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Klaus Michael Meyer-Abich: Was es bedeutet, gesund zu sein

Cover Klaus Michael Meyer-Abich: Was es bedeutet, gesund zu sein. Philosophie der Medizin. Hanser Verlag (München) 2010. 639 Seiten. ISBN 978-3-446-23413-0. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 47,90 sFr.
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Autor und Thema

Zu seiner Motivation das Buch zu schreiben, gibt uns der Verfasser im persönlichen Nachwort (583-585) eine klare Auskunft: „Ich bin Naturphilosoph und möchte verstehen, wie der Mensch zur Natur gehört. Naturwissenschaftlich ist dies eine Frage der Medizin, philosophisch also eine der Philosophie der Medizin. Da noch niemand eine solche Philosophie entworfen hat, musste ich das Buch selber schreiben.“ (583) Der Untertitel des Buches „Philosophie der Medizin“ reklamiert denn auch selbstbewusst, dass hier das Terrain für eine neue Sichtweise auf Fragen von Gesundheit und Krankheit abgesteckt wird. Ob die Behauptung der Einzigartigkeit des gewagten Schrittes jeder Prüfung durch das nationale und internationale Schrifttum standhalten kann, mag der Rezensent nicht entscheiden. In jedem Fall setzt der gebürtige Hamburger, der nach seiner langjährigen Tätigkeit als Ordinarius für Naturphilosophie an der Universität Essen seit längerem wieder in seiner Heimatstadt lebt, zu einem großen Wurf an. Und der Titel „Was es bedeutet, gesund zu sein“ benennt sehr treffend die analytische und die programmatische Komponente der Schrift. Gesundheit und Krankheit müssen auf ihren Sinn hin untersucht werden. Erst dann wird aus der schlichten Feststellung, dass wir leben wollen, die fragende Überlegung, wie wir leben wollen, entwickelt werden können. Im Horizont der Entscheidungsmöglichkeiten aber erscheinen mögliche persönliche oder auch politische Konsequenzen. Um solche Entscheidungen geht es: „Mich bewegen die philosophischen Voraussetzungen, unter denen wir uns in der Natur politisch und industriewirtschaftlich richtig oder falsch verhalten.“ (583)

Eine kritische Haltung zur naturwissenschaftlichen Medizin ist in der gegenwärtigen populären Diskussion allenthalben spürbar. Häufig wird das Argument der ungebremsten Kostenentwicklung angeführt. Ebenfalls oft wird der Medizin eine verengte, gar unmenschliche Sichtweise zugeschrieben. Vor diesem Hintergrund kommt dieses Buch zur rechten Zeit. Wer allerdings leichte Gedanken und schnelle Lösungsmuster abgreifen wollte, wird enttäuscht werden. Klaus Michael Meyer-Abich ist ein ganzheitlicher Denker. Er löst die disziplinäre Abgrenzung der Medizin auf und verstrickt die Fragen von Gesundheit und Krankheit mit den vielfältigen Bezügen des individuellen, des sozialen und des natürlichen Lebens. Wer sich auf diese Medizinphilosophie einlässt, wird sich also in dieser Verstrickung wiederfinden und auch einsehen, dass sich das Ganze verändern sollte und könnte. Keine Aufgabe, die sich mal eben nebenher erledigen ließe.

