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Mathias Binswanger: Sinnlose Wettbewerbe

Cover Mathias Binswanger: Sinnlose Wettbewerbe. Warum wir immer mehr Unsinn produzieren. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2010. 239 Seiten. ISBN 978-3-451-30348-7. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 33,50 sFr.
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Hintergrund

Ein wesentlicher Teil der europäischen Wirtschafts- und Finanzpolitik drehte sich auch im Jahr 2010 um die Frage, welche „Rettungspakete“ zu schnüren bzw. „Rettungsschirme“ aufzuspannen seien, um Griechenland, Irland und vielleicht auch noch Portugal und Spanien vor der Pleite sowie den Euro und damit letztlich das System der europäischen Währungsunion vor seinem „Auseinanderbrechen zu retten“.

Auch in anderen Weltgegenden scheinen noch einige unkalkulierbare weltwirtschaftliche Risiken zu schlummern: Jüngst warnte US-Finanzminister Timothy Geithner mit Blick auf den Zustand des US-Haushaltes (genauer: die Fähigkeit zur weiteren Staatsverschuldung) in drastischen Worten vor dem „Staatsbankrott der USA“, was die Rating-Agenturen über ein zukünftiges Downgrading von US-Staatsanleihen – wiederum mit erheblichen Folgen für das Weltfinanzsystem - spekulieren lässt. Vorbei scheint die Krise – trotz gleichzeitig gemeldeter wirtschaftlicher Erfolgszahlen („Export“) und einem angeblichen „Jobwunder“ zumindest in Deutschland - jedenfalls lange noch nicht zu sein.

Die zu ihrem Beginn durchaus geäußerten kritischen Nachfragen zu Begriff und Funktionsprinzipien eines Markt- und Wettbewerbssystems, das derartige Resultate mit einiger Regelmäßigkeit produziert, sind dagegen inzwischen wieder weit gehend verstummt. Es herrscht zwar kein „business as usual“, die theoretische, vor allem aber die praktische Befassung widmet sich als „Krisenmanagement“ allerdings längst wieder vorrangig der konstruktiven Frage, wie man „das System wieder flott“ bekommt und zukünftig möglichst krisenfrei organisiert.

Autor und Thema

Dr. rer. pol. habil. Mathias Binswanger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten und Privatdozent an der Universität St. Gallen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Makroökonomie, Finanzmarkttheorie, Umweltökonomie sowie in der Erforschung des Zusammenhangs zwischen Glück und Einkommen. Die im Buch geäußerten Überlegungen zu Markt und Wettbewerb heben sich im Ausgangspunkt insofern vom volkswirtschaftlichen Mainstream der gegenwärtigen Krisenbetrachtung ab, als er die Frage nach der Sinnhaftigkeit – anders als die meisten Marktapologeten sowohl in der Wissenschaft als auch in der Wirtschaft – dieser marktwirtschaftlichen Kernkategorien etwas grundsätzlicher stellt und dabei, so die Hauptthese, eine Zunahme „sinnloser Wettbewerbe“ konstatiert. Die flächendeckende Implementierung politischer, vor allem aber wirtschaftlicher „Fehlanreize“ führt danach zu einer systematischen „Unsinnsproduktion“, was Binswanger beispielhaft an aktuellen Entwicklungen eines zunehmend ökonomisierten Wissenschafts-, Bildungs- und Gesundheitswesens aufzeigen will.

Aufbau

Der Band ist nach der Einleitung, in der Binswanger sein Thema geschichtlich und begrifflich in die wirtschaftspolitische Diskussion einordnet sowie die Ziele und den Verlauf seiner Untersuchung darlegt, in zwei Große Teile gegliedert. Der erste beschreibt in fünf Unterkapiteln die Grundlagen des Wettbewerbsgeschehens, erläutert dazu den „Idealfall des Marktbewerbs“ und grenzt ihn danach zu seinen suboptimalen Erscheinungsformen in der Realität („Marktillusion“, „Messbarkeitsillusion“ und „Motivationsillusion“) ab.

Der zweite Teil bezieht diese Erscheinungsformen im Wesentlichen auf zwei Sphären (Wissenschaft, Gesundheitswesen), an deren konkreten Produktionsbedingungen er die Gründe und Resultate der „Unsinnsproduktion“ darlegt. Im neunten und letzten Unterkapitel gibt der Autor unter der Fragestellung „Wenn keine künstlichen Wettbewerbe, was dann?“ einen Ausblick auf mögliche Alternativen zum System systematischer Unsinnsproduktion.

Teil 1: „Künstliche Wettbewerbe ohne Markt und die damit verbundenen Illusionen“

Der erste Teil beschäftigt sich im ersten Unterkapitel mit den Idealbedingungen des Marktwettbewerbs, wie sie der schottische Ökonom Adam Smith in seinem Modell der „unsichtbaren Hand“ beschrieben hat und wie sie letztlich – mehr oder weniger modifiziert – auch heute noch weitgehend die herrschende Lehre repräsentieren. Binswanger stellt dar, wie die „unsichtbare Hand des Marktes“ im Idealfall wirkt bzw. wirken sollte, erläutert die notwendigen Bedingungen ihrer Wirksamkeit, setzt sich mit Marktwettbewerb in der Theorie und in der Praxis auseinander und begründet schließlich, warum dieser Wettbewerb sich nicht „künstlich inszenieren“ lässt. Das darauf folgende Unterkapitel thematisiert wirtschaftliche Umstände, in denen kein Markt vorhanden ist (was Binswanger vor allem am Fehlen des Preismechanismus festmacht), in denen es aber, z. B. im Rahmen „unternehmensinterner Wettbewerbe“, trotzdem „Wettbewerb für Effizienz“ gibt bzw. geben soll.

