Burghard Flieger, Lothar Binding u.a.: Sozialgenossenschaften
Burghard Flieger, Lothar Binding, Susanne Elsen, Nicole Göler von Ravensburg, Willy Achter u.a.: Sozialgenossenschaften. Wege zu mehr Beschäftigung, bürgerschaftlichem Engagement und Arbeitsformen der Zukunft. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2003. ISBN 978-3-930830-35-0. 19,00 EUR.
Hrsg. Bundesverein zur Förderung des Genossenschaftsgedankens ; Hrsg. Paritätische Berufsakademie; Neu-Ulm: Verein zur Förderung der sozialpolitischen Arbeit e.V.
Einführung in das Thema
Seit geraumer Zeit befindet sich Deutschland in einer wirtschaftlich nicht gerade rosigen Situation: Überalterung der Bevölkerung, hohe Arbeitslosigkeit, schwach ausgeprägtes bürgerschaftliches Engagement. Für diese und zahlreiche weitere aktuelle Probleme wird nach Lösungen gesucht, wobei man zum einen Anregungen jenseits der Grenzen sucht, zum anderen aber auch der Frage nachgeht, wie in früheren Zeiten ähnliche Schwierigkeiten bewältigt wurden.
Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die Genossenschaften in den Blickpunkt geraten sind, waren sie doch einst als "Kinder der Not" entstanden. Darüber hinaus finden sich in verschiedenen europäischen Ländern Ansätze und Modelle, wie auf genossenschaftlich-kooperativer Basis nicht nur wirtschaftlich, sondern auch soziale Probleme angegangen werden. Daher liegt es nahe, im Sinne einer Bestandsaufnahme zu untersuchen, welche Ansätze dieser Art sich derzeit in Deutschland finden und Gestaltungsmöglichkeiten abzuwägen, um ggf. die Etablierung derartiger Sozialgenossenschaften zu erleichtern.
Aufbau und Inhalte des Buches
Das Buch ist angelegt als eine Verbindung von theoretischer Auseinandersetzung mit der Materie, praktischen Beispielen existierender Sozialgenossenschaften und Anregungen für Neugründungen. Diese Dreiteilung spiegelt sich auch im Aufbau des Bandes wider.
- Der erste Teil steht unter dem Titel "Einstieg in die konzeptionelle Diskussion" und besteht aus vier eher wissenschaftlich-theoretischen Beiträgen. Den Reigen eröffnet ein Aufsatz von Burghard Flieger, der zum einen den Begriff der Sozialgenossenschaften erläutert und zum anderen diese als Perspektive zur Lösung vieler Probleme im sozialen Sektor in Deutschland sieht. In dieselbe Richtung geht auch der Beitrag von Lothar Binding, der in Sozialgenossenschaften eine Möglichkeit zur Stärkung lokaler Beschäftigungspolitik erblickt. Einen etwas anderen Blickwinkel bringt Susanne Elsen in die Diskussion, die sich vorrangig mit Gemeinwesenökonomie beschäftigt und Genossenschaften als ein mögliches Instrument erachtet, um mit ihrer Hilfe - diese quasi instrumentalisierend - das Wirtschaften in einem lokalen Kontext zu stärken. Abgerundet wird dieser Teil des Buches durch einen Beitrag von Nicole Göler von Ravensburg, die den Blick nach draußen wendet und darstellt, wie und zur Lösung welcher Probleme in anderen Ländern Genossenschaften eingesetzt werden. Gemeinsam ist diesen Beiträgen, dass sie angeregt durch Auslandserfahrungen oder durch spezielle Fragestellungen, Genossenschaften in einem breiteren Kontext thematisieren, als dies in der orthodoxen Genossenschaftswissenschaft üblicherweise getan wird: In Deutschland werden Genossenschaften seit Jahrzehnten als vorrangig oder gar ausschließlich wirtschaftlich ausgerichtete Selbsthilfeorganisationen verstanden, deren Einsatz denn auch auf die Lösung wirtschaftlicher Probleme beschränkt bleibt. Unter Verweis auf die Entstehungsgeschichte der Raiffeisengenossenschaften oder speziell auf italienische Ansätze machen diese Beiträge deutlich, dass bei Vorliegen eines breiteren Genossenschaftsverständnisses diese besondere Organisationsform auch bei sozio-politischen und nicht nur bei sozio-ökonomischen Zusammenhängen zur Geltung kommen kann.
- Belege dafür, dass diese sogar in Deutschland und unter den stark limitierenden Gesetzesvorgaben möglich ist, zeigen die im zweiten Teil zusammengetragenen Beispiele. Als erstes mögliches Einsatzgebiet werden Arbeitslosenselbsthilfegenossenschaften genannt. Praktische Realisierungen hierfür werden in vier Beiträgen von Willy Achter (Stadtteilgenossenschaft Wedding für wohnortnahe Dienstleistungen), Gabi Hafner (Arbeitslosenzentrum Ludwigsburg), Michael Birkenbeul (Wiwat eg Stadtteilgenossenschaft Mülheim) und Burghard Flieger (innova eG) vorgestellt. Die Beispiele verdeutlichen in der Tat, dass durch genossenschaftliches Engagement ein Beitrag zum Abbau der Arbeitslosigkeit und zur Reintegration von Arbeitslosen in das Wirtschaftsleben möglich ist. Deutlich wird allerdings auch, dass dies durchaus mühsam ist und die Arbeitsmarkteffekte eher begrenzt sind. Unter dem Stichwort "Soziale Versorgung im Wohnbereich stellen Maria Ohlig und Walter Pahl zwei Genossenschaften vor, die sich parallel mit der Bereitstellung von Wohnraum und der Verbesserung des sozialen Umfeldes im Umkreis der Wohnungsgenossenschaft befassen. Dies sind die Wohnungsgenossenschaft Am Beutelweg, die sich in einem sogenannten "sozialen Brennpunkt" in Trier befindet, sowie die Vermietungsgenossenschaft Ludwig-Frank in Mannheim, die in einem vorrangig von Migranten bewohnten Stadtviertel liegt. Danach werden Sozialgenossenschaften im Betreuungs- und Pflegebereich vorgestellt. Im einzelnen handelt es sich dabei um die Hamburger AssistenzGenossenschaft, die Assistenzleistungen für Behinderte erbringt und von Clemens Reichenow und Ilona Wedhorn präsentiert wird. Rüdiger Reitz beschreibt die BEGLEITUNG eG in Köln, die Dienstleistungen im Bereich von Bestattungswesen und Trauerkultur anbietet. Eine in Deutschland wohl einzigartige Genossenschaft ist die von Margit Johns beschriebene, nämlich der Gemeinnützige Krankenpflegeverein Salzhausen, der seit mehr als hundert Jahren ein genossenschaftliches Krankenhaus betreibt.
