Ina Rösing: Ist die Burnout-Forschung ausgebrannt?
Ina Rösing: Ist die Burnout-Forschung ausgebrannt? Analyse und Kritik der internationalen Burnout-Forschung. Asanger Verlag (Kröning) 2003. 333 Seiten. ISBN 978-3-89334-409-3. 29,00 EUR.
Das Thema
Die Burnout-Forschung tritt lustlos auf der Stelle. Das ist Ina Rösings These. Sie möchte dies in ihrem Buch belegen und neue Perspektiven aufzeigen.
Die Autorin
Ina Rösing arbeitet als Professorin am Klinikum der Universität Ulm, wo sie eine Abteilung "Kulturanthropologie" leitet. Als Experimentalpsychologin (Promotion), Wissenschaftssoziologin (Habilitation) und durch ihre Forschungsschwerpunkte im Bereich der Kulturanthropologie ist Frau Rösing eine originelle Grenzgängerin zwischen den Disziplinen und dadurch besonders geeignet für den kritischen Außenblick den sie in diesem Fall auf die Burnout-Forschung richtet.
Der Hintergrund
Ina Rösing arbeitet zur Zeit an einem größeren Forschungsprojekt, in dem sie die Konzepte von Seelenverlust im Himalaja und in den Anden einerseits mit westlichen Konzepten wie Burnout, Posttraumatischer Belastungsstörung, Chronic Fatigue Syndrome und Anomie-Erscheinungen der Postmoderne andererseits vergleicht.
Das Burnout-Buch fasst dabei einen Aspekt ihrer Forschung zusammen.
Der Inhalt
Ina Rösings Buch beschäftigt sich in der ersten Hälfte mit den Grundlagen der bisherigen Burnout-Forschung und einer kritischen Darstellung des Forschungsstandes. In der zweiten Hälfte ihres Buches stellt sie neuere und ungewöhnliche Ansätze vor, um schließlich aus einer transkulturellen Perspektive eine Grundlagen-Kritik der Burnout-Forschung vorzunehmen.
Es gibt viele unterschiedliche Definitionen von Burnout mit ganz unterschiedlichen Blickwinkeln und Schwerpunkten. Ina Rösing definiert (orientiert an Maslach und ihrem bekannten Burnout-Inventory (MBI) Burnout wie folgt:
"Burnout ist ein Zustand emotionaler Erschöpfung am Beruf. Er geht einher mit negativen Einstellungen zum Beruf, zu den Inhalten oder den Mitteln des Berufs (Zynismus) oder zu den Partnern oder Klienten im Beruf (Depersonalisation). Hinzu kommt ein erheblich reduziertes Selbstwertgefühl in bezug auf die eigene berufsbezogene Leistungsfähigkeit. Burnout ist ein sich langsam entwickelndes Belastungssyndrom, das nicht selten wegen der kreisförmigen, gegenseitigen Verstärkung der einzelnen Komponenten (emotionale Erschöpfung führt zu geringerem Selbstwertgefühl, welches nur zu mehr emotionaler Erschöpfung führt usw.) zur Chronifizierung neigt." (20)
Neben ihrer eigenen Definition stellt die Autorin in den ersten Kapiteln des Buches in einer umfangreichen Übersicht verschiedene Definitionen, Stufenmodelle, Symptom-Zusammenstellungen und Therapieansätze zum Burnout vor.
Grundlage ihrer Darstellung ist dabei eine Sichtung und Zusammenstellung der relevanten Literatur aus den Jahren 1998-2002.
Aus Ina Rösings Sicht ist dabei festzustellen, dass zwar wissenschaftlicher Produktions- und Reputationsdruck dafür sorgt, dass die Burnout-Forschung fleißig betrieben wird (!), aber in der Regel keine neuen Impulse hinzukommen. Im Bereich der konventionellen Burnout-Forschung arbeiten fast alle Studien mit dem Maslach-Burnout-Inventory und produzieren immer mehr derselben Ergebnisse.
Erste Ansätze zu einer längst fälligen Veränderung der weitgehend pathologisierenden Schwerpunktsetzung in der Burnout-Forschung sieht Ins Rösing zwar in Reziprozitäts- und equity-Gleichgewichtsmodellen, salutogenen Konzepten (sense of coherence), positiver Psychologie und dem von Christina Maslach selbst in die Diskussion eingebrachten Gegenkonzept zum Burnoutbegriff , dem "Engagement" im Beruf. Aber auch bei diesen neuen Ansätzen beklagt Ina Rösing die mangelnde Bezogenheit der einzelnen Untersuchungen aufeinander, die mangelnde interdisziplinäre Zusammenarbeit und den Ethnozentrismus.
Im Bereich der kulturvergleichenden Burnout-Forschung liegen nur wenige Studien vor, von denen Ina Rösing eine in ihren Augen beispielhafte (Savicki) vorstellt.
Um aus der Sackgasse der Burnout-Forschung herauszufinden, schlägt Ina Rösing eine Ausweitung der Forschung auf kultur- und subkulturvergleichende Studien vor. Qualitative Forschungsmethoden sollen dabei unterstützen, auch originelle Deutungen und Heilungsmaßnahmen zum Burnout zu erfassen.
Fazit und Zielgruppe
Wer zum Burnout-Thema forscht, kommt sicher nicht an Ina Rösings Buch vorbei. Zum einen bietet das Buch mit seinem riesigen bibliographischen Anhang und seinen Verzeichnissen einen guten Überblick über die Burnout-Forschung von 1998-2002, ihre erfrischende Kritik hilft zudem dabei, festgefahrene Positionen zu erkennen und zu lockern.
Rezensentin
Prof. Dr. Lilo Schmitz
FH University of Applied Sciences Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkt "Beruf und Burnout-Prävention"
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Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 11.11.2003 zu: Ina Rösing: Ist die Burnout-Forschung ausgebrannt? Asanger Verlag (Kröning) 2003. 333 Seiten. ISBN 978-3-89334-409-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1063.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.
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