Susanne Hoffmann: Gesunder Alltag im 20. Jahrhundert?
Susanne Hoffmann: Gesunder Alltag im 20. Jahrhundert? Geschlechterspezifische Diskurse und gesundheitsrelevante Verhaltensstile in deutschsprachigen Ländern. Franz Steiner Verlag (Stuttgart) 2010. 538 Seiten. ISBN 978-3-515-09681-2. 76,00 EUR, CH: 129,20 sFr.
Reihe: Medizin, Gesellschaft und Geschichte, Beiheft - 36.
Thema
Die durchschnittliche Lebenserwartung bei der Geburt, die aus den Sterbewahrscheinlichkeiten einer Periode berechnet und in die Zukunft projiziert wird, hat sich in den vergangenen 150 Jahren in allen industrialisierten Staaten nahezu verdoppelt. Die Geschlechter konnten dabei allerdings nicht in gleichem Ausmaß von dem Anstieg der Lebensqualität profitieren, weshalb sich die statistische Lebenserwartung von Männern und Frauen seit der Industrialisierung deutlich auseinander entwickelt hat. Auffallend ist auch die Tatsache, dass Männer zwar – nicht nur in Deutschland – heute kürzer leben, Frauen aber das kränkere Geschlecht sind.
Ausgehend von diesem in den Gesundheitswissenschaften als „gender paradox“ bezeichneten Phänomen vergleicht Susanne Hoffmann in der vorliegenden Studie das Gesundheits- und Krankheitsverhalten von Männern und Frauen, die im 20. Jahrhundert lebten. Grundlage ihrer Darstellung sind dabei 155 unveröffentlichte, so genannte „populare Autobiographien“ aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die sie unter diskursanalytischer Perspektive sowohl auf die Praxis als auch auf gesundheitsrelevante Orientierungen im Alltag hin untersucht.
Autorin
Die Historikerin (M.A.) Susanne Hoffmann (Jahrgang 1979) forscht und publiziert zur Sozialgeschichte der Medizin, zur Patientengeschichte sowie zur geschlechterspezifischen Medizingeschichte im 18. und 20. Jahrhundert. Neben ihrer 2005 vorgelegten Monographie „Gesundheit und Krankheit bei Ulrich Bräcker (1735-1798), die als Band 297 der Schriftenreihe „Züricher Medizingeschichtliche Abhandlungen“ erschien, veröffentlichte sie in den vergangenen Jahren mehrere medizinhistorische Beiträge, darunter in den Fachzeitschriften „Hygiea Internationalis“, „Bricollage. Innsbrucker Zeitschrift für Europäische Ethnologie“ und „Historical Social Research“.
Entstehungshintergrund
Bei dem vorliegenden Band handelt es sich um die (von Prof. Dr. Martin Dinges, stellvertretender Institutsleiter und Archivar des Instituts für Geschichte der Medizin, Robert-Bosch-Stiftung, Stuttgart und Prof. Dr. Michael Erbe vom Seminar für Neuere Geschichte der Universität Mannheim betreute) Dissertation von Susanne Hoffmann, die im Herbstsemester 2009 von der Philosophischen Fakultät der Universität Mannheim angenommen und für die Publikation geringfügig überarbeitet wurde.
Zur Entstehung des Buches schreibt die Autorin in ihrem Vorwort:„Die Robert Bosch Stiftung in Stuttgart unterstützte meine Arbeit durch ein Promotionsstipendium sowie einen großzügigen Druckkostenzuschuss“ (S. 13).
Aufbau
Nach einen Vorwort (S. 13) gliedert sich die Untersuchung in die folgenden12 Abschnitte, die ihrerseits jeweils in mehrere Kapitel unterteilt sind:
- Einleitung: Gesundheit, Geschlecht und Alltagsdiskursanalyse (S. 15-66)
- „Implizite Anthropologien“: Menschenbilder im 20. Jahrhundert (S. 67-119)
- Gesundheitsressourcen: Gesundheitsverhaltensstile (S. 120-199)
- Gesundheitsrisiken: Risikoverhaltensstile in den Lebensphasen (S. 200-327)
- Medizin und Medikalisierung: Krankheitsverhaltensstile im 20. Jahrhundert (S. 328-397)
- Bilanz und Perspektiven: ‚Gesunder Alltag’ und Gesundheitslebensstile im 20. Jahrhundert (S. 398-406)
- Abkürzungsverzeichnis (S. 407-408)
- Abbildungsverzeichnis (S. 409)
- Tabellenverzeichnis (S. 410-415)
- Quellenverzeichnis und bio-bibliograhischer Index (S. 416-446)
- Literaturverzeichnis (S. 447-527)
- Quellenanhang (S. 528-538).