Der Autor spricht hier von „Marktillusion“ und entwickelt die Folgen „künstlicher Wettbewerbe“, die er vor allen in einem „fehlgeleiteten und übertriebenen Einsatz von Zeit und Energie“ ausmacht („Rat Race“). Dazu unterscheidet er zwei Wettbewerbsformen: Sinnvolle „Leistungswettbewerbe“ auf der einen Seite und schädliche „Wettkämpfe“ auf der anderen, wobei sich in der Konsequenz künstliche Wettbewerbe selbst verstärken und schließlich zum Selbstzweck würden. Begrifflich eng mit der „Marktillusion“ verbunden ist für Binswanger die „Messbarkeitsillusion“. Er erläutert die Schwierigkeiten bzw. die Unmöglichkeit einer kennzahlenbasierten Messung qualitativer Leistungen (und damit auch personenbezogener sozialer Dienstleistungen), wie sie sich sowohl das Konzept der „Balanced Scorecard“ als auch das des „Benchmarking“ und letztlich auch das „Qualitätsmanagement“ im Bereich des Managements sozialer Dienste und Einrichtungen auf ihre Fahnen geschrieben haben.

Anhand von Beispielen der Leistungsmessung von Individuen und der ungleich komplexeren Leistungsmessung von bzw. in Teamkonstellationen, wie sie für den Sozialbereich konstitutiv sind, illustriert der Autor (am sehr anschaulichen Beispiel von Fußballmannschaften) wie die Taxierung von Leistungen mithilfe von Kennzahlen, deren Auswahl und Kombination dabei ebenso entscheidend wie zugleich relativ beliebig ist, systematisch „Fehlanreize“ (er nennt sie „perverse Anreize“ bzw. „perverses Verhalten“) erzeugt: „Das Problem ist nur, dass die heute in Wirklichkeit wichtige Leistungen sich einer quantitativen Messbarkeit entziehen, da es dort in erster Linie um Qualität und nicht um Quantität geht. Und die Versuche, Qualität mithilfe quantitativ messbarer Kennzahlen oder Indikatoren abzubilden, führen zu perversen Anreizen, die dann in den Wettbewerben ohne Markt voll durchschlagen“ (S. 67). So führten z. B. mehr wissenschaftliche Publikationen zwar zu einer Zunahme von beschriebenen Seiten, deren Zahl aber nichts über die Bedeutung der Forschungsleistungen eines Wissenschaftlers oder einer Institution aussage, „[…] genauso wenig wie die Zahl der gespielten Töne etwas über die Qualität eines Musikstücks aussagt“ (S. 149).

Im engen Kontext zur „Markt- und Messbarkeitsillusion“ steht für Binswanger auch die „Motivationsillusion“, d. h. die insbesondere in der Wirtschaft und im Arbeitsleben verbreitete, psychologisch unterfütterte Idee und eine ihr entsprechende Praxis, die unterstellen, dass Menschen regelmäßig und vorrangig Anreize und Strafen („Zuckerbrot und Peitsche“) als extrinsische Formen der Motivation benötigten, um „Höchstleistungen“ zu erbringen. Binswanger entfaltet seine Argumentation anhand der Typologie, die der MIT-Professor Douglas McGregor Anfang der sechziger Jahre entwickelt hat und in der so genannte X-Typen (die „faulen Durchschnittsmenschen“) von Y-Typen (die „leistungsfreudige Elite“) unterschieden werden, um daraus eine entsprechend abgestimmte Motivations- bzw- Führungstheorie zu entwickeln.

Anhand des Vertriebssystems des deutschen Schraubenfabrikanten Würth charakterisiert Binswanger die Möglichkeiten, Grenzen und Ideologien gängiger Leistungsmotivations- bzw. Stimulationssysteme, die auf diesen Theoremen basieren. Das Hauptprodukt des Unternehmens sind Schrauben, von denen weltweit natürlich möglichst viele verkauft werden sollen. Das Anreizsystem wurde deshalb vor allem für die im Verkauf tätigen ca. 30.000 Außendienstmitarbeiter entwickelt. Seine „Zuckerbrote“ bestehen sowohl aus materiellen (stark leistungsabhängige Vergütung und Umsatzprovisionen sowie Prämien beim Erreichen bestimmter Umsatzziele) wie auch nicht-materiellen Komponenten. Die erfolgsabhängige Bezahlung (die inzwischen auch im Sozialbereich mehr und mehr en vogue ist) funktioniere so Binswanger aber nur dann, wenn man die ihr zugrunde liegende Leistung auch exakt bestimmen könne.

Davon sei im Würth-Beispiel auszugehen, da die Leistung im Verkauf von Schrauben und Schraubenzubehör sich mittels täglicher, detaillierter Umsatzmeldungen quantitativ leicht messen lässt: „Dieses System macht aus dem Mitarbeiter ein Rädchen, das sich dreht und funktioniert, die Kreativität beschränkt sich darauf, neue Wege zu finden, wie man noch mehr Schrauben an den Mann bringen kann. Der Mitarbeiter wird nicht als Y- sondern als X-Typ behandelt, aus dem man, wie aus einer Horde belohnungssüchtiger Kinder, mit Zuckerbrot und Peitsche mehr Leistung herausholen kann“ (S. 115). Das System von „Zuckerbrot und Peitsche“ und damit das Setzen auf die extrinsische Motivation funktioniere – zumindest im Sinne des Unternehmens – wirtschaftlich äußerst erfolgreich. Allerdings müssten dafür nach Binswanger mehrere Bedingungen erfüllt sein, die bei Würth vorlägen: Es handelt sich erstens um einen „echten (Preis-)Wettbewerb“, bei dem der Verkauf über Erfolg oder Misserfolg entscheide und man nicht an den Bedürfnissen des Marktes vorbei produzieren könne. Zweitens lässt sich die Leistung der Verkäufer leicht messen und trage unmittelbar zum Erfolg des Unternehmens bei. Relevant sind eben Verkaufszahlen bzw. der Umsatz, qualitative Aspekte spielen eine untergeordnete bzw. keine Rolle: „Drittens ist das tägliche Verkaufen von Schrauben keine besonders spannende oder kreative Tätigkeit, was für Würth ein Glücksfall ist. Genau deshalb wirkt nämlich das auf Zuckerbrot und Peitsche beruhende Anreizsystem und treibt die Mitarbeiter zu Höchstleistungen an. Es geht darum, mehr zu verdienen und besser abzuschneiden als die anderen“ (S. 116). Liegen aber eine oder mehrere dieser Bedingungen nicht vor, weil es sich eben nicht um einen „echten Markt und Wettbewerb“ von mit Preisen bewerteten Waren und um Tätigkeiten und Produkte handelt, deren Qualität sich nicht unmittelbar über den quantitativen Output messen lasse (wie es im Bereich des Sozial- und Gesundheitswesens aber überwiegend der Fall ist, wofür man die komplementäre Messgröße des „Outcome“ entwickelt hat), kommen diese Motivationssysteme notwendig an ihre Grenzen oder versagen gänzlich, was dann suboptimale oder gar kontraproduktive Ergebnisse hervorbringt.

