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Eva Walther, Franzis Preckel u.a. (Hrsg.): Befragung von Kindern und Jugendlichen

Cover Eva Walther, Franzis Preckel, Silvia Mecklenbräuker (Hrsg.): Befragung von Kindern und Jugendlichen. Grundlagen, Methoden und Anwendungsfelder. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2010. 369 Seiten. ISBN 978-3-8017-2139-8. 36,95 EUR, CH: 55,00 sFr.
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Thema

Was und wie kann man Kinder und Jugendliche sinnvoll fragen – und in welchem Alter? Dieser Sammelband antwortet darauf mit dem Wissen und den Methoden der Psychologie. Den LeserInnen wird eine umfassende Aufarbeitung angekündigt. Es sollen dabei auch die Grenzen der Datenerfassung gezeigt werden. Und das Buch verspricht Einblicke in wichtige Anwendungsgebiete. Auch einige Alternativen zur Befragung sollen vorgestellt werden.

Herausgeberinnen

Die Herausgeberinnen sind im Fach Psychologie an der Universität Trier tätig: Dr. Walther als Professorin für Sozialpsychologie und Dr. Preckel als Professorin für Hochbegabtenforschung und -förderung, Dr. Mecklenbräuker arbeitet in der Allgemeinen Psychologie und Methodenlehre.

Entstehungshintergrund

Die Befragung ist nicht nur in der Psychologie, aber dort eben auch, die häufigste Methode, um Informationen bei Kindern und Jugendlichen zu gewinnen. In ihrem Vorwort machen die Herausgeberinnen deutlich, dass es jedoch „bisher kaum deutschsprachige Buchpublikationen“ gibt, „die sich wissenschaftlich begründet mit diesem Thema beschäftigen“ (S. 5).

Aufbau

Der Sammelband umfasst vier Teile:

  1. Grundlagen,
  2. psychologische Konstrukte und die Methoden ihrer Erfassung,
  3. Anwendungskontexte und
  4. Ausblick auf Alternativen zur Befragung.

Den Teilen vorangestellt ist eine Einführung von Albert Spitznagel (Pädagogische Psychologie), die jedoch aufgrund des Todes des Autors unvollendet geblieben ist. Der bei Weitem umfangreichste der vier Teile ist derjenige über die psychologischen Konstrukte und die Methoden ihrer Erfassung (161 S.). Dagegen besteht der letzte Teil zu den Alternativen aus nur einem einzigen Beitrag (24 S.). Die Länge der Beiträge streut zwischen 11 und 36 Seiten.

Inhalt

Die Artikel zu den Grundlagen behandeln vor allem Voraussetzungen aus der Entwicklungspsychologie: Sprache, Affektivität und Kognition. Daraus werden auch Tipps für das Design und den Ablauf von Befragungen abgeleitet. Die Bedeutsamkeit mancher Entwicklungskennzeichen lässt sich bislang aber nur vermuten. Interessant ist die Entwicklung von Gedächtnisleistungen, die den Alltag betreffen: Schon bei jungen Kindergartenkindern könne mit einer richtigen Beschreibung von Ereignissen gerechnet werden – jedenfalls im Prinzip, und wenn die Befragung neutral und nicht suggestiv erfolgt. Hilfen könnten trotzdem nötig sein! Wie auch aus anderer Literatur zur Befragung von Kindern bekannt ist, markiert der Übergang vom Vorschul- zum Schulalter wichtige kognitive Fortschritte. Anspruchsvolle Fragen könnten dann etwa ab dem achten Lebensjahr beantwortet werden.

Bezüglich der Inhalte der Befragung zielt dieser Sammelband in erster Linie darauf, Konstrukte aus der Psychologie zu messen: Intelligenz, Eigenschaften der Persönlichkeit, Interessen, Gedächtnis und Sprachfähigkeit. Dies geschieht zum Zweck der Diagnostik! Die Erfassung von Interessen ist aber auch über die Psychologie hinaus interessant. Allerdings: Noch entspreche die Entwicklung von Methoden speziell für Kinder und Jugendliche nicht der Bedeutung dieses Gegenstandes. So urteilt der Autor des betreffenden Beitrags, Eberhard Todt. „Für 5- bis 15-Jährige existieren im Wesentlichen nur in Projekten ad hoc entwickelte spezielle Interessenerfassungs-Methoden.“ (S. 177) Man muss aber beachten, dass Todt von standardisierten Diagnoseinstrumenten spricht, also von Tests. Legt man diesen Maßstab an, dann bleibt die Befragung teilweise auch bei anderen Konstrukten noch unbefriedigend. Das gilt etwa für Aspekte, die das Alltagsgedächtnis betreffen (vgl. Miriam Vock, Almut Hupbach & Silvia Mecklenbräuker, „Gedächtnis“, S. 217).

Die Anwendungskontexte, die dieser Sammelband behandelt, beziehen sich auf drei Gebiete: die Forensik (Verhandlungen vor Gericht betreffend), die Umfrageforschung und die Familienberatung. Davon reicht die Umfrageforschung am weitesten über die Psychologie hinaus. Der Artikel bezieht sich auf standardisierte, vor allem schriftliche Befragungen, die man mittels statistischer Verfahren auswerten kann (Nadine Diersch & Eva Walther, „Umfrageforschung mit Kindern und Jugendlichen“). Zu Beginn des Artikels tragen Diersch und Walther Einflüsse vor, welche die empirische Sozialforschung aus Umfragen mit Erwachsenen kennt – wie die Problematik freier oder vorgegebener Antwortmöglichkeiten, die Problematik der Anzahl der Merkmalsausprägungen bei Antwortskalen oder der Beeinflussung der Fragen untereinander. Die Autorinnen erörtern dann, wie sich solche Einflüsse bei Befragungen von Kindern und Jugendlichen auswirken. Zu manchen Punkten ließen sich heute aber „bestenfalls Hypothesen“ aufstellen (S. 308); es sei schwierig, Allgemeines auszusagen oder generelle Ratschläge zu geben.

Der Beitrag, der sich mit „Alternativen zur Befragung“ befasst, gründet zum einen in dem Bedürfnis, mögliche Störvariablen besser zu kontrollieren, allen voran die soziale Erwünschtheit von Antworten. Zum anderen wird nach Möglichkeiten gesucht, das zu erschließen, was sich der Befragung entzieht. Das sind die impliziten und unbewussten Einstellungen, Ziele und Wünsche der Befragten. Die Autorin des Beitrags, Nicola Baumann, stellt hier nur Beispiele methodischer Alternativen vor – darunter Methoden, die sich in der Psychologie bereits bewährt haben (z.B. ein impliziter Assoziationstest), bis hin zu neuen Entwicklungen (z.B. Varianten der Motiverschließung anhand von Bildvorlagen).

Diskussion

Für eine empirische Sozialforschung, die (anders als die hier dargestellte Psychologie) stärker mit Umfragedaten arbeitet, erbringt der vorliegende Sammelband kaum Neues oder Regeln für die Forschung. Es ist bereits bekannt, dass mit der Einschulung der Kinder auch eine wichtige Stufe erreicht ist, ab der Befragungen sinnvoll durchgeführt werden können – baut eine Befragung doch auf Voraussetzungen auf, die auch der Schulbesuch verlangt. Damit ist die Leistung des Sammelbandes im Rahmen der Psychologie aber keinesfalls geschmälert! Was die Diagnostik betrifft, dürfte der Band viele Hilfen bieten. Augenfällig sind Tabellen, in denen zahlreiche standardisierte Tests miteinander verglichen werden. Sie ermöglichen einen raschen Überblick zur Messung bestimmter Konstrukte.

LeserInnen, die mehr in der Umfrageforschung tätig sind, können sich anhand des Sammelbandes dennoch (erneut) vor Augen führen, mit welch wackligen Unterstellungen die Umfrageforschung oft arbeitet. Im Grunde müßte man, besonders wenn Kinder befragt werden sollen, zuvor genau analysieren, welche sprachlichen Anforderungen das Erhebungsinstrument stellt. Und man müsste prüfen, ob ein Kind oder ein Jugendlicher/eine Jugendliche über die nötigen sprachlichen Kompetenzen jeweils verfügt – darauf weist Sabine Weinert in ihrem Beitrag hin, über die „Erfassung sprachlicher Fähigkeiten“ (vgl. S. 233 und 254). Solche Prüfungen könnte man entsprechend für die kognitiven Anforderungen verlangen, die ein Fragebogen stellt, und das gilt auch bezüglich der Affekte und für die Motivation der Befragten.

Eine Stärke dieses Sammelbandes ist seine durch und durch gediegene und differenzierte wissenschaftliche Darstellung. Die Beiträge sind gut lesbar. Wer aber wirklich alles nachvollziehen will, braucht Grundkenntnisse in der Testkonstruktion und in Statistik. Zu wünschen wäre, dass der Titel des Sammelbandes die Fokussierung auf die Psychologie zu erkennen gibt – die Erwartungen des Rezensenten gingen jedenfalls in eine allgemeinere Richtung: in die einer fächerübergreifenden Darstellung.

Fazit

Das Buch eignet sich vor allem für LeserInnen aus der Psychologie oder auch für PädagogInnen, die standardisierte Befragungen zu diagnostischen Zwecken einsetzen wollen. Dabei dominiert die Befragung in Form des Tests.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Beck
Pädagogische Forschung und Lehre
Homepage www.cbeck-aktuell.de


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Zitiervorschlag
Christian Beck. Rezension vom 24.02.2011 zu: Eva Walther, Franzis Preckel, Silvia Mecklenbräuker (Hrsg.): Befragung von Kindern und Jugendlichen. Grundlagen, Methoden und Anwendungsfelder. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2010. ISBN 978-3-8017-2139-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10615.php, Datum des Zugriffs 25.06.2016.


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