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Volker Gottowik (Hrsg.): Die Ethnographen des letzten Paradieses

Cover Volker Gottowik (Hrsg.): Die Ethnographen des letzten Paradieses. Victor von Plessen und Walter Spies in Indonesien. transcript (Bielefeld) 2010. 359 Seiten. ISBN 978-3-8376-1332-2. 36,80 EUR.

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Dem Vergessen entreißen - Quellen suchen – Aha-Erlebnisse

Die Frage „wie wir geworden sind, wie wir sind“ ist immer eine historische und mentale Herausforderung: Wenn du wissen willst, wer du bist, befrage deine Geschichte! Die ethnologische und ethnografische Nachschau nach dem Sosein der Menschen, in der lokalen Umgebung genau so wie in und mit der Ferne, ist immer auch mit Neugier verbunden; und zwar sowohl im Sinne von „etwas Neues anschauen, entdecken“, als auch „hinter die Dinge schauen“, also sich nicht mit Vordergründigem, Diktiertem und Verordnetem zufrieden geben. Die Wissenschaft der Ethnologie, in der ursprünglichen Bedeutung der „Kunde über fremde Völker“, versteht sich heute als gegenwartsbezogene Kultur- und Sozialwissenschaft und Teil einer anthropologischen, vernetzten Disziplin (Werner Petermann, Anthropologie unserer Zeit, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2010, in: socialnet Rezensionen, www.socialnet.de/rezensionen/10567.php). Nicht zuletzt in der sich immer interdependenter, entgrenzender (und ungerechter) sich entwickelnden (so genannten) EINEN WELT ist die Frage, wie Menschen anderswo denken und handeln nicht mehr nur ein Aspekt intellektueller Neugier geworden, sondern stellt eine echte Überlebensherausforderung für die Menschheit dar. Mit den im Bildungsdiskurs benutzten Begriffen, wie „Interkulturelles Lernen“, „Globale Bildung“ „Transkulturalität“ gewinnt die ethnografische Perspektive der „Faszination“ eine neue Bedeutung.

Es gibt immer und überall Neues zu entdecken und nicht selten dem Vergessen zu entreißen; ob es faszinierende Menschen waren, die zu ihrer Zeit, Hervorragendes geleistet haben, oder Situationen, die Aufmerksamkeit und Veränderungen bewirkten. Es sei dem Rezensenten erlaubt, gewissermaßen als Einschub und in diesem Zusammenhang,, an jemand zu erinnern, der in der Wissenschaft und im gesellschaftlichen Gedächtnis vergessen wurde: Den (vermutlich) ersten deutschen Afrikaforscher, den Hildesheimer Friedrich Konrad Hornemann (1772 – 1801), dessen Spuren an den Ufern des westafrikanischen Flusses, den er im Auftrag der Londoner Afrikanischen Gesellschaft erforschen sollte, verloren gegangen sind und in der Rezeption seiner Forschungsarbeit in Deutschland vernachlässigt wurden. An der Universität Hildesheim hat es von 1998 bis 2005 vier wissenschaftliche Symposien und eine Ringvorlesung gegeben, mit der Absicht, Hornemanns Leistungen auf dem Gebiet der ethnologischen und ethnografischen Neugier nicht in Vergessenheit geraten zu lassen[1]; zumal bei der historischen Quellensuche vielfältige Bezüge und Anknüpfungspunkte deutlich wurden, die plötzlich das Gestern als Heute und zukünftige Morgen erscheinen ließen. So kam z. B. bei den Hildesheimer Forschungsarbeiten zutage, was vielfältige Ähnlichkeiten mit dem hier zu besprechenden Buch (oder soll man eher sagen „Projekt“?) aufweist: In der Nachfolge der Hornemann-Arbeiten hat sich der seinerzeitige Museumsdirektor und Ethnologe Walter Konrad (1921 – 1983) auf die Spuren Hornemanns in der heutigen Republik Tschad gemacht. Konrads ethnologische Arbeiten, insbesondere seine Forschungen über die westafrikanischen Schmiede (auf Stummfilmstreifen), sind bis heute unveröffentlicht und sein Nachlass im Hildesheimer Stadtarchiv wartet auf eine wissenschaftliche Hebung.