Inhalt
Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist die Entwicklung gesundheitsrelevanter Verhaltensstile in deutschsprachigen Ländern während des 20. Jahrhunderts. Indem Susanne Hoffmann nach der Genese alltäglicher Verhaltensweisen und Orientierungen im Umgang mit gesundheitlichen Risiken und Ressourcen – dem ‚gesunden Alltag’ oder den ‚gesunden Alltagen’ – fragt, möchte sie, worauf sie einleitend hinwest, „einen gesundheitshistorischen Beitrag zur Erklärung des Geschlechterparadoxes leisten“ (S. 16).
Ausgehend von einer salutogenetischen Perspektive (Aaron Antonovsky) betrachtet die Autorin Gesundheit ‚von unten’, wobei ihr Blick konsequent von der Mikro-Ebene des individuellen Lebensvollzugs ausgeht, also aus der Sicht einzelner Männer und Frauen, die im 20. Jahrhundert gelebt haben. Bei der Analyse berücksichtigt sie Geschlecht, Generation und soziale Schicht als drei mögliche Dimensionen gesundheitlicher Ungleichheit.
Grundlage ihrer Untersuchung sind „populare Autobiographien“ – ein von dem Tübinger Volkskundler Bernd Jürgen Warneken geprägter Begriff, unter dem er eine Vielzahl verschiedener Textgattungen versteht, autobiographische Schriften wie Briefe, Tagebücher und schriftliche Lebenserinnerungen, die von nicht-professionellen Autoren weder der Ober- noch der intellektuellen Sicht stammen – aus mehreren Archiven, darunter dem Universitätsarchiv Wien (Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen), dem Deutschen Tagebucharchiv in Emmendingen, dem Universitätsarchiv Zürich (Institut für Populäre Kulturen), dem Universitätsarchiv Tübingen (Ludwig-Uhland-Institut) und dem Hauptstaatsarchiv Stuttgart.
Auf der Basis der aktuellen Gesundheitsforschung wählte Susanne Hoffmann für ihre Arbeit neun Bereiche aus, die sie der verhaltens- und orientierungsbezogenen Dimension eines Gesundheitslebensstils (nach Thomas Abel) zuordnete. So fragt sie in Kapitel 2 nach den Menschenbildern im 20. Jahrhundert, die (im Hinblick auf Geschlecht im Alltag, Dimensionen des Menschseins, Menschen im Lebenslauf sowie Gesundsein im Alltag) in den ausgewerteten Autobiographien entworfen werden , in Kapitel 3 nach Gesundheitsressourcen beziehungsweise Gesundheitsverhaltensstilen (Gesundheitswissen, Ernährung, Hygiene, Zeit), in Kapitel 4 nach Gesundheitsrisiken beziehungsweise Risikoverhaltensstilen in den Lebensphasen Kindheit und Jugend (Mortalität und Morbidität, Unfälle, Gewalt), Erwachsenenalter (Mortalität und Morbidität, Arbeit, Erster und Zweiter Weltkrieg, Suizidalität) und Alter (Mortalität und Morbidität, Altersrisiko) sowie in Kapitel 5 nach dem Zusammenhang von Medizin und Medikalisierung beziehungsweise Krankheitsverhaltensstilen (Gesundheitsselbsthilfe, populare Medizingeschichte, Medikalisierung, Hospitalisierung).
In Kapitel 6 fasst die Autorin schließlich unter der Überschrift Bilanz und Perspektiven die Erträge ihrer Untersuchung ‚Gesunder Alltag’ und Gesundheitslebensstile im 20. Jahrhundert zusammen und formuliert distinkte Gesundheitslebensstile im 20. Jahrhundert als Verlaufstypen.
