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Diana Reiners: Verinnerlichte Prekarität

Cover Diana Reiners: Verinnerlichte Prekarität. Jugendliche MigrantInnen am Rande der Arbeitsgesellschaft. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2010. 236 Seiten. ISBN 978-3-86764-295-8. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 36,90 sFr.
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Thema

In Europa leben viele Jugendliche mit Migrationshintergrund, oft unter schwierigen Bedingungen und in Armut. Häufig hegen Bürger der europäischen Staaten ihnen gegenüber diffuse Ressentiments, die teils durch Sensationsmeldungen der Medien geschürt werden.

Autorin

Dr. Diana Reiners lehrt am Seminar für Soziologie der Universität St. Gallen.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Arbeit entstand als Dissertation im Rahmen eines Forschungsprojektes, welches u.a. von Elisabeth Katschnig-Fasch, Hans Georg Zilian (beide Universität Graz), Florence Weiss (Universität Basel) und Franz Schultheis (Universität S. Gallen) im Jahre 2005 auf den Weg gebracht worden ist.

Das Projekt steht in der Tradition der Arbeiten von „Pierre Bourdieu et al., Das Elend der Welt (dt. 1997; frz. Orig. 1993)“, „Elisabeth Katschnig-Fasch (Hrsg.), Das ganz alltägliche Elend (2003)“ sowie „Franz Schultheis/Kristina Schulz (Hrsg.), Gesellschaft mit begrenzter Haftung. Zumutungen und Leiden im deutschen Alltag“ (2005)“. Diese Veröffentlichungen stellen m.E. nach Meilensteine der europäischen Sozialforschung dar.

Sie beinhalten Dokumentationen über ausführliche Interviews. Franzosen, Österreicher und Deutsche aus unterschiedlichen sozialen Lagen wurden nach ihren subjektiven Erfahrungen über Veränderungen ihrer Lebensrealität befragt. Besonderes Interesse hatte man am Studium der neoliberalen Umwälzungen und deren Bedeutung für die Lebensgestaltung der InterviewpartnerInnen, insbesondere wie diese ihre Handlungs- und Bewältigungsweisen auf die Umbrüche abstimmen. Die Interviews wurden nicht nur dokumentiert, sondern auch mit einem Kommentar bzw. einem Analysebericht versehen, der aufzeigt, wie die Erfahrungen der InterviewpartnerInnen mit ihren jeweiligen gesellschaftlichen Lebensumständen vermittelt sind. Dadurch konnten neue Erkenntnisse in die Wissenschaft eingebracht werden.

Die Analysen und Interviews beruhen auf dem methodologischen Ansatz von Pierre Bourdieu (1930 - 2002), welcher die in den Mainstream-Richtungen der Soziologie und der Psychologie vorherrschende Dichotomie in der Erkenntnisgewinnung aufzuheben suchte, indem er Verstehen und Erklären „zusammenführte“.

Diana Reiners Arbeit ist in diesem Kontext entstanden. Ein äußeres Zeichen dafür ist ihr Erscheinen in der UVK-Reihe „Foundation Bourdieu“.

Aufbau und Inhalt

Reiners stellt die Auswirkungen des neoliberalen Umbaus der Gesellschaft bzw. des Wohlfahrtsstaates auf die Lebenswelten Jugendlicher mit Migrationshintergrund dar. Sie beschreibt des weiteren die spezifischen sozialen Bedingungen mit denen diese in Österreich, genauer in Graz und Umgebung, konfrontiert sind.

Des weiteren erläutert sie theoretisch fundiert die Transformationen der Gesellschaft und deren Folgen. Vor allem weist die Autorin auf die Prozesse der sozialen Desintegration, die gesellschaftlichen Spaltungen sowie die zunehmende soziale Ungleichheit hin.

In Kap. 3 „Forschungsdesign“ erläutert sie ihre ambitionierte Untersuchung, die am : Verstehenskonzept von Pierre Bourdieu orientiert ist. Für Bourdieu war es unabdingbar den Zusammenhang zwischen objektiver Lebenslage der Personen und deren subjektive Sicht auf die Verhältnisse zu verstehen und zu erklären. Daher ist bei der Forschungsplanung zu berüchtigten, dass die Personen ihre Erfahrungen mit den je konkreten Bedingungen, die ihr Leben bestimmen, zur Sprache bringen können.