- Im dritten Teil des Buches runden Empfehlungen und Hinweise zur Organisation von Sozialgenossenschaften das Konzept ab. Dieser Abschnitt hat gewissermaßen die Aufgabe, nach den theoretischen Grundlagen und den praktischen Beispielen Hinweise zu geben, was bei der Gründung neuer Sozialgenossenschaften als Besonderheiten der genossenschaftlichen Organisationsform im Allgemeinen und ihrer Sozialausprägung im Besonderen zu beachten ist. Insgesamt besteht dieser Teil aus fünf Beiträgen. Als erstes vergleichen Annette Brox und Burghard Flieger GmbH und eingetragene Genossenschaft als mögliche Rechtsformen für sozial orientierte Unternehmen miteinander. Danach befasst sich Volker Beuthien mit der Frage, ob es eine Idealgenossenschaft gibt - im Sinne der Verfolgung ideeller, nicht-wirtschaftlicher Zwecke. Stephan J. Bultmann geht auf die heftig umstrittene Rolle der Prüfung von Genossenschaften ein, die einerseits die Insolvenzgefahr reduziert, andererseits aber eine erhebliche Kostenbelastung darstellt. Burchard Bösche befasst sich mit der Frage, ob sich Gemeinnützigkeit und genossenschaftliche Rechtsform vereinbaren lassen - was er unter Verweis auf bereits bestehende gemeinnützige Genossenschaften bejaht. Anders sieht dies Hans-H. Münkner, der bei den existierenden gemeinnützigen Genossenschaften auf deren besondere Entstehungsgeschichte verweist und für Sozialgenossenschaften eine Veränderung des Genossenschaftsgesetzes fordert, die ihre Gründung - auch in einer etwaigen gemeinnützigen Ausprägung - erleichtern würde. Als zentralen Punkt sieht er hierbei eine Erweiterung des Zulässigkeitsbereichs von Genossenschaften in Deutschland nicht nur für wirtschaftliche Ziele, wie es das Genossenschaftsgesetz derzeit vorsieht, sondern auch für soziale Zwecke.
Fazit und Anmerkungen
Das von Burghard Flieger vorgelegte Buch befasst sich mit einer Thematik, die derzeit in Deutschland noch eher am Rande der Sozialdiskussion steht, nämlich der Nutzung des genossenschaftlichen Konzepts zur Erfüllung sozialer Aufgaben. Hierbei kommt dem Buch gleichzeitig eine Vorreiterrolle und wegen seines gelungen Aufbaus auch ein Handbuchcharakter zu. Die Verzahnung aus theoretischen Grundlagen, praktischen Beispielen und handlungsorientierten Hinweisen und Empfehlungen bietet dem wissenschaftlich Interessierten einen guten Überblick, während der an einer praktischen Umsetzung Interessierte wertvolle Hinweise für einen Erfolg seines Vorhabens mitnehmen kann. Gleichzeitig wird allerdings auch deutlich, dass hinsichtlich einer möglichen Gründungswelle von Sozialgenossenschaften noch zahlreiche Probleme zu lösen sind. Dies beginnt mit einer etwaig erforderlichen Gesetzesänderung gemäß der Anregungen von Münkner über die Überwindung von Widerständen bei den etablierten Genossenschaften und ihren Verbänden gegenüber den "Newcomern" bis hin zur Entwicklung von Geschäfts- und Organisationsmodellen für die doch sehr heterogen ausfallenden Sozialgenossenschaften. Insgesamt wird deutlich, dass die Rechts- und Wirtschaftsform in der Tat eine Alternative zu den ansonsten in der Sozialwirtschaft weit verbreiteten Rechtsformen der GmbH und des eingetragenen Vereins darstellen kann, dass zumindest kurzfristig aber nicht mit einer Gründungswelle zu rechnen ist.
Rezensent
Prof. Dr. Jost W. Kramer
Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre
Hochschule Wismar, Forschungsgruppe für Kooperation, Netzwerke und Unternehmenstheorie
Adjunct Professor für Sozialwirtschaft, insbesondere Genossenschaftswesen, Universität Kuopio (Finnland)
Homepage www.wi.hs-wismar.de/fbw/personen/J.Kramer/
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Zitiervorschlag
Jost W. Kramer. Rezension vom 29.06.2004 zu: Burghard Flieger, Lothar Binding, Susanne Elsen u.a.: Sozialgenossenschaften. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2003. ISBN 978-3-930830-35-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1074.php, Datum des Zugriffs 07.02.2012.
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