Günter J. Friesenhahn, Anette Kniephoff-Knebel: Europäische Dimensionen Sozialer Arbeit
Günter J. Friesenhahn, Anette Kniephoff-Knebel: Europäische Dimensionen Sozialer Arbeit. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2010. 240 Seiten. ISBN 978-3-89974-379-1. 24,80 EUR.
Autor und Autorin
Prof. Dr. Günter J. Friesenhahn lehrt European Community Education Studies an der Fachhochschule Koblenz, Fachbereich Sozialwesen. Er war Gastdozent an verschiedenen europäischen Hochschulen zum Themengebiet international vergleichende Soziale Arbeit und ist Mitglied des Vorstandes der European Association of Schools of Social Work.
Prof. Dr. Anette Kniephoff-Knebel lehrt an der Fachhochschule Koblenz im Bereich Wissenschaft der Sozialen Arbeit unter besonderer Berücksichtigung von Diversität. Sie ist seit vielen Jahren engagiert in internationalen Kooperations- und Forschungsnetzwerken, u.a. als Vorstandsmitglied im European Center for Community Education – ECCE.
Zielsetzung und Aufbau
Anliegen des Buches ist es, die Profession und Ausbildung der Sozialen Arbeit in Deutschland in ihrer zunehmenden europäischen und internationalen Einbettung und den globalen Abhängigkeiten zu interpretieren. Dazu greifen die Autoren tief in die „Theoriekiste“ der Wissenschaft der Sozialen Arbeit und leuchten die Entwicklung der Profession vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftspolitischer Fragen aus (z.B. globale Finanzkrise, Rückzug des Staates aus der Sozialpolitik, Privatisierung von sozialen Dienstleistungen in vielen Ländern, demografischer Wandel).
Auf ca. 200 Textseiten und einer umfangreichen, aktuellen Literaturliste (24 Seiten) gliedert sich das Buch in insgesamt neun Kapitel (Einleitung, Geschichte, Vergleich, Diskurse, Entwicklungen, Rahmungen, Mobilität, Ausbildung, Perspektiven). Es gibt allerdings keine wirklich trennscharfe Abgrenzung, so dass die Kapitelüberschriften in erster Linie der Versuch sind, die komplexe Rundschau zu den zahlreichen wichtigen Fachdebatten, Theoriebezügen und praktischen Kompetenz- und Ausbildungsfragen zu portionieren. Im Folgenden werden selektiv einige Inhalte aus den einzelnen Kapiteln angesprochen und kommentiert.
Inhalt
Das Einleitungskapitel gibt eine inhaltliche Orientierung und skizziert zentrale Fragestellungen nach den (kulturellen) Unterschieden und Gemeinsamkeiten in der Geschichte, Ausbildung, Praxis und den Konzepten der Sozialen Arbeit in Europa und der Welt. Diese werden dann aber eher implizit abgearbeitet und spiegeln sich nicht unbedingt in der thematischen Gliederung wieder.
Im zweiten Kapitel (Geschichte) erinnern die Autoren zunächst daran, dass die internationale Perspektive bereits in der „Gründungszeit“ der Sozialen Arbeit im 19. und frühen 20. Jahrhundert, also mit Beginn einer eigenen Professions- und Berufsausbildung angelegt war. Viel von diesem Pioniergeist ging im weiteren Verlauf, besonders durch die Zeit des Nationalsozialismus in Europa verloren. Die Wiederaufnahme der Aktivitäten der wichtigen internationalen Fachorganisationen nach 1945 und die Impulse des europäischen Erweiterungs- und Einigungsprozesses seit den 1980er und 1990er Jahren haben dann für eine „Wiederentdeckung der internationalen Dimension“ (Pfaffenberger 1994) gesorgt.
Im dritten Kapitel wird die Relevanz
des systematischen Vergleichs als theoretische und praktische
Basisoperation der Sozialen Arbeit beleuchtet. Friesenhahn und
Kniephoff-Knebel schlagen ein mehrstufiges Modell für den
Kontext der Sozialen Arbeit vor (S. 53 ff). Das Kapitel zeigt neben
den praktischen Vorschlägen zum methodischen Vorgehen vor allem
auch, dass Vergleiche nie neutral sind, sondern immer wieder auf
gesellschaftliche Begründungen und Motive rekurrieren, die
hinter dem Vergleich stecken. Das lässt sich aktuell sehr gut am
Beispiel der PISA-Länderstudien erkennen, die wahlweise
Empörung, Entsetzen oder auch Entlastung und Entspannung in
Politik und Gesellschaft auslösen.