Aufbau und Inhalt

Der Gedankengang des Buches ist in fünf große Kapitel gegliedert. Sie spannen den Bogen von einer technisch-naturwissenschaftlichen Auffassung der Medizin über die Erörterung verschiedener Ausprägungen von Mitsein hin zur Erörterung der Frage nach einer wünschbaren und möglichen künftigen Lebensform der Menschen: „Was einem Menschen in den verschiedenen ganzheitlichen Horizonten seines Daseins fehlen kann, so dass er schließlich krank wird, ist die Leitfrage, welcher dieses Buch von Anfang bis zu Ende folgt. Die Antwort ist, dass Gesundheit und Krankheit Charaktere zunächst des psychosomatischen , sodann des gesellschaftlichen oder schließlich des natürlichen Mitseins sind. Der Gesichtskreis des Therapeuten wird in diesen drei Schritten vom Teil auf das Ganze erweitert. Menschen leben nicht nur in dem so gestuften Mitsein, sondern sie leben auch aus diesem Mitsein.“ (15) Die politische Konklusion dazu wird in einem Epilog skizziert, der als Alternative zum bestehenden unsolidarischen Krankenversorgungssystem die Vision von solidarischen Gesundheitsversorgungsunternehmen zeichnet. Durch sie ließe sich ein drohender, totalitärer Gesundheitsstaat abwenden. Die Gesellschaft muss Gesundheitspolitik als Querschnittsaufgabe begreifen: „Die Einsicht, dass unsere Lebensformen leibfremd und dadurch ungesund geworden sind, hat politische und wirtschaftliche Konsequenzen für fast alle Lebensbereiche. Soweit durch nicht medizinische Maßnahmen mittlerweile mehr für die Gesundheit getan werden kann als durch die medizinische Versorgung, sollte sich der gesundheitspolitische Diskurs also auch damit beschäftigen, wie insbesondere durch Bildungs-, Sozial-, Wirtschafts-, Beschäftigungs-, Verkehrs-, Städtebau- und Umweltpolitik umfassender als bisher für die allgemeine Gesundheit gesorgt werden könnte.“ (579) An solchen Sätzen ist leicht ablesbar, dass eben alles mit allem anderen zusammenhängt. Grundsätzlich ist das leicht gesagt, aber die fundierte Argumentation von Meyer-Abich begründet dies eben nicht leichtfertig oder naiv (wie das bisweilen in der sonstigen Diskussion geschieht). Die Leser/innen werden entlang grundsätzlicher und differenzierter Gedankengänge zu dieser Einsicht geführt, die dann als Ergebnis einer naturphilosophischen Erörterung mit praktischer Absicht bestehen kann. Als philosophische Erörterung ist ihre Aufgabe nicht, bestehende (natur-)wissenschaftliche Fakten in überzeugende Reihung zu bringen. Im Gegenteil, die später zu gewinnende Sicherheit einer neuen Orientierung entsteht aus der Verunsicherung des heute vorherrschenden Denkens über Gesundheit. Hierauf gründend kann eine neue Bedeutung von „gesund sein“ erschlossen werden.

Im ersten Kapitel „Medizin im Dualismus von Körper und Geist“ (21-139) wird zwischen Körper und Leib unterschieden. Nach Meyer-Abichs „Verständnis sieht der Körper so und so aus, der Leib hingegen sieht mich an“. (26) Eine cartesianische Medizin definiert den Körper jedoch als „autonomes System“ und insoweit als „eine seelenfreie Zone“. (28) Das Körperliche kann dann technisch betrachtet und mit Medizintechnologie bearbeitet werden. Gleichzeitig entspricht diese Sichtweise den Bedürfnissen eines wirtschaftsliberalen Denkens für die Belange des kranken Körpers: „Vermöge des technisch-wirtschaftlichen Handelns, das in der Medizin auf dem Cartesianismus beruht, ist daraus inzwischen ein Wirtschaftsbereich geworden, dessen Bedeutung der des militärisch-wirtschaftlichen Komplexes oder der des Staatsapparates vergleichbar ist.“ (38) Die Menschen behandeln ihre Körperlichkeit als Teil der Natur daher nicht weniger ausbeutend als den Rest der Welt. In einem sehr bemerkenswerten Satz entlarvt Meyer-Abich die Absurdität unseres Unterfangens, die eigene Gesundheit - die Basis unseres Lebens - nach ökonomischen Regeln mit Hilfe einer Gesundheitsindustrie optimieren zu wollen: „Es geht uns damit nicht besser als den Tieren, Pflanzen und Landschaften in der übrigen Natur.“ (38) Die individualistische Ideologie der herrschenden Wirtschaftswissenschaften beherrscht unser Verständnis von Welt, Natur und uns selbst. Sie verstellt unseren Blick auf die soziale und natürliche Bedingtheit unseres Seins als Abhängigkeit und Kooperation mit dem Anderen, das in der Philosophie von Meyer-Abich schon länger als Mitsein eine begriffliche Entsprechung gefunden hat. Bevor er seine Argumentation kritisch-konstruktiv entwickelt, wird die Nützlichkeit moderner medizinischer Kriegszüge gegen die Krankheit genauer beleuchtet. Er kommt zu dem Schluss, dass „die humanmedizinische Gentechnik ein konsequenter Fortschritt auf dem bisher gegangenen Cartesianischen Weg“ ist. (67) Immerhin würden unerwünschte Entwicklungen ausgeschlossen, bevor sie eintreten würden. Eine prädiktive Medizin wäre in diesem Sinne tatsächlich präventiv und Gesundheitsvorsorge. Aber, so schließt sich als Frage für die weiteren Erörterungen an, wäre diese Entwicklung sozialverträglich und individuell zuträglich? Für medizinische Forschung sollte auch angefragt werden, was für alle Wissenschaft gelten müsse: Welcher Fortschritt ist gesellschaftlich gewünscht? Um diese Frage zu bearbeiten, muss nach dem Sinn von Krankheit gesucht werden, die ja offensichtlich ein Teil jeden menschlichen Lebens ist: „Vielleicht würden wir alle mehr oder weniger verrückt, wenn wir nicht einmal mehr körperlich krank werden dürften.“ (73) Meyer-Abich befasst sich mit den Grenzen der Medizin. Er wertet u.a. sozialmedizinische Daten aus, die nationale oder auch regionale Differenzierung medizinischer Versorgungsleistung belegen. Dies führt ihn zum Aufdecken von wirtschaftlichen Grenzüberschreitungen (84-96). Die medizinische Leistung wird als Ware gehandelt. Dies bedeutet „für einen richtigen Arzt eine völlig inakzeptable, geradezu unanständige und seiner inneren Bestimmung zuwiderlaufende Maxime“. (89) Gegen eine dementsprechende Medizin der distanzierten körperlichen Behandlung wird deshalb eine „Medizin als Mitwissenschaft“ (113-127) gestellt. In ihr konstituieren Arzt und Patient ein menschliches Mitsein das „sich wahrnehmend auf das seelische Mitsein der Organe und Funktionen des Kranken“ richtet. (119)

