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Frank J. Robertz, Ruben Philipp Wickenhäuser (Hrsg.): Orte der Wirklichkeit (Mediale Lebenswelt Jugendlicher)

Cover Frank J. Robertz, Ruben Philipp Wickenhäuser (Hrsg.): Orte der Wirklichkeit. über Gefahren in medialen Lebenswelten Jugendlicher ; Killerspiele, Happy Slapping, Cyberbullying, Cyberstalking, Computerspielsucht ... ; Medienkompetenz steigern. Springer (Berlin, Heidelberg, New York, Hongkong, London, Mailand, Paris, Tokio, Wien) 2010. 229 Seiten. ISBN 978-3-642-02511-2. 39,95 EUR, CH: 58,00 sFr.
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Gefahren lauern überall – Realität und Virtualität als besondere Gefahrenmomente

Zum Begriff „Medienkompetenz“ finden sich in der Online-Suchmaschine Google knapp 1.000.000 Einträge – im Online-Katalog der Deutschen Nationalbibliothek finden sich zu diesem Schlagwort exakt 436 Einträge (Zugriff: 2011-01-18) – das reale Buch (auch als Medium Buch) wird in diesem Vergleich nicht überraschend Zweiter. Die Neuen Medien der Gegenwart sind die alten Medien der Zukunft – „Im Grunde beschreibt der Begriff Verfahren und Mittel …, die mittels neuer Technologien Informationen auf bisher nicht gebräuchlichen Wegen verarbeiten. Dies bedeutet, dass verschiedenen Generationen jeweils verschiedene Medien als „Neue Medien“ angesehen haben. … Kennzeichnend für die gegenwärtigen Neuen Medien ist insbesondere ihre Interaktivität“ (Robertz/Wickenhäuser 2010, 2).

Diese Interaktivität kann sehr unterschiedliche Formen annehmen – und einige davon nehmen sogar den Charakter des Ausgangs des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit an … Kritik und Satire können im Rahmen der Neuen Medien Menschen aus verschiedenen Ländern, verschiedener Sprache und verschiedener gesellschaftlicher Stellung erreichen und Wirkung zeigen – die globale Diskussion, die der Vorspann des britischen Street-Art Künstlers Banksy für die Serie „The Simpsons“ ausgelöst hat, demonstriert das: (www.clipfish.de/video/3422639/the-simpsons-banksy-intro). Die Produktionsfirma der Serie, 20th Century Fox, hat diesen Vorspann ursprünglich für die Nutzung im Internet sperren lassen, aber es kursierten bereits auf unzähligen Blogs, Nachrichtenseiten und sonstigen Webauftritten Videos und Mitschnitte, sodass es jedem Interessierten möglich war, nach kurzer Suche, diesen ungewöhnlichen Vorspann selbst zu sehen.

Der amerikanische Philosoph Trenton Merricks, der sich in seinen Arbeiten vor allem mit dem ontologischen Status der Dinge auseinander setzt, beginnt sein Buch über Objekte und Personen mit einem sehr ungewöhnlichen Gedanken: „In this book I shall show that there are no books. Nor are there statues, rocks, tables, stars, or chairs. Indee I shall argue that there are no inanimate macrophysical objects at all. Thus I shall argue against the existence of most of the objects alleged to exist by what we might call, to be trendy “folk ontology”. I shall, however, defend the existence of the folk themselves, and shall do so on the assumption, that they are human organisms. As we shall see …, it will remain somewhat of an open question which other alleged organisms really exist.” (Merrick 2001, 1) Damit stellt er sich außerhalb der philosophischen Tradition (nicht der gesamten Tradition, den solipsistische Ideen, die diesem Gedanken vergleichbar sind, gab es immer wieder), die sich bei dem Philosophen Peter F. Strawson in dem Satz zusammengefasst findet, mit dem er wiederum selbst sein Buch über die Ontologie der Dinge beginnt: „We think of the world as containing particular things some of which are independent of ourselves.“ (Strawson 1959, 15) Was nun wirklich wirklich ist, was unsere Realität ausmacht ist eine Frage, die genuin philosophischer Provenienz ist – nicht immer war außerhalb dieses Philosophendenkens klar, was darunter zu verstehen ist, oder welche Bedeutung derartige Überlegungen für unser Alltagsleben haben. In einem Buch zu zeigen, dass es keine Bücher gibt, hat aber für Jugendliche von heute nicht mehr den Charakter der logischen Antinomie (also des gleich gut begründeten logischen Widerspruchs). Auf diesen Satz können sie zum Beispiel in einem E-Book stoßen, auf ihrem Mobil-Telefon Display lesen, oder über eine Chat-Plattform von einem ihrer Freunde in den USA zugeschickt bekommen haben.

Gefahren entstehen aus der Möglichkeit heraus – und salopp gesagt, wer die Gefahren verteufelt, verteufelt damit zugleich die Möglichkeit selbst. Freiheit und Freiheitsbeschränkung sind zentrale Themen in der Diskussion um Gefahren im Internet, Gefahren in medialen Lebenswelten.

