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Inés Brock: Mehrkindfamilien (Familien- und Geschwisterdynamik)

Cover Inés Brock: Mehrkindfamilien im Kontext unterschiedlicher Kinderbetreuungsarrangements. Eine Studie zur Familien- und Geschwisterdynamik. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2010. 500 Seiten. ISBN 978-3-89670-937-0. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR.
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Autorin

Inés Brock ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Erziehungswissenschaftlerin mit Spezialisierung auf Geschwisterschaft, frühe Kindheit, Geburt, Familienerziehung und Frühpädagogik.

Entstehungshintergrund

In gegenwärtigen Industriegesellschaften sind sich scheinbar beschleunigende Entwicklungen (Rosa 2006; vgl. dazu kritisch Hildenbrand 2009) in Bereichen der Ökonomie und damit in Arbeitsgesellschaften sowie auch im Privaten festzustellen. Glaubt man allein Sozialpolitikern nimmt daher in Arbeitsgesellschaften die professionelle pädagogische Betreuung einen immer wichtigeren Stellenwert für eine förderliche Entwicklung von Kindern ein. Besonders kleine Kinder werden gegenwärtig im Paradigma der ‚Frühförderung‘ häufig in Fremdbetreuung untergebracht, wenngleich damit noch keineswegs ein genereller Zerfall der Familie konstatiert werden kann (vgl. Winkler 2012). Öffentlich, jedoch ebenso in der Wissenschaft bietet insbesondere dieses Thema häufig Anlässe für heftige Auseinandersetzungen über die Auswirkungen von Fremdbetreuung auf die Bindungs- und Beziehungsentwicklung von Kindern. Es werden negative Auswirkungen befürchtet. Mehrkindfamilien scheinen vor diesem Hintergrund ein besonders hohes Risiko hinsichtlich der Entwicklung von Bindungs- und Beziehungsproblemen darzustellen. Welche Wechselbeziehungen sich jedoch tatsächlich aus diesen Umständen auf Beziehungs- und Bindungsdynamiken in der Familie einerseits und außerfamilialer Betreuung andererseits entwickeln können, ist Thema der Studien von Inés Brock. Das Werk mit dem Titel „Mehrkindfamilien im Kontext unterschiedlicher Kinderbetreuungsarrangements: Eine Studie zur Familien- und Geschwisterdynamik“ stellt ihre Dissertation dar und wird durch sieben in die Analyse einbezogene, selbst erhobene und ausgewertete Familienstudien ergänzt, die gesondert bei Monsenstein und Vannerdat (Brock 2011) publiziert wurden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch von Brock gliedert sich in sieben Abschnitte:

  1. Gesellschaftliche Ausgangslage und Familienrealitäten,
  2. Fachliche Zugänge und wissenschaftliche Einordnungskontexte,
  3. Grundlagentheoretischer Exkurs,
  4. Forschungsmethodik,
  5. Datenerhebung,
  6. Datenauswertung sowie
  7. eine Ergebnisdarstellung samt abschließendem Ausblick

Die Darstellungen und Einsichten dieser Kapitel können bei dem weiten Umfang des Werkes hier nur in partiellen Auszügen und weitgehend ergebnisbezogen wiedergegeben werden.

Brock arbeitet interdisziplinär zwischen Erziehungswissenschaft (hier v.a. Kindheitsforschung), Psychologie (Beziehungs- und v.a. Bindungsforschung) und Soziologie (bes. Methodik der fallrekonstruktiven Familienforschung sowie Familienforschung im Allgemeinen). Sie blickt mit diesem theoretischen und methodischen Werkzeug in der Hand auf den Übergang zwischen Familie und Kindertagesstätten, um letztlich Konsequenzen für das Verhältnis von Elternhaus und Kindergarten abzuleiten. Ihr Blick ist dabei jedoch breit und im Grunde lebensspannenperspektivisch angelegt, d.h., Brock schaut ebenso auf die Phase der Geburt. Spätestens ab diesem Zeitpunkt beginne eine Familiendynamik durch das neugeborene Kind. Anhand des Säuglings- und Kleinkindalters sowie anhand von Geschwister- und Familiendynamiken stellt Brock die Phase der Geburt als eine intragenerationale Ressource für Mehrkindfamilien dar. Vor diesem Hintergrund wird schließlich die Entstehung von Beziehungs- und Bindungsdynamiken sowohl in der Familie als auch „außerhäuslich“ – in Betreuungseinrichtungen – analysiert. Einige knapp angerissene Befunde Ihrer Studien sind:

  • Mehrkindfamilien dienen der Konfliktbewältigung mittels „Koalitionsbildungen“ (dyadisch und triadisch).
  • Dies stellt eine Vorbereitung der Kinder für die kognitiven Angebote in der außerfamilialen Betreuung dar.
  • Konfliktbewältigung im Geschwistersystem stellt zugleich einen Gewinn für Eltern auf verschiedenen Ebenen dar.
  • Mit steigender Zahl der Kinder bevorzugen Eltern die außerfamiliale Betreuung.
  • Zugleich zeigen diese Eltern zunehmendes Interesse in Bezug auf das Geschehen in der Betreuungseinrichtung.
  • Gleichwohl besuchen die Kinder kürzer die Betreuungseinrichtung
  • Im Sinne einer Wechselwirkung bietet die Familie den Raum, in welchem die Kinder kognitive Anregungen und Angebote aus dem Kindergarten verarbeiten.

Diskussion

Die den Studien zugrunde gelegte Literatur in Brocks Werk ist breit angelegt. Stichprobenhafte Überprüfungen bestätigen die korrekte Rezeption sowie die Entwicklung eigener Einsichten aus den fallrekonstruktiven Ansätzen sowie auf Basis der verfügbaren Literatur zum Thema der Familienforschung, dabei speziell zu Mehrkindfamilien und Geschwisterforschung. Die fallrekonstruktive Analyse komplettiert dieses Fundament zu einem reichhaltigen Ergebnis tiefer Einsichten in Familien- und Geschwisterdynamiken sowie in Kinderbetreuungsarrangements samt ihren für die Kinder und Familien produktiven Wechselwirkungen. Besonders eindrücklich ist der Befund, dass Mehrkindfamilien offensichtlich weniger Belastung empfinden als Familien mit einem Kind.

Fazit

Für im pädagogischen und psychologischen Bereich professionell Tätige, gleich ob als TherapeutInnen, ErzieherInnen oder LehrerInnen, ist dieses Buch mit Blick auf das Verstehen von Geschwisterdynamiken sowie Fragen nach der inner- und außerfamiliären Betreuung von Mehrkindfamilien sehr empfehlenswert. Seine theoretische wie empirische Fundierung ist überzeugend und nachvollziehbar dargestellt. Somit dient es gleichsam als grundlegender Forschungsstand zum Thema Mehrkindfamilien für WissenschaftlerInnen und – so bereits der Hinweis von Bruno Hildenbrand im Vorwort des Buches – ebenso für Sozialpolitiker.

Literatur

  • Brock, Inés (2011): Familienstudien mit Geschwistern. Qualitative Fallstudien unter Einbeziehung von Kinderdiagnostik, Münster: Monsenstein und Vannerdat.
  • Hildenbrand, Bruno (2009): Familie und Beschleunigung, In: Sozialer Sinn 10 (2), S. 265-281.
  • Rosa, Hartmut (2006): Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne, Frankfurt am Main : Suhrkamp.
  • Winkler, Michael (2012): Erziehung in der Familie. Innenansichten des pädagogischen Alltags, Stuttgart: Kohlhammer.

Rezensent
Dr. Ulf Sauerbrey
Akademischer Rat auf Zeit am Lehrstuhl für Elementar- und Familienpädagogik an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik und Theorie der Sozialpädagogik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Homepage www.uni-bamberg.de/efp/lehrstuhlteam/dr-phil-ulf-sa ...
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Zitiervorschlag
Ulf Sauerbrey. Rezension vom 02.02.2012 zu: Inés Brock: Mehrkindfamilien im Kontext unterschiedlicher Kinderbetreuungsarrangements. Eine Studie zur Familien- und Geschwisterdynamik. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2010. ISBN 978-3-89670-937-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10543.php, Datum des Zugriffs 25.09.2016.


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