Teil 2: „Die Produktion von Unsinn aufgrund künstlicher Wettbewerbe und ihre Folgen“

Der zweite Teil des Buches lokalisiert im ersten Unterkapitel näher die zunehmende Verbreitung der „Unsinnsproduktion“. Etwa im Bildungswesen, dass immer mehr Studenten und Abschlüsse, aber „keine bessere Bildung“ produziere, im Bereich „nachhaltiger Güter- und Dienstleistungsproduktion“, die immer mehr Zertifikate und Labels, aber „kein nachhaltigeres Wirtschaften“ hervorbringe und schließlich in privatwirtschaftlichen Großunternehmen, die zwar Leistungslöhne zahlen, darüber aber „keine entsprechende Leistungsbereitschaft erzeugen“ könnten und folglich auch keine entsprechenden Leistungen erhielten.

Diese Überlegungen werden anhand zweier Beispiele näher expliziert: Im Wissenschaftsbetrieb macht Binswanger eine schädliche Tendenz aus, „Exzellenz“ herbeisteuern zu wollen und zu diesem Zweck z. B. einen „Publikationswettbewerb“ anzuzetteln, in dessen Rahmen viel Papier aber wenig (neues bzw. richtiges) Wissen produziert werde. Stattdessen vervollkommne man ein inhaltlich wie methodisch komplementäres Peer-Review-Verfahren, das „perverse Anreize“ in Form von wenig aussagekräftigen „Rankings und Zitationswettbewerben“ hervorbringe und damit zur „Publikation von Unsinn“ in ständig steigendem Umfang anstifte. Binswanger zieht hier eine Parallele zum Begriff der „Tonnenideologie“, der in der wirtschaftlichen Praxis innerhalb des Realen Sozialismus die Vorschrift zur Erfüllung quantitativer, outputorientierter Kennziffern kennzeichnete, was der sachlichen Qualität der darüber hergestellten Produkte nicht zuträglich war.

„Wissenschaft“ käme durch eine derartige strategische Ausrichtung von Forschung und Hochschule nicht zu Stande, sondern tendenziell unter die Räder. Dieses geschähe deshalb, weil diese Formen des Wettbewerbs „schädliche Nebenwirkungen“ produzierten. Dazu zählen Verdrängungseffekte (betroffen sind im „Exzellenzwettbewerb“ angeblich irrelevante und damit obsolete „Orchideenfächer“) ebenso wie die ständige Ausweitung einer sich über den Wettbewerbsgedanken selbst rechtfertigenden und ernährenden Wissenschaftsbürokratie. Diese absorbiere im Rahmen von „Evaluation und (Re-)Akkreditierung“ in wachsendem Umfang die Ressourcen, die nicht nur wegen steigender Studierendenzahlen in Forschung und Lehre wesentlich dringender benötigt werden (ausführlich C. Knobloch (2010): Wir sind doch nicht blöd! Die unternehmerische Hochschule. Münster).

Im Gesundheitsbereich bilden „Diagnosebezogene Fallgruppen“ (Diagnosis Related Groups, DRG) inzwischen die Grundlage eines leistungsorientierten Vergütungssystems für die allgemeinen Krankenhausleistungen, mit dem alle Behandlungsfälle nach pauschalierten Preisen vergütet werden. Für definierte Fallgruppen (z. B. eine Blinddarmoperation) soll danach in allen Krankenhäusern dieselbe Vergütung gezahlt werden. DRG bilden dazu ein Patientenklassifikationssystem, mit dem einzelne stationäre Behandlungsfälle anhand bestimmter Kriterien (Diagnose nach dem ICD-Schlüssel, Schweregrad der Erkrankung, Alter des Patienten, Komplikationen, Entlassungsgrund u.ä.) zu Fallgruppen zusammengefasst werden. Hintergrund für die DRG-Einführung (in Deutschland ab 2003) waren die „Effizienzmängel“ der alten Krankenhausvergütung, bei der sich das Finanzierungsvolumen der Leistungen vorrangig an den in der Vergangenheit produzierten Kosten orientierte. De facto galt damit eine Form des Selbstkostendeckungsprinzips (Abrechnungen nach Tagessätzen, d. h. nach der Länge der Liegezeiten bzw. der Verweildauer). Dagegen zielte die DRG-Einführung darauf ab, eine weit gehende Transparenz und Vergleichbarkeit für Krankenhausleistungen herzustellen sowie durch gleiche Preise für gleiche Leistungen den Wettbewerb zwischen den Krankenhäusern zu befördern und darüber „Effektivität und Effizienz“ zu erhöhen, sprich Kosten zu senken und dieses möglichst ohne qualitative Einbußen.