Das zweite Kapitel „Gesundheit und Krankheit im psychosomatischen Mitsein“ (141-242) entwickelt Zugänge zur psychosomatischen Medizin, „die sich bisher nur als ein zusätzliches Fach und nicht als ein neues Leitbild der ganzen Medizin durchgesetzt hat“. (212) Dies aber würde im Sinne einer grundsätzlichen Neuausrichtung als Aufgabe anstehen. Die verschiedenen Begründer einer ganzheitlichen ärztlichen Sichtweise werden ausführlich behandelt - Sigmund Freud, Georg Groddeck, V. v. Weizsäcker, Thure von Uexküll. Besonders in Groddeck entdeckt Meyer-Abich den seelenverwandten Naturphilosophen, dessen „Analyse des Es“ von Freud begrifflich übernommen, aber in der Tiefe des Ansatzes nicht begriffen wurde. (188-198) Mit einem psychosomatischen Verständnis des Menschseins wird erst ein ganzheitlicher Blick auf menschliches Leben möglich, denn die gegenseitige Abhängigkeit von Individuum und Allgemeinem, von Innen und Außen ist unauflösbar und konstitutive Voraussetzung für jedes Gesundsein: „Die Ganzheit eines Lebewesens ist der Horizont des Mitseins, in dem es zu sich und zur Welt kommt. Zugleich zu sich und zur Welt zu kommen beschreibt die doppelte und gegenläufige Bewegung, dass einerseits das Ganze sich zum Einzelnen individuiert, anderseits das Individuum in seiner Weise das Ganze begreift und erfasst oder konkretisiert. … Die menschliche Individualität definiert sich durch eine Entgegensetzung von innen und außen oder von Selbst und Nichtselbst. Das Selbstsein im Mitsein wird sich im folgenden als das menschliche Grundbedürfnis schlechthin erweisen.“ (213)

