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Jenö Bango: Theorie der Sozioregion

Cover Jenö Bango: Theorie der Sozioregion. Einführung durch systemische Beobachtungen in vier Welten. Logos Verlag (Berlin) 2003. 291 Seiten. ISBN 978-3-8325-0139-6. 19,90 EUR.

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Thema des Buches

Der Autor will mit der "Theorie der Sozioregion: Einführung durch systemische Beobachtungen in vier Welten" einen Beitrag zum Problem der Regionalisierung liefern.

Jenö Bango versucht in seinem Buch, die "erfundene" (d.h. konstruierte) Region als Sozioregion zu definieren. Er benutzt dazu die Unterscheidung Global/Regional. Die These zur Theorie der Sozioregion lautet: "Die Sozioregion erscheint als eine Synthese von Globalem und Lokalem in der Weltgesellschaft. Sie vereinigt die lebensweltlichen und systemischen Eigenschaften des menschlichen Zusammenlebens. Sie ist ein a) nicht "nur" topographisch räumlich-grenzziehender Ort, b) eine neue Form der Kommunikation anschließend an die "klassischen" sozialen Systeme wie Interaktion, Organisation und Gesellschaft und c) ein neues ausdifferenziertes Funktionssystem, gleichrangig mit Religion, Politik, Recht usw. Sie ist mit einem doppelten binären Code von Teilen/Behalten bzw. Vermitteln/Trennen versehen, die als Charakteristika einer "Proto-Sozialität" zu betrachten wären, und entsprechend ausgestattet mit dem symbolisch generalisierten Medium der Beziehung und dem Doppelprogramm der Solidarität und Inklusion. Ihre Rolle ist lediglich kommunikativ, signalisiert die funktionale Diversivität und die Supra-Territorialität eines "sozialen Raumes" ohne fixierte topographische Grenzen. Sie kann in der heutigen Zeit noch funktional äquivalent sein unter Umständen mit einer allopoietisch konstruierten Provinz, einem Staat oder einer Stadt - evolutionär wird sie aber die volle Autopoiesis erst in der kommenden Zeit erreichen" (S. 1).

Der Autor

Jenö Bando ist emeritierter Soziologieprofessor an der Katholischen Fachhochschule NW/Abteilung Aachen. Zur Zeit doziert er als "senior professor" von der J.G. Herder Stiftung an der „Eötvös Lóránd“ Universität in Budapest. Seine Fachgebiete sind Soziologie der Sozialarbeit, Systemtheorie und Theorien der Weltgesellschaft bzw. Globalisierung und Regionalisierung.

Aufbau und Inhalte

Jenö Bango nähert sich der "Theorie der Sozioregion" mit einigen Beobachtungen aus den vier folgenden Welten: der Lebenswelt ("der Welt, in der wir leben"), der Nutzwelt ("der Welt, die wir nutzen - benutzen oder ausnutzen"), der Konstruktionswelt ("der Welt, die wir konstruieren") und der Zukunftswelt ("der Welt der Globalität oder der Regionalität").

Insgesamt umfasst das 291-seitige Buch vierundzwanzig Kapitel, die in fünf Teile gegliedert sind. In den ersten beiden Teilen werden Faktenanalysen anhand von Zeigungsberichten, Interviews und Teletext-Nachrichten zwischen 1998 und 2002 reflektiert. Hintergrundfolie des dritten und vierten Teils bildet die systemtheoretische Soziologie (nach Luhmann). Es werden ausgewählte Institutionen und Organisationen analysiert und auf die Problematik Global versus Regional fokussiert.

Im ersten Teil: "Die Welt in der wir leben: Probleme und Katastrophen" beschreibt der Autor die unmittelbare physische Umwelt: 'Probleme können sich steigern und werden dann zu Katastrophen' lautet die dahinter liegende Überlegung. "Leben, Gentechnik und Ökologie" werden im ersten Kapitel behandelt, "Meere, Flüsse und trinkbares Wasser", sowie die damit verbundenen Probleme bzw. (potentiellen) Katastrophen, im zweiten Kapitel. Thema von Kapitel drei sind die "Energieprobleme". "Naturkatastrophen" (Kapitel 4), "Klimakatastrophen" (Kapitel 5) und "Hochtechnologien" (Kapitel 6) schließen den ersten Teil ab. Der Verfasser hofft "einerseits, dass aus den Problemen nicht Katastrophen werden und andererseits, dass sich die Katastrophen vermeiden und in Probleme zurück verwandelt werden" können. (S.15) Eine mögliche Lösung globaler Probleme sieht er darin, sich auf die regionalen Stärken zurück zu besinnen. So kommt er beispielsweise im Umgang mit Naturkatastrophen - Erdbeben und Vulkanismus - auf folgende Quint-Essenz: "Die regionale Vorbeugung gegenüber Naturkatastrophen geht nicht ohne globale (per Satelliten) Überwachung und Frühmeldung. Das Globale und das Regionale begegnen sich hier, koordinieren die Maßnahmen und treffen gemeinsam Vorkehrungen. Die postglobale Welt, in der wir leben (werden), ist gleichzeitig global und regional" (S. 44).