Schon die Vorschrift zur Einführung eines Qualitätssicherungssystems legt dabei die Vermutung nahe, dass die Initiatoren des DRG-Systems solche Resultate (d. h. gleiche oder gar bessere Qualität zu geringeren Kosten) nicht für selbstverständlich halten. Die Auswirkungen der Umsetzung des DRG-Systems gestalten sich dann auch durchaus ambivalent. Wenig überraschend ist die Erkenntnis, dass die marktorientierte Ökonomisierung des Gesundheitswesens mit deutlichen Verkürzungen der Verweildauern und einem Abbau von vollstationären Angeboten in der flächendeckenden Versorgung einhergeht. Zugleich hat sich ein Eigenleben um die DRGs entwickeln, so dass die medizinische Handlungslogik und die Abrechnungslogik sich dissoziieren und daraus folgernd Behandlungen der Abrechnungslogik unterworfen werden, natürlich mit Folgen für die Behandlungsqualität. Der politisch verordnete Preisdruck, hier insbesondere die Zusatzprämien, stelle nach Ansicht von Experten in diesem Zusammenhang ein „fatales Preissignal“ dar, weil mehr auf die Preise als auf die Qualität geachtet werde. Die Krankenhausbetreiber begrüßen dagegen ebenso wie die Krankenkassen grundsätzlich das allgemein „gesteigerte Kostenbewusstsein“, kritisieren allerdings gleichzeitig die „exzessive Zunahme der Bürokratie“ vor allem durch zusätzliche Dokumentationsaufgaben für die behandelnden Mediziner. Die verschärfte Konkurrenz zwinge die Einrichtungen vor allem, sich vermehrt mit der „Schärfung des eigenen Angebotsprofils und Leistungsportfolios“ zu beschäftigen. Mit Blick auf die Versorgung auf Patienten gehöre dazu auch, „starke Bereiche zu stärken und schwache Bereiche abzustoßen“ (ausführlich Rau, Ferdinand; Roeder, Norbert (Hg.) (2009): Auswirkungen der DRG-Einführung in Deutschland. Standortbestimmung und Perspektiven. Stuttgart).

Binswanger betrachtet diese Tendenzen wiederum als folgerichtiges Resultat des Wirkens „perverser Anreize“ auch im Gesundheitsbereich. Neben den Krankenhäusern weist er auf eine ähnlich wettbewerbsorientierte Entwicklung im Bereich der ambulanten hausärztlichen Versorgung hin, die unter dem Titel „Pay for Performance (P4P)“ sukzessive auf eine qualitätsabhängige Leistungsvergütung umgestellt wird. Sie belohnen solche Ärzte, die „fachlich gute Arbeit zu geringen Kosten“ leisten. Speziell die DRGs setzten dabei „[…] erstens den Anreiz, Patienten nur möglichst kurzer Zeit stationär im Spital zu behalten, um so die Kosten pro Fallgruppe gering zu halten […] die Abrechnung nach Fallpauschalen ist Anreiz für eine frühzeitige ‚blutige Entlassung‘, da dies einen unmittelbaren Kosten sparenden Effekt hat. Auf diese Weise steigt der Aufwand an ärztlicher und pflegerischer Versorgung außerhalb des Spitals (‚outpatient costs‘), was die Spitäler jedoch wenig kümmert, da ihr Interesse nur darin besteht, die Kosten der stationären Aufenthalte zu senken (‚inpatient costs‘)“ (S. 189). So verschiebe sich einfach ein Teil der Gesundheitskosten weg von der stationären Behandlung im Krankenhaus hin zur medizinischen und pflegerischen Betreuung außerhalb der Krankenhäuser. Zweitens werde „durch die Fallpauschalen auch ein Anreiz gesetzt, sich innerhalb von Fallgruppen auf möglichst einfache oder standardisierte Fälle zu spezialisieren und komplexere oder aufwändigere Fälle dafür zu meiden“ (S. 190). Dieses „Rosinenpicken“ oder „Creaming“ ist auch in anderen Bereichen der Sozialen Arbeit außerhalb des Gesundheitswesens verbreitet. Es existiert zugleich die umgekehrte Tendenz, diese einfachen standardisierten Fälle möglichst aufwendig zu behandeln: „Auf diese Weise lassen sich die jeweiligen Fallpauschalen in die Höhe treiben, da sie zunehmend weniger durch die anfängliche Diagnose und immer mehr aufgrund der bei der Behandlung durchgeführten Prozeduren (dem Haupteingriff) bestimmt werden. Ein Beispiel dafür ist etwa die unnötige Verlegung von Patienten auf die Intensivabteilung, weil sich so eine höhere Fallpauschale kassieren lässt“ (S. 190).

Diskussion

Die von Binswanger präsentierten bzw. beklagten Phänomene sind sowohl in der Sache als auch von ihrer Verbreitung her nicht zu bestreiten. Es fragt sich allerdings, ob die Gründe, die er zur ihrer Erklärung ins Feld führt, tatsächlich zutreffen. Sind derartige Resultate der von ihm angeprangerten „Unsinnsproduktion“ lediglich dem Wirken von „Fehlanreizen“ und „inszenierten Wettbewerben“, also einem „unechten“ und damit in seinen Augen suboptimalen Marktgeschehen geschuldet, oder nicht vielmehr dem Funktionieren von „Markt und Wettbewerb“ an sich anzulasten?

Eine derartig weit(er)gehende Kritik will Binswanger in seinem Buch nicht üben. Er präsentiert sich vielmehr als (markt-)idealistischer Kritiker der von ihm inkriminierten Zustände. Das wird bereits in der Schilderung des „Idealfalls des Marktwettbewerbs“ deutlich: Der Markt ist danach nämlich „an sich“, d. h. zumindest „potenziell gut„: „Ein Marktwettbewerb soll automatisch dafür sorgen, dass diejenigen Dinge produziert, die meisten Nutzen stiften. […] Dort, wo sich mehr oder weniger vollständige Märkte entwickelt haben, stimmt das auch (S. 14), denn „[…] solange eine vom Angebot unabhängige Nachfrage aufeinander abstimmt, sorgt der Markt im Allgemeinen für eine bessere Lösung als jedes andere Verteilungssystem“ (S. 19).

