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Lise Eliot: "Wie verschieden sind sie?

Cover Lise Eliot: Wie verschieden sind sie? Die Gehirnentwicklung bei Mädchen und Jungen. Berlin Verlag (Berlin) 2010. 605 Seiten. ISBN 978-3-8270-0572-4. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 41,50 sFr.
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Die Autorin und ihr Konzept

Lise Eliot lehrt und forscht als Neurobiologin an der Chicago Medical School. Sie ist verheiratet und lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in der Nähe von Chicago. 2001 erschien ihr Beststeller über die Gehirnentwicklung in den ersten fünf Lebensjahren unter dem Titel „Was geht da drinnen vor?“

In ihrem neuen Buch stellt sie eine Unzahl von Forschungsergebnissen zur Entwicklung von Jungen und Mädchen im Hinblick auf die Frage dar, inwieweit die geschlechtliche Identität durch die Gehirnentwicklung und – struktur bedingt ist. Die Untersuchungen werden teilweise sehr kritisch im Hinblick auf methodische Mängel oder unzulässige Verallgemeinerungen zitiert, so dass man hoffen darf, dass Eliots Darstellung fundiert ist.

Neben den neurobiologischen Forschungsergebnissen berücksichtigt die Autorin soziale Einflüsse unterschiedlichster Art, ebenfalls unterlegt mit Forschungsergebnissen. Außerdem behandelt sie die Frage nach der Bedeutung von Veränderungen der geschlechtlichen Identität durch Umwelteinflüsse (Gifte).

Aufbau …

In den ersten vier Kapiteln wird die Gehirnentwicklung bis zum Schulalter beschrieben. In drei weiteren Kapiteln wird auf die Unterschiede im Hinblick auf Kompetenzen (Sprache, Mathematik bzw. Naturwissenschaften) und Emotionen eingegangen.

… und Inhalt

Für alle kindlichen Lebensphasen und -welten stellt Eliot den Zusammenhang zwischen biologischen und sozialen Faktoren her. Immer wieder weist sie darauf hin, dass in vielen wissenschaftlichen Veröffentlichungen die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen überbetont, die sozialen Einflüsse hingegen unterbewertet werden. Die Behauptung z.B., weibliche Babys hielten mehr Blickkontakt und hätten mehr Interesse an Interaktion gegenüber männlichen Babys, die mehr an Objekten und Apparaten interessiert seien, entlarvt sie aufgrund weiterer Studien als falsch. Louann Brizandine, eine Autorin, die auch in Deutschland Bücher sowohl zum männlichen, wie zum weiblichen Gehirn veröffentlichen konnte, wird von der Autorin u.a. kritisiert, weil sie männlichen Säuglingen die Fähigkeit, Gefühle anderer Menschen zu registrieren, abspricht. Eine solche Behauptung hält Eliot nicht nur für wisssenschaftlich nicht bewiesen, sondern für gefährlich, insbesondere dann, wenn Eltern daraus den Schluss ziehen, ihr Junge sei gar nicht in der Lage, eine enge Bindung aufzubauen. Vielmehr müsse man bei der emotionalen Entwicklung von Jungen auch ihren Entwicklungsrückstand in Rechnung stellen, d.h. ein kleiner Junge braucht länger als ein Mädchen, um Interesse am Gegenüber zu entwickeln (S. 124 f.).

Einen wesentlichen Punkt für die unterschiedliche Entwicklung der Geschlechter bringt die Autorin immer wieder ins Spiel: Männer und Frauen reagieren anders auf Kinder, auch schon auf Babys, je nachdem, ob es sich um einen Jungen oder ein Mädchen handelt. Diese frühen Interaktionen prägen das Verständnis und die Wahrnehmung des Kindes von sich selbst.