Komparatistik
wird also nicht nur zur „Fest-Stellung“ eines wie auch
immer gedeuteten Unterschieds z.B. zwischen sozialen Gruppen,
Lebensstilen, Kulturen, Wohlfahrtsstaaten oder Praktiken des Helfens
betrieben, sondern immer mit konkreten praktischen Folgen in Form von
Bewertungen, Priorisierungen, Legitimierungen und Interventionen
bezüglich der identifizierten und konstruierten sozialen
Probleme.
Das vierte Kapitel Diskurse
widmet sich zum einen der Einbettung des Buchthemas in die
allgemeinere Theoriediskussion zur Wissenschaft der Sozialen Arbeit.
Zum anderen geht es um Internationalisierung als einen aktuellen
Brennpunkt der Hochschulentwicklung. Bemerkenswert ist die
Feststellung der Autoren, dass der Anspruch der Sozialen Arbeit als
eine genuine eigenständige Wissenschaftsdisziplin mit eigenen
Theorien, Forschungsmethoden und Begründungen ebenso eine
Besonderheit der deutschsprachigen Diskussion zu sein scheint, wie
die hierzulande starke Betonung der Bildungstheorie und des
Bildungsauftrags als professionelle Legitimationssäulen.
Es werden im Weiteren zahlreiche Abgrenzungsmöglichkeiten
und Definitionsvorschläge von Europäisierung und
Internationalisierung erörtert. Dieses Kapitel bietet eine große
Bandbreite an Merkmalslisten zur Bestimmung europäischer,
respektive internationaler Sozialer Arbeit. Aber im Kern zeigt sich
hier vor allem eines: Die Intentionen und Vorstellungen über
Gründe, Chancen und Herausforderungen einer internationalen
Sozialen Arbeit können wahlweise eher normativ, ideologisch oder
pragmatisch ausfallen. Folglich kommen die Autoren zu einem
nüchternen Zwischenfazit: „Die Notwendigkeit
internationaler Sozialer Arbeit ist deutlich erkennbar und
unbestritten, ihre praktische Bedeutung muss noch weiter entfaltet
werden und die Verbindungen zur mainstream social work müssen
deutlicher werden“ (S. 78).
Kapitel 5 beschäftigt sich mit Entwicklungen und führt zusätzlich zu der europäischen und internationalen Perspektive auch die Globalisierung und Transnationalisierung als neuere Diskurstopoi der Sozialen Arbeit ein. Einen weiteren wichtigen Pfad der Theorieentwicklung sehen die Autoren zudem in dem Konzept der Sozialen Entwicklung / Social Development (S. 92-98). Transnationalisierung zeichne sich dadurch aus, „dass Wissens- und Handlungsformen quer zu nationalstaatlichen und gesellschaftlichen Grenzen verlaufen und hierdurch ihren geografischen und sozialräumlichen nationalen Referenzrahmen erweitern (bzw. verlieren)“ (S. 86). Als besonderes Forschungsinteresse werden die „alltagsweltlichen Beziehungsgeflechte und grenzüberschreitenden Interaktionen von Subjekten und Akteurgruppen ‚von unten’“ betont (S. 85). Damit verbunden sei eine Erweiterung der Perspektive auf soziale Unterstützungsstrukturen, indem nicht nur klassische Institutionen Sozialer Arbeit, sondern auch informelle oder familiale soziale Netzwerke von handlungsmächtigen Subjekten in ihren vielfältigen Unterstützungsleistungen für die individuelle Lebensbewältigung in den Blick genommen werden (vgl. S. 86). Eine transnationale Perspektive soll einerseits die zunehmenden inter- und transkulturellen Vernetzungen und Verstrickungen der Sozialen Arbeit als Profession, Methode, Haltung und Hilfesystem aufzeigen und zum anderen Impulse zur Selbstreflexion und ethnorelativen Dezentrierung von vermeintlich universellen, handlungsleitenden Maximen geben.
Kapitel 6 ist mit Rahmungen betitelt und rekonstruiert mit Blick auf Europa die wesentlichen sozialpolitischen Konstitutionsbedingungen und Transformationen der europäischen Wohlfahrtsregime. Dabei wird auch auf Fragen der Vergleichbarkeit nationalstaatlicher Wohlfahrtskonzepte und -traditionen und die erheblichen Schwierigkeiten ihrer empirischen Erforschung hingewiesen. Vor allem die These einer tiefgreifenden Akzentverschiebung vom aktiven Wohlfahrtsstaat hin zum aktivierenden Sozialstaat (vgl. S.117) konfrontiert eine zuweilen nationalstaatlich verengte Institutionenkunde der Sozialen Arbeit, wie sie in Deutschland aufgrund des ausdifferenzierten Institutionensystems ausgeprägt ist, mit der Frage, wie andere staatliche Regime in Europa die politische Aufgabe sozialer Hilfe und Unterstützung kollektiv organisieren, an die Individuen delegieren oder gar dem Markt anheim stellen. Die gängige Maxime „Von den Nachbarn lernen“ kann hier eben auch bedeuten, durch informierte Seitenblicke etwa nach Großbritannien, in die Niederlande oder auch nach Finnland auf wesentlich marktförmigere Rahmenbedingungen der Sozialen Arbeit aufmerksam zu werden, die auch in Deutschland Einzug halten könnten. Allein diese Erkenntnis rechtfertigt schon die Forderung der Autoren nach einer Stärkung der komparativen Perspektive in der Ausbildung der Sozialen Arbeit.