Weil mit dieser Aussage die eigentliche Kernthese des Buches bezeichnet ist, dazu einige grundsätzliche Überlegungen: Ist es nicht vielleicht so, dass in der Marktwirtschaft nur die Dinge hergestellt werden, mit denen sich voraussichtlich (am meisten) Geld verdienen lässt und spielt der „Nutzen“ dabei nicht die Rolle einer mehr oder weniger notwendigen Voraussetzung, ohne aber den eigentlichen Zweck der Veranstaltung abzugeben? Das wird schon daran deutlich, dass einerseits tatsächlich viel „Unsinn“ produziert wird, wenn er sich denn nur absetzen lässt und andererseits viel Nützliches produziert wird oder zumindest hergestellt werden könnte, was dann aber unterbleibt, weil sich eben kein Geld damit verdienen lässt. Und verschenkt werden Waren in der Regel jedenfalls auch nicht, nur weil sie „nützliche Dinge“ darstellen, gerade auch für diejenigen, die einen faktischen Bedarf hätten, aber nicht über eine entsprechende Zahlungsfähigkeit verfügen, um sie erwerben zu können.

„Nutzen“ und „Bedarf“ kommen eben nur dann zusammen, wenn der Preis stimmt, was seine „Koordinationsfunktion“ ausmacht: dann „schließt er Angebot und Nachfrage zusammen“, er trennt sie aber oft genug aus dem gleichen Grund. Er vermittelt insofern den Zusammenschluss mit dem und den Ausschluss vom „Nutzen“ zugleich. Keinesfalls aber handelt es sich bei der Idee von der „Koordinationsfunktion“ von Märkten und Preisen schlicht um ein über das Geld vermittelten, ebenso effektiven wie effizienten Verteilungsmechanismus von „nützlichen Dingen“, wie es die Wirtschaftswissenschaft als Kernleistung eines marktwirtschaftlichen Systems behauptet. Warum diese „Ausgleichsfunktion“ dann ausgerechnet auch noch über das Geld zu organisieren sein soll, über dass man dafür erst einmal in entsprechendem Umfang verfügen muss, das sich insofern also zur Bedingung des Nutzens macht, leuchtet in diesem Zusammenhang ebenso wenig ein. Oder ist die „Vermittlungs- und Verteilungsfunktion des Preises bzw. Geldes“ so gemeint, dass einfach Geld – von wem auch immer – verteilt wird, damit es dann bei den Konsumenten ausreichend vorhanden ist, um als „Kaufkraft“ wirken zu können?

Zumindest theoretisch erfüllt der Markt für den Volkswirt damit unbestritten eine prinzipiell nützliche Funktion. Leider füllt er diese aber nicht (richtig) aus, weil er nicht überall vollständig etabliert ist bzw. sich nicht etablieren lässt und stattdessen „künstlich inszeniert“ wird: „Doch in vielen Bereichen der Wirtschaft gibt es keine oder nur unvollständig funktionierende Märkte“ (S.14), „[…] ohne ein funktionierendes Preissystem ist das (die Abstimmungsfunktion von Angebot und Nachfrage, MB) aber nicht mehr der Fall und man kann sich die Markteffizienz nicht durch künstliche Wettbewerbe ohne Markt herbeizaubern“ (S. 19). Das lässt Binswanger dann sogar marktkritisch werden, allerdings nur gegen „inszenierte“ Formen von Märkten: „Und da ist man im Zuge einer zunehmenden Markt- und Wettbewerbsgläubigkeit über die letzten Jahrzehnte auf die fatale Idee gekommen, künstliche Wettbewerbe zu inszenieren, um so die angebliche überlegene Effizienz der Marktwirtschaft bis in den hintersten Winkel jeder öffentlichen und privaten Institution voranzutreiben. […] Ein neues Gespenst geht um in Europa. Es ist das Gespenst des künstlichen Wettbewerbs, welches sich zu einer Ideologie entwickelt hat, in die wir uns verrannt haben. Ein Markt lässt sich nicht inszenieren. Künstlich inszenieren lassen sich nur Wettbewerbe, aber diese sorgen im Gegensatz zu einem funktionierenden Marktwettbewerb nicht dafür, dass die Produktion optimal auf die Bedürfnisse der Nachfrager angepasst ist“ (S. 14f.)

„Künstliche Wettbewerbe“ sind also schlecht, „echte“ dagegen sind folglich gut. Das ist eine Ehrenrettung der Marktwirtschaft, für das was sie leisten könnte, wenn sie richtig funktionieren würde – und zwar gerade in Anbetracht dessen, was Binswanger selbst ebenso ausführlich wie detailliert als „Fehlanreiz“, also dysfunktional beschreibt. Was aber, wenn der Markt gerade so „richtig“ funktioniert? Auch die Idee, dass Leistungsanreize nicht „richtig reizen“, sondern „falsch“, lebt von der Konfrontation einer konstatierten schlechten Marktrealität mit erwünschten Idealzuständen, die durch die „falschen“ Motive der eingreifenden Akteure (hier speziell dem Staat als üblichem Verdächtigen, der zwar einerseits die Hochschul- und Gesundheitsreform absichtsvoll ins Werk setzt, der andererseits aber „Schluss machen soll mit diesem Unsinn“ (S. 215), ihn jedenfalls „nicht weiter finanzieren soll“ (S. 216)) immer verhindert werden.

So setzt dieser Staat einerseits „sinnlose Wettbewerbe“ in Gang und soll andererseits die Instanz sein, die ihre Wirkungen abmildert bzw. verhindert. Die Antwort auf die Frage, wie das wiederum zusammengeht mit der Idee, dass „richtiger“ Wettbewerb eben kein (staatlich) regulierter sein darf, bleibt Binswanger dabei schuldig. Im Kontext seiner Argumentation sieht sie vermutlich so aus: Regulation für den Markt, d. h als Voraussetzung seines Funktionierens ist unabdingbar, Regulierung statt Markt aber schädlich, womit sich allerdings die pragmatische Frage stellt, wo genau das eine anfängt und das andere aufhört bzw. wie viel „Eingriff“ denn in jedem Einzelfall an welcher Stelle nötig ist. Eine Frage, die z. B. nicht nur bezüglich der „Bankenregulierung“ ex-ante letztlich nicht zu entscheiden ist, ex-post vielleicht schon – nur nützt es einem dann nichts mehr, weil man damit nur nachher schlauer ist, was für die Zukunft dann aber wiederum auch nichts bedeuten muss.