Das dritte Kapitel „Gesundheit und Krankheit im gesellschaftlichen Mitsein“ (243-321) rückt folgerichtig den Menschen als soziales Wesen in den Focus der Überlegungen: „In jedem Einzelnen ist die Gesellschaft dieser Einzelne, nicht nur er selber.“ (245) Wiederum zeigt ein Blick auf sozialmedizinische Daten, dass Krankheiten und Fehlverhalten nicht ausschließlich individuell verursacht sind. Vielmehr sind der Ort des Lebens und die dort vorherrschende Lebensweise für Gesundheit und Krankheit des Einzelnen prädisponierend. Schon Rudolf Virchow kam zu der Einsicht, „dass die allgemeine Gesundheit nur sekundär eine medizinische, im wesentlichen aber eine politische Querschnittsaufgabe ist.“ (267) Es gilt daher in Konsequenz, dass die pathogenen Lebensverhältnisse zugunsten einer gesundheitsförderlichen gesellschaftlichen Ordnung nach und nach abgestellt werden. Auch unter simplen Kostengesichtspunkten sollte dies überlegenswert sein. Jedenfalls gibt es eine politische Aufgabe zur gesellschaftlichen Gesundheit und eine Verantwortung des Einzelnen für seine persönliche Gesundheit. Meyer-Abich macht eine bedeutsame dritte Prämisse aus: Darüber hinaus hat der Einzelne, wenn er in einer Demokratie lebt, staatsbürgerliche Mitverantwortung für die Gesundheitspolitik des Gemeinwesens.“ (275) Nun lässt sich zwar feststellen, dass in unserer Gesellschaft eine ökonomische Ungleichheit (mit steigender polarisierender Tendenz) hingenommen wird, aber es dürfte (bisher) nicht möglich sein, „Unterschiede in der Chance des Gesundseins, die nicht durch die persönliche Konstitution, sondern sozial bedingt sind“ zu rechtfertigen. (277) Genau diese Unterschiede lassen sich aber feststellen. Sie korrelieren u.a. mit den Arbeitsbedingungen und dem Bildungsstand von Bevölkerungsschichten. Für Meyer-Abich ließe sich z.B. das gesundheitliche Gefälle in der Arbeitswelt aufheben, „wenn alle Menschen Arbeit hätten, die sie um ihrer selbst willen täten, und mit Freude dabei wären“. (318) Mit Verweis auf u.a. Amartiya Sen und Johann Wolfgang von Goethe sieht er in der Wertschätzung von Können und wechselseitiger Anerkennung die wesentlichen Schlüssel zu einer sittlich gesunden Gesellschaft. Sie ist als Zielvorstellung das Gebot einer demokratischen Ordnung, „solange der soziale und liberale Rechtsstaat das Grundgesetz unserer Gesellschaft ist“. (321)

Das vierte Kapitel behandelt „Gesundheit und Krankheit im natürlichen Mitsein“. (323-442) Es ist der tiefgreifendste und wohl auch anspruchsvollste Abschnitt des Buches, weil er die Naturphilosophie des Mitseins grundsätzlich einführt, geistesgeschichtlich verortet und naturgeschichtlich interpretiert. Das Sein des Menschen wird als Ausdruck der Natur verstehbar. Als Mitsein in einem Ganzen, das Kultur, Religion, Geist, Umwelt, Tiere und Pflanzen in sich birgt. Einzelner, Gesellschaft und das Ganze der Natur bilden einen untrennbaren Wirkungszusammenhang: „Was einem Kranken fehlt, ist letztlich immer die Teilhaftigkeit eines Einzelnen an einem Ganzen, sei es eines Organs oder einer Funktion an der seelischen Integrität des Leibs oder des einzelnen Menschen an der Integrität der Gesellschaft oder schließlich der Gesellschaft - vielleicht aber nur besonderer Verhaltensweisen - am Lebenszusammenhang der Natur.“ (327) Über das Verständnis von Krankheit als einem Zustand an dem sinnhaft vervollständigt wird, was dem Kranken fehlt, führt Meyer-Abich die Argumentation zum Kern seiner holistischen Naturphilosophie. Es geht demgemäß um die Vollständigkeit des Einzelnen in seiner Zughörigkeit zum Ganzen. Diese Vollständigkeit erschöpft sich eben nicht in materialen Denkfiguren, sondern sie erschließt sich im Sinn des individuellen Lebens: „Darin, dass in jeder Kreatur das ganze Universum diese Kreatur ist, liegt nicht nur die Chance eines jeden Einzelnen, aus sich etwas Besonderes zu machen, sondern gleichermaßen die des Universums, sich gerade in diesem Einzelnen auf eine besonders gelungene Weise zu individuieren. Krank oder gesund ist also letztlich auch die ganze Welt, wenn einem Menschen, zu dem sie sich vereinzelt hat, eine Teilhaftigkeit am Ganzen fehlt oder nicht fehlt.“ (329) Damit ist nicht nur die Vorstellungswelt der Monadologie von Leibniz erreicht, sondern auch der Kern des Buches: die Bedeutung von Gesundsein.