Doch zurück zu den „letzten Paradiesen“. Die Metapher knüpft sowohl an Mythen, Erwartungen, Visionen und Sehnsüchten (der europäischen Schriftsteller, Maler, Musiker, Fotografen und anderen Sehnsuchtssuchenden an, als auch an Forschungsneugier von Ethnologen. Während für die ersteren die eigene und gesellschaftliche Sinnsuche, nicht selten die Flucht vor oder der Widerstand gegen die realen, schnöden Wirklichkeiten zu Hause, die Antriebsfeder für die Suche nach dem „Paradies“ war, fanden die Ethnologen oft genug im „Paradies“ höllische Zustände des mühevollen Überlebens der Bewohner vor.

Entstehungshintergrund

Vom 14. bis 15. Juli 2006 fand beim Institut für Ethnologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt/M. ein Symposium statt, bei dem die vorhandenen (bisher unveröffentlichten) Nachlässe von zwei Ethnografen vorgestellt und diskutiert wurden, die sich in den 1920er und 1930er Jahren in Indonesien auf die Suche nach dem „Paradies“ machten. Die Initiatoren der Veranstaltung wollten dabei nicht nur die verschriftlichten Nachlässe der Forscher in das wissenschaftliche Gedächtnis holen, sondern auch deren kulturelles Schaffen insgesamt bewusst machen, gewissermaßen ein „ethnographisches Lesebuch (vorlegen), das wissenschaftliche Abhandlung und persönliche Erinnerung, Reisetagebuch und Briefauszug, Photographie und Musik umfasst“. Damit formulieren die Frankfurter Ethnologen einen Aspekt, der sich immer stärker in das wissenschaftliche (Forschungs-)Bewusstsein einprägt, dass nämlich, in der Forschung wie in der alltäglichen, gesellschaftlichen, lokalen und globalen Lebensbewältigung, ein vernetztes Tätigwerden unabdingbar ist (vgl. dazu: Michael Bommes / Veronika Tacke, Hrsg., Netzwerke in der funktional differenzierten Gesellschaft, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2011, in: socialnet Rezensionen, www.socialnet.de/rezensionen/10342.php; sowie: Markus Gamper / Linda Reschke, Hrsg., Knoten und Kanten. Soziale Netzwerkanalyse in Wirtschafts- und Migrationsforschung, transcript Verlag, Bielefeld 2010, in: socialnet Rezensionen, www.socialnet.de/rezensionen/10555.php).

Um wen geht es? Der Ornithologe, Maler, Filmemacher, Ethnologe und Autor, Baron Victor von Plessen (1900 – 1980), unternahm mehrere Forschungsreisen nach Bali. Dort lernte er den Musiker und Künstler Walter Spies (1895 – 1942) kennen, der seit 1927 auf der Insel Bali lebte und insbesondere die einheimische Gamelanmusik erforschte und die Entstehung von Musikgruppen förderte. Spies führte Plessen in die Kulturen Balis ein, in das Theater, die Tänze und die mythischen und mystischen, religiösen Vorstellungen der Einheimischen. Sie drehten Filme zusammen, bei denen sie sich bemühten, zum einen die Phantasievorstellungen der (europäischen) Kinogänger vom „Paradies“ zu befriedigen, zum anderen aber auch die Wirklichkeiten und Imponderabilien der einheimischen Schauspieler aufzuzeigen: Die Stummfilme „Insel der Dämonen“ (1932/33) und „Kopfjäger von Borneo“ (1936) als Zeugnisse von fremdartigen kulturellen Sitten und Gebräuchen. Victor von Plessens „Malaiisches Tagebuch“ wird im Buch erstmals in Auszügen veröffentlicht.

