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Jennifer Elfert: Theaterfestivals

Cover Jennifer Elfert: Theaterfestivals. Geschichte und Kritik eines kulturellen Organisationsmodells. transcript (Bielefeld) 2009. 402 Seiten. ISBN 978-3-8376-1314-8. 34,80 EUR, CH: 59,00 sFr.

Reihe: Theater - Band 16.

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Thema

Theaterfestivals sind eine kulturelle Erscheinungsform, die als herausgehobenes Ereignis einen Sonderstatus im Reigen der kulturellen Angebote einnehmen. Das Festival soll in seiner Organisation und Durchführung den kulturellen Alltag durchbrechen und günstigenfalls zu einer eigenständigen „Marke“ werden. Gerade damit aber verbinden sich unterschiedliche Erwartungen: die ausrichtenden Städte verbinden mit „ihrem“ Festival auch „kulturfremde“ Erwartungen, wie beispielsweise eine besondere touristische Zugkraft. Die etablierten Kultureinrichtungen vor Ort sehen die vielfach zu beobachtende „Festivaliltis“ dagegen oft skeptisch, weil sie befürchten, dass in Zeiten knapper öffentlicher Mittel für die Kultur, die verbleibenden Ressourcen statt in nachhaltige Strukturerhaltung in spektakuläre Einmalereignisse wie „Ruhr 2010“ fließen. Aus Sicht der eingeladenen Künstlerinnen und Künstler schließlich eröffnen die Festivals nicht nur zusätzliche renomméfördernde Einnahmen, sondern können auch zu produktiver Vernetzung genutzt werden. Schließlich seien auch die Zuschauer nicht vergessen. Läuft es gut, kann ein Theaterfestival zu einer unvergesslichen kulturellen Erinnerung werden. Grund genug also, das „kulturelle Organisationsmodell“ Theaterfestival einer genaueren Betrachtung zu unterziehen.

Autorin

Die Autorin Jennifer Elfert arbeitet als Projektleiterin und Kulturmanagerin.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch entstand als Doktorarbeit an der Universität Frankfurt.

Aufbau

Das in acht Kapitel gegliederte Buch versucht sich zunächst in einer begrifflich-definitorischen Annäherung an das „Organisationsmodell“ Theaterfestival und beschreibt die besondere Form der „Festspiele“ als ursprünglich „literarisches Genre“ bis zu den Bayreuther und Salzburger Festspielen. Es folgt ein Kapitel zum „Fest“ als Gemeinschaftsereignis. Weitere Kapitel widmen sich dem „operationellem Gerüst“ eines Festivals, den „Zeiten des Festivals“ sowie den „Räumens des Festivals“ und der Rolle des Festivals „zwischen Politik und Ökonomie“. „Einzelanalysen“ von sieben ausgewählten Theaterfestivals, ein Anhang, der Interviews mit den aus den Einzelanalysen bekannten FestivalmacherInnen enthält, sowie ein nutzvoller Apparat aus Literaturverzeichnis sowie einem Personen- und Sachregister runden den Band ab.

Inhalt

Theaterfestivals sind Teil eines kulturellen Angebotes. In Deutschland mehr noch als in anderen europäischen Ländern „ergänzen“ sie ein trotz aller finanziellen Einschränkungen nach wie vor vielfältiges Theaterangebot und prägen so eine „Kulturlandschaft“. In diesem Rahmen, so konstatiert die Autorin, ist die „kulturelle Akzeptanz“ von Theaterfestivals „ungebrochen“. Zugleich sei aber seit den 90er Jahren eine als „Festivaliltis“ beklagte Inflation von Festivals festzustellen. Sie mache es notwendig, Aussagen zu Erscheinungsform und Wesen der Festivals zu machen, „um haltbare Aussagen über ihre Relevanz für die deutsche und europäische Kulturlandschaft der Gegenwart zu machen.“

Es fehlt hierzu freilich eine „Theorie des Festivals“, die auf einer „verbindlichen Festivaldefinition“ gründet. Kein Wunder, gehört es doch zum Charakter von Festivals, das sie jeweils ihre Einzigartigkeit behaupten. Wie also kann man etwa die traditionsreichen Salzburger Festspiele mit den seit 2002 stattfindenden Nibelungen- Festspielen in Worms vergleichen? Und was wiederum verbindet diese beiden Festivals mit dem jährlich stattfindenden Berliner Theatertreffen, zu dem die vermeintlich „besten“ Inszenierungen eines Theaterjahres eingeladen werden? So ist nach Ansicht der Autorin, eine „definitorische Trennung“ der Festivals wenig „gewinnbringend“. Aussichtsreicher sei es, „die Prozessualität von Festivals als kulturellem Organisationsmodell zu würdigen“ und diese möglichst präzise zu beschreiben.

Statt einer Theorie des Festivals also eine Betrachtung des kulturellen Organisationsmodells Festival! Diese Betrachtung beginnt mit einem historischen Überblick. Im Mittelpunkt stehen die 1876 erstmals durchgeführten Bayreuther Festspiele sowie die 1920 gegründeten Salzburger Festspiele. Beide bieten „ideale Matrizen für die Darstellung der Entwicklungen, die Festspiele als Organisationsmodell hin zum Festival vor dem Hintergrund von Fest- und Theatertradition vollziehen.“ Mit dem Festival freilich verlieren die weihevoll-traditionellen und tendenziell konservativen Schwerpunkte des Großereignisses Festspiel, zu denen die Autorin „Nation, Erinnerungskonstitution und ästhetische Höchstleistungen“ zählt, an Bedeutung. Wichtiger werden Merkmale, die einer aktuellen Event- und Festkultur entstammen, in der die „Kunst“ sich neu bewähren muss. „In diesem Sinne“, so resümiert die Autorin, „sind Festivals ein neuartiges und für die gesamte Theaterszene wichtiges Werkzeug im Umgang mit außerkünstlerischen, ökonomischen und politischen Interessen.“ Ob und inwieweit dies der Theaterszene gelingt, versucht die Autorin in den Einzelanalysen des Berliner Theatertreffens, der euro-scene Leipzig, den Festivals Freischwimmer: Plattform für junges Theater, Neue Stücke aus Europa, Theater der Welt, den THEATERFORMEN Braunschweig/Hannover sowie den Wiener Festwochen zu beschreiben und in Interviews mit Verantwortlichen dieser Festivals zu vertiefen.

Fazit

Das Buch bietet insbesondere in den Einzelanalysen und Interviews aber auch in den Passagen, welche einen historischen Überblick zur Entwicklung von Festspielen und Festivals zu geben versuchen, einen sehr praktischen Mehrwert: man kann es als Nachschlagewerk benutzen. Weniger überzeugend erscheint der theoretisch-analytische Anspruch des Buchs. Hier wirkt der Band trotz – oder gerade wegen – seines doch beträchtlichen Umfangs fragmentarisch. Es mangelt an der Konsequenz, die vielfältigen Ansätze und Erkenntnisse, die der Band ohne Zweifel bietet, in eine Gesamtkonzeption zu überführen. Es fehlt eine straffe Gliederung als erkenntnisleitende Orientierung, die zugleich auch Redundanzen hätte vermeiden können.


Rezensent
H..-Georg Lützenkirchen
Homepage www.hgluetzenkirchen.info
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Zitiervorschlag
H..-Georg Lützenkirchen. Rezension vom 25.01.2011 zu: Jennifer Elfert: Theaterfestivals. transcript (Bielefeld) 2009. 402 Seiten. ISBN 978-3-8376-1314-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10538.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.


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