Die Sinnhaftigkeit unseres Daseins erschließt sich in unserer Wirkung für das gute Ganze. Meyer-Abich führt eine Reihe von Beispielen an, in denen ein gestörtes Mitsein von Mensch und Natur zu Krankheit oder verzögerter Gesundung führt. Die Störung resultiert aus der Störung des gemeinsamen Prozesses in dem sich alle Wesen und Dinge befinden und sie verweist auf die gemeinsame Herkunft. Ihr gemeinsames Werden ist in einem Ganzen ist „die gegenwärtige Natur aller Dinge“. (349) Naturphilosophie begreift die Naturgeschichte als gemeinsame Vergangenheit und als gemeinsame Zukunft. Auch wenn wir es uns vortäuschen wollten: eine Absonderung des Menschen, die ihm erlauben würde, alles andere zum Objekt zu degradieren, ist schlicht nicht möglich, ohne das Gesundsein aufzugeben. Die Nähe dieser Argumentation zur Theologie ist offensichtlich. Meyer-Abich mutet seinem/r Leser/in auch pantheistische Denkfiguren - zumal im Kontext seiner Licht-Betrachtung - zu. (358, 400) Und er nimmt die Religion in die Pflicht: „Für den zwischenmenschlichen Ausgleich und die gegenseitige Anerkennung zu sorgen ist eine politische, nach den vorangegangenen Überlegungen nun aber gleichermaßen gesundheitlich Funktion der Religion, eigentlich auch der Kirchen.“ (426) Und er bedauert die Arbeitsteilung zwischen Medizinern und Theologen, wodurch sie wechselseitig einseitig im Umgang mit den Menschen bleiben. Eine neue Verbindung wäre wünschenswert. Mit Dietrich Bonhoeffer stellt er fest: „So muss also der Begriff des Natürlichen vom Evangelium her wiedergewonnen werden.“ (436) Unsere cartesianische Wissenschaftskultur findet auch in der Theologie ihren Niederschlag und ihre Wurzeln. In kritischer Distanz zum Cartesianismus aber lässt sich die Sinnfrage neu stellen.

Im fünften Kapitel „Wie möchten wir in Zukunft leben? Gesundheit durch erfüllte Bedürfnisse“ (443-562) werden praktische Lösungsansätze vorgestellt. Dazu werden die vermeintlichen und die notwendigen Bedürfnisse hinterfragt. Für Meyer-Abich lassen sich die Grundbedürfnisse in „einem einzigen verschränken, nämlich zu dem Bedürfnis nach Selbstsein im Mitsein.“ (453) Der Weg hierzu führt über die Beendigung eines übertriebenen Individualismus, wie er durch die Wirtschaftswissenschaften propagiert wird. Er führt über Sicherheit und Selbstachtung, die aus dem eigenen Lebensentwurf und den Lebensumständen gewonnen werden können. Er führt über ‚gesunde‘ zwischenmenschliche Beziehungen und ein authentisches Leben. An die Stelle von Konsum hätte Steigerung zu treten, d.h. eine qualitative Entwicklung des Ganzen im Einzelnen, verbunden mit intrinsischer Motivation für das eigene sinnvolle Tun. Die persönlichen Voraussetzungen dafür zu schaffen, ist die „gesundheitspolitische Bildungsaufgabe“. (475) Schlüssel zum gesunden Mitsein sind die Wahrnehmung von Raum und Zeit. Den Sozialraum als Beheimatung zu pflegen und die Zeit, als „Stoff, aus dem das Leben ist“ (517) sinnvoll zu nutzen, gehört beides zu einer kulturellen Gestaltung für Gesundsein, das nicht in der selbstbezogenen Perfektion, sondern in der Befriedigung des gut getanen Werkes sein Begründung findet. Das Kapitel schließt mit zwei besonderen Konkretionen. Zum einen wird postuliert, „wie aus Medizinern wieder Ärzte werden könnten“ (543-554). Zum anderen wird ein Gesundheitsberatungssystem entworfen, das Gesundheitsberater vorsieht, die die Aufgabe „des Arztes, des Psychotherapeuten, des Pädagogen und des Pfarrers zu verschiedenen Teilen“ verbinden. (560) Die fünf Regeln für den echten Arzt umreißen die Heilung als einen gemeinsamen, kooperativen Prozess zwischen Arzt und Patient, und verlangen vom Arzt u.a. er müsse „berücksichtigen, wieweit der Kranke überhaupt wieder gesund werden will“ (548) und er dürfe dem Kranken „seine Krankheit nicht wegnehmen“ (551). Auf der Basis seiner nun abgeschlossenen Argumentation entwickelt Meyer-Abich die eingangs erwähnte „Politische Medizin“ im Epilog des Buches. (563-581)