Binswanger outet sich hier als Anhänger des Ordoliberalismus. Dieser hätte sich gegen einen „Behinderungs- oder Schädigungswettbewerb“ gewandt und stattdessen die „[…] vollständige Konkurrenz mit vielen kleinen Anbietern als einen Idealzustand des Leistungswettbewerbs“ (S. 38) interpretiert, bei dem es „[…] nur um die bessere Leistung, aber nicht um das Besiegen bzw. Verdrängen eines Gegners geht“ (ebd.). Ob die Vertreter des Ordoliberalismus (Eucken, Böhm, Miksch) das wirklich so gesehen haben, kann hier nicht thematisiert werden (ausführlich Hesse, J.-O. (2010): Wirtschaft als Wissenschaft. Die Volkswirtschaftslehre in der frühen Bundesrepublik. Frankfurt/Main). Mit dem Wettbewerb, wie er tatsächlich stattfindet, hat diese freundliche Sicht des marktwirtschaftlichen Konkurrenzgeschehens empirisch allerdings wenig zu tun, was Binswanger auch selbst anzugeben weiß: „Je weniger Anbieter es auf einem Markt gibt, umso besser geht es also den verbleibenden Anbietern. Unternehmen verstehen denn auch unter dem Begriff ‚Marktwettbewerb‘ bzw. ‚freier Markt‘ oder ‚freier Wettbewerb‘ de facto etwas ganz anderes als vollständige Konkurrenz. Marktwettbewerb bedeutet für sie die Möglichkeit, die Konkurrenz auszuschalten, um auf diese Weise möglichst eine Monopolstellung zu erreichen. Nur so lassen sich langfristig hohe Gewinne erreichen“ (S. 35). Nebenbei dementiert er damit auch seine Behauptung der Vorzüge „guter Leistungswettbewerbe“ gegenüber dem „bösem Wettkampf“ (S. 51f.). Eine Trennung, von der er begrifflich erstens selber nicht recht überzeugt ist, weil man nicht exakt bestimmen könne, wo das eine endet und das andere beginnt. Die zweitens aber das Wettbewerbsgeschehen in der Marktwirtschaft eben gar nicht zutreffend kennzeichnen würde, weil es hier darum geht, die „Konkurrenz zu ‚verdrängen‘ oder, noch besser, zu ‚vernichten‘“ (S. 52f.).

Dem Vorwurf „falsche Anreize“ zu setzen widmet sich Wirtschaftswissenschaft (sowohl die BWL als auch die VWL) im Übrigen ständig selbst, wenn sie (besonders in Gestalt häufig wechselnder Managementmoden in der Personalführung) nach immer neuen Anreizsystemen sucht, weil die alten nicht (mehr) richtig funktionieren. Aktuell stehen in Anbetracht der Krise diesbezüglich „Verantwortungsbewusstsein und Wirtschaftsethik“ anstelle von „Geld“ ganz oben auf der Liste. Das ist an sich schon bemerkenswert innerhalb eines Wirtschaftssystems, bei dem sich alles ums Geldverdienen dreht, woran auch Wirtschaftsethiker letztlich nichts auszusetzen haben, wenn es denn nur „maßvoll und verantwortlich“ geschieht. Die Top-Banker-Riege zeigt sich von derartigen Anwürfen folglich ziemlich unbeeindruckt und dies zu Recht: Boni stellen nicht nur in dieser Branche eben einen sehr adäquaten und keinesfalls systemfremden „Anreiz“ dar, auf die man nicht verzichten will, man hat sie sich schließlich durch entsprechende Umsatzleistungen verdient. Diese Haltung beurteilen wieder andere als unanständig und empörend, womit die Debatte um die „richtigen“ Anreize um eine weitere – eben moralische – Facette bereichert ist.

Der Titel des Buches lässt eine grundsätzliche Kritik an „Markt und Wettbewerb“ erwarten, löst dieses Versprechen dann aber letztlich nicht ein. Vielmehr hat man es hier mit einer Variante des volkswirtschaftlichen Mainstreams zu tun, die die „guten“ Potenziale von Markt und Wettbewerb gegen ihre „schlechte“, weil angeblich unvollkommene Marktrealität verteidigen will und somit den Schein eines Radikalismus gegen den Markt weckt – allerdings nur gegen den „unechten“, der sich eben in Form „perverser Anreize“ und „künstliche Wettbewerbe“ zeigt. Dass die von Binswanger dabei zu Recht monierte „Sinnlosigkeit“ des Wettbewerbes ein konstitutiver Bestandteil desselben bildet – wenn sich z. B. „Exzellenz“ in der Messgröße „Zahl der Publikationen“ zeigt bzw. zeigen soll, dann ist die Mehrfachverwertung von Aufsätzen durch Stückelung nur vernünftig, auch wenn dadurch kein zusätzlicher neuer Gedanke in die Welt kommt! – , will er in der Trennung von „echtem“ und „inszenierten“ Markt- und Wettbewerbsbedingungen aber nicht zur Kenntnis nehmen. Er spaltet stattdessen den Markt und das Agieren der Marktsubjekte in erwünschte („Effizienz und Effektivität“) und unerwünschte („Fehlanreize und Verschwendung“) Wirkungen auf und will letztere zugunsten der ersteren im Sinne eines „wirklichen“ bzw. „ursprünglichen“ Funktionierens der Markt- und Wettbewerbskategorien möglichst eliminiert sehen.

