Heinrich Popitz (Hrsg.): Einführung in die Soziologie

Cover Heinrich Popitz (Hrsg.): Einführung in die Soziologie. Konstanz University Press (Paderborn) 2010. 300 Seiten. ISBN 978-3-86253-002-1. 29,90 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: Kup-Archiv.

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Autor

Heinrich Popitz war von 1964 bis 1992 Lehrstuhlinhaber für Soziologie an der Universität Freiburg.

Entstehungshintergrund

Diese Ausgabe beinhaltet Heinrich Popitz‘ bisher unveröffentlichte Vorlesung „Einführung in die Soziologie“.

Aufbau und Inhalt

Die Vorlesung umfasst 20 Einheiten.

Vorlesung I. Einleitung: Grundlegende Fragestellungen der Soziologie. Durch die Arbeitsteilung war es dem Menschen möglich, seinen Bedarf auf lebensnotwendigem Niveau zu decken. Es wird die Frage nach dem gesellschaftlichen Wandel gestellt. Woran liegt es, dass sich die Großfamilie in die Kleinfamilie auflöst? Soziologie ist die Wissenschaft von der „Vergesellschaftung“ des Menschen, ihren Formen und Bedingungen.

Vorlesung II. Einleitung: Aufgaben einer Einführung in die Soziologie. Der Begriff Soziologie wurde von Auguste Comte geprägt. In die Soziologie sollten alle Einzelkenntnisse der Natur- und Geisteswissenschaften hineinfließen als ein Art Überwissenschaft.

Vorlesung III. Soziologie der Naturvölkerkulturen 1: Die Kultur der Pueblo-Zuni. Die Geschichte der Pueblo-Zuni können wir archäologisch bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgen. Im Mittelpunkt ihres heutigen kulturellen Lebens steht das Ritual. Das Ritual soll etwas bewirken. Es soll bestimmte Ereignisse herbeizaubern. Das Rollen von runden Steinen über den Boden soll den Donner darstellen. Wasser über den Boden spritzen soll Regenfälle bewirken. Tabakrauch herumblasen sollen die Regenwolken darstellen. Die Gebete ihrer Priester sind äußerst milde, beherrschte, freundliche Beschwörungen. Eheschließung und Scheidung sind von einer schlichten Einfachheit geprägt.

Vorlesung IV. Soziologie der Naturvölkerkulturen 2: Pueblo-Zuni, Prärieindianer und Dobu im Vergleich. Die Zuni und die Prärieindianer verwenden das Gift des Stechapfels, um einen Dieb zu überführen. Bei allen Naturvölkern spielen Initiationen eine große Rolle. Das Kind soll in die Erwachsenenwelt eingeführt werden. In unserem Kulturkreis können Sie an Firmung und Konfirmation denken. Die Initiation soll auch als Mutprobe dienen. Der Tod wird möglichst schnell beiseitegeschoben und vergessen. Die Dobu sind Melanesier [Neuguinea]. Bei den Dobu sind die Sippen in der Regel miteinander verfeindet. Der junge Ehemann wird als Eindringling betrachtet. Die Hochzeitzeremonie besteht im Austausch von Geschenken und Dienstleistungen. Dieser Austausch vollzieht sich während der gesamten Dauer der Ehe. Die Dobu leben vor allem von der Anpflanzung einer Knollenfrucht, des Yams. De Ernteerfolg wird weitgehend auf Zaubersprüche zurückgeführt. Die Kinder müssen sich als Schuldner der Sippe ihres verstorbenen Vaters betrachten.

Vorlesung V. Soziologie der Naturvölkerkulturen 3: Kultur der Kwakiutl. Die Kwakiutl sind Indianer an der Nordwestküste Nordamerikas, inzwischen ausgestorben. Der Endzweck ihrer religiösen Zeremonien ist die Ekstase. Von allen Geheimbünden war der Menschenfresserbund der vornehmste. Der „Menschenfresser“ fiel die Zuschauer an und biss ihnen Stücke Fleisch aus dem Arm. Sein Tanz war der eines Verrückten. Die „Menschenfresser“ verzehrten Sklaven. Die Relativität der Kultur ist zwar nicht die Weisheit letzter Schluss, sagt der Verfasser. Aber es ist eine Einsicht, durch die jedes soziologische Denken hindurchgeführt werden muss.

Vorlesung VI. Soziologie der Naturvölkerkulturen 4: Kultur der Kwakiuitl. Die Potlatsch-Sitte wird eingehend erläutert. Durch diese Verschenkaktion kann ein höherer Status erreicht werden. Insbesondere die Häuptlinge erwarben sich großen Ruhm, indem sie nicht Güter verschenkten, sondern vor den Augen ihrer Mitbewerber zerstörten. Dabei kam es zu unglaublichen Ausschweifungen. Es wurde Öl in großen Mengen in das Feuer oder über die Gäste gegossen, wertvolle Boote zerschlagen, Kupferplatten zerbrochen, Sklaven geschlachtet. Der Unterlegene konnte im Extremfall Selbstmord begehen, um der Lächerlichkeit zu entgehen.

Vorlesung VII. Vielfalt der Kulturen – Einheit der Kultur. Es ist nicht möglich, die Naturvölkerkulturen in eine lineare Entwicklungsreihe einzuordnen. Der Mensch muss seine Lebenswelt handelnd umgestalten, um seine grundlegenden Lebensbedürfnisse zu befriedigen. Der Spielraum der Möglichkeiten, die der Mensch ergreifen kann, ist nicht definierbar.

Vorlesung VIII. Vielfalt der Kulturen – Einheit der Kultur 2. Die Früchte seines eigenen Baumes können gestohlen werden. Der Dobu belegt die Früchte mit einem Bannspruch. Wer die Früchte isst, wird von Himbeerpocken heimgesucht. Der Dobu weiß aber nicht, ob nicht ein Anderer die Früchte mit einer Krankheitsmagie verzaubert hat. Er kann nie ganz sicher sein, dass dies nicht der Fall ist. Es gibt folgende Fallunterscheidungen: Die Früchte werden gestohlen. Der Dieb wird von einem Unglück heimgesucht. Die Magie des Besitzers hat gewirkt. Geschieht dem Dieb nichts, bedeutet das, dass der Dieb mit einem Gegenzauber gearbeitet hat. Ohne Anwendung von Zaubersprüchen wird der Dieb nicht zur Tat schreiten. Werden die Früchte nicht gestohlen, trifft aber dem Besitzer nach dem Genuss der Früchte ein Unheil, dann wirkt die Unheilsmagie des Neiders. Trifft ihm kein Unheil, dann wirkt die eigene Abwehrmagie.

Vorlesung IX. Vielfalt der Kulturen – Einheit der Kultur 3: Zusammenfassung. Jede Magie kann wieder durch eine Gegenmagie aufgehoben werden. Das hängt mit dem Glauben zusammen, dass alle Naturerscheinungen beseelt sind [Animismus]. Auch die Naturerscheinung ist beeinflussbar. Diese Voraussetzung vollziehen die Dobu ebenso wie wir. Sogar die Deutung des Misserfolgs ist im Grunde gleicher Art. Sie geht davon aus, dass ich etwas falsch gemacht habe. Will ich Erfolg gewinnen, muss ich mein Verhalten ändern. Die Dobu schließen wie wir vom Mittel auf die Wirkung und von der Wirkung zurück auf die Wirksamkeit des Mittels. Sie kennen also den Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Die christliche Religion hat unser Naturverständnis entmythologisiert. Sie hat uns vom Animismus befreit.

Vorlesung X. Der Einzelne und die soziale Einheit 1. Die völkerkundliche Rechtswissenschaft hat sich immer mit der Frage beschäftigt, wie kommen die Naturvölker ohne Rechtsprechung, ohne Polizei, ohne Gerichtshöfe aus. Wie kann „soziale Kontrolle“ aufrechterhalten werden? Man glaubte, dass die Menschen durch eine Art von Gruppenseele, Gruppendenken oder Gruppenverhalten gleichsam instinktiv miteinander verbunden sind. Malinowski behauptet nun, dass die Naturvölker auf Grund wechselseitiger Verpflichtungen handeln. Es geht um ein Geben und Empfangen. Alles Tun und Lassen steht im Zeichen der wechselseitigen Verpflichtung.

Vorlesung XI. Der Einzelne und die soziale Einheit 2. Es ergibt sich folgende Frage: Wie schaffen es Naturvölker soziale Kontrolle auszuüben ohne eindeutiges Rechtssystem. Bei Naturvölkern herrscht ein starkes Gruppengefühl. Jedes Gruppenmitglied unterwirft sich instinktiv dem Brauchtum und der Sitte der Gruppe. Bei Malinowski kommt ein neuer Gesichtspunkt hinzu: die Umkehrbarkeit. Die Gruppenmitglieder befinden sich in einem Zwang gegenseitiger Verpflichtungen. Diese Situation der Naturvölker lässt sich auch auf unsere Gesellschaft übertragen. Auch in unserer Gesellschaft müssen wir mit Sanktionen rechnen, wenn wir uns nicht entsprechend unserem kulturellen Muster verhalten. Diese Sanktionen könnten sein Ausgrenzung, Sticheleien, Klatsch, beruflicher Misserfolg, Herabsetzung, die Outsiderrolle einnehmen. Wir sind einem System gesellschaftlicher Rollen unterworfen, die in einem Verhältnis gegenseitiger Verpflichtungen stehen.

Vorlesung XII. Der Einzelne und die soziale Einheit 3: Der Begriff der sozialen Rolle. Der Verfasser spricht von der Gesellschaft vorübergehend als ein handelndes Wesen, ein Zauberer. Die Rolle wird bestimmt als gegenseitige Erwartungen, als wechselseitige Verpflichtungen. Der Begriff der Rolle umfasst eine ganze Bandbreite an Möglichkeiten bis zum doppelbödigen „Als-ob-Verhalten“. Die Verhaltenserwartung muss nicht immer mit seinem wirklichen Verhalten übereinstimmen. Das kann man sich z. B. an der Erscheinung des „Sich-Drückens“, des unauffälligen Ausweichens klar machen.

Vorlesung XIII. Der Einzelne und die soziale Einheit 4: Zusammenfassung. Die höchste Einheit, mit der es die völkerkundliche Forschung zu tun hat, ist die Kultur. Es wird die Frage gestellt, was soll Gesellschaft eigentlich heißen? Sind das Forderungen, Maßstäbe, Leitbilder, die in die Welt gesetzt werden? Und von wem? Das Aufeinandertreffen verschiedenartiger Verhaltenserwartungen wird mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Rollen erklärt. Es geht bei der Rolle immer um umkehrbare Verpflichtungen oder Verhaltenszumutungen.

Vorlesung XIV. Der Einzelne und die soziale Einheit 5. In diesem Abschnitt werden die Heiratsbeziehungen in verschiedenen Naturvölkerkulturen geschildert.

Vorlesung XV. Der Einzelne und die soziale Einheit 6. Thomas Hobbes begründet den Staat durch einen Gesellschaftsvertrag zwischen den Gesellschaftsmitgliedern, um den Frieden zu sichern. Das bedeutet für die Gesellschaftsmitglieder auf der einen Seite Schutz, auf der anderen Seite Gehorsam. Macht wird verstanden als eine Möglichkeit, Gehorsam zu fordern.

Vorlesung XVI. Die Leistung sozialer Einheiten. Was sind die Grundbedürfnisse des Menschen? Malinowski erwähnt ähnliche Bedürfnisse, die Maslow in seiner Bedürfnispyramide aufzeigt: Stammesgeschichtlicher Bereich: Physiologische Bedürfnisse wie Essen und Trinken, Drang zu atmen, Geschlechtstrieb. Sicherheitsbedürfnisse. Gesundheit. Bewegung. Wachstum.

Vorlesung XVII. Die Leistung sozialer Einheiten. Nach Uexküll ist das Tier genau seiner Umwelt angeglichen. Z. B. ist die Klette ausgerichtet auf einen Geruch, den alle Säugetiere ausströmen: die Buttersäure. Die Zecke bohrt sich in das Hautgewebe ein. Der Mensch dagegen ist nicht umweltgebunden. Bei kleinen Kindern ist der Saug- und Klammerreflex nachweisbar. Der Mensch kann sich gegenüber seinen Antrieben gestaltend, auswählend und wertend verhalten. Beim Menschen kann sich sogar die Antriebsrichtung umkehren, z. B. die Askese, die Sublimierung.

Vorlesung XVIII. Die Leistung sozialer Einheiten. Die planmäßige Herstellung von Werkzeugen kennzeichnet recht scharf die Grenze zwischen tierischen und menschlichen Fähigkeiten. Menschliches Dasein ist durch Weltoffenheit gekennzeichnet (Scheler, Plessner, Gehlen).

Vorlesung XIX. Die Leistung sozialer Einheiten. Von der Institution des Staates erwarten wir Lebenssicherheit, dass er uns z. B. vor Räuberbanden schützt. Der Staat wird für alle mögliche Leistungen in Anspruch genommen: Das gilt für die Heilung von Krankheiten, Sicherheit bei Arbeitslosigkeit, Ausbildung, die Erstellung von Wohnungen bis zur Altersvorsorge.

Vorlesung XX. Allgemeine soziologische Fragestellungen. Es werden folgende Vertiefungsgebiete der Soziologie mit entsprechenden Literaturangaben angeführt: Familiensoziologie, Wirtschaftssoziologie, Agrarsoziologie, Industriesoziologie, Arbeitssoziologie, Betriebssoziologie, Politische Soziologie, Rechtssoziologie, Soziologie der Klassen und Schichten, Soziologie der Gemeinde, Kultursoziologie, Religionssoziologie, Kunstsoziologie, Wissenssoziologie, Soziologie der Naturvölker, Soziologie der Gegenwart. Empirische Soziologie: Methoden der empirischen Sozialforschung: Beobachtung, Befragung, Inhaltsanalyse. Theoretische Soziologie.

Diskussion

Diese „Einführung in die Soziologie“ von 1957 beschäftigt sich über weite Strecken mit der Soziologie der Naturvölker. Das wird heute von einer Einführung in die Soziologie nicht erwartet. Im Gegenteil, das empfindet der Leser als Themaverfehlung. Dieses Werk kann deshalb für den Studenten nicht als Vorbereitung für eine Prüfung dienen. Die Arbeit ist trotzdem wertvoll, weil sie die rasante Entwicklung der Soziologie seit 1957 zeigt, wenn man die Arbeit mit heutigen Einführungen vergleicht. In einer Vorlesung „Einführung in die Soziologie“ von 1977/78 von Professor Karl Martin Bolte [München] wird Heinrich Popitz als Erfinder der Verhaltensstilisierung erwähnt. Es ist merkwürdig, dass dieser Begriff „Verhaltensstilisierung“, den Popitz selbst erfunden hat, in seinem eigenen Buch nicht erwähnt wird. Der Leser hätte das erwartet. Jemand kann sich als Snob verhalten, als Raubein mit dem guten Herzen oder als die burschikose alte Dame [die einfach so ganz gepflegt über Kultur spricht und die plötzlich „Scheiße“ sagt). Popitz untersucht solche Verhaltensstilisierungen und stellt fest, dass in jeder Gesellschaft solche Verhaltensarten verfügbar sind. Sie sind nicht von irgendwelchen Normen vorgeschrieben, aber bestimmte Personen können sie übernehmen. Wenn man das einmal begriffen hat, sagt Karl Martin Bolte, dass es solche Stilisierungen gibt, dann kann man tatsächliches Verhalten sehr viel besser verstehen.

Fazit

Jetzige Einführungen in die Soziologie [2011] besitzen ganz andere Themenkreise wie z. B. Handlung, Kommunikation, doppelte Kontingenz, Praxis, Lebenswelt, Sinn, Habitus, Interaktion, Netzwerk, Organisation, Gesellschaft, Kultur, gesellschaftliche Ungleichheit, Wissen, Wissenschaft [z. B. Armin Nassehi]. Da sich die Themengebiete verschoben haben, kann das Lehrbuch von Heinrich Popitz aus dem Jahre 1957 nur für einen Leserkreis empfohlen werden, die sich geschichtlich für die Anfänge der Soziologie in der Bundesrepublik Deutschland interessieren und die Weiterentwicklung der Soziologie verfolgen wollen.


Rezensent
Dipl.-Soz. Roland Wallner


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Zitiervorschlag
Roland Wallner. Rezension vom 23.03.2011 zu: Heinrich Popitz (Hrsg.): Einführung in die Soziologie. Konstanz University Press (Paderborn) 2010. 300 Seiten. ISBN 978-3-86253-002-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10624.php, Datum des Zugriffs 24.11.2014.


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