Es überrascht, dass Meyer-Abich in seinem abschließenden politischen Entwurf mit Vehemenz auf marktwirtschaftliche Prinzipien zurückgreift, die nun allerdings der Förderung eines Gesundheitswesens an der Stelle des Krankheitswesens dienen sollen. Die Markteilnehmer sollten über Kostenbewusstsein für das Kranksein verfügen. Analog zu Energieversorgungsunternehmen sollten Gesundheitsversorgungsunternehmen die Versicherung und die ärztliche Versorgung zusammen vornehmen. In ihnen wären Personengruppen mit ähnlicher Risikolage vereinigt. Die Vermeidung von medizinischer Versorgung würde positive wirtschaftliche Effekte für das Unternehmen haben und deshalb die Ärzte auch auf das Gesundsein und Gesundbleiben der Mitglieder verpflichten. Ein totalitärer Gesundheitsstaat, der wegen der ausufernden Kosten des heutigen Krankheitswesens als Schreckgespenst immer realistischer wird, könnte so verhindert werden: „Im Gegensatz zum Gesundheitsstaat muß man aber als Mitglied eines GVU keine Tarifermäßigung durch eine gesundheitliche Selbstbeteiligung in Anspruch nehmen. Wer so weiterleben will wie bisher, ist daran nicht gehindert, sondern kann sich in den höchstmöglichen Tarif einstufen lassen und dafür ein Krankheitswesen zu steigenden Kosten in Anspruch nehmen.“ (577)

Die Grundlage für die Veränderung von Politik und Gesellschaft in die nötige Richtung - resümiert der Autor am Ende - ist ein Bewusstseinswandel. Wir müssen erkennen, dass wir die eigene „Leiblichkeit vernachlässigen“ und eine „ungesunde Lebensform“ pflegen. (578) Wir müssen handeln: Körperliche Bewegung, sinnvoller Gebrauch und Verbrauch der Zeit und bewusste Ernährung wären die Basis für eine gute Leiberfahrung, die uns zu einem neuen „Gefühlsbewusstsein“ (579) verhelfen könnten.

Diskussion

Dieses Buch ist neben dem bereits ausführlich dargestellten großen Gedankengang voller einzelner Diskussionen, die provozieren können, die verunsichern wollen und die Widerspruch herausfordern.

Die Frage der Organerneuerung wird mit einer tiefgründigen Reflexion über das Sterben verbunden. Dass der Tod - zumal der medizinisch festgestellte - und das Sterben nicht identisch sind, darin werden viele Menschen, die diese Phase aktiv begleitet haben, dem Autor beipflichten. Und in der Tat ist damit die vermeintlich leichte Begründung, warum Organentnahme kein Problem sei, hinfällig. Die einleuchtende, klare Haltung von Meyer-Abich, dass die Ganzheit nicht zerlegt und damit auch nicht zusammengesetzt werden kann, wird genau besehen aber auch fragwürdig. Eine individuelle Entscheidung, den bestimmten Teil seiner eigenen Körperlichkeit einem anderen, z.B. geliebten Menschen zur Verfügung zu stellen, ist ebenso verträglich mit einer ganzheitlichen Vorstellung von Mitsein. Die Bereitschaft, das eigenen Sterben zu ‚stören‘ und mit dem eigenen Opfer für anderes Leben einzutreten, ist nicht von vornherein mit einer ganzheitlichen Auffassung des Mitseins unvereinbar. Freilich ist damit nicht einer ‚Ersatzteillager‘ Ideologie und der entsprechenden Transplantationstechnologie und -industrie das Wort geredet. Die Ökonomisierung dieses medizinischen Feld führt in eine Welt, die die Würde des Menschen tatsächlich verkauft. Und auch bleibt für jeden ungewiss, welches Risiko für den eigenen Sterbeprozess man auf sich nimmt. Aber das bewusste Opfer für den Anderen kann nicht ‚logisch‘ unredlich gemacht werden.