So präsentiert sich der Autor als ein idealistischer Vertreter des „echten“ Marktes – und unterscheidet sich damit von einer Kritik „unechter“ Marktverhältnisse kommend im Endresultat – gewollt oder nicht – nicht wesentlich von solchen Vertretern des Marktgedankens, die auch und gerade in der Krise grundsätzlich nichts auf „Markt und Wettbewerb“ kommen lassen wollen, obwohl diese Krise sachlogisch doch überhaupt nur durch das Wirken eben von „Markt und Wettbewerb“ zustande gekommen sein kann. Das eigentlich vorteilhafte Wirken dieser Kategorien wird von diesen Marktapologeten jedoch vermisst, weshalb der Markt eben „endlich richtig“, d. h. „entfesselt(er)“ wirken können müsste. So etwa eine Argumentationslinie im Streit um die zukünftige wirtschaftspolitische Strategie der Regulation im Bankensektor: Hätte man z. B. Lehman Brothers im Sinne einer „Selbstreinigung des Marktes“ bzw. der für den Kapitalismus konstitutiven „schöpferischen Zerstörung“ (Schumpeter, für den Binswanger Sympathien hegt, vgl. S. 36) nicht doch besser Pleite gehen lassen sollen oder wäre das der Beginn der „Kernschmelze des Finanzsystems“ gewesen, die es gerade zu verhindern galt?

Zu einem Kritiker von Markt und Wettbewerb an sich wird Binswanger deshalb folgerichtig nicht. Die „schlechte“ Realität des Marktes, wie sie in den inkriminierten Zuständen von ihm ausführlich beschrieben wird, kann ihn nie enttäuschen, weil sie den Markt lediglich suboptimal zu seinen idealen, d. h. „wirklichen“ Fähigkeiten zeigt. Damit wiederholt sich bei ihm ein Argumentationsmuster, das einem aus der wirtschaftswissenschaftlichen Besprechung der erwähnten Bankenkrise sehr bekannt vorkommt: Das gesamte Finanzwesen und mit ihm die Banken sind – eigentlich - nützliche Einrichtungen. Deren segensreiches Wirken (z. B. die „Versorgung der Gesellschaft mit Zahlungsmitteln“, so als wären die Banken letztlich nichts anderes als große Geldverteilungsstellen und nicht Einrichtung des Kreditgeschäftes) werden dann z. B. nur durch „falsche Anreize zur Spekulation“ behindert, was den konstruktiven Streit darum eröffnet, welche Strategien und Instrumente für die Organisation eines „krisenfreien Finanzsektors“ denn die angezeigten seien könnten? Letztlich ist es dieser Idealismus des reibungslosen Funktionierens eines „unverfälschten, nicht künstlich inszenierten“ Marktes, der auch Binswanger dessen momentane Verfasstheit in Form „sinnlose Wettbewerbe“ so vehement kritisieren lässt. Und der Titel des Buches legt es ja eigentlich schon nahe: Die Kritik „sinnloser Wettbewerbe“ unterstellt implizit, dass es auch eine „sinnvolle“ Variante gibt – und für die will der Autor eintreten.

Aber selbst diese Prämisse gilt dann wiederum nur bedingt und zwar ausgerechnet deshalb, weil der Markt schließlich doch auf einer Ebene prinzipiell „versagt„: „Zwar führt der Markt meistens zu besseren Lösungen als jedes andere Verteilungssystem und insbesondere als eine planwirtschaftliche Zuteilung von Gütern. Aber das gilt nicht a priori. Es muss jeweils im Einzelfall abgeklärt werden, ob Märkte tatsächlich die beste Lösung für ein bestimmtes Verteilungsproblem darstellen“ (S. 32). Wir halten fest: Der Markt ist eine grundsätzlich nützliche, allen anderen „Verteilungssystemen“ bezüglich „Effizienz und Effektivität“ überlegene Form des Wirtschaftens. Jedenfalls im Allgemeinen, im Besonderen und das heißt innerhalb der betrieblichen Praxis der einzelnen Unternehmung dann aber wieder nicht: „Wenn dem so wäre und sich auch unternehmensintern eine Marktwirtschaft etablieren ließe, weshalb braucht es dann überhaupt noch Großunternehmen und Konzerne? In einer funktionierenden Marktwirtschaft müsse sich diese internen Märkte nämlich schon längst schon selbst durchgesetzt haben. Warum sollten hierarchische Bürokratien überleben, wenn der Markt die Allokation von Gütern und Dienstleistungen viel effizienter erledigt? […] mit anderen Worten: es braucht zu viel Aufwand, um solche Märkte zu etablieren, zu koordinieren und am Leben zu erhalten. Die interne Planwirtschaft erweist sich in diesem Fall als effizientere Lösung.“ (S. 41). Ein erstaunliches Ergebnis: Gesamtgesellschaftlich ist Planwirtschaft also als eine Form des inszenierten Wettbewerbs „schlecht“ (vgl. oben „Tonnenideologie“) bzw. „unmöglich“ zu praktizieren [1]. Einzelbetrieblich dagegen soll die Marktwirtschaft insgesamt (sic!) gar nicht ohne sie funktionieren können, weil „unternehmensinterne Märkte“ letztlich prinzipiell kontraproduktiv sind: „Was spielt sich also tatsächlich auf internen Märkten ab? Nehmen wir als Beispiel einmal an, die Informatikabteilung eines Unternehmens könne ihre Dienstleistungen auf einem internen Markt anbieten. Im harmlosesten Fall bedeutet „interner Markt“ einfach, dass die Informatikabteilung dafür Preise verrechnen kann, die dann innerhalb des Unternehmens abgerechnet werden. Nimmt man den Begriff Markt hingegen ernst, dann sind mit dieser Vermarktung weitreichende Konsequenzen verbunden. In diesem Fall muss die Informatikabteilung nicht mehr allen anderen Abteilungen ihre Dienste anbieten und kann sich auf diejenigen beschränken, die ihr am meisten dafür zahlen. Die Informatikdienstleistungen würden in diesem Fall von den Abteilungen in Anspruch genommen, die sie am meisten benötigen und deshalb die höchste Zahlungsbereitschaft besitzen, was dann eine effiziente Allokation bewirken sollte“ (S. 42).

