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Jutta Ecarius, Marcel Eulenbach u.a.: Jugend und Sozialisation

Cover Jutta Ecarius, Marcel Eulenbach, Thorsten Fuchs, Katharina Walgenbach: Jugend und Sozialisation. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 290 Seiten. ISBN 978-3-531-16565-3. 22,95 EUR.

Reihe: Basiswissen Sozialisation - 3.
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Thema

Die vorliegende Publikation versteht sich als Lehrbuch zum Thema Sozialisation im Jugendalter. Prägnant und umfassend soll das Buch ein Basiswissen darstellen, das an den Erfordernissen erziehungs- und sozialwissenschaftlicher Studiengänge ausgerichtet ist. Dazu soll das Buch Grundbegriffe und wichtige Theorien zur Jugendsozialisation klären. Es soll zentrale Instanzen und Kontexte der Sozialisation betrachten. Hierzu will es empirische Ergebnisse auswählen und sich auf aktuelle soziale Problemlagen, wie z.B. Jugendkriminalität, beziehen. Dies sind Problemlagen, die auch ein pädagogisches Handeln herausfordern. Einen besonderen Schwerpunkt will das Buch auf den Aspekt der sozialen Heterogenität oder Ungleichheit in der Jugendsozialisation legen.

AutorInnen

Dr. Ecarius ist Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Gießen, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften. Eulenbach und Fuchs sind dort wissenschaftliche Mitarbeiter, Dr. Walgenbach wissenschaftliche Mitarbeiterin.

Entstehungshintergrund

Zweifellos ist Jugendsozialisation ein wichtiges Thema, wenn man sich mit Sozialisation im Lebenslauf befasst; wodurch sich dieses Lehrbuch von manch anderem unterscheidet, ist vor allem sein Fokus auf soziale Heterogenität. Es ist den AutorInnen wichtig, hier einen besonderen Schwerpunkt zu setzen, weil entlang sozialer Kategorien wie sozioökonomische Schicht, Geschlecht und Migrationshintergrund die Sozialisationsinstanzen - Familie, Schule oder Peergroup - von Jugendlichen unterschiedlich erfahren werden. Und wiederum bringen die Sozialisationsinstanzen selbst weitere soziale Heterogenität hervor und bewirken damit ungleiche Lebenschancen für viele Jugendliche.

Aufbau und Inhalt

Das Buch beginnt mit einer kurzen Einleitung (Kap. 1; 3 S.). Sie charakterisiert das Buch und gibt eine Vorschau auf die drei weiteren Kapitel. Zunächst sind theoretische Grundlagen zum Thema Jugend (56 S.) Darstellungsgegenstand. Das folgende, umfangreichste Kapitel (105 S.) widmet sich einer Reihe von Sozialisationsinstanzen und -kontexten. Das letzte Kapitel (80 S.) gilt sozialen Problemen, mit denen Teile von Jugend in Verbindung gebracht werden.

Kap. 2 „Jugend – Theoretische Grundlagen“, mit dem die eigentliche Darstellung beginnt, klärt zunächst den Begriff Jugend in seiner Vielfalt, zeigt die geschichtliche Entwicklung der Vorstellungen und führt zu theoretischen Ansätzen hin. Diese stammen aus der Pädagogik, der Generationentheorie, der Entwicklungs- und Individualisierungstheorie und auch aus den Cultural Studies. Dieser Überblick wird sodann vor dem Hintergrund des Konzepts der sozialen Heterogenität aufgeschlüsselt, und zwar nach Schicht, Geschlecht und Migrationshintergrund. Die AutorInnen behalten auch Überlagerungen und Wechselwirkungen zwischen diesen Kategorien im Blick. Sie argumentieren dazu theoretisch und anhand empirischer Ergebnisse. Forschungstraditionen werden hierbei idealtypisch und paradigmatisch verfolgt.

Unter der Überschrift „Sozialisationskontexte von Jugendlichen“ betrachtet das dritte Kapitel Jugend bezogen auf eine Reihe von Sozialisationsinstanzen. Dazu zählen Familie, Schule, Hochschule, Peergroups und Jugendkulturen sowie Medien. Der Abschnitt über Peergroups und Jugendkulturen ist (mit 44 S.) weitaus am umfangreichsten, gefolgt von Medien (26 S.); die anderen Abschnitte umfassen dagegen nur zwischen 10 und 16 S. Auch in diesem Kapitel werden Theorien und empirische Ergebnisse referiert. Die AutorInnen beziehen sich dabei interdisziplinär auf Pädagogik, Soziologie und Psychologie. Ebenfalls wird die Perspektive der sozialen Heterogenität wieder aufgenommen, jetzt aber weniger systematisch, sondern als Ergänzung.

