Stefan Schanzenbächer: Anti-Aggressivitäts-Training auf dem Prüfstand
Stefan Schanzenbächer: Anti-Aggressivitäts-Training auf dem Prüfstand. Gewalttäter-Behandlung lohnt sich. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2003. 296 Seiten. ISBN 978-3-8255-0398-7. 27,00 EUR.
Soziale Probleme - Studien und Materialien, Band 3.
Der Autor
Der Leiter des Modellprojektes des Landes Brandenburg "Boxenstopp - Training gegen Gewalt", Dipl. - Päd. und Dipl. - Theologe und Lehrbeauftragter an der Fachhochschule Zittau / Görlitz, Dr. Schanzenbächer, legt mit dem Buch seine Erfahrungen zur Integration und Prävention jugendlicher Delinquenz vor.
Einführung in die Themenstellung
Über die Frage und die Praxis, ob und wie jugendliche Straftäter therapiert, gebessert, verändert werden können hin zu einem konsensualen Denken und Verhalten in der Gesellschaft, wird seit Jahrtausenden weidlich gestritten und gerungen. Auch die Auseinandersetzung, was denn jugendliche Gewalt und Aggressivität sei, ist nicht erst seid Freud und Adler im gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Diskurs. Ein sozial abweichendes Verhalten von Kindern und Jugendlichen wird, in den institutionalisierten Organisationsformen in unserer Gesellschaft, also in der Schule, in der Familie und Freizeit, meist "nachfolgend" wahrgenommen; manche sagen, die Umwelt wird erst dann auf das Problem aufmerksam, wenn "das Kind in den Brunnen gefallen" ist; das Nachdenken über eine vorbeugende, propädeutische, pädagogische Erziehung gegen gewalttätiges und Aggressionsverhalten hat in der gesellschaftlichen, bildungspolitischen Diskussion erst spät eingesetzt. Immerhin: Es gibt, auch für die schulische Arbeit, und für Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, eine Reihe von Literatur mit dem Anspruch, schon frühzeitig "neue Formen des Anti-Aggressivitäts-Trainings" zu erproben (Weidner/Kilb/Kreft, Gewalt im Griff, 2000) und Nachfragen nach Ursachen, Vorbeugung und Intervention von "Gewalt in der Schule" (Hurrelmann/Rixius/Schirp), u.a.
Wenn Gewalt und Aggression nicht angeboren und in den Genen festgelegt sind, sondern in der je aktiven Umgebung erlernt und angeeignet werden, dann muss es auch Konzepte geben, gewalttätiges und aggressives Verhalten erst gar nicht eintreten zu lassen, oder dort, wo Jugendliche bereits kriminell geworden sind, sie wieder zu einer sozial- und gesellschaftsverträglichen Existenz zu führen.
Das ist die Annahme, die den verschiedenen Theorieansätzen zur Erklärung von Aggression, Aggressivität und Gewalt bei Jugendlichen zu Grunde liegt; wie etwa den modernisierungstheoretischen Ansätzen, den psychologischen und sozialpsychologischen Theorien, der Frustrations- / Aggressions-Hypothese, der Subkulturtheorie, und nicht zuletzt den lerntheoretischen Konzepten.
Überblick über die Inhalte
Im Mittelpunkt von Schanzenbächers Bericht aus der konkreten Arbeit mit jugendlichen Straftätern steht das "Anti-Aggressivitäts-Training für Gewalttäter" (AAT). Acht Gestaltungselemente, Methodiken und Kommunikationstechniken sind es, die dieses pädagogisch-psychologische Konzept tragen: Die Konfrontative Therapie gründet auf der Überzeugung, "dass Menschen unter geeigneten Bedingungen plötzliche und anhaltende Persönlichkeitsveränderungen zum Besseren durchmachen können"; die provokative Therapie baut darauf, dass "ein provozierter Mensch zum einen sich in die - zu der vom Therapeuten vorgegebene - entgegengesetzte Richtung bewegt. Zum anderen orientiert der Mensch sich an seinen eigenen Ressourcen", wenn er aufgefordert wird, sich selbst zu verteidigen; der gestalttherapeutische Ansatz des Heißen oder Leeren Stuhls wird einbezogen, damit sich der Klient seinen Konfliktgegner in einem Rollenspiel geistig vorstellen und einen imaginären Dialog mit ihm führen zu können; kognitiv psychologische Methoden, mediative Formen aus der rational-emotialen Therapie (RET) u.a.
Das AAT wird seit den 80er Jahren in der Jugendanstalt Hameln angewandt, und zwar in durch sporttherapeutische Formen und Erfahrungen im offenen Strafvollzug ergänzte Maßnahmen, als LoGo-Konzept: Leben ohne Gewalt organisieren. Die Darstellung der theoretischen Grundlagen, wie der praktischen Durchführung des Modells durch den Autor, nicht nur in Hameln, sondern auch in anderen Jugendstrafanstalten, aber auch im Rahmen von sozialtherapeutischer Arbeit in sozialen Brennpunkten, etwa in Frankfurt/M., in Schulen, in der Erziehungs-, Jugendgerichts- und Bewährungshilfe und in der offenen Kinder- und Jugendarbeit, macht die Evaluierung der Erfahrungen wertvoll. Die mit vielfältigen Methoden einer empirisch-wissenschaftlichen Wirkungsforschung erhobenen Daten und Ergebnisse von Formen des Anti-Aggressivitäts-Trainings bieten für Theoretiker und Praktiker eine Fülle von Hinweisen und Anregungen für den Einsatz solcher Trainings- und Erziehungseinheiten: "Das Anti-Aggressivitäts-Training kann die Aggression gegen Fremde und gegen sich selbst reduzieren und Aggressionshemmungen aufbauen". Mit der Einschränkung "kann" soll verdeutlicht werden, dass die Forschung und Evaluation auf diesem Gebiet noch nicht am Ende ist.
Diskussion
Dass auf diesem Gebiet der Resozialisierung und der Verbrechensabwehr erheblicher gesellschaftlicher Handlungsbedarf besteht, zeigt der gerade in deutschen Tageszeitungen verbreitete Bericht von Rüdiger Meise: "Im Knast herrscht das Gesetz der Diebe". Der Autor berichtet darüber, wie junge Spätaussiedler in der Jugendhaft in Hameln ihre eigene Welt aufbauen. Die mafiose Knast-Vereinigung "Abschtschjak", was im Russischen so viel wie "Gemeinschaft" heißt, übt auf die Inhaftierten einen gewalttätigen Druck zum Mitmachen aus; mit dem Ergebnis, dass lediglich ein Drittel der Betroffenen sich ernsthaft an den von der Jugendanstalt Hameln durchgeführten Trainings- und Integrationskursen beteiligen.
Fazit
Die Studie bringt eine Reihe von Ergebnissen, sie fordert aber auch gleichzeitig eine Weiterarbeit auf dem Feld der Jugendgewalt, um, wie in einem Bericht der Bundesregierung 2001 gefordert wird, "Breite und Qualität der Angebote weiter zu verbessern, regionale Anwendungsunterschiede auszugleichen und auf diese Weise die Akzeptanz von informellen und ambulanten Sanktionen zu fördern".
Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 29.07.2003 zu: Stefan Schanzenbächer: Anti-Aggressivitäts-Training auf dem Prüfstand. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2003. 296 Seiten. ISBN 978-3-8255-0398-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1059.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.
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