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Silke Wiegand-Grefe, Fritz Mattejat u.a. (Hrsg.): Kinder mit psychisch kranken Eltern

Cover Silke Wiegand-Grefe, Fritz Mattejat, Albert Lenz (Hrsg.): Kinder mit psychisch kranken Eltern. Klinik und Forschung ; mit 55 Tabellen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2011. 496 Seiten. ISBN 978-3-525-40210-8. 34,95 EUR.
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Thema

Kinder psychisch kranker Eltern – eine lange Zeit vergessene Zielgruppe für psychosoziale Hilfeleistungen und präventive Angebote. Die Forschung zu diesem Themenkreis widmete sich ebenfalls bis vor einigen Jahren kaum der Thematik. Dieser Zustand hat sich in der jüngeren Vergangenheit jedoch verändert. Verstärkt beschäftigen sich VertreterInnen von Forschung und Praxis mit den Bedürfnissen, Problemlagen und Ressourcen der Kinder psychisch kranker Eltern.

Dies tut auch Not, denn die epidemiologische Tragweite des Themas ist aus repräsentativen Studien bekannt: Im Verlauf eines Jahres leiden mindestens 4,5 Millionen der in Deutschland lebenden Erwachsenen an einer behandlungsrelevanten psychischen Störung. Schätzungsweise ein Viertel dieser psychisch Erkrankten sind Eltern. In der Konsequenz bedeutet dies, dass von mindestens einer Million betroffener Kinder in Deutschland ausgegangen werden muss. In der Regel stellt eine psychische Erkrankung eine große Belastung für den Betroffenen dar; wenn Mütter und Väter psychisch erkranken werden eben auch die Kinder mit-betroffen. Beispielweise sind viele psychisch erkrankte Eltern (zeitweise) mit der elterlichen Verantwortung überfordert. Auch ist häufig eine Rollenumkehr (Parentifizierung) zu beobachten, bei der das Kind Aufgaben und Verantwortung für den erkrankten Elternteil übernimmt, was zu einer dauerhaften Überforderung des Kindes führen kann.

Erkenntnisse zu Entwicklungsrisiken, Belastungen und Ressourcen der betroffenen Kinder können dazu beitragen, ein differenziertes Bild zu zeichnen. Dadurch kann der individuelle Hilfebedarf bestimmt und entsprechend qualifiziert angeboten werden …

Herausgeberin und Herausgeber

Dr. Wiegand-Grefe ist seit 2004 am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf tätig und leitet das seit 2005 laufende Forschungs- und Präventionsprojekt CHIMPs (Children of mentally ill parents).

Prof. Mattejat, leitender Psychologe der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie an der Universität Marburg ist seit mittlerweile mehr als 30 Jahren in der Psychiatrie, klinischen Psychologie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters tätig.

Prof. Lenz ist seit 1994 Professor für Klinische Psychologie und Sozialpsychologie an der Katholischen Hochschule Nordrhein Westfalen (KatHo NRW), Abteilung Paderborn. Am hochschuleigenen Institut igsp leitet er zurzeit u.a. das Forschungsprojekt Kinder als Angehörige psychisch Kranker.

Die drei Herausgeber des hier vorgestellten Buches können allesamt ihre Expertise u.a. durch eine Vielzahl von Veröffentlichungen und Vorträgen, insbesondere auch zum Themenkreis „Kinder psychisch kranker Eltern“, dokumentieren.

Entstehungshintergrund

Aus Anlass des Symposiums „Kinder psychisch kranker Eltern – aktuelle Forschungsergebnisse“ im Rahmen des Jahreskongresses der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (DGKJP) im März 2009 initiierten die Herausgeber die Zusammenstellung aktueller Beiträge als Sammelband rund um das Thema „Kinder psychisch kranker Eltern“ im Kontext von Klinik und Forschung.

Aufbau

Bei diesem Buch handelt es sich um ausgewählte und ein breites Spektrum abdeckende Beiträge verschiedener AutorInnen, die aus verschiedensten Perspektiven die Thematik „Kinder psychisch kranker Eltern“ reflektieren.

