (Hrsg.): Inklusion. Menschen mit besonderen Bedürfnissen und Montessori-Pädagogik. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2010. 362 Seiten. ISBN 978-3-643-10740-4. 19,90 EUR, CH: 31,90 sFr.

Reihe: Impulse der Reformpädagogik - Band 28. Hrsg. im Auftr. der Deutschen Montessori-Gesellschaft e.V..
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Herausgeberinnen

Dr. Ela Eckert war pädagogische Leiterin einer Montessori-Schule, hatte 15 Jahre lang einen Lehrauftrag für Montessori-Pädagogik an der Universität Oldenburg und ist Dozentin in der Diplomausbildung der Montessori-Vereinigung Deutschland und der Deutschen Montessori-Gesellschaft sowie Referentin und Fachberaterin für Montessori-Pädagogik.

Dr. Ingeborg Waldschmidt ist emeritierte Professorin für Grundschulpädagogik an der Freien Universität Berlin und arbeitet als Dozentin in der Montessori-Ausbildung.

Die Autorinnen und Autoren sind Fachleute aus verschiedenen Richtungen und aus ganz verschiedenen Generationen.

Thema

Das Thema „Integration oder Inklusion von Menschen mit besonderen Förderbedürfnissen“ erfährt in der (Fach-)Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit. Die Herausgeberinnen weisen hin auf eine lange Erfahrung in der Montessori-Pädagogik mit inklusiven Ansätzen.

Aufbau und Inhalt

Den Beiträgen des Buches vorangestellt ist die „Declaration of Krakow (Montessori Education and Inclusion)“, die beim zehnten europäischen Montessori-Kongress in Krakau im Oktober 2009 verabschiedet wurde.

Die ersten sechs Beiträge sind zu einer Themengruppe (Allgemeines und Grundlegendes) zusammengefasst. Im ersten Beitrag werden die Verdienste Mario Montessoris, des Sohnes Maria Montessoris, und vor allem Theodor Hellbrügges gewürdigt, der die Montessori-Pädagogik in die Arbeit des Münchener Kinderzentrums einbrachte, ein Kinderhaus eingliederte und die Montessori-Pädagogik zu einer „ärztlichen Heilpädagogik“ umformte. Dies geschieht schwerpunktmäßig durch einen Rückblick auf den internationalen Montessori-Kongress in München 1977, in dem man sich zum ersten Mal mit Problemen des behinderten Kindes beschäftigte (Hans-Dietrich Raapke).

Anschließend referiert Gerald Hüther über die Verbindung der Montessori-Pädagogik mit modernen neurobiologischen Erkenntnissen. Er bezieht sich auf die nutzungsabhängige Hirnentwicklung und führt unter anderem aus, dass aus dieser Sicht Kinder eigentlich nur zwei Dinge brauchen: Aufgaben, an denen sie wachsen können, und Gemeinschaften, in denen sie aufgehoben sind, denen sie sich zugehörig fühlen.

Hubertus von Voss gibt zu bedenken, bei der Inklusionsdiskussion nicht das Kind mit dem Bade auszuschütten, sondern das Kindeswohl im Blick zu haben; ein Verzicht auf alle sonderpädagogischen Einrichtungen ist sicher nicht der richtige Weg. Er stellt die Montessori-Therapie bei Kindern mit Entwicklungsstörungen vor, die auf der Montessori-Pädagogik aufbaut.

Kees van der Wolf greift die Erziehungsgrundsätze Montessoris für Kinder mit besonderen Bedürfnissen auf, stellt die Position der Inklusionsbefürworter denen der Traditionalisten gegenüber und fordert eine Diskussion an Montessori-Schulen. Axel Winkler führt die Diskussion weiter, chronologisch am Werk Maria Montessoris orientiert. Arnold Köpcke-Duttler beginnt mit der Vernichtung im Nationalsozialismus und streicht das Menschrecht auf inklusive Bildung heraus.

Im zweiten Teil (Differenzierungen) werden viele unterschiedliche Aspekte angesprochen. Es wird verdeutlicht, das die Inklusion eines Kindes mehr bedeutet als nur gut aufgenommen zu werden und dabei zu sein; es wird anerkannt, dass jedes Kind gleichwertig ist, und erwartet, dass jedes Kind einen individuellen Beitrag einbringt (Lore Anderlik). Sie arbeitet das Konzept der „Vorbereiteten Umgebung“ heraus und formuliert die Voraussetzungen für eine Aufnahme im Kinderhaus als Integrationskind. Es folgen Beiträge zum Verständnis von Verhaltensproblemen als Hilferuf (Wiebke Ammann) und zum Konzept der „Normalisierung“ in der Sprache Montessoris (Hans-Dietrich Raapke).