Aufbau

Der Herausgeber des Sammelbandes, dem eine CD „Hommage á Walter Spies“ beigegeben ist, mit Klavierstücken, gespielt von Steffen Schleiermacher (um damit den „multimedialen Charakter des Symposiums“ abzubilden), der Privatdozent am Frankfurter ethnologischen Institut, Volker Gottowik, gliedert die Veröffentlichung, neben der Einleitung und dem Grußwort der Baronin Victoria von Plessen, der Tochter des einen Ethnografen, in drei Kapitel.

I. Die Ethnographen: Biographischer und zeitgeschichtlicher Rahmen

Daniel Börsch, Produzent und Komponist, bietet in seinem Beitrag „Maler, Ethnograph, Ornitologe, Filmemacher und Schriftsteller: Aus dem Leben des Baron Victor von Plessen“ Einblicke in die Lebensgeschichte dieses in seiner Zeit bekannten und anerkannten und vielfältigen Menschen. Seine Expeditionen nach Südostasien, sowohl im Auftrag des Berliner Naturkundemuseums in den 1920er und 1930er Jahren durchgeführt, als auch sein steigendes Interesse an den Kulturen der Völker des indonesischen Inselarchipels, auch zusammen mit seiner Frau Marie-Izabel Freiin von Jenisch, besonders nach Borneo und Bali, sind mit Mühen und Anstrengungen verbunden und verlangten den europäischen Ethnographen und Filmemachern viel ab. Das sich später in der ethnographischen Feldforschung durchgesetzte Prinzip der teilnehmenden Beobachtung kommt in den Film-, Tagebuch- und Fotoarbeiten Plessners bereits deutlich zum Ausdruck. „Sie“, die Einheimischen, „Objekte seiner ethnographischen Neugier, aber auch Subjekte seines Wunsches nach künstlerischer Gestaltung und Verdichtung seiner mit ihnen erlebte(n) Erfahrungen“.

Die im Buch abgedruckten 15seitigen Auszüge aus dem bisher unveröffentlichten Malaiischem Tagebuch von Plessens geben einen anschaulichen und für den Leser nachvollziehbaren Eindruck der mühevollen, schwierigen und nicht immer von kulturellen Missverständnissen freien Beobachtungen des Ethnografen. Wie lässt sich heute interpretieren, was Plessen kurz vor seiner Abreise aus Bali in sein Tagebuch schreibt? „Warum verlasse ich diese herrliche Insel, wo ich zufrieden und glücklich bin? Wir Europäer vertragen eben kein wirkliches Paradies“.

Der Pianist Steffen Schleiermacher stellt in seiner „Homage á Walter Spies“ den zweiten Ethnografen, Künstler und Musiker vor, der es Victor von Plessen erst ermöglicht hat, seine Filme zu drehen und seine ethnografischen Beobachtungen durchzuführen. Der in Russland geborene, während des Ersten Weltkriegs internierte und nach dem Krieg nach Dresden übergesiedelte Walter Spies gehörte dem Berliner Künstlerkreis um Otto Dix, Oskar Kokoschka und anderen an. Der sprachbegabte Musiker und Filmemacher ist auf der Suche nach dem Anderen – und findet es auf Bali, dem „Paradies“. Besonders die traditionelle Gamelanmusik mit den Metallophonen, Gongs, Becken und Trommeln fasziniert ihn. Er wird Mitglied des javanischen Orchesters, baut sich 1927auf Bali ein Haus, malt, musiziert, sammelt und fotografiert und schreibt: „Ich bin der glücklichste Mensch auf Erden“. Sein Haus entwickelt sich zum kulturellen Mittelpunkt für Bali-Reisende. Er lernt den kanadischen Komponisten und Musikethnologen Colin McPhee kennen, der von der Gamelan-Musik fasziniert ist und dessen Forschungen, Aufzeichnungen und Interpretationen der musikalischen Tradition Indonesiens bis heute Bedeutung haben, und zeigt voller Stolz seinen Besuchern, darunter auch Charlie Chaplin, „seine“ Insel. Der Zweite Weltkrieg, mit dem deutschen Angriff auf die Niederlande, veranlasste die holländischen Kolonialherren in Niederländisch-Indien dazu, die auf den Inseln lebenden Deutschen zu internieren. Walter Spies überlebt die Verlegung der Gefangenen mit dem Schiff 1942 nach Ceylon nicht.