Diskussion
Mit der Frage nach gesundheitsrelevanten Verhaltensstilen im Alltag hat Susanne Hoffmann ihre Untersuchung am Schnittpunkt einer zur Gesundheitsgeschichte erweiterten Patientengeschichte, zur ‚Geschlechtsspezifischen Medizingeschichte’ und zur Körpergeschichte angesiedelt. Da eine Geschichte des alltäglichen Gesundheitsverhaltens im 20. Jahrhundert aus der ‚Patienten’-Sicht bislang ein Forschungsdesiderat war, kommt der vorliegenden Studie besondere Bedeutung zu.
Die bisher umfassendste patientenhistorische Arbeit zum Medikalisierungsprozess im deutschen Raum legten 1995 die Medizinsoziologen Jens Lachmund und Gunnar Stollberg mit ihren „Patientenwelten“ vor, in der sie anhand von veröffentlichten Autobiographien den Wandel des Gesundheits- und Krankheitsverhaltens durch den Aufstieg naturwissenschaftlicher Medizin vom späten 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert aufzeigen. In „Gesunder Alltag“ werden diese ‚Patientenwelten’ zeitlich fortgeführt, indem die Autorin den Medikalisierungsprozess, der je nach sozialer Schicht, Wohnort und Geschlecht im frühen 20. Jahrhundert längst noch nicht abgeschlossen gewesen ist, im Verlauf des 20. Jahrhunderts darstellt und gesundheitsrelevante Verhaltensstile in der medikalisierten Gesellschaft aufzeigt.
Mit dem „Lebensstilkonzept“ (das derzeit in den Gesundheitswissenschaften als ein Schlüssel gilt, um gesundheitliche Ungleichheiten mehrdimensional zu erklären) ist Susanne Hoffmann dabei eine nach gender, sozialer Schicht und Generation differenzierte Betrachtung gelungen. Aufgrund ihrer umfangreichen Untersuchung konstatiert die Autorin unter Bezugnahme auf die Gesundheitswissenschaftler Marc Luy und Paola Di Giulio (2005) eine Verlaufstypologie von vier unterschiedlichen Gesundheitslebensstilen im 20. Jahrhundert: „notgedrungene Nihilisten“, „arbeitsorientierte Workaholics“, „vergnügungsorientierte Bon-Vivants“ und „gesundheitsbewusste Interventionisten“. Hinsichtlich deren Entwicklung im Verlauf des Untersuchungszeitraums hält die zusammenfassend fest: „Die Zahl der gesundheitsbewussten ‚Interventionisten’ nahm in der ersten Jahrhunderthälfte zu, während die notgedrungenen ‚Nihilisten’ in der zweiten Jahrhunderthälfte allmählich verschwanden. Die ‚Bon Vivants’ kamen erst in den jüngeren Generationen auf, während die ‚Workaholics’ gleichzeitig aus der kollektiven Arena der Lebensstile verschwanden“ (S. 406).
Insgesamt betrachtet bietet die solide und äußerst materialreiche Studie von Susanne Hoffmann eine Vielzahl wertvoller Erkenntnisse nicht nur für Gesundheitswissenschaftler, sondern auch für alle, die sich für sehr unterschiedliche Aspekte im weiten Feld der Medizin-, Sozial-, Kultur- und Pflegegeschichte interessieren.
Fazit
Wer tiefe Einblicke in das Gesundheits- und Krankheitsverhalten beziehungsweise gesundheitsrelevante Verhaltensstile von Männern und Frauen im 20. Jahrhundert sucht, wird von dem vorliegenden Buch stark beeindruckt sein.
Rezensent
Dr. Hubert Kolling
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Zitiervorschlag
Hubert Kolling. Rezension vom 14.02.2011 zu: Susanne Hoffmann: Gesunder Alltag im 20. Jahrhundert? Franz Steiner Verlag (Stuttgart) 2010. 538 Seiten. ISBN 978-3-515-09681-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10739.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.
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