Dieses Beispiel bestätigt die oben von uns erläuterte Ausschlussfunktion von Geld bzw. Preisen, denn wer kein Geld besitzt, um die geforderten Preise zahlen zu können, dem bleibt sachliche „Nutzen“ der Warenwelt eben verschlossen, was unter wirtschaftswissenschaftlichen Gesichtspunkt gleichwohl als rational, nämlich „allokativ effizient“ gelten darf. Zum anderen stellt sich die Frage, warum die Prinzipien der Planung und Arbeitsteilung, die global agierende Großkonzerne inzwischen quasi „planwirtschaftlich“ zur Anwendung bringen, wie es auch Binswanger anerkennend äußert, für diese funktionieren können sollen, gesamtgesellschaftlich aber nicht? Immerhin schaffen es diese Unternehmen inzwischen „just-in-time“ und über Kontinente hinweg massenhaft Produkte entwickeln, herzustellen und auf die entsprechenden Absatzmärkte zu bringen. Dabei werden ihnen offenbar weder Fragen der Bedarfsermittlung, noch solche der Beschaffung-, des Transports- oder der Koordinierung zu unüberwindbaren Problemen, die aber angeblich (Stichwort „Überkomplexität“) ganz wesentlich zum „Zusammenbruch des sowjetischen Plansystems“ geführt haben sollen. Gesamtwirtschaftlich braucht es deshalb wieder den Markt, der mittels seiner über den Preis organisierten „Koordinierungsfunktion“ die „komplexen“ nationalen wie internationalen Geld- und Warenströme passgenau dorthin lenkt, wo sie benötigt werden.

Dass die Rede von der „Unmöglichkeit der Planwirtschaft“ gleich den Schluss auf die Notwendigkeit des Scheiterns des ganzen Systems zulassen soll, war und ist wirtschaftswissenschaftliches Allgemeingut. Dazu muss man von der Planwirtschaft auch nur soviel wissen, dass sie eben keine Marktwirtschaft war, dass ihr also etwas Entscheidendes „gefehlt“ hat. Umgekehrt gilt dieser Schluss i. d. R. nicht: Resultate marktwirtschaftlichen Produzierens – nicht nur in der Krise – führen nie zum Rückschluss auf das „System“, sondern, wie auch im vorliegenden Titel, höchstens auf (abstellbare) Funktionsunzulänglichkeiten („falsche Anreize“) oder die seiner Protagonisten („unfähig“, „gierig“ etc. pp.), weshalb man es eben verbessern muss und auch kann, was beim Realen Sozialismus kategorisch ausgeschlossen war. Dieses gilt selbst in Anbetracht der Tatsache, dass die Staaten des „Ostblocks“ während ihres Bestehens mehr als eine Wirtschaftsreform durchgeführt haben, auch wenn diese Staaten für den westlichen Sachverstand damit immer nur Beweise der „Ineffizienz“ ihres Systems lieferten, muss man sonst ständig reformieren?

Die Marktwirtschaft ist hingegen auf jeden Fall verbesserungswürdig und -fähig, zum Beispiel indem man die „Nichtmessbarkeit von Qualität akzeptiert“ (S. 218), „Effizienz in erweitertem Raum versteht“ (S. 220) und „subjektive Verantwortung übernimmt, statt sich auf pseudo-objektive Zahlen zu verlassen“ (S. 222), was besonders die Manager freuen wird, die sich in letzter Zeit viel Kritik wegen angeblicher oder tatsächlicher „Verantwortungslosigkeit“ gefallen lassen mussten. Die weitverbreitete gute Meinung über die vielleicht manchmal suboptimalen, aber im Prinzip doch segensreichen Wirkungen von „Markt und Wettbewerb“ bleibt damit auch von Binswanger unbestritten.

Fazit

Das Buch besitzt seine Vorzüge dort, wo Binswanger die Auswirkungen der Ökonomisierung in Wissenschaft, Bildung und Gesundheitswesen aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht sehr anschaulich und verständlich beschreibt, auch wenn man das ein oder andere auch schon in Fachveröffentlichungen anderer Disziplinen gelesen hat. Es gelingt dem Autor insofern gut, abstrakte wirtschaftswissenschaftliche Theoreme auf die empirische Wirklichkeit zu beziehen, wozu auch eine Ausdrucksweise beiträgt, die sich positiv von der üblichen Fachterminologie abhebt, wie sie z. T. im Übermaß in entsprechenden Lehrbüchern verwendet wird. Ebenso zeigt sich, dass man komplexe wirtschaftliche Sachverhalte durchaus auch ohne die extensive Verwendung mathematischer Formeln verdeutlichen kann, was den Rezipientenkreis des Titels vermutlich über ein entsprechend vorgebildetes Fachpublikum hinaus erweitert.

Inhaltlich gestaltet sich die Interpretation der von Binswanger skizzierten Zustände als reale „Verstöße“ in Form von „Fehlanreizen“ oder „inszenierten Wettbewerben“ gegen die Funktionsprinzipien einer idealen Markt- und Wettbewerbsordnung dagegen sowohl in Bezug auf die Prämissen als auch innerhalb des Diskurses wie dargestellt insgesamt eher inkonsistent. Sie regt darüber aber zugleich zur grundsätzlichen Auseinandersetzung über die formulierten Thesen an.


[1] Ob und in welcher Form es sich bei der Art und Weise des Wirtschaftens im Realen Sozialismus wirklich um eine „Planwirtschaft“ gehandelt hat, kann hier nicht ausgeführt werden (vgl. ausführlich M. Buestrich (1995): Die Verabschiedung eines Systems. Funktionsweise, Krise und Reform der Wirtschaft im Realen Sozialismus am Beispiel der Sowjetunion. Münster/New York). Zur Frage der (Un-)Möglichkeit von gesamtwirtschaftlicher Planung vgl. ausführlich Cockshott, W. Paul / Cottrell, Allin (2006): Alternativen aus dem Rechner. Köln.


Rezensent
Prof. Dr. Michael Buestrich
Evangelische Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum
Homepage www.buestrich.net


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Zitiervorschlag
Michael Buestrich. Rezension vom 21.01.2011 zu: Mathias Binswanger: Sinnlose Wettbewerbe. Warum wir immer mehr Unsinn produzieren. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2010. ISBN 978-3-451-30348-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10591.php, Datum des Zugriffs 29.06.2016.


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