Der Präsident der Kölner „Walter-Spies-Gesellschaft Deutschland“, Horst Jordt, stellt „Zeugnisse einer Freundschaft zwischen Spies und von Plessen“ dar, indem er aus unveröffentlichten Briefen zitiert und dabei feststellt, dass der Begriff „Paradies“, den Spies verwendet, davon gekennzeichnet sei, dass er „die vielschichtigen Realitäten Balis dort ausblendete, wo sie seinem Bild vom Paradies im Wege gestanden hätten“. Die daraus entstehenden Einflüsse, die Spies auf Schriftsteller wie Miguel Covarrubias, Vicki Baum, aber auch auf Anthropologen wie Margaret Mead ausübte, müssten kritisch hinterfragt werden. Die echte Freundschaft der beiden Männer, getragen von ihrem Humor und ihrem nicht-kolonialem Umgang mit den Einheimischen, wird in den Briefauszügen deutlich.

Orient und Südsee seien die beiden gedanklichen Fluchtpunkte bei der Imagination paradiesischer Lebensvorstellungen (der Europäer!), so erklärt Volker Gottowik die vielfältigen Kontakte, die Maler und Schriftsteller in den Jahrzehnten der 1900 Jahre aus Unzufriedenheit mit den europäischen Verhältnissen suchten. Bei seinem Nachdenken darüber, wie sich der „Kreis um Walter Spies und die Deutung des Calonarang“ erklären lasse, kommt er zu dem Ergebnis, dass die Spiesschen Erklärungen der zahlreichen Barong-Figuren, der Tänze und der Musik bei seinen europäischen Besuchern sowohl richtige als auch missverständliche Interpretationen und Bewertungen der balinesischen Kultur verursachten.

II. Das letzte Paradies: Ansichten in Film und Theater

Der am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich lehrende Wolfgang Fuhrmann stellt „vorläufige Überlegungen zur Geschichte und Ästhetik des ethnographischen Films“ an, indem er darauf hinweist, dass es in der Frühzeit der deutschsprachigen Ethnographie und Filmgeschichte erheblich mehr Feldforschungsfilme gegeben hat, als in der Rezeption und Forschung bisher bekannt sind (eine Vermutung, die mit Hinweis auf die Feldforschungen des Hildesheimers Walter Konrad, s.o., bestätigt werden kann). Plessners (vergessene) Filme machen das zudem deutlich.

Die Kuratorin des Deutschen Kinemathek-Museums für Film und Fernsehen in Berlin, Gerlinde Waz, sieht zudem in Victor von Plessens Südseefilmen sowohl ethnografische, als auch poetische Momente und betrachtet sie im „Spiegel seiner Zeit“ als Verweise für den „Primitiv-Stil“ der Brücke-Maler und die Sehnsucht nach dem einfachen Leben. Mit einer Filmanalyse weist die Autorin hin auf das Wechselspiel von der Darstellung des Primitiven, Exotischen, Wilden und Sensationellen , über Gaugins, Emil Noldes und der anderen Maler jener Zeit Entdeckungen des Ursprünglichen, als ethnographischen Perspektivenwechsel hin zur Wahrnehmung und Darstellung des Alltäglichen und damit (vorsichtig) der Annäherung zum Vertrauten und Eigenen.