Nun die spannende Frage: Welche Unterschiede sind denn eigentlich genetisch bzw. durch die frühe und spätere Gehirnentwicklung bedingt und welche Rolle spielt die Umwelt? Hierzu eine kleine Auswahl:

  • Auch wenn wir es aufgrund des weltweit durchaus noch vorhandenen Patriarchats nicht wahrhaben wollen: Jungen sind biologisch gesehen das sensiblere, das schwächere Geschlecht. Sie weisen eine höhere prä- und perinatale Sterblichkeit aus, sind nach der Geburt von der körperlichen Konstitution (Skelettentwicklung) her schwächer - wenngleich größer - als Mädchen und gesundheitlich anfälliger für Infektionskrankheiten. Sie brauchen in den ersten Lebensjahren im Durchschnitt mehr Unterstützung als Mädchen, um sich gut entwickeln zu können. Dem steht leider oft das Bild der Eltern von einem starken Jungen entgegen, so dass Jungen oft nicht bekommen, was sie für eine gesunde Entwicklung brauchen.
  • Die unterschiedliche Präferenz für jungen- und mädchenspezifische Spielsachen ist erst ab dem zweiten Lebensjahr festzustellen, von daher sind soziale Faktoren nicht auszuschließen. Dennoch wird hier ein genetischer Faktor konstatiert, dafür spricht auch, dass die unterschiedlichen Spielpräferenzen kulturübergreifend sind. Mädchen entwickeln jedoch ab dem 4./5. Lebensjahr auch ein Interesse für Jungenspielzeug, während Jungen bei „ihrem“ Spielzeug bleiben. Das führt die Autorin auf den stärkeren Druck auf Jungen zurück, männlich zu sein (S. 166 ff.).
  • Jungen werden weniger von ihrer Umwelt unterstützt, wenn sie mädchenspezifische Kleidung und Spielzeug bevorzugen als Mädchen, die jungenspezifisches Spielzeug mögen (S. 175 ff.).
  • Das häufigere Raufen von Jungen hat hormonelle und genetische Ursachen und gehört zu ihrer gesunden Entwicklung. Dabei spielt die Reaktion der Umwelt eine Rolle. Vor allem ist es die Anwesenheit anderer Jungen (Geschwister, Freunde), die zum Raufen anleitet. Jungen raufen umso aggressiver, je aggressiver die Männer in ihrer Kultur auftreten (S. 198).
  • Mädchen haben ein ausgeprägteres Interesse für Puppen und (echte!) Säuglinge als Jungen (S. 171). Auch diese Besonderheit ist sowohl kultur- wie artenübergreifend festgestellt worden. Andererseits haben Untersuchungen ergeben, dass in weniger traditionell orientierten Familien auch Jungen Fürsorgeverhalten an den Tag legen. Die Haltungen und Erwartungen der Eltern spielen also auch hier eine große Rolle.
  • Die sexuelle Orientierung wird nicht durch Sozialisation erworben, sondern ist größtenteils angeboren. Der Druck auf Jungen, männlich und heterosexuell zu sein, kann zu psychischen Erkrankungen führen.
  • Der Entwicklungsrückstand der Jungen hält in den ersten Grundschuljahren an. Er paart sich nun mit dem – im Durchschnitt - stärkeren Bewegungsdrang und einer schwächer ausgebildeten Feinmotorik. So haben Jungen oft größere Schwierigkeiten als Mädchen, still zu sitzen und sich zu konzentrieren. In gewisser Weise ist Schule für Jungen zunächst ein schlechterer Ort als für Mädchen, weil er weniger ihren Bedürfnissen entspricht – wobei immer zu berücksichtigen ist, dass es sich um Durchschnittswerte handelt.