In Kapitel 4 „Prekäre Lebenswelten“ werden Gespräche mit 4 Jugendlichen dokumentiert:

  • Mariah ( 17 J.): Häufige Wechsel des Lebensmittelpunkts zwischen Österreich und der Dominikanischen Republik; familiäre Konflikte mit sukzessivem Zerfall der Familie führen zu einer Überforderung. Schwierigkeiten und Frustrationen am Arbeitsplatz werden kurzerhand mit dem „Hinwerfen“ der Arbeit quittiert. M. scheint nicht in der Lage eine zielbewusste beruflichen Planung zu entwickeln.
  • João (18 J): Verliert durch die - von seiner todkranken Mutter erzwungenen - Migration seinen privilegierten sozialen Status, den er in Angola innehatte. Er wird in die Hauptschule zurückgestuft, obwohl er zu Hause schon für eine gymnasialen Laufbahn eingeplant war. Trotz seiner immensen Anstrengungen, gleichzeitig Berufsausbildung und weiterführende Schule zu absolvieren sowie seinen Vater zu unterstützen, glaubt er seinen hohen Ansprüchen nicht zu genügen, was zu Selbstzweifel und Enttäuschung führt.
  • Fisnike (16 J.): Sie ist durch Gewalterfahrungen, die ihr - sowie weiteren Familienangehörigen - im Kosovokrieg widerfahren sind, erheblich traumatisiert. Konflikte mit ihrer Familie erschweren eine Entwicklung zu mehr Autonomie. Diese sucht sie durch eine frühzeitige Heirat zu gewinnen, die sie jedoch in eine traditionelle Frauenrolle zwingt und einen eigenständigen beruflichen Werdegang behindert.
  • Kemal (25 J): Er möchte durch Automatenspielen „schnelles Geld machen“, da seine wechselnden prekären Beschäftigungsverhältnisse nur geringen Lohn abwerfen. Er ist in stetem Abwehrkampf gegen Angriffe auf seine Männlichkeit und Ehre, was wohl die Ursache für seine Dauerspannung ist. Seine Äußerungen wirken durchgehend bruchstückhaft, eine chronologische bzw. kohärente Erzählung kommt nicht zustande.
  • Mit den Ausführungen zu Boris (19 J.) und Goran, die auf teilnehmender Beobachtung und einigen Gesprächssequenzen basieren, zeigt die Autorin einen relevanten weiteren Aspekt auf, nämlich die Delinquenz. Die beiden beschaffen sich materielle Statussymbole, die wohl als Kompensation in ihrer schwierigen sozialen Lage fungieren.

Im Kapitel „Das Paradox der Strategien: Learning for Precarity“ erarbeitet die Autorin eine Synthese aus den Schlussfolgerungen, die auf ihren Interviews und Analysen beruhen, indem sie diese mit den - in Kap. 2 dargestellten - gesellschaftlichen und politischen Diagnosen in Bezug setzt.

Reiners erfasst die subjektiven Erfahrungen der Jugendlichen und bezieht sie auf die jeweiligen Lebensbedingungen. Darüber hinaus gelingt es ihr die Verinnerlichung der Prekarität theoretisch zu entwickeln und empirisch zu belegen: Die Jugendlichen reproduzieren durch spezifische Strategien und Handlungsweisen „unbewusst“ das Ideal der marktfähigen, allseits flexiblen Arbeitskraft.

Zielgruppe

Das Buch wendet sich sowohl an WissenschaftlerInnen aus Soziologie, Psychologie, Kulturwissenschaft, als auch an alle SozialarbeiterInnen, BeraterInnen und PsychotherapeutInnen, die Jugendliche mit Migrationshintergrund betreuen.

Kapitel 4 „Prekäre Lebenswelten“, welches die Interviews und Kommentare enthält, ist auch für Laien verständlich.

Diskussion

Diana Reiners zeigt, dass die Lage der Jugendlichen mit migrantischem Hintergrund sehr schwierig ist. Sie arbeitet heraus, wie unterschiedlich ihre InterviewpartnerInnen die Prekarität verarbeiten, jedoch keine produktiven Veränderungsstrategien entwickeln (können).

Allerdings kommt es manchmal zu „Eruptionen“, wie z.B. in den französischen Banlieues, die Politiker und Bevölkerung aufhorchen lassen. Nach kurzer Zeit scheint die Misere dieser Jugendlichen jedoch wieder vergessen. Um so wichtiger sind solche Forschungsergebnisse, wie die von Diana Reiners und ihren Kollegen Gilles Reckinger und Gerlinde Malli. Vielleicht können sie aufrütteln und in der Öffentlichkeit Interesse für die Belange armer Jugendlicher wecken.

Fazit

Diana Reiners ist ein sehr wichtiges und aufschlussreiches Buch gelungen.


Rezensent
Prof. Dr. Hans-Peter Michels
Dipl.-Psychol.
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Michels. Rezension vom 11.03.2011 zu: Diana Reiners: Verinnerlichte Prekarität. Jugendliche MigrantInnen am Rande der Arbeitsgesellschaft. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2010. ISBN 978-3-86764-295-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10586.php, Datum des Zugriffs 08.12.2016.


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