Die Heidelberger Ethnologin Annette Hornbacher nimmt „Artauds experimentelles Theater als transkultureller Entwurf zwischen balinesischem Tanzdrame und japanischem Butoh“ zum Anlass, über Ausdrucksformen nachzudenken, wie das gewohnte eurozentrierte Denken durch interkulturelle Begegnungen überwunden werden kann. Der französische Schauspieler, Regisseur, Dichter und Essayist Antonin Artaud (1896 – 1948) gilt als einer der innovativsten Vertreter des europäischen Avantgardtheaters. Seine Begegnungen mit dem balinesischen Theater und Tanz verdeutlichten, dass „die performativen Besonderheiten Balis als Ausdruck eines Körperkonzepts (verstanden werden kann), das einen prinzipiell anderen Begriff von Menschsein und Welt vermittelt als das westliche Theater“. Transkulturelle Vergleiche, wie in unserem Beispiel zwischen dem balinesischen Tanz ,dem japanischen Butoh und europäischen Stilen, machen deutlich, dass eine künstlerische, kulturkritische Auseinandersetzung, die sich nicht ökonomischen oder dominanz- und machtpolitischen Kriterien unterwirft, in der Lage ist, „Wege einer subversiven Identitätssuche und Weltdeutung“ aufzuzeigen.

Gerhard Dressel von der Konstanzer Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung hat sich im Plessners Nachlass die Informationen angeschaut, die Auskunft über „Plessen Factory“, den Aktivitäten über die Filmproduktion des Barons, geben. In der Konstruktion und Arbeitsweise der Firma „plessen factory batavia“ sieht Dressel Geschäfts- und Kooperationsformen, die denen des heutigen „learn management“ nahe kommen. Anlass der Recherche war, dass an der Konstanzer Hochschule Theaterstücke produziert werden, die bei internationalen Festivals zur Aufführung kommen. In dem sich über mehrere Semester verteilenden, bilateralen deutsch-indonesischen Theaterprojekt wurde das Werk von Walter Spies und in dem Zusammenhang auch die Person und die Filme von Victor von Plessen einbezogen. Die multimediale Szenencollage „PASSWORD PARADISE – Die Indonesien-Expeditionen des Dokumentarfilmers, Malers und Zoologen Victor Baron von Plessen“ endet mit der bezeichnenden Einblendung des Schlusstitels aus Plessens Film „Die Insel der Dämonen“: „Und der Götter Ende dämmert jetzt auf – Soll ich das Licht jetzt – schon – ausknipsen?, eine Metapher, die viele aktuelle Vermutungen und Interpretationen zulässt!

III. Zwischen Dokumentation und Imagionation

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin im Berliner Ethnologischen Museum, Susanne Ziegler, beginnt das dritte Kapitel mit ihrem Bericht über historische Tonaufnahmen indonesischer Musik im Berliner Phonogramm-Archiv: „“Mit dem Phonographen unterwegs“. Sie beschreibt die Technik der Aufnahmeinstrumente und stellt die in Berlin vorhandenen Walzenaufnahmen indonesischer Musik vor, informiert über die Umsetzung der historischen Quellen auf die moderne digitale Technik, die heutige Unterbringung im Schallarchiv der musikethnologischen Abteilung des Museums, ihre Erforschung und Auswertung.

Als Replik sei wiederum erlaubt, auf das 2006 in Zusammenarbeit mit der Hannöverschen Hochschule für Musik und Theater an der Stiftungsuniversität Hildesheim gegründete „Centrum für Weltmusik“ hinzuweisen, mit dem „Music of Man“ – Archiv des Musikethnologen Prof. Dr. Wolfgang Laade (Zürich), das 50.000 Tonträger und rund 500 Musikinstrumente von außereuropäischen Kulturen umfasst, sowie der „Rolf-Irle-Sammlung“ mit mehreren Tausend Musikinstrumenten aus allen Teilen der Erde. In der Tonträgersammlung befinden sich zahlreiche Beispiele auch aus dem indonesischen Musik- und Kulturschaffen.