Kapitel 7 und 8 gehen konkreter darauf
ein, wie sich die europäische Dimension durch internationale
Mobilität und curriculare Veränderungen in der
Ausbildung niederschlägt. Es wird eine kommentierende
Darstellung der EU-Mobilitätsprogramme seit Ende der 1980er
Jahre geboten und die bis heute enge Verzahnung von Bildungs- und
Beschäftigungspolitik im Rahmen der EU-Mobilitätspolitik
konstatiert (vgl. S. 136). Diese Programme haben zwar eine
beeindruckende Aktivierung in nahezu allen formalen und non-formalen
Bildungsbereichen ermöglicht, zugleich sind sie aber auch
kritisch in ihren tatsächlichen (Bildungs)Effekten und
Partizipationsmöglichkeiten zu sehen. Neben der ambivalenten
Bilanzierung der quantitativen und qualitativen Effekte weisen die
Autoren auf einen zweiten Bedenkenkomplex hin, nämlich eine
bildungskritische Perspektive, mit der vor einer einseitigen
„Verzweckung“ (S. 137) von internationaler
Bildungsmobilität gewarnt wird. Auch wenn also gewisse
Schattenseiten der Mobilität in Europa nicht ignoriert werden
können, zeigen die Autoren anhand der Mobilitätsförderung
für die Zielgruppen Jugendliche (Programm JUGEND) und
Studierende (Programm ERASMUS) überzeugend, in welcher Weise
gerade die EU-Mobilitätsprogramme wichtige Impulse für ein
tieferes Verständnis für Prozesse der nationalen
Entgrenzung von Bildung, Arbeit und allgemeiner Lebensführung
setzen können. Im Blick zu halten gilt es dabei jedoch, dass die
Chancen moblitätsbasierter Kompetenzentwicklung nicht in eine
versteckte Elitenförderung umschlagen dürfen.
Am
Beispiel der eigenen Hochschule (Fachbereich Sozialwesen,
Fachhochschule Koblenz) skizzieren die Autoren dann unterschiedliche
Gestaltungsmöglichkeiten für eine curriculare und
(fach)strategische Integration von „Elementen europäischen
Studierens“ (S. 161) in die Fachausbildung. Das Spektrum reicht
von internationalen Seminaren, sogenannten „joint modules“
mit ausländischen Partnerhochschulen, über eine fundierte
interkulturelle (und sprachliche) Vor- und Nachbereitung/Begleitung
der Auslandspraktika als credit-fähige Studienleistung bis hin
zu multilateralen Seminaren und Forschungsallianzen mit ausländischen
Hochschulen. Dazu muss man allerdings wissen, dass die
Beispielinstitution bzw. einige ihrer Mitglieder schon früh und
kontinuierlich zu den „Pionieren“ der zeitgenössischen
europäischen Sozialen Arbeit zählen. Insofern ist die
präsentierte Bandbreite und Tiefe solcher Maßnahmen kaum
repräsentativ für die Fachbereiche und Fakultäten der
Sozialen Arbeit an den deutschen Hochschulen – und wohl auch
nur weniger ausländischer Ausbildungseinrichtungen.
Im letzten Kapitel 9 geht es um die Perspektiven einer internationalen Sozialen Arbeit. Anstelle einer utopistischen und gewiss überforderten ‚Weltsozialarbeit’ plädieren die Autoren eher für ein selbstreflexives Annehmen der Chancen und Zumutungen inkompatibler, unvollständiger und ungewisser Theoriediskurse, durch die eine transnational agierende Soziale Arbeit gekennzeichnet ist. Mit diesem Credo „bewege man sich konzeptionell zwischen Anpassung an die lokalen Bedingungen (indigenisation), dem Herausfinden von universellen Gemeinsamkeiten (universalism) und gleichzeitig müsse vermieden werden, dass westliche Soziale Arbeit sich als universell verstehe (…).“ (S. 184). Es spricht also viel dafür, dass neben den verstärkt international zu führenden Theoriediskursen vor allem auch handfeste lokale, nationale und supra-nationale strukturpolitische Entwicklungen im Hochschulbereich und im Berufsfeld der Sozialen Arbeit darüber entscheiden werden, wie Fachbereiche und Hochschulinstitutionen ihre Internationalisierungsprozesse gestalten.