  • Mädchen sind Jungen sprachlich in einigen – nicht allen Bereichen – überlegen. Dies gilt insbesondere für das Lesen und noch mehr für das Schreiben, bei dem die Feinmotorik eine besondere Rolle spielt. Der sprachliche Vorsprung der Mädchen lässt sich jedoch nicht durch gehirnphysiologische Einflüsse erklären – die entsprechenden wissenschaftlichen Ergebnisse sind alle nicht haltbar (S. 294). Anhand einer Zwillingsstudie ergab sich, dass sprachliche Fähigkeiten zu ca. 40 % erblich sind, dass jedoch das Geschlecht nur 3 % der Variationsbreite der Fähigkeiten erklärt (S. 301). Anders herum ausgedrückt: Die Umwelt erklärt 60 % der Variationsbreite sprachlicher Fähigkeiten, die Genetik knapp 40 %, das Geschlecht hingegen nur 3 %.
  • Für alle kognitiven Unterschiede ist ein wichtiger Umweltfaktor das Geschlecht der Geschwister. Jungen, die mit einer Schwester aufwachsen, entwickeln mehr/eher sprachliche Fähigkeiten. Mädchen, die mit Brüdern aufwachsen, sind auch Jungenspielen zugetan. Ein weiterer Umweltfaktor ist die sozioökonomische Situation der Familie, die auch bestimmt, wie viel gelesen und vorgelesen wird.
  • Für die häufigere Betroffenheit von Autismus bei Jungen gibt es keine gesicherte hirnphysiologische Erklärung. Eine frühe Förderung ist das Einzige, was in vielen Fällen Erfolg verspricht.
  • Legasthenie kommt bei Jungen häufiger vor als bei Mädchen, nicht, weil ihre Gehirne anders strukturiert sind, sondern weil sie in der Sprachentwicklung etwas hinterherhinken. Entscheidend dabei sind aber auch phonologische Fähigkeiten. Die Autorin empfiehlt gezielte Diagnostik und sehr frühe Förderung. Sie rät von Rückstellungen zum Schulbesuch ab und empfiehlt Eltern restriktive Maßnahmen im Hinblick auf Computer- und Fernsehkonsum.
  • Jungen haben bessere Leistungen in Mathematik und Naturwissenschaften aufzuweisen. Für die mathematischen Leistungen gibt es keine hirnphysiologischen Begründungen. Allerdings ist das räumliche Denken bei Jungen besser ausgeprägt als bei Mädchen, dies wiederum erleichtert den Zugang zu Mathematik (insbesondere Geometrie) und Naturwissenschaften. Aber auch hier sind Umwelteinflüsse zu konstatieren, da die Mädchen in den letzten Jahren enorm aufgeholt haben. Ihre fehlende Begeisterung für Mathematik und Naturwissenschaften hat(te) ebenfalls soziale Ursachen, z.B. die Erwartung der Eltern und LehrerInnen sowie die Erkenntnis, dass Frauen es in diesen Bereichen nicht weit bringen können. Wie stark die Umweltfaktoren sind, zeigt die Aussage, dass chinesische Mädchen im räumlichen und mathematischen Denken ein wenig hinter chinesischen Jungen herhinken, dass sie aber „US-amerikanische Jungen weit hinter sich lassen“ (S. 366).
  • Emotionale Unterschiede wie Empathie, Aggression, Konkurrenzverhalten sind ebenfalls zum geringsten Teil genetisch bzw. durch die Gehirnstrukturen oder Hormone bedingt, sondern durch Umwelteinflüsse. Was die Aggression angeht, so räumt die Autorin mit dem Vorurteil auf, Frauen seien „von Natur aus“ nicht oder weit weniger aggressiv. Äußerst spannend im Zusammenhang mit weiblicher und männlicher Emotionalität und Aggressivität ist die Auseinandersetzung der Autorin mit den Auswirkungen von Testosteron und Serotonin.

Diese Aufzählung macht deutlich, dass wir nie nur die biologischen Faktoren, sondern immer auch die sozialen Verhältnisse und Beziehungen, in denen Jungen und Mädchen aufwachsen, in Betracht ziehen müssen.

Die Autorin gibt in allen Kapiteln Tipps, wie man beiden Geschlechtern die Chance geben kann, Stärken zu entwickeln bzw. Schwächen auszugleichen. So gibt sie den Hinweis, dass Eltern kleinen Jungen zusätzliche Aufmerksamkeit zukommen lassen sollten, weil diese gegenüber Mädchen einen Entwicklungsrückstand haben und anfälliger gegenüber Störungen der emotionalen Entwicklung sind. Andererseits sollten Mädchen, die pflegeleichter sind als Jungen, Anregungen für ihre Entwicklung bekommen, damit auch sie z.B. das räumliche Vorstellungsvermögen schulen können.

Diskussion

Unterschiede zwischen den Geschlechtern lassen sich gut verkaufen. Das hat damit zu tun, dass wir in einer Zeit und einer Gesellschaft (Mitteleuropa) leben, in der Identität im Allgemeinen und die geschlechtliche im Besonderen nicht mehr eindeutig festgelegt sind, Individuelle Entscheidungen – getroffen im Kontext des Milieus, in das man hineingeboren oder hineingeraten ist – konstruieren Person und Geschlecht, so dass Geschlechtlichkeit auch als Performation aufgefasst werden kann. Die letzten Bücher über „Das männliche Gehirn“ und „Das weibliche Gehirn“ von Brizendine, die – wie auch andere Bücher - in einer sensationslüsternen Form die Geschlechterdichotomie bekräftigt haben, liefern biologische Argumente, die gerne aufgegriffen werden, um diese Unsicherheiten im Hinblick auf die Geschlechtsidentität zu beseitigen. Lise Eliot hingegen weiß um die Konstruiertheit von Geschlechtlichkeit. Sie beschreibt sorgfältig die Gehirnentwicklung beider Geschlechter, aber eben auch die Rolle der Umwelt. Die gesamte, von Familienministerin Schröder derzeit unterstützte Bewegung zur Förderung von Jungen – angefangen vom boys‘ day bis zur Forderung nach Männern in Kitas – erhält durch dieses Buch Aufwind – oder ist sie gar durch dieses Buch angestiftet worden? Andererseits wird aber der Mär, die weiblichen pädagogischen Fachkräfte in Kita und Schule seien für schlechtere Lernleistungen von Jungen verantwortlich, mit dem Hinweis auf die genetischen Unterschiede entgegengetreten.

Das Ideal der Autorin, die selbst zwei Söhne und eine Tochter hat, sind gleiche Chancen für Jungen und Mädchen, dafür gibt sie jede Menge Tipps und Hinweise. Diese entsprechen dem Stand von Psychologie und Pädagogik, so dass sich jede Erzieherin, jeder Lehrer und alle Eltern davon ein oder mehrere Scheibchen abschneiden können.

Fazit

Das Buch von Eliot ist auf der Höhe wissenschaftlicher Erkenntnis und – mehr als das – gibt Anregungen für das eigene Verhalten gegenüber Mädchen und Jungen. Darüber hinaus ist es für Erwachsene ein Quell der Selbstreflexion: Wir könnten auch anders sein, wenn wir mehr Chancen bekommen hätten, andere Fähigkeiten als die traditionell männlichen oder weiblichen einzuüben. Das Buch ist eine Bereicherung für Fachkräfte in Praxis und Ausbildung, und auch für nicht fachkundige Eltern. Man muss es den US-Amerikanern lassen: Sie sind in der Lage, ohne Dünkel komplexe Inhalte leicht verständlich darzustellen, ohne sie zu verzerren. Dazu ist das Buch auch noch vergnüglich zu lesen, was nicht zuletzt an der hervorragenden Übersetzung liegt.


Rezensentin
Prof. Dr. Hilde von Balluseck
Sozialwissenschaftlerin, emeritierte Hochschullehrerin an der Alice Salomon Hochschule Berlin mit den Arbeitsschwerpunkten Sozialisation, Geschlecht und Sexualität, Migration, Frühpädagogik, etablierte 2004 den ersten Studiengang für ErzieherInnen in Deutschland und war von 2008 bis Ende 2015 Chefredakteurin des Internetportals ErzieherIn.de
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Zitiervorschlag
Hilde von Balluseck. Rezension vom 29.12.2010 zu: Lise Eliot: Wie verschieden sind sie? Die Gehirnentwicklung bei Mädchen und Jungen. Berlin Verlag (Berlin) 2010. ISBN 978-3-8270-0572-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10593.php, Datum des Zugriffs 24.08.2016.


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