Lothar Böhnisch, Wolfgang Schröer: Pädagogik und Arbeitsgesellschaft
Lothar Böhnisch, Wolfgang Schröer: Pädagogik und Arbeitsgesellschaft. Historische Grundlagen und theoretische Ansätze für eine sozialpolitisch reflexive Pädagogik. Juventa Verlag (Weinheim) 2001. 247 Seiten. ISBN 978-3-7799-1072-5. 16,50 EUR.
Einführung in Thema und Zielsetzung des Buchs
Lothar Böhnisch und Wolfgang Schröer möchten den Diskurs für eine arbeitsgesellschaftlich und sozialpolitisch reflexive Pädagogik eröffnen. Die Notwendigkeit einer arbeitsgesellschaftlich-sozialpolitischen Reflexivität der Pädagogik begründen sie mit vier Argumenten:
- Die ökonomischen Modernisierungsprozesse, die in ihrem gegenwärtigen Zustand von Lothar Böhnisch und Wolfgang Schröer als "digitaler Kapitalismus" bezeichnet werden, sind aufgrund zunehmender Globalisierung und neuer technologischer Möglichkeiten nicht mehr so stark wie früher auf Massenarbeit angewiesen.
- Damit gerät die Balance zwischen dem Ökonomischen und Sozialen, auf die sich die Pädagogik im Sinne einer selbstverständlichen und wenig reflektierten Hintergrundsicherheit verlassen hat, ins Wanken. Die auf sozialen und ökonomischen Ausgleich gerichtete Balance hat sich in der industriegesellschaftlichen Moderne aus der Notwendigkeit entwickelt, dass die industriekapitalistische Modernisierung "an die optimale Ausschöpfung und Zurichtung der Arbeitskraft" (S. 10) gebunden war und auch heute teilweise immer noch ist. Soziale Bewegungen hatten größere Chancen als heute, die sozialen Belange von Menschen durchzusetzen. Es entwickelte sich ein Vergesellschaftungsprinzip, das die moderne Gesellschaft bis heute prägt: "das ‘Sozialpolitische’ als Resultat des industriegesellschaftlichen Konflikts von Kapital und Arbeit, zwischen ökonomischer Marktlogik der Gesellschaft und ihrer sozialen Gestaltung vom Menschen her" (S. 231).
- Da im ‘digitalen Kapitalismus’ die Wirtschaft nicht mehr auf Massenarbeit angewiesen ist, erfolgt auch nicht mehr die entsprechende finanzielle Unterstützung in Form von Steuerzahlungen (z. B. durch Steuerflucht, Auslagerung von Produktionsstätten in das Ausland, Internationalisierung des Kapitaleinsatzes), sondern sie belastet den Sozialstaat zusätzlich durch strukturelle Massenarbeitslosigkeit. "So ist der Staat in eine prekäre Globalisierungs- und Nationalisierungsfalle geraten: Er muss der nationalen Ökonomie die Standortvorteile für den globalisierten Wettbewerb subventionieren und bekommt dafür von dieser von ihm gestützten und auch dadurch prosperierenden Wirtschaft weniger Steuern und immer mehr Arbeitslose zurück" (S. 233).
- Einer der immer schon benannten Standortvorteile ist die Bildung mit entsprechenden staatlichen Bildungsinvestitionen. Während sich die Pädagogik bisher auf ihre Hintergrundsicherheit in Form der Balance von ökonomisch verwertbaren Qualifikationen auf der einen und sozialer Chancengleichheit mit entsprechend sozialpolitisch unterstützten Lebenslagen der Individuen auf der anderen Seite verlassen konnte, sinkt im ‘digitalen Kapitalismus’ die Akzeptanz für sozialpolitisch notwendige, aber ökonomisch nicht verwertbare Sozialinvestitionen. Bildungsökonomisch gewendet hat die Pädagogik immer schon für die Arbeitsgesellschaft verwertbar qualifiziert, jedoch nicht mit der einseitigen Dominanz auf das Ökonomische, sondern mit einer "ökonomisch und sozial gleichermaßen gerichtete(n) Bildungsaufforderung" (S. 10).
Lothar Böhnisch und Wolfgang Schröer konstatieren für die Pädagogik, dass sie sich auf der Basis dieser Hintergrundsicherheit selbstreferentiell "als scheinbar immer gesichertes und legitimiertes gesellschaftliches System" (S. 11) entwickelt und zementiert hat. Deshalb verfüge sie nicht über die geforderte arbeitsgesellschaftliche und sozialpolitische Reflexivität, um sowohl den ökonomischen Funktionszumutungen also auch den sozialen Problemen, denen sie zunehmend ausgesetzt ist, angemessen zu begegnen. Stellt sie sich dieser Herausforderung arbeitsgesellschaftlicher und sozialpolitischer Reflexivität, so müsste das für die Pädagogik bedeuten, "dass sie nicht nur diffus vor der einseitigen Ökonomisierung der Bildung warnt und eine ebenso diffuse soziale Beschwörungsprogrammatik dagegensetzt, sondern diese Zusammenhänge analytisch aufklärt und politisch-öffentlich thematisiert und für die Rückgewinnung sozialpolitischer Gestaltungsspielräume eintritt" (S. 234). Den von ihnen angestrebten Diskurs für eine in diesem Sinne reflexive Pädagogik eröffnen Lothar Böhnisch und Wolfgang Schröer in drei Teilen.
Inhaltsübersicht
Im ersten Teil gehen Lothar Böhnisch und Wolfgang Schröer auf historische Spurensuche. Sie stellen kurz und prägnant Pädagoginnen und Pädagogen sowie pädagogisch orientierte Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler vor, die ihrer Meinung nach "gerade ob ihrer arbeitsgesellschaftlich-sozialpolitischen Orientierung von einer systemisch verengten Pädagogik übersehen und ausgegrenzt wurden" (S. 13). Sie hier im einzelnen zu nennen, würde aufgrund ihrer Vielzahl zu weit führen. Allerdings zeigt der Hinweis auf ihre Vielzahl, dass sie auf den insgesamt 69 Seiten dieses Teils nicht in ihren einzelnen Werken vollständig dargestellt werden, sondern Lothar Böhnisch und Wolfgang Schröer beschränken sich auf die zentralen Argumentationsstränge bezogen auf die von ihnen verfolgte Zielsetzung.
Im zweiten Teil arbeiten Lothar Böhnisch und Wolfgang Schröer die ihnen aktuell bedeutsam erscheinenden Vergesellschaftungs- und Bewältigungsmuster auf. Geprägt von Entstrukturierungs- und Entstandardisierungsprozessen in Folge gesellschaftlicher Modernisierung skizzieren sie wiederum kurz und knapp z. B. die "gesellschaftliche Entzauberung der Jugend und die neue Generationenkonkurrenz" (S. 108 ff.), die "Erosion des Erwachsenenstatus" (S. 118 ff.), "Das neue Alter" (S. 123 ff.) oder die "Entstrukturierung, Entbettung und Spaltung am Beispiel der Geschlechterverhältnisse" (S. 130 ff.).
Im dritten Teil entwerfen Lothar Böhnisch und Wolfgang Schröer dann eine sozialpolitisch reflexive Pädagogik mit ihren Kristallisationspunkten der Freisetzung und Bewältigung. Während Freisetzung die Auflösung von sozialstrukturellen und institutionellen Selbstverständlichkeiten sowie die Entstandardisierung von Biografien und Lebensläufen betont, stellt Bewältigung auf die subjektive und soziale Betroffenheit der Menschen und ihre Lebensbewältigung in einer so radikal veränderten Gesellschaft ab. Für Lothar Böhnisch und Wolfgang Schröer ist damit die "Spannung zwischen Freisetzung und Bewältigung ... auch das Schlüsselkonzept einer arbeitsgesellschaftlich und sozialpolitisch reflexiven Pädagogik" (S. 12).
Fazit
Für mich ist es Lothar Böhnisch und Wolfgang Schröer gelungen, den auch aus meiner Sicht dringend notwendigen Diskurs für eine sozialpolitisch und arbeitsgesellschaftlich reflexive Pädagogik zu eröffnen. Dabei bringt der Einstieg unweigerlich mit sich, dass ihre Überlegungen skizzenhaft bleiben und an vielen Stellen eher andeuten und anregen als schon umfassend klären. Um so mehr laden die Argumente von Lothar Böhnisch und Wolfgang Schröer dazu ein, weiter verfolgt und vertieft zu werden. Bedauerlich ist für mich allerdings, dass sie aufgrund der Dichte ihrer Argumentation überwiegend Expertinnen und Experten ansprechen und Novizinnen und Novizen eher abschrecken. Gerade der (sozial)pädagogische Nachwuchs - wie Studentinnen und Studenten -, der aus meiner Sicht von der von ihnen angestoßenen dringend notwendigen Diskussion ‘infiziert’ werden sollte, ist so auf Übersetzungsleistungen von Vertreterinnen und Vertretern angewiesen, die oftmals noch in der "traditionellen Selbstreferentialität" (S. 11) der Pädagogik verfangen sind.
Rezensentin
Prof. Dr. Ruth Enggruber
Fachhochschule Düsseldorf, FB Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Ruth Enggruber. Rezension vom 01.11.2001 zu: Lothar Böhnisch, Wolfgang Schröer: Pädagogik und Arbeitsgesellschaft. Juventa Verlag (Weinheim) 2001. 247 Seiten. ISBN 978-3-7799-1072-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/106.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.
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