Zu den Herausgebern und den Autoren

Frank J. Robertz ist Dipl.-Kriminologe und Dipl.-Sozialpädagoge. Nach Lehraufträgen an der Universität Hamburg und Forschungsarbeiten für verschiedene Hamburger Behörden leitet er in Berlin das Institut für Gewaltprävention und angewandte Kriminologie (IGaK).“ – findet man auf der homepage des Instituts (www.igak.org). Der Fokus des Sammelbandes auf die Gefahren der Neuen Medien wird damit ein wenig verständlicher. Ruben Philipp Wickenhäuser ist ein deutscher Schriftsteller, der 2005 gemeinsam mit Frank J. Robertz das IGak gegründet hat – er studierte Geschichte, Zoologie und physische Anthropologie und veröffentlicht seit 1996 Romane und Sachbücher.

Zu den restlichen Autoren des Bandes zählen: Grietje Staffelt, Stephan Kolbe, Lothar Mikos, Wolfgang Bergmann, Jens Hoffmann, Rita Steffesenn, Esther Köhler, Carolin N. Thalemann, Ralf Thalemann, Stefan Glaser, Michael Grunewald, Corinna Bochmann, Wolfram Hilpert, Walter Staufer, Dagmar Hoffmann und Angela Ittel.

Orte der Wirklichkeit

„Triangulierung der Wirklichkeiten“- mit dieser Idee verknüpfen die Herausgeber nicht nur die verschiedenen Modi von Realität sondern auch die Bestimmung und Konkretisierung von Verantwortung im Umgang und in der Anleitung des Umgangs mit den Neuen Medien – „Unsere Aufgabe als Erwachsene ist es, die drei Wirklichkeitsebenen zu triangulieren, also mit den Stärken einer Ebene die Schwäche der beiden anderen Ebenen auszugleichen. Es kommt darauf an, ein ausgeglichenes Verhältnis zu schaffen und sich nicht in einer Wirklichkeitsebene zu verlieren.“ (Robertz/Wickenhäuser 2010, 4)

Das Buch gliedert sich in vier Abschnitte – ausgehend von vier Beiträgen, die sich mit verschiedenen Perspektiven auf die Neuen Medien befassen: als Weltsichten tituliert, werden im ersten Teil die Grundlagen für die Beschreibung der Problemfelder geliefert („Weltsichten“ - Robertz/Wickenhäuser 2010, 6-62). Als Problembereich der Neuen Medien werden in den Aufsätzen des zweiten Teils Cyberstalking, Cyberbullying, Internet-Pornographie, sogenannte „Killerspiele“, Computerspielsucht und rechtsextreme Propaganda im Internet thematisiert (Problemlagen – Robertz/Wickenhäuser 2010, 63-147). Im dritten Abschnitt des Buches werden zwei sehr konkrete Beispiele für Jugendschutz vorgestellt –zum einen die Arbeit der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) und zum anderen die Arbeit der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM). Den Abschluss dieses Abschnittes bildet ein Beitrag zu den medienpädagogischen Implikationen der Nutzung von Neuen Medien durch Jugendliche (Robertz/Wickenhäuser 2010, 148-185). Der letzte Teil des Buches liefert Arbeits- und Informationsblätter, die im Schulunterricht eingesetzt werden können, die aber auch von Eltern als Anregungen für die Förderung der Medienkompetenz ihrer Kinder verwendet werden können (Robertz/Wickenhäuser 2010, 186-214). Ein ausführliches Literaturverzeichnis findet sich noch am Ende des Buches, sowie eine kurze Vorstellung der einzelnen Autoren.

Das Buch ist sehr klar gegliedert – in den einzelnen Beiträgen finden sich immer wieder Informationskästchen, die Definitionen oder Auflistungen beinhalten, die im Text angesprochen werden. Es gibt einige Bildbeispiele (screenshots), die es leicht machen, den Ausführungen der Autoren zu folgen, wenn von Chatrooms, Spielsituationen und ähnlichem gesprochen wird. Diese Eigenschaften machen das Buch zu einem kompetenten Nachschlagewerk, das aber auch in einem Zug durchgelesen werden kann.

Ou Topos: Suche nach dem Ort, den es geben müsste

Vielfalt ist in vielen Bereichen gesellschaftlichen Zusammenlebens nur schwer handhabbar – Vielfalt erhält sich mitunter nur dort, wo es gelingt, eine starre Reglementierung zu unterwandern oder zu umgehen. Das ist auch bei den Neuen Medien nicht anders: „Besondere Beliebtheit erfreut sich das Medium auch deshalb, weil es nicht allein von professionellen Anbietern, sondern von jedem, der Lust und Zeit hat, mitgestaltet werden kann. Es bildet damit eine schier unerschöpfliche Quelle der Kreativität und des Gedankenaustauschs. … Nicht vernachlässigt werden darf darüber hinaus der gesellschaftlich-politische Aspekt: Solange das Internet schwer kontrollierbar bleibt, so lange haben Menschen auch unter Regimen der Unterdrückung wesentlich bessere Möglichkeiten´, sich Gehör zu verschaffen und auf ihre Lage aufmerksam zu machen, als dies in den Zeiten vor dem Internet der Fall gewesen ist.“ (Robertz/Wickenhäuser 2010, 8) Es muss nicht das diktatorische Regime sein, das als Beispiel für gesellschaftliche Partizipation mittels der Neuen Medien, insbesondere dem Internet, dient. „Stuttgart 21“, „Wikileaks“ oder aktiver Tierschutz (in Form der Tierrechtsbewegung) mögen besonders gut illustrieren, dass politische Aktivität der Bürger neue Formen angenommen hat – politisches Denken außerhalb der politischen Kaste (Berufspolitiker, Kommentatoren, Berater, …) findet vor allem im Rahmen der Neuen Medien statt. Kritisches Denken – als Idee der Aufklärung nach Immanuel Kant greift auf immer mehr auf partizipative Organisationsformen zurück (vgl Horn/Gisi 2009 zum Thema „Schwärme“).

Fazit

Medienkompetenz ist eine wichtige Sache. Mit „Orte der Wirklichkeit“ legen Frank J. Robertz und Ruben Wickenhäuser einen sehr vielfältigen Sammelband vor, der sich dezidiert mit den Gefahren in medialen Lebenswelten auseinandersetzt. Die thematische Gliederung ist sehr übersichtlich, der Schwerpunkt liegt - von den Herausgebern ganz bewusst so gewählt – auf der Sichtbarmachung konkreter Gefahren und dem Aufzeigen von praktischen Lösungen. Die im Anhang vorgelegten Arbeits- und Informationsblätter ermöglichen einen unkomplizierten Einsatz der Materialen im Vermitteln von Medienkompetenz – und das nicht nur im Bereich des Schulunterrichts.

Diesen Stärken stehen aber auch gewisse Schwachpunkte entgegen – der auf die Gefahren ausgerichtete Fokus macht es in manchen Beiträgen schwer, Positives aus dem Umgang mit den Neuen Medien herauszulesen. Medienkompetenz ist nicht nur etwas, das Jugendliche zu erwerben haben, nein, auch Erwachsene müssen sich der Verantwortung stellen und sich über die Möglichkeiten im Umgang mit den Neuen Medien informieren. Der schnelle Ruf nach dem Recht (Verbote, Richtlinien, Kontrollen) und den Schwierigkeiten, die man sich damit einhandelt, werden in dem Sammelband leider nicht systematisch analysiert und die zu Beginn angesprochene „Triangulierung der Wirklichkeiten“, die einen sehr fruchtbaren Ansatz liefern könnte, wird leider nicht theoretisch und systematisch ausgearbeitet. Dem Buch fehlt ein ordentlicher philosophischer Beitrag (das Kapitel von Wolfgang Bergmann zu den Philosophischen Welten ist nicht nur der kürzeste, sondernd auch der schlechteste Beitrag). Aber egal – das Buch ist für einen sehr breiten Leserkreis von Interesse – nämlich schlicht für all jene, die sich die im Band so oft angesprochene Medienkompetenz aneignen wollen, um Kindern und Jugendlichen beim Erwerb eines verantwortungsvollen Umgangs mit den Neuen Medien anleiten zu können. Kurz und knapp: Ich wünsche diesem Buch viele Leser.

Literatur:

  • Anders, G. (1994). „Die Antiquiertheit des Menschen. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution.“ München (GER), Verlag C. H. Beck
  • Anders, G. (1995). „Die Antiquiertheit des Menschen. Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution.“ München (GER), Verlag C. H. Beck
  • Horn E. and L. M. Gisi, Eds. (2009). „Schwärme - Kollektive ohne Zentrum: Eine Wissensgeschichte zwischen Leben und Information.“ Bielefeld (GER), transcript
  • Merricks, T. (2001). “Objects and Persons.” Oxford (UK), Oxford University Press
  • Strawson, P. F. (1959). “Individuals - An Essay in Descriptive Metaphysics.” London (UK), Methuen & Co.

Rezensent
Mag. Harald G. Kratochvila
Homepage www.kompetenz-coaching.at


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Zitiervorschlag
Harald G. Kratochvila. Rezension vom 26.01.2011 zu: Frank J. Robertz, Ruben Philipp Wickenhäuser (Hrsg.): Orte der Wirklichkeit. über Gefahren in medialen Lebenswelten Jugendlicher ; Killerspiele, Happy Slapping, Cyberbullying, Cyberstalking, Computerspielsucht ... ; Medienkompetenz steigern. Springer (Berlin, Heidelberg, New York, Hongkong, London, Mailand, Paris, Tokio, Wien) 2010. ISBN 978-3-642-02511-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10634.php, Datum des Zugriffs 10.12.2016.


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