Das Buch ist nach einem kurzen einführenden Teil der drei Herausgeber dem Titel entsprechend nach Beiträgen aus Klinik und aktueller Forschung gegliedert. Das Kapitel Forschung wiederum ist nochmals unterteilt nach wissenschaftlichen Studien, die a.) die elterliche Erkrankung als Risikofaktor und psychische Gesundheit der Kinder fokussieren, b.) die Erkenntnisse der Resilienz- und Bewältigungsforschung einbeziehen, c.) die Familienforschung als Schwerpunkt gewählt haben, d.) die Lebensqualität von Kindern psychisch kranker Eltern untersuchen und e.) Wirksamkeitsbefunde von Interventionen in Familien psychisch kranker Eltern treffen. Explizit werden also im Kapitel „aktuelle Forschung“ Studien entsprechend der o.a. fünf Forschungsschwerpunkte vorgestellt und deren Ergebnisse präsentiert und diskutiert.

Einführung

Zunächst erläutern die Herausgeber in der Einführung ihre Motivation, die das Zusammentragen der einzelnen Fachbeiträge zu diesem Sammelband initiiert hat. In einem daran anschließenden gemeinsamen Aufsatz skizzieren Wiegand-Grefe, Mattejat und Lenz einen historischen Abriss, der die Entwicklung wissenschaftlicher Bemühungen rund um den Themenkreis „Kinder psychisch kranker Eltern“ widerspiegelt. Aus den vorliegenden Forschungsergebnissen leiten sie zehn Kernaussagen (u.a. über die Häufigkeit psychischer Erkrankungen und Elternschaft, Stigmatisierung, …) ab. Darüber hinaus stellen die AutorInnen die positive Entwicklung der Forschungs- und Praxisangebote für Kinder psychisch kranker Eltern und deren Familien dar und fordern in einem Ausblick konkret ein Präventionsgesetz, um diesen Erfolg nachhaltig zukunftsfähig zu machen.

Klinik

Wenn Eltern zerstörbar werden …“. Dieser erste klinische Beitrag stammt von Georg Romer, Birgit Möller und Silke Wiegand-Grefe. Zwei kurze Fallbeispiele (Mutter krebserkrankt und Mutter depressiv) führen ins Thema ein. Die durch die Krankheit der Eltern bedingten Faktoren und dadurch ausgelösten seelischen Belastungen von Kindern physisch bzw. psychisch erkrankter Eltern stehen im Fokus der Betrachtungen der AutorInnen. Abgerundet wird der Artikel durch die Beschreibung protektiver Faktoren, die Kindern helfen können, eine durch elterliche Erkrankung bedingte familiäre Krise zu überwinden.

Die Problematik von Kindern psychisch kranker Eltern anhand von Biographien berühmter Persönlichkeiten“. Die Autorin Susanne Schlüter-Müller analysiert die Biographien der amerikanischen Schauspielerin Jane Fonda und der Romanschriftstellerin Paula Fox sowie des belgischen surrealistischen Malers René Magritte. Konkrete Textpassagen aus den o.g. Biographien bzw. Werke der bildenden Kunst des Malers Magritte werden so in Verbindung mit Erfahrungen gebracht, die aus der Praxis- und Forschungsarbeit mit bzw. über Kinder psychisch kranker Eltern bekannt sind.

Präventionsangebote und -projekte für Kinder psychisch kranker Eltern in Deutschland …“. Anke Reinisch, Dieter Heitmann und Julia Griepenstroh stellen eine Vielzahl der am Markt platzierten psychosozialen Hilfen vor. So entsteht ein Überblick über die in der Fachliteratur erwähnten Initiativen, die sich auf die Prävention von psychischen Störungen bei Kindern psychisch kranker Eltern spezialisiert haben. Dabei untersucht das Autorenteam speziell die Präventionsangebote und -projekte, die bisher noch nicht hinsichtlich ihrer Wirksamkeit evaluiert wurden.

Überblick über die Entwicklung und Projekte in Hamburg …“. Dieser Beitrag wurde von Christiane Deneke verfasst. Die Autorin stellt in einem kurzen Abriss das relativ dichte Netz verschiedener Hamburger Initiativen und Träger vor. Hieran anschließend werden der Leserin und dem Leser die bisher installierten Angebote des Vereins SeelenNot und das Konzept der Eltern-Baby-Ambulanz des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf vorgestellt.

Die Leistungen der Jugendhilfe für Familien mit einem psychisch kranken Elternteil“ . Auf Erfahrungen des Würzburger Modellprojekts „Hilfen für Kinder psychisch kranker Eltern und ihre Familien“, deren Projektleiter Andreas Schrappe gleichsam der Autor ist, basiert dieser Beitrag. Anhand seiner sieben Thesen (z.B. eine hohe Anzahl der Kinder psychisch kranker Eltern sind in Einrichtungen der Jugendhilfe, der Inanspruchnahme von Jugendhilfeangeboten stehen psychisch kranke Eltern ambivalent gegenüber …) analysiert er die Rahmenbedingungen der Jugendhilfe und deren Leistungen und setzt sie in praktischen Realitätsbezug mit der Zielgruppe dieser Angebote.

Auryn Leipzig – vom Projekt zur Beratungsstelle“. Unter diesem Titel wiederum wird die Arbeit der Beratungsstelle Wege e.V. Leipzig vorgestellt. Autorin dieses Beitrags ist Melanie Gorspott. Sie ist Leiterin der Familienberatungsstelle Auryn Leipzig und skizziert eingangs einen kurzen Abriss der Entwicklung von der Projektarbeit hin zum Ausbau einer Familienberatungsstelle. Hiernach wird die Arbeitsweise ihrer Einrichtung als auch das Methodenspektrum der Angebote für Kinder und ihre psychisch kranken Eltern vorgestellt.

KIPKEL – Präventionsprojekt für Kinder psychisch kranker Eltern“. Dieser Beitrag von Susanna Staets liefert einen Einblick in die Arbeit des ambulanten Präventionsprojekts „KIPKEL“ (Kinder psychisch kranker Eltern). Vorgestellt werden die Familien- und Gruppenarbeit sowie das Ziel einer intensiven Elternarbeit. Die Autorin bindet hierneben einige ausgewählte Zitate zweier betroffener Kinder ein, die vom Zusammenleben mit ihrer borderline-erkrankten bzw. der an einer bipolaren Störung leidenden Mutter berichten.

Aktuelle Forschung – Elterliche Erkrankung als Risikofaktor und psychische Gesundheit der Kinder

Entwicklungsrisiken von Kindern psychisch kranker Eltern …“. Als erster Buchbeitrag unter der Rubrik Forschung wird an dieser Stelle ein Überblick von Studien gegeben, die sich mit den Risiken für die psychische Gesundheit von Kindern in Abhängigkeit der psychischen Erkrankung der Eltern (klassifiziert nach deren Diagnosegruppen) beschäftigt haben. Hierdurch erhalten Leserinnen und Leser einen Einblick in aktuelle Forschungsergebnisse, die vom AutorInnenteam Silke Wiegand-Grefe, Peggy Geers und Franz Petermann kompakt dargestellt werden.

Frühkindliche Bindung im Kontext einer depressiven Erkrankung der Mutter“. Der Buchbeitrag von Brigitte Ramsauer basiert auf Erkenntnisse der Bindungsforschung, wobei konkret der Zusammenhang zwischen postpartaler Depression und frühkindlicher Entwicklung herstellt wird. Dabei bietet die Autorin einen Exkurs Frühkindliche Bindungsmuster/-qualitäten an und rundet den Beitrag mit einem kurzen Ausblick auf die therapeutische Behandlung ungünstiger mütterlicher Verhaltensweisen ab.

Die psychosoziale Versorgung von Kindern stationär behandelter psychiatrischer Patienten – Realität und Wünsche“. Hier wird die Ulmer Studie vorgestellt, an der psychisch kranke und stationär behandelte Eltern (54 Frauen und 29 Männer) teilgenommen haben. Marc Schmid, Jasmin Grieb und Michael Kölch bieten in ihrem Beitrag eine Zusammenfassung der Studienergebnisse beispielsweise hinsichtlich elterlicher Stressbelastung und der von den Eltern gewünschten Hilfen. Insbesondere der tatsächlichen Versorgungssituation der 165 Kinder der StudienteilnehmerInnen wird besondere Aufmerksamkeit geschenkt.

Elterliche Erkrankung und Gesundheit der Kinder“. In diesem Beitrag stellen die Mitherausgeberin Silke Wiegand-Grefe und ihren MitautorInnen Peggy Geers, Franz Petermann und Angela Plass Teilaspekte des Forschungs- und Präventionsprojektes CHIMPs vor. Die hier vorgestellte Studie untersucht die Wechselseitigkeit der elterlichen Erkrankung als Risikofaktor in Bezug auf die psychische Gesundheit der Kinder. Die Stichprobe umfasst insgesamt 62 Eltern (30 Männer und 32 Frauen), die u.a. zur psychischen Gesundheit ihrer Kinder befragt wurden.

Die Genderperspektive: Psychische Auffälligkeiten von Jungen und Mädchen“ ist ein Beitrag des Autorinnenteams Angela Plass, Janna M. Ohntrup und Silke Wiegand-Grefe. Die hier vorgestellte Studie untersucht u.a., inwieweit das Geschlecht als beeinflussende Variable auf die psychische Gesundheit von Kindern psychisch kranker Eltern wirkt. Insgesamt beurteilten 80 Elternteile insgesamt 102 Kinder anhand der Child Behavior Checklist (CBCL) das Verhalten ihrer Kinder. Auch hier handelt es um Aspekte, die aus dem Forschungs- und Präventionsprojektes CHIMPs gewonnen wurden.

Kinder psychisch kranker Eltern im Vorschulalter … “. In dieser Studie werden etwaige Zusammenhänge zwischen psychischer Gesundheit und Familienfunktionalität sowie affektive Beziehungsaufnahme analysiert. Die AutorInnen Philip Kaiser, Claudia Bockting, Silke Wiegand-Grefe und Angela Plass rekrutieren hierfür ihre StudienteilnehmerInnen aus dem vorgenannten CHIMPs- Projekt; die Stichprobe ist identisch mit der der o.g. Genderstudie. Im Fokus stehen Verhaltensprobleme von Vorschulkindern im Alter von 4-6 Jahren. Als Kontrollgruppe wurden Kindern/Jugendliche aus den Altersgruppen 7-11 sowie 12-18 Jahren herangezogen.

Aktuelle Forschung – Resilienz- und Bewältigungsforschung

Was stärkt Kinder psychisch kranker Eltern und fördert ihre Entwicklung? … “ . In diesem ersten Beitrag zum Themenschwerpunkt Resilienz- und Bewältigungsforschung stellen Albert Lenz und Juliane Kuhn einen kompakten Überblick über die bisherigen Befunde aus der Resilienzforschung zusammen. Der Leser und die Leserin erhält eine Zusammenfassung über das interaktionale Zusammenwirken von genetischen und psychosozialen Faktoren. Darüber hinaus werden neben generellen Schutzfaktoren insbesondere spezielle Schutzfaktoren für Kinder psychisch kranker Eltern und Copingstrategien dieser Kinder dokumentiert.

Stressbewältigung bei Kindern schizophren erkrankter Eltern“ ist ein Beitrag vom Autorenteam Juliane Kuhn, Albert Lenz und Johannes Jungbauer. Es wird ein erstes Teilergebnis der noch laufenden Studie „Schizophrenie und Elternschaft“ präsentiert. Die vorgestellten Ergebnisse beruhen schwerpunktmäßig auf den Berichten aus qualitativen Interviews zur Belastungssituation in den Familien und zu den Stressbewältigungsmechanismen auf individueller Ebene der Kinder.

Krankheitsbewältigung in Familien mit psychisch kranken Eltern und Gesundheit der Kinder“. In diesem Beitrag untersuchen Silke Wiegand-Grefe, Susanne Halverscheid, Peggy Geers, Franz Petermann und Angela Plass u.a. etwaige Zusammenhänge zwischen elterlicher Krankheitsbewältigung und internalisierenden bzw. externalisierenden Auffälligkeiten der Kinder in Familien mit psychisch kranken Eltern. Wiederum sind die StudienteilnehmerInnen aus dem CHIMPs- Projekt akquiriert. Das Studiendesign sowie die Stichprobe entsprechen dem des o.g. Beitrags „Elterliche Erkrankung und Gesundheit der Kinder“.

Aktuelle Forschung – Familienforschung

Familienforschung in der Prävention belasteter Kinder …“. Als erster Buchbeitrag unter dem Fokus des Schwerpunktes Familienforschung werden vorab die spezifischen Belastungen und Risiken der Kinder und ihrer psychisch kranken Eltern dargestellt. Hiernach stellen die Autoren Rüdiger Retzlaff, Andreas Eickhorst und Manfred Cierpka überblickartig Möglichkeiten der Prävention für diese Familien vor. Am Beispiel des Heidelberger Projektes „Keiner fällt durchs Netz“ wird dann ