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Tilo Hartmann: Parasoziale Interaktion und Beziehungen

Cover Tilo Hartmann: Parasoziale Interaktion und Beziehungen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2010. 131 Seiten. ISBN 978-3-8329-4338-7. 19,90 EUR, CH: 35,90 sFr.

Reihe: Konzepte - Band 3.
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Thema

Der Begriff „parasoziale Interaktion“ bezeichnet ein bestimmtes Verhältnis von Medienfiguren und RezipientInnen. Die Kommunikationswissenschaft gebraucht den Ausdruck dann, wenn die RezipientInnen das Gefühl haben, dass sie sich in einer tatsächlichen gesprächshaften Interaktion mit einer Medienfigur befinden. Derart könnten zum Beispiel Jugendliche bezüglich Figuren aus Filmserien oder Soaps empfinden; wobei sie aber wissen, dass dies auf einer Illusion beruht! Dennoch können daraus intensive Bindungen entstehen, wie sie mit Freundschaften vergleichbar sind. Die Kommunikationswissenschaft nennt solche Bindungen „parasoziale Beziehungen“.

Autor

Dr. Hartmann ist Dozent an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Freien Universität Amsterdam, Abteilung Kommunikationswissenschaft.

Entstehungshintergrund

Die Herausgeber der Reihe, Patrick Rössler und Hans-Bernd Brosius, reagieren mit dem vorliegenden Buchtitel auf die Literaturlage in der Kommunikationswissenschaft: In der Mediennutzungs- und Medienwirkungsforschung mangele es an monografischen Abhandlungen über zentrale Konzepte wie die hier dargestellten. Entsprechend ist das vorliegende Werk als Lehrbuch konzipiert.

Aufbau

Das Buch beginnt mit den Grundzügen der Theorie, und es folgen fünf weitere Kapitel. Diese haben sehr unterschiedlichen Umfang: zwischen 2 und 41 Seiten. Weitaus am ausführlichsten ist die Entwicklungsgeschichte der Konzepte dargestellt (Kap. 2). Sodann folgt ein Kapitel zur Forschungslogik, nach der parasoziale Interaktionen und Beziehungen untersucht wurden; dann ein Kapitel zu den empirischen Befunden; ein Fazit als ein eigenes Kapitel, das auch Kritik und Hinweise zur Weiterentwicklung des Ansatzes enthält; und schließlich eine kurz kommentierte Liste von zehn Schlüsselstudien.

Inhalt

Wer, wie der Rezensent, nicht aus der Kommunikationswissenschaft kommt, wird das Kapitel mit den empirischen Befunden am interessantesten finden (S. 82–105). Laut Hartmann sind die meisten Studien mittels standardisiert-quantitativer Methoden durchgeführt worden. Davon habe die Mehrzahl parasoziale Beziehungen untersucht – also das Resultat der parasozialen Interaktionen und nicht diese selbst. Kaum Studien gebe es zu parasozialen Verarbeitungsprozessen an sich und zu Stress, der entstehen könnte, wenn parasoziale Beziehungen ungewollt enden (indem etwa eine Medienfigur aus dem Programm genommen wird). Auch Ablehnungsbeziehungen gegenüber Medienfiguren seien wenig untersucht.

Die meisten Studien hätten sich bisher auf das Medium Fernsehen bezogen. Vor allem seien die parasozialen Beziehungen zu NachrichtensprecherInnen und zu Figuren aus Seifenopern untersucht worden. Einige Studien gebe es in Bezug auf Radio-ModeratorInnen und künstliche Computerfiguren. Die wenigen Ergebnisse zu Verarbeitungsprozessen ließen vermuten, dass RezpientInnen stärker auf eine Medienfigur reagieren, die sie attraktiv finden, und dass die intensivere Verarbeitung wiederum die erlebte Präsenz verstärkt.

Hartmann differenziert die Forschungsergebnisse nach sozialen Merkmalen der RezipientInnen:

  • Danach pflegten Frauen im Durchschnitt intensivere parasoziale Beziehungen als Männer. Diese dagegen prägten parasoziale Beziehungen besonders aus gegenüber weiblichen, als sexuell attraktiv wahrgenommenen Medienfiguren.
  • Ein Forschungsartefakt könne sein, dass RezipietInnen mit geringerem Bildungsgrad intensivere parasoziale Beziehungen ausbilden – das sei durch speziellere Forschung erst noch zu klären.
  • Viele Studien wiesen darauf hin, dass ältere Menschen stärkere parasoziale Beziehungen unterhalten; dies könne aber teilweise damit zusammenhängen, dass ältere Menschen die betreffenden Medien intensiver nutzten.

Wichtig sei, über alle Gruppen der RezipientInnen hinweg, welche Persönlichkeit die RezipientInnen einer Medienfigur zuschreiben und welche Handlungsweisen. Die RezipientInnen würden bevorzugt parasoziale Beziehungen zu solchen Figuren entwickeln, die sie als ihnen ähnlich erleben: in Einstellungen, Werten und Normen. Das sei wichtiger als das äußere Erscheinungsbild der Medienfigur.

Nicht bestätigt werden könne die so genannte Kompensationshypothese. Sie besagt: RezipientInnen, die schüchtern oder einsam sind, pflegen die intensiveren parasozialen Beziehungen. Eher scheine sogar das Gegenteil zuzutreffen! Es gebe aber dennoch Hinweise, dass parasoziale Beziehungen helfen können, schmerzlich erlebten Mangel an sozialer Zugehörigkeit zu überwinden.

Die Betrachtung parasozialer Beziehungen im Rahmen von Sozialisation und Identitätsbildung ist besonders für Pädagogik und Soziale Arbeit interessant. Allerdings muss Hartmann hier abgrenzen: Unter der Sozialisations- und Identitätsperspektive habe man vorwiegend das Verhalten von Fans und die Beziehung zu Stars untersucht. Parasoziale Beziehungen seien konzeptionell aber etwas anderes: Sie ähnelten mehr nüchternen freundschaftlichen Beziehungen – das entscheidende Moment der Starbeziehung, die Verehrung des Stars, fehle. Folglich könne man die Ergebnisse aus der Starforschung hier nicht einfach übertragen.

Ein beobachtbares Merkmal parasozialer Beziehungen sei demgegenüber ihre Alltäglichkeit. Hartmann geht davon aus, dass alle, die Fernsehen schauen, die Radio hören oder die ins Kino gehen, dabei auch parasoziale Beziehungen ausbilden. Menschen, in deren Alltag solche Medien eine Rolle spielen, dürften einige parasoziale Beziehungen pflegen. Betrachte man die Sache entwicklungspsychologisch, könnten parasoziale Beziehungen bei Heranwachsenden wichtige Funktionen erfüllen.

Diskussion

Es ist schade, dass man aus der angesprochenen entwicklungspsychologischen Sicht nichts Näheres erfährt. Als Erziehungswissenschaftler kann der Rezensent das bedauern; aber es lässt sich keinesfalls Hartmann zum Vorwurf machen! Schließlich schreibt er aus der Warte eines anderen Faches. Die Konzepte „parasoziale Interaktion“ und „parasoziale Beziehung“ lassen sich aber verwerten, um punktuelle Medienphänomene, mit denen sich auch die Erziehungswissenschaft befasst, begrifflich klarer zu fassen: etwa als „parasoziale Freundschaften“ von SchülerInnen „zu Isabella Swan oder Edward Cullen aus der ‚Twilight‘- Serie“ (ein Phänomen der gegenwärtigen Vampir-Mode, das Hartmann erwähnt, S. 109).

Studierende der Kommunikationswissenschaft werden dagegen die gut nachvollziehbare Übersicht vermutlich schätzen, die Hartmann über die Entwicklungsgeschichte des Ansatzes gibt, angefangen bei der US-amerikanischen Kommunikationswissenschaft ab Ende des Zweiten Weltkriegs. Verblüffend ist für den Außenstehenden, dass sich „nur wenige theoretische Schriften explizit mit parasozialen Beziehungen auseinandergesetzt“ haben, obwohl dies das empirisch besser untersuchte Konzept sei; umgekehrt seien Theorien zur parasozialen Interaktion in der Literatur stärker differenziert (S. 51; Hervorhebung im Original).

Studierende des Faches dürften ebenfalls Hartmanns Übersicht über Messinstrumente begrüßen, und zwar ausgehend von der Frage nach der Operationalisierung der Konzepte. Verwunderlich ist, dass gegenüber diesen standardisierten Verfahren (18 S.) qualitative Zugänge nur auf zwei Seiten abgehandelt werden, obwohl Hartmann schreibt, dass „parasoziale Phänomene […] auch in vielen interpretativ-qualitativen Arbeiten untersucht“ wurden (S. 79).

Zu wünschen wäre ein Schlagwortverzeichnis, zumal das Inhaltsverzeichnis die Überschriften der Unterabschnitte nicht enthält.

Fazit

Der Band hinterlässt den Eindruck eines grundsoliden Lehrbuchs: klar, systematisch und komprimiert (einige kleinere formale Korrekturen wären noch vorzunehmen). Für LeserInnen aus der Sozialwirtschaft dürfte der Band allerdings nur am Rande von Interesse sein.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Beck
Pädagogische Forschung und Lehre
Homepage www.cbeck-aktuell.de


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Zitiervorschlag
Christian Beck. Rezension vom 09.03.2011 zu: Tilo Hartmann: Parasoziale Interaktion und Beziehungen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2010. ISBN 978-3-8329-4338-7. Reihe: Konzepte - Band 3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10628.php, Datum des Zugriffs 29.09.2016.


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