Das vierte Kapitel betrachtet Jugend – genauer: Teilmengen Jugendlicher – im Rahmen ausgewählter sozialer Probleme. Dargestellt werden Jugendkriminalität, Gewalt, Rechtsextremismus, Sucht, Drogenkonsum sowie Essstörungen. In der theoretischen Auseinandersetzung und in der Diskussion der Öffentlichkeit werden die beobachtbaren Phänomene oft als abweichendes Verhalten etikettiert. Die AutorInnen greifen diese Perspektive auf, differenzieren aber auch, indem sie z.B. auf sozialen Wandel oder Prozesse der gesellschaftlichen Desintegration als mitbedingend aufmerksam machen. Auch kennzeichnen die AutorInnen Handlungs- und Verhaltensweisen aus der Perspektive von Jugendlichen selbst, oder sie diskutieren daran Momente von „Bewältigungsverhalten“ (S. 176).

Gleichwohl können die Problemlagen zum erheblichen Teil auf Störungen im Sozialisationsprozess oder auf Defizite in der Entwicklung hindeuten. Die AutorInnen weisen darauf hin, wie insbesondere hier ein pädagogisches Handeln gefragt ist. Diese Betrachtungen sind jedoch eher in den Text eingeflochten als systematisch ausgearbeitet.

Diskussion

Das Buch und seine einzelnen Kapitel zeichnen sich durch klare, übersichtliche Struktur aus. Die Sprache ist durchweg gut verständlich und dem Gegenstand angemessen. Umfangreich ist das Literaturverzeichnis (36 S.): Es ist nach Kapiteln und Abschnitten des Buches gegliedert, sodass es den LeserInnen ermöglicht, sich rasch einen Überblick über Standardliteratur zu einzelnen Teilthemen zu verschaffen. Das ist besonders dann nützlich, wenn man bestimmte Aspekte durch weitere Lektüre vertiefen möchte.

Die AutorInnen empfehlen zwar, das Buch in der Reihenfolge der Kapitel durchzuarbeiten; sie geben jedoch auch an, dass LeserInnen, je nach Interesse, eigene Wege durch das Buch einschlagen können. Diesem Anspruch wird die Art der Inhaltsdarstellung gerecht: Unterstützt werden die LeserInnen dadurch, dass im Text bei zentralen Theorien und Begriffen Querverweise auf andere relevante Abschnitte eingefügt sind und damit der Gesamtzusammenhang erkennbar bleibt. Die ideale Abrundung wäre, wenn das Buch noch über ein Sachregister verfügen würde.

Die Darstellung beinhaltet die zentralen Sozialisationsinstanzen im Jugendalter – ausgenommen die betriebliche Berufsausbildung. Ihr hätte man durchaus einen Abschnitt widmen können. Dennoch gibt das Buch ohne Frage einen guten Überblick zu einem bedeutsamen Spektrum. Sieht man das Buch im Kontext aktueller Literatur aus der Jugendforschung, legt es zu Recht den Schwerpunkt auf Peergroups, Jugendkulturen und Medien.

Es gibt im Buch keinen abschließenden Teil: Das letzte Kapitel endet mit einer Darstellung der Formen von Essstörungen. Da sich das Buch unter anderem an Studierende der Erziehungswissenschaft wendet, stellt sich die Frage, ob am Schluss nicht eine stärker systematisierende pädagogische Reflexion stehen könnte. Sicher würde eine solche Reflexion den Umfang des Buches deutlich ausdehnen, der jetzt mit fast 300 S. schon relativ groß ist. Das Buch richtet sich zudem auch an Studierende anderer Fächer, die eine solche Reflexion wohl nicht vermissen.

Fazit

Insgesamt haben die AutorInnen ein durchgehend gelungenes Lehrbuch vorgelegt. Es kann über die Erziehungswissenschaft hinaus auch Studierende anderer Studiengänge ansprechen. Auch eignet es sich gut zum Selbststudium. Ich würde es für eine einführende Lehrveranstaltung zum Thema Jugend und Sozialisation als erste Wahl in Betracht ziehen.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Beck
Pädagogische Forschung und Lehre
Homepage www.cbeck-aktuell.de


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Zitiervorschlag
Christian Beck. Rezension vom 17.01.2011 zu: Jutta Ecarius, Marcel Eulenbach, Thorsten Fuchs, Katharina Walgenbach: Jugend und Sozialisation. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-16565-3. Reihe: Basiswissen Sozialisation - 3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10551.php, Datum des Zugriffs 27.07.2016.


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