Der Musikethnologe und Direktor des Passauer „Centre for Southeast Asian Art“, Werner Kraus, stellt in seinem Beitrag „Benevolenter Orientalismus?“ den europäischen und asiatischen Expertenkreis vor, der die javanische Musik in die internationale, kulturelle Aufmerksamkeit gehoben und insbesondere dazu beigetragen hat, dass sich „eine Gamelan-Notation und –Theorie“ entwickeln konnte. Dabei unternimmt er eine Wiederentdeckung einer Frau aus Österreich, die eigentlich Sieglinde Hofland, geb. Leber, hieß, sich aber, als Musikethnologin und Komponistin, Linda Bandara (1881 – 1960) nannte und mit Walter Spies und Mitgliedern des balinesischen Fürstenhauses Paku Alam in Yogvakarta bekannt war. Bei ihrer intermusikalischen Arbeit achtete sie jedoch sehr darauf, keine unangemessene und unausgereifte Vermischung der unterschiedlichen Musikstile und –auffassungen vorzunehmen.

Die Berliner Musikethnologin Kendra Stepputat, die u. a. in Bali Tanz und Musik studierte, die Gamelan-Gruppe „Kacau Balau“ gründete, das balinesische Gamelan Beleganjur spielt, berichtet im Rahmen ihres Dissertationsprojektes „The kecak - a Balinese Danceform, its Genesis, Development and Manifestation Today“ über „The Genesis of a Dance-Genre: Walter Spies and the Kecak“. In dem in englischer Sprache verfassten Text setzt sie sich mit der Entstehung und Entwicklung des „cak“ auseinander und zeigt in zahlreichen Beispielen den Einfluss von Walter Spies auf. Die kulturprägenden und typischen balinesischen Kunstformen, wie etwa das Kecak, von einer deutschen Musikethnologin dargelegt zu bekommen, lassen sich mit der historischen Bedeutung in Genre bei Walter Spies vergleichen.

Der wissenschaftliche Mitarbeiter beim DFG-Forschungsprojekt „Digitalisierung und Erschließung der ethnographischen Bildersammlung des Frobenius-Instituts“. Dirk Lang, informiert, ebenfalls aus seinem Dissertationsvorhaben „Zur Rolle von Fremdeinflüssen in Konstituierungs- und Systematisierungsprozessen religiöser Konzepte in West-Indonesien“, über die „Imagination und Projektion am Beispiel des Kannibalismus-Topos bei den Batak“. Wie wir bereits in der Auseinandersetzung mit Plessens Filmen gesehen haben, wechseln in der (europäischen) Wahrnehmung die Faszination für das Exotische und Fremde mit abschreckenden Empfindungen: „Menschen, Kulturen und Landschaften wurden in ihren Extremen paradiesisch verklärt oder als stereotype Beispiele von Wildheit, Primitivität und Heidentum überzeichnet“. Das auf Sumatra lebende Bergvolk der Batak muss für (europäische) Schriftsteller herhalten, um mit der literarischen Grenzüberschreitung das Interessante und Sensationelle hervorzuheben. Die Analyse, wie das Anthropophagiemotiv von den Batak selbst bewertet, aber auch von den indonesischen Gesamtstaat-Machtansprüchen genutzt wird, ist aufschlussreich.

Hiltrud Theresia Cordes, Fotografin, Koordinatorin für Dokumentarfilme, Dolmetscherin für die indonesische Sprache und Geschäftsführerin des „Orangerie – Theaters im Volksgarten“ in Köln, beschließt den Sammelband mit ihrer Reflexion „Die Enkel der Kopfjäger. Zur Entstehungsgeschichte eines Dokumentarfilms“. Mit ihrem Bericht über die Motive, Ziele und Methoden bei der Herstellung des im Fernsehsender „arte“ am 15. Mai 2003 erstmals ausgestrahlten Films, den die Autorin zusammen mit dem Filmemacher Eberhard Meyer produzierte und dabei den heutigen Dorfbewohnern den Plessen-Spielfilm „Kopfjäger von Borneo“ vorführte, pickst die Ethnologin in ein sensibles Nest aus historischer Forschung und Voyeurismus. Zwei Zeitzeugen, die Victor von Plessen bei seinen Filmaufnahmen in ihren Dörfern erlebt haben, bilden dabei gewissermaßen den Erinnerungs- und Authentizitätsrahmen, während die Frage nach dem Leben der Menschen in den Dörfern Pelben und Long Leju heute, den positiven und negativen Veränderungen, die Handlung des Films bestimmen.

Fazit

Die Auseinandersetzung über das Wirken und die Wirkungen der ethnografischen Forschung für die Adressaten und Adapten, lässt sich sowohl mentalitätsbestimmt und ideologiekritisch, als auch transkulturell und empathisch führen. Dass diese Zugangsweisen und Imponderabilien keine Gegensätze sein müssen, sondern sich wissenschaftlich interdisziplinär, zumindest aber kooperativ gestalten können, zeigt der Sammelband „Die Ethnographen des letzten Paradieses“. Die kritische Wiederentdeckung von Ethnografen, die mit ihrer Arbeit zweifelsohne im kulturellen Gedächtnis der Menschen Spuren hinterlassen haben, lässt sich vielleicht auch als Neubewertung von ethnologischem Denken und Handeln lesen. Denn es ist der Anthropos mit seiner Vielfalt, Gleichwertigkeit und Würde, der die Menschheit in sich trägt. Die Ethnologie und damit auch die Ethnographie kann einen wichtigen Erkenntnisstein zu dieser Empathie leisten.

Dem Sammelband ist eine CD-ROM beigelegt, die eine „Hommage á Walter Spies“ zum Hören bringt. Es sind pianistische Auseinandersetzungen von Komponisten, die sich, zusammen mit Walter Spies und Victor von Plessen, um ein Verstehen und Aufnehmen der balinesischen, insbesondere der Gamelan-Musik bemüht haben und in verschiedenen Versuchen und Zugängen eine Adaption und/oder eine interkulturelle Begegnung durch ihre Klaviermusik, gespielt von Steffen Schleiermacher, zu Gehör bringen; eine interessante, intermediale Form der Lektüre. Ein zusätzliches Moment der Rezeption könnte bieten, wenn es gelänge, auch Auszüge der Rezitation aus dem unveröffentlichten Manuskript „Malaiisches Tagebuch“ von Victor von Plessen, die vom Stéphan Bittoun vom Frankfurter Schauspielhaus während des Symposiums 2006 vorgetragen wurden, der CD beizufügen.

[1] vgl. dazu: Herward Sieberg / Jos Schnurer (Hrsg.), „Ich bin völlig Africaner und hier wie zu Hause…“ F. K. Hornemann (1772 – 1801). Begegnungen mit West- und Zentralafrika im Wandel der Zeit; Hildesheimer Universitätsschriften, Bd. 7, Hildesheim 1999, 204 S.; Gerhard Meier-Hilbert / Jos Schnurer (Hrsg.), Friedrich Konrad Hornemann in Siwa. 200 Jahre Afrikaforschung, a.a.o., Bd. 11,2002, 212 S.; Gerhard Meier-Hilbert / Jos Schnurer (Hrsg.), Begegnungen im Tschad – Gestern und Heute, a.a.o., Bd. 13, 2004, 182 S.; Gerd Busse / Gerhard Meier-Hilbert / Jos Schnurer (Hrsg.), Spurensuche in der Afrikaforschung – Von F. K. Hornemann bis heute. Ausgewählte Ergebnisse zur Afrikaforschung an der Reiseroute von F. K. Hornemann, Paulo Freire Verlag, Oldenburg 2007, 180 S.; Gerd Busse / Gerhard Meier-Hilbert / Jos Schnurer (Hrsg.), Kinder in Afrika, Ringvorlesung Wintersemester 2003/04, Paulo Freire Verlag, Oldenburg 2005, 315 S.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 19.01.2011 zu: Volker Gottowik (Hrsg.): Die Ethnographen des letzten Paradieses. transcript (Bielefeld) 2010. 359 Seiten. ISBN 978-3-8376-1332-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10659.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.


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