Für zwei Gedankengänge würde der Rezensent im Text gerne die Auseinandersetzung mit Autoren finden, die nicht genannt sind. Die Einbindung des menschlichen Denkens als Naturvorgang in die Naturentwicklung und Naturgeschichte ist ebenfalls sehr ausführlich von Georg Picht behandelt worden, zumal in seiner Vorlesung „Der Begriff der Natur und seine Geschichte“. Da sich bei Picht eine wiederum enge Verknüpfung zu Carl Friedrich von Weizsäcker und damit zum akademischen Lehrer von Meyer-Abich finden lässt, wäre eine fruchtbare Diskussion zu erwarten. Noch wichtiger und hilfreich erschiene auch ein kritischer Austausch mit Hugo Kükelhaus und Rudolf zur Lippe. Kükelhaus hat sich ja sehr ausführlich mit der Funktionalität des Leibes als Grenzsituation zu einer Umgebung befasst, die aktiv zur Formierung des Einzelnen beiträgt. Seine „Organ-Erfahrung“ und die Erfahrungsfelder der Sinne sowie seine intensive Befassung mit Goethe und der Licht- und Farbenlehre korrespondieren sehr mit den Argumenten von Meyer-Abich. Es wäre zu überlegen, ob die Pädagogik von Hugo Kükelhaus nicht wesentliche Forderungen von Meyer-Abich erfüllen könnte. Rudolf zur Lippe hat in enger Verbindung zu Kükelhaus gestanden. Sein Begriff „Sinnenbewusstsein“ könnte das von Meyer-Abich gesuchte „Gefühlsbewusstsein“ argumentativ stützen oder ggf. auch herausfordern.

Es wurde oben bereits kritisch angemerkt, dass die fast durchweg ökonomische Argumentation der politischen Konklusion des Buches überrascht und verwundert. Es ist zu konstatieren, dass die Verbindung des wirtschaftlichen Erfolges von Gesundheitsversorgung mit gleichzeitiger Förderung von Gesundheit unmittelbar als Lösungsweg einleuchtet. Die Unterstellungen rationalen Handelns des Einzelnen fußen dabei aber auf dem gleichen individualistischen, einseitigen wirtschaftswissenschaftlichen Menschenbild, das - sehr vehement und ebenfalls sehr überzeugend - zu Beginn des Buches als unzuträglich kritisiert wird. Fast hätte es den Anschein, man könnte sich den mühsamen Weg über die Darlegung der Naturphilosophie des Mitseins sparen und gleich - nach der kritischen Analyse des aktuellen Krankheitswesen - die Vorschläge eines wirtschaftlich sinnvollen Gesundheitswesens heranziehen. Die wunderbare und differenzierte Ökonomiekritik des Buches bleibt somit am Schluss seltsam abgeschnitten von dem vorgestellten betriebswirtschaftlich gedachten Modell der GVU. Der Verweis auf den nötigen Bewusstseinswandel bildet hier sicherlich die Brücke zur umfassenden Neuorientierung individuellen und gemeinschaftlichen, politischen und ökonomischen Handelns. Dass Ökonomie dabei aber tatsächlich eine andere, dienende, politisch vereinbarte Funktion einnehmen muss, bleibt eher der Schlussfolgerung der Leser/in überlassen. Aber der Autor selbst hat ja im Verlauf des Buches nachgewiesen, dass es nicht um eine ökonomische Umsteuerung geht, sondern um eine leibhaftige Lebensorientierung. Das ist die große Zielvorgabe des richtungweisenden Werkes.

Fazit

Es wäre viel zu kurz gegriffen, wollte man das Buch nur auf seine angeführten Beispiele hin untersuchen und beurteilen. Der Autor bewegt sich sehr umfassend in der durchaus bekannten Literatur. Sicherlich kann man konstatieren, dass z.B. Georg Groddeck eine verdiente und bisher nicht selbstverständliche Würdigung erfährt. Aber Viktor von Weizsäcker oder Thure von Uexküll sind weithin diskutierte und rezipierte Vertreter einer erweiterten Auffassung von Medizin. Auch die salutogenetischen Perspektiven eines Antonovsky, die Meyer-Abich kritisch aufgreift, sind im Kontext von Public Health und Gesundheitswissenschaften geradezu Allgemeingut. Die große Nähe zwischen dem Begriff „natürliche Mitwelt“ zum zeitgleich mit Meyer-Abich veröffentlichten „Biophilie“ Gedanken von Edward O. Wilson wird vom Autor gewürdigt. (362f.)

Man hat bisweilen den Eindruck, der Autor sieht sich mit seiner Medizinkritik weit mehr alleine, als es der Diskurs in Wissenschaft und Ärzteschaft rechtfertigt. Eine Diskussion mit dem Verbund „Hochschulen für Gesundheit“ würde z.B. viel Übereinstimmung in Zielen und Argumenten erbringen. Was wirklich grandios ist an Meyer-Abichs Gesundheitsphilosophie, ist der konsequent ganzheitliche Anspruch, der immer wieder das eigene Denken der Leser/in zur kritischen Reflexion über die getrennte Wahrnehmung zusammenhängender Sachverhalte bzw. Seinsweisen führt. Wahrscheinlich gibt es tatsächlich noch keine „Philosophie der Medizin“, die eine vergleichbare Leistung für einen nötigen Bewusstseinswandel geleistet hat.

Echte Philosophie wird immer über die gelehrte Erzählung hinausweisen, die etwas zur endgültigen Klärung und zum Abschluss bringen will. Echte Philosophie will lebendig sein und im Denken der Leser/innen eigene Fäden neuer Weltsicht spinnen. Medizinphilosophie wird demnach das Denken über das eigene Leben - im Sinne eines guten Lebens - zur Aufklärung bringen. Wer sich in diesem Sinne lesend Klaus Michael Meyer-Abich anvertraut, wird nicht enttäuscht werden - auch mit gelegentlichem Widerspruch zu mancher seiner Schlussfolgerungen.

Dass der Autor einen langen Atem anmahnt und die politischen Umsetzungen „wohl nur innerhalb von mindestens ein bis zwei Jahrzehnten“ (580) für möglich hält, zeigt dessen eigenen Realitätssinn. Man möge sich aber vor Augen halten: derselbe Philosoph hat vor Jahrzehnten als Sachverständiger in Enquete-Kommissionen des Bundestages zu Klima und Energie, als Wissenschaftssenator von der Hansestadt Hamburg und als führender Kopf der Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen u.a. für eine Wende der bundesdeutschen Energiepolitik und für die Entwicklung einer - bis dahin völlig unbekannten, ja absurd erscheinenden - Klimapolitik argumentiert, geworben und gerungen. Heute ist uns längst selbstverständlich, dass Energie und Klima keine isolierten Politikbereiche sein können. Sie müssen in einem ganzheitlichen Verständnis vernetzter Politikbereiche behandelt werden und sie führen zur Frage des Bewusstseins von uns allen und eines Bewusstseinswandels der von wenigen vorbereitet wird. Wer möchte angesichts eines bundesdeutschen Ausstiegs aus der zivilen Kernenergienutzung anzweifeln, dass sich solche Positionen im Laufe von Dekaden doch durchsetzen können? Das „Bewusstsein der Öffentlichkeit in Demokratien“ kann schließlich auch die „Legislaturperioden-Politiker“ in eine neue Richtung lenken. Wir haben es erlebt.


Rezensent
Prof. Dr. Ulrich Bartosch
Professur für Pädagogik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt

Vorsitzender der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler e.V. (VDW) seit 2009; Mitglied im Team deutscher Bologna-Experten des DAAD (2007-2013); ehem. Vorsitzender des deutschen Fachbereichstages Soziale Arbeit (2006-2012)
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Zitiervorschlag
Ulrich Bartosch. Rezension vom 28.09.2011 zu: Klaus Michael Meyer-Abich: Was es bedeutet, gesund zu sein. Philosophie der Medizin. Hanser Verlag (München) 2010. ISBN 978-3-446-23413-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10694.php, Datum des Zugriffs 25.09.2016.


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