socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Isabelle Stéphanie Barrat: Stark gegen Missbrauch

Cover Isabelle Stéphanie Barrat: Stark gegen Missbrauch. Präventionsarbeit in der Grundschule. Tectum-Verlag (Marburg) 2010. 87 Seiten. ISBN 978-3-8288-2456-0. D: 19,90 EUR, A: 19,90 EUR, CH: 30,10 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Obwohl der sexuelle Missbrauch von Mädchen und Jungen zu Beginn der 90er Jahre enttabuisiert und ins Licht der Öffentlichkeit geholt wurde, besteht im Hinblick auf den sachlichen Informationsstand in der Bevölkerung und insbesondere bei Müttern und Vätern ein Defizit. Trotz einer großen Fülle von Veröffentlichungen und medialer Präsenz des Themas, sei es in Form der Berichterstattung über konkrete Fälle und Schicksale oder als thematischer Gegenstand in Filmen und Serien, ist es nach Ansicht der Autorin nicht gelungen, die Uninformiertheit über präventive Möglichkeiten aufzubrechen.

Die Grundschule wird als Institution gesehen, die einen Beitrag dazu leisten könnte, diese Defizite abzubauen. Sie ist nach Meinung der Autorin in besonderer Weise zur Prävention von sexuellem Missbrauch geeignet. Neben einer Übersicht über die Thematik des sexuellen Missbrauchs wird in einem ersten Schritt dargelegt, welchen Qualitätsstandards präventive Angebote gegen den sexuellen Missbrauch von Mädchen und Jungen grundsätzlich und generell genügen müssen. In einem weiteren Schritt wird herausgearbeitet, wie präventive Maßnahmen in der Grundschule konzipiert sein müssen, um erfolgreich sein zu können. Dazu zählen auch Fragen nach den notwendigen Kompetenzen zur Durchführung solcher Angebote sowie eine Darlegung, welche Personen in der Grundschule eben über diese Kompetenzen verfügen bzw. verfügen sollten und eine Klärung, wer in der Grundschule die Adressaten präventiver Angebote sein sollten.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich insgesamt in sechs Kapitel.

Das erste Kapitel schafft einen Überblick über die Thematik des sexuellen Missbrauchs. Begriffsdefinitionen, ein historischer Rückblick, die Rechtslage in Deutschland, Ausmaß und Dunkelzifferforschung, die Situation der Opfer sowie die Folgen des sexuellen Missbrauchs, Täter und Täterinnen und ihre Strategien sind die Aspekte, die in dieser Übersicht beleuchtet werden.

Im zweiten Kapitel geht Isabelle Stéphanie Barrat dann auf die Prävention in genereller Hinsicht ein. Definition sowie traditionelle und moderne Formen der Prävention gegen sexuellen Missbrauch werden vorgestellt.

Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit der Prävention in der Grundschule. Nach einer Beschreibung der Institution Grundschule wird die Prävention als Notwendigkeit dieser Institution vorgestellt. Erforderliche professionelle Kompetenzen, Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention in der Grundschule und die Rahmenbedingungen schulischer Prävention sind die Aspekte, die beleuchtet werden.

Das vierte Kapitel trägt den Titel „Präventionsbildung“. Prävention wird als Bildung von Kindern dargestellt, zu der auch die Sexualerziehung zählt. Ausführungen über die Inhalte und Gestaltung der Präventionsbildung von Kindern, über die Prävention als Bildung der Eltern, die Berücksichtigung kultureller Unterschiede und die Gestaltung der Elternbildung sind die Aspekte, die in diesem Kapitel betrachtet werden. Prävention in der Grundschule bedeutet aber auch Lehrerbildung als Grundlage der Prävention. Auch hier werden die Inhalte und die Gestaltung der Lehrerbildung thematisiert.

Bei allen Möglichkeiten präventiver Maßnahmen müssen aber auch die Grenzen der Präventionsarbeit im allgemeinen und in der Grundschule im besonderen berücksichtigt werden, womit sich das fünfte Kapitel auseinandersetzt.

Das sechste Kapitel ist Resümee und Ausblick zugleich.

Ein Literatur- und Quellenverzeichnis schließen die Veröffentlichung ab.

Diskussion

Grundsätzlich ist das Anliegen der Autorin zu unterstützen, die Institution Schule als Ort zu begreifen, an dem die Prävention sexualisierter Gewalt als Regelangebot ihren Platz haben sollte. Und zwar nicht als isoliertes Angebot, das ausschließlich durch externe Fachkräfte erfolgt, sondern als sinnvoller Bestandteil des Bildungsauftrags der Schule und eingebunden in das sexualpädagogische Curriculum. Nach bisherigem Kenntnisstand darf es kein einmaliges Angebot sein, sondern muss in gewissen Abständen alters- und entwicklungsangepasst wiederholt thematisiert werden. Mit diesem Ansatz sind sowohl Lehrerinnen und Lehrer wie sozialpädagogische Fachkräfte gefordert, präventive Angebote in gemeinsamer Verantwortung und Kooperation durchzuführen. Dazu gehört die Fortbildung der Lehrerschaft zum Thema wie auch die Elternarbeit. Betrachtet man die Qualitätsmerkmale der Präventionsarbeit gegen sexuellen Missbrauch, so müssten die Prinzipien wie beispielsweise Partizipation und Stärkung des Selbstbewusstseins gelebter Alltag in der Schule sein und nicht nur im Rahmen von Präventionsangeboten vermittelt werden, sollen sie nachhaltig wirken. Hiervon sind nach Einschätzung der Autorin noch viele Grundschulen weitentfernt. Schulische Hierarchien und Macht- Ohnmachtstrukturen prägen eher das Schulleben als Mitbestimmungsrechte der Mädchen und Jungen, Individualität oder handlungsweisende Vorgaben bezüglich der pädagogischen Interaktion für die Lehrerinnen und Lehrer. So wird in der Veröffentlichung die „Schwerfälligkeit der schulischen Institutionen gegenüber Erneuerungen“ (S. 42) thematisiert und Hinweise zu notwendigen Rahmenbedingungen werden gegeben.