Diskussion
Wenn man die lokale Kontextualisierung Sozialer Arbeit ebenso wie die Tendenz zur kulturellen Entgrenzung versteht, dann wird klar, warum Soziale Arbeit in einer internationalen bzw. interkulturellen (und teilweise auch transkulturellen) Perspektive notwendigerweise in konzeptioneller und begrifflicher Vielfalt, Heterogenität und bisweilen Nicht-Verstehen mündet und nicht in einer Normierung, Standardisierung, Harmonisierung. Dabei stellen Vergleich, Unterscheidung und Synthese die wesentlichen mentalen und methodischen Grundoperationen dar, mit denen Soziale Arbeit sich in ihrem jeweiligen Kontext situiert und über kulturelle und soziale Kontexte hinweg bewegt. Das ist nicht nur für die Studierenden der Sozialen Arbeit eine ständige Herausforderung, sondern auch für die FachkollegInnen in Forschung und Praxis, die durch internationalen Austausch der „blinden Flecken“ im eigenen fachlichen und nationalen Diskurs ebenso gewahr werden, wie der „Überbelichtungen“ bestimmter nationaler Trendthemen, die im globalen Kontext ansonsten vielleicht kaum thematisiert werden.
Für eine zukünftige, international verpflichtete Ausbildung und Profession der Sozialen Arbeit lassen sich aus dem Buch folgende Wegweisungen ableiten: Es gilt
- die konzeptionelle und methodische Fähigkeit zum begründeten und systematischen Vergleich durch konkrete Beispiele und Kontrasterfahrungen zu steigern,
- das Erkennen und Thematisieren von interessegeleiteten sozialen Konstruktionen sozialer Differenz und Normierung, aber auch von Deutungs- und Handlungsmacht und -ohnmacht im lokalen wie im internationalen Kontext zu schulen und
- Kompetenzen für eine handlungs- und professionspraktische Wissenssynthese zu fördern, die letztlich immer unter widrigen Sachzwängen und chronischer Ungewissheit leiden wird und dennoch danach verlangt, pragmatisch zu entscheiden, zu urteilen und zu agieren.
Die Stärkung einer so verstandenen europäischen, internationalen und transkulturellen Dimension setzt natürlich eine gezielte internationale Vernetzungsarbeit der Lehrenden voraus. Selbst wenn solche Themen zunehmend strategische Bedeutsamkeit für Fakultäten und Hochschulen erlangen, wird dies auch in Zukunft bis zu einem gewissen Grad eine Frage von individuellem Zusatzengagements von Einzelpersonen bleiben, die sich mit ausgeprägter internationaler Lehr- und Forschungsmotivation für solche Projekte und Kooperationen dauerhaft engagieren.
Fazit
Das Buch geht in seiner anspruchsvollen gesellschaftspolitischen Theorieentfaltung und in seinen außereuropäischen / globalen Bezügen und Referenzen weit über Europa und die europäische Dimension hinaus. Was durch die Autoren entwickelt wird, ist nicht bloß die Forderung nach einer „Europäisierung Sozialer Arbeit“, wie es der Titel des Buches zunächst vermuten lässt, sondern vielmehr eine sehr ambitionierte, theoriefreudige Programmatik für eine transnationale Orientierung der Profession. Besonders fortgeschrittene Studierende und Fachleute der Wissenschaft und Praxis Sozialer Arbeit dürften von dem Buch profitieren, während es für StudienanfängerInnen möglicherweise noch eine Überforderung darstellt. Durch die umfangreiche und aktuelle Literaturliste sowie die vielen Hinweise auf einschlägige Fachorganisationen, internationale Netzwerke, Zeitschriften und andere Ressourcen eignet sich das Buch hervorragend als kommentierte Einstiegshilfe in die aktuelle internationale Fachdiskussion.
Rezensent
Prof. Dr. Matthias Otten
Fachhochschule Köln
Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften
Institut für Interkulturelle Bildung und Entwicklung
Homepage maotten.web.fh-koeln.de
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Zitiervorschlag
Matthias Otten. Rezension vom 22.02.2011 zu: Günter J. Friesenhahn, Anette Kniephoff-Knebel: Europäische Dimensionen Sozialer Arbeit. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2010. 240 Seiten. ISBN 978-3-89974-379-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10599.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.
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