Viele Beiträge Einblick in die konkrete Praxis. So wird die Arbeitsweise der Montessori-Therapie vorgestellt (Dagmar Auerbach). Weitere Beiträge beschäftigen sich mit verschiedenen Störungsbildern: Wahrnehmungsstörung (Saskia Happel, mit der Verbindung zur Sensorischen Integration), Down-Syndrom (Helle und Luis Erler, Verbindung Montessori und Waldorf), Lese-/Rechschreibschwierigkeiten (Silvia Müller), oder geben Einblick in verschiedene Formen von Montessori-Schulen: Gesamtschule (Corinna Spikermann), Grundschule (Kirsten Erb), Förderschulen (Förderschwerpunkt Lernen, Ulrich Pieper; Autismus-Klasse, Anke Baumann und Kerstin Michlo).

Zwei weitere Beiträge gehen auf die Bedürfnisse von 0 bis 3jährigen Kindern ein und thematisieren Montessori-Pädagogik in der Kinderkrippe (Patricia Wallner) und den Umgang mit den Eltern (Monika Schenkel), in einem Beitrag wird sogar ein Projekt vorgestellt, das die Montessori-Prinzipien auf den Umgang mit Senioren überträgt (Bianca Mattern).

Silvia Müller fordert ein Umdenken und entwickelt Vorstellungen von einem friedlichen Miteinander in den Schulen der Zukunft.

Den Abschluss bildet eine Rezension des biografischen Buches von Axel Braun, das einen Einblick in die Welt eines Autisten vermittelt (Frauke Wollenweber).

Diskussion

Das Buch besteht aus vielen unterschiedlichen Beiträgen, die zum Teil nicht originär für dieses Buch verfasst wurden; es handelt sich um Übersichtsartikel, Vorträge, Fallbeispiele, etc. Dies drückt sich auch in der jeweils unterschiedlichen Gestaltung aus (bis hin zum Literaturverzeichnis oder den Anmerkungen). Diese mangelnde Abstimmung ist eine Schwachstelle des Buches, macht aber auch einen Teil des Reizes dieses Buches aus.

In den vielen Praxisbeispielen wird lebendig dargestellt, welchen Beitrag die Montessori-Pädagogik und die Montessori-Therapie mit ihren Verbindungen zu anderen Ansätzen für die Inklusion von Menschen mit besonderen Bedürfnissen leisten kann und auch schon leistet.

Die Herausgeberinnen haben sich einen Spruch Maria Montessoris auf die Fahnen (und auf das Cover des Buches) geschrieben: “Der Weg, auf dem die Schwachen sich stärken, ist der gleiche wie der, auf dem die Starken sich vervollkommnen“. Die Ausgestaltung dieses Weges ist aber durchaus diskussionswürdig. Die Berichte aus Förderschulen und Sonderklassen verdeutlichen, dass Inklusion nicht heißt, alle guten Konzepte über Bord zu werfen. Keine Sonderschulen zu haben ist nicht per se ein Indikator für eine gelungene Inklusionspraxis; für manche Kinder kann der Weg (die Fördermöglichkeit) der Sonderschule auch der richtige Weg sein.

Erstaunlich finde ich immer wieder den „Personenkult“, der – bei aller Achtung und Wertschätzung für ihr Werk- um Maria Montessori betrieben wird. Viele Beiträge beziehen sich auf Zitate von Maria Montessori oder streichen ihr Werk heraus, beispielhaft auf S. 240: „bin ich einfach froh, dass Maria Montessori irgendwann ihre genialen Ideen zu Papier brachte“.

Fazit

Das Buch aus der Reihe „Impulse der Reformpädagogik“ kann Impulse setzen, zeigt Beispiele guter Integrationsarbeit im Rahmen der Montessori-Pädagogik, regt aber auch – wie die Herausgeberinnen es wünschen – zu Diskussionen an.


Rezensent
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 21.02.2011 zu: Ela Eckert, Ingeborg Waldschmidt (Hrsg.): Inklusion. Menschen mit besonderen Bedürfnissen und Montessori-Pädagogik. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2010. ISBN 978-3-643-10740-4. Reihe: Impulse der Reformpädagogik - Band 28. Hrsg. im Auftr. der Deutschen Montessori-Gesellschaft e.V.. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10513.php, Datum des Zugriffs 31.05.2016.


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