Obwohl die hierarchischen Strukturen in der Schule als problematisch für die Präventionsarbeit ausgemacht und als begünstigend für sexuellen Missbrauch beschrieben werden, findet in der Veröffentlichung die Tatsache, dass dies auch für den sexuellen Missbrauch durch Lehrer und Lehrerinnen oder für sexuelle Übergriffe unter Kinder und Jugendlichen gilt, keine Berücksichtigung. Dies ist gerade angesichts der zahlreichen Fälle sexualisierter Gewalt in Institutionen in den letzten 1 ½ Jahren bedauerlich, werden Mädchen und Jungen nicht nur außerhalb der Schule, sondern auch innerhalb derselben Opfer sexuellen Missbrauchs.

Die Eltern werden als wichtige Adressaten der Präventionsarbeit auch der Grundschule sowie die Möglichkeiten der Elternbildung dieser Institution vorgestellt. So sehr dies zu begrüßen ist, fehlen Ausführungen zu den Hemmnissen, die für viele Eltern mit „Schule“ verbunden sind. Um Eltern für die Teilnahme an präventiven Angeboten zu gewinnen, sind im Vorfeld vertrauensbildende Maßnahmen weit über das Thema „sexueller Missbrauch“ hinaus erforderlich, die helfen, die Schwierigkeiten mancher Mutter und manchen Vaters zur Schule zu beseitigen.

Auch wenn in der Veröffentlichung an verschiedenen Stellen verdeutlicht wird, dass Kinder nicht die Verantwortung für einen sexuellen Missbrauch tragen und infolgedessen die Präventionsarbeit mit Mädchen und Jungen kaum zu einer aktiven Verhinderung führen kann, werden aktuelle Ergebnisse der Wirksamkeit präventiver Arbeit leider nicht rezipiert. Wir wissen heute, dass selbstbewusste Kinder seltener Opfer sexualisierter Gewalt werden und sich entsprechenden Situationen besser entziehen können. Denn eine der Strategien der Täter und Täterinnen sind Testrituale um die Widerstandsfähigkeit des potentiellen Opfers zu prüfen. Selbstbewusste, aufgeklärte und gut versorgte Kinder reagieren auf solche Testrituale eher mit Protest, Abwehr und zukünftiger Distanz. Was Kinder jedoch nicht leisten können, ist sich gegen den sexuellen Missbrauch durch Erwachsene zu wehren oder sexuellen Missbrauch im engeren Sinne verhindern zu können. Heinz Kindler (2003) weist auf Befragungen von verurteilten Sexualstraftätern hin, die angaben, dass ein Widerstand des Kindes sie nur kurzfristig abhalten konnte, sich aber der Missbrauch so nicht aufhalten ließ. (Amyna e.V. (Hg.): Expertise zur Evaluation der Wirksamkeit präventiver Angebote gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen, S. 26)

Damit soll nicht die Notwendigkeit von Prävention in Frage gestellt werden. Es gilt ihre tatsächlichen Möglichkeiten herauszustellen. Eine weitere fachliche Erkenntnis ist die, dass Mädchen und Jungen, die an präventiven Maßnahmen teilgenommen haben, ein Missbrauchsgeschehen eher als solches einordnen können und wissen, dass dies unrecht ist. So haben sie auch gelernt, dass sie das Recht haben, sich in solchen Situationen Hilfe und Unterstützung zu organisieren und damit ein Missbrauchsgeschehen eher zu beenden. Berichte aus der Praxis bestätigen diese Tendenzen. Mädchen und Jungen, die schlechter mit Zuwendung versorgt und von daher bedürftiger sind, profitieren von Präventionsmaßnahmen möglicherweise weniger, weil ihre Bedürfnisse über die Prinzipien der Präventionsarbeit kaum Befriedigung finden können.

Fazit

Zur Thematik des sexuellen Missbrauchs gibt es eine große Fülle von Veröffentlichungen, auch zum Bereich der Prävention. Ein Verdienst dieser Veröffentlichung ist das Aufzeigen von Möglichkeiten präventiver Arbeit speziell in der Grundschule. Deshalb ist die Veröffentlichung für Lehrerinnen, Lehrer und pädagogische Fachkräfte in Schulen von Interesse, weil Inhalte, notwendige Rahmenbedingungen, Adressaten etc. herausgearbeitet werden. Die schon o. g. Aspekte sollten bei der Lektüre berücksichtigt werden, damit Schulen sichere Orte für Mädchen und Jungen werden können.


Rezensentin
Martina Huxoll-von Ahn
Homepage www.kinderschutzbund-nrw.de
E-Mail Mailformular


Alle 21 Rezensionen von Martina Huxoll-von Ahn anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Martina Huxoll-von Ahn. Rezension vom 28.04.2011 zu: Isabelle Stéphanie Barrat: Stark gegen Missbrauch. Präventionsarbeit in der Grundschule. Tectum-Verlag (Marburg) 2010. ISBN 978-3-8288-2456-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10699.php, Datum des Zugriffs 31.08.2016.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!