In der "zweiten" Welt (die wir (be)nutzen) wird die Unterscheidung Knappheit und Überfluss angewendet. In Kapitel "Wirtschaft: Krisen und Kapitalismus" (Kapitel 7) werden exemplarisch unterschiedliche wirtschaftssoziologische Theorien belichtet. Der Autor bezieht in Kapitel "Gesundheit. Leben ohne Krankheit" neben dem Dual krank/gesund auch Resultate der Alternativmedizin ein. Der Block "Menschenrechte: Souveränität und Gerechtigkeit" (8), "Krieg und Frieden: Unterscheidungen" (9) und "Nachhaltige Entwicklung und Armut" (10) schließt mit den Überlegungen für eine andere zukünftige Entwicklungshilfe: Jede "reiche" Region soll eine "arme" Region aufsuchen und "in einem gemeinsamen Lernprozess die partnerschaftliche Teilung praktizieren. Ziel sollte auf jeden Fall die Stärkung der Selbsthilfe und der Chancen der ökosozialen Entwicklung und der Ausbau einer globalen Vernetzung der regionalen Partnerschaft sein" (S. 111). In der Welt, die wir (be)nutzen sollte ein vorrangiger Platz für junge Menschen reserviert werden. Aus diesem Grund widmet der Autor ein Kapitel der Jugend (11). Die Jugendsoziologie sollte Stellung zur Jugend beziehen, die sich in der heutigen Welt eigenständig, provokativ, widersprüchlich und pluralistisch definiert. Als eine Möglichkeit aus dem "Dickicht der Definitionen, Lebensentwürfe, Programme, Stile und Moden, Richtlinien der Jugendarbeit" bietet Bango die "Idee der Weggemeinschaft" in der Sozioregion. Jugendliche finden in der Sozioregion, in der "die Arbeit als sinnvolle Tätigkeit regional eingebundener Bürger definiert wird", eine Anerkennungskultur, und eine "lebendige Kultur der Teilhabe, die sie im globalen wie im lokalen Kontext vergeblich suchen".

"Es scheint wiederum Hoffungen und Chancen in der regionalisierten Welt zu liegen, die nicht zentral, allopoietisch (z.B. als Weltstaat) und nach dem Dual Zentrum/Peripherie konstruiert wird, sondern dezentral (z.B.) als Föderation selbständiger Regionalformationen); nach der Unterscheidung Global/Regional evolutionär und autopoietisch entsteht" (S. 8). Hoffnungen und Chancen heißen die Pole der dritten Welt: die wir konstruieren (Teil III): In diesem "optimistischen Teil" des Buches geht es dem Autor darum, die Hoffnungen und Chancen abzuwägen. Hier werden in Kapitel 12-17 die Bereiche "Bevölkerung", "Sprachen", "Religionen", "Kulturen", "Kunst" und "Wissenschaft" abgehandelt.

Im Zentrum des vierten Teils steht die "Welt der Zukunft: Globale oder Sozioregionale?". In diesem Abschnitt sollen einige Aspekte des gesellschaftlichen Zukunftsbildes skizziert werden: Geht es mit dem "globalen (wirtschaftlichen) Dorf" weiter, oder haben wir es eher mit einer sozioregional ausdifferenzierten Weltgesellschaft zu tun? In den Kapiteln "Zivilgesellschaft, Weltgesellschaft, Globalisierung", "Postglobale Regionalisierung ist Regiobalisierung", "Die Regiobalisierung führt zur Sozioregion", "Nationalismus und Regionalisierung", "Die Gewalt und die Peripherie des Bösen" und "Zukunft und Demokratie" wird dieser Frage nachgegangen. In diesem Teil übernimmt die systemtheoretische Soziologie eine Führungsrolle bei der Erklärung und Erörterung. Die Konzepte der klassischen Soziologie werden endgültig verlassen und der Leser befindet sich in einer systemtheoretischen Begrifflichkeit (luhmannscher Prägung).

Die Theorie der Sozioregion als mögliche Theorie der Regionalisierung wird im fünften Teil dargestellt. Die Theorie der Sozioregion will eine postmoderne Gesellschaftstheorie sein. "Sie will eine Differenztheorie sein und dadurch die Weiterführung ermöglichen. Vor allem will sie einen Beitrag zum Problem der Regionalisierung liefern" (S.10)

Zielgruppen

Auch wenn einzelne Kapitel durchaus populär geschrieben und mit aktuellen Themen illustriert sind (wie mit dem Terror-Netzwerk Al Quaida im Kapitel "Die Gewalt und die Peripherie des Bösen, mit Formen der Alternativmedizin oder mit dem Welthunger), so braucht es für das Verständnis der Komplexität der "Theorie der Sozioregionen" ein Vorwissen in der Begrifflichkeit und in der Funktionsweise der Systemtheorie (nach Luhmann). Leider werden diese Grundbegriffe erst im fünften Teil definiert, was für einen Leser/eine Leserin ohne diesen Hintergrund den Text manchmal schwer verständlich macht. Das Buch schwankt zwischen einem populären Text für ein breites Publikum und einer Theorie für einen elitären Kreis von Weltverbesserern.

Diskussion

Zwar schreibt Bango einleitend, dass es sich um seine Beobachtungen handelt, und diese "nur Ausschnitte der Gesamtrealität sind", doch wird nicht ersichtlich, nach welchem Auswahlkriterium Problemkreise hineingenommen und wieso Bereiche weggelassen werden. Dies ist insofern störend, als dass der Leser den Eindruck hat, dass hier viele aktuelle Themen aufgegriffen, in das Verhältnis Global/Regional eingeordnet und irgendwie erklärt werden. Wiederum warnt der Autor den Leser: "die Reduktion der Komplexität in "vier Welten" ist nicht einfach, manchmal ambivalent und paradox, und man sollte sie nicht mit der Lösung der Probleme verwechseln" (S.3). Viele Bereiche bleiben dann oberflächlich, behalten das Niveau eines populär geschriebenen Zeitschriftenbeitrags, andere, wie das Raumproblem im "Regionalisierungsdiskurs" werden zwar mit Quellen den aktuellen ExponentInnen der Diskussion belegt, jedoch nie tiefgreifend diskutiert. So wird dann bspw. dieses Thema immer wieder aufgegriffen und es kommt zu Wiederholungen. Das Buch kommt mit dem Habitus einer Welterklärungstheorie (ähnlich wie Manuel Castells "Netzwerkgesellschaft") daher, es fehlt jedoch die sorgfältige Ausarbeitung bis ins letzte Detail. Diese unterlassene Sorgfalt spiegelt sich beispielsweise im Literaturverzeichnis wieder, wo aus Benno Bernhard, oder noch schlimmer die Autorin Martina zum Autor Michael wird.

Weiter ist es verwunderlich, wie praktisch aus jedem Kapitel ein eigenständiger Bereich der Soziologie wird: Aus Umweltprobleme: Biosoziologie und Ökosoziologie, aus Meere, Flüsse die "Soziologie des Wassers", aus der Gesundheitsproblematik die "Medizinsoziologie" oder aus dem Themenbereich "Krieg und Frieden" die Militärsoziologie und die Kriegssoziologie usw. Lauter Bindestrichsoziologien werden in der Herleitung zur umfassenden Theorie der Sozioregion kreiert bzw. beschrieben.

Fazit

Alles in Allem ein interessantes Buch, da es versucht die ganze Komplexität der momentanen Probleme auf knapp 300 Seiten zu fassen (Castells brauchte dazu in der deutschen Ausgabe 3 dicke Bände). Stellenweise konnten mich Bangos Ausführungen fesseln, doch bleibt eben das ungute Gefühl: Irgendwie fehlt die letzte und entgültige Ausarbeitung der "Theorie der Sozioregion". Und ist das Fazit 'In der Sozioregion ist alles gut', angesichts der Komplexität der Problemlagen wirklich richtig?


Rezensent
Prof. Dr. Christian Reutlinger
FHS St.Gallen - Hochschule für Angewandte Wissenschaften
Institut IFSA
Homepage www.fhsg.ch/ifsa
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Zitiervorschlag
Christian Reutlinger. Rezension vom 16.09.2003 zu: Jenö Bango: Theorie der Sozioregion. Logos Verlag (Berlin) 2003. 291 Seiten. ISBN 978-3-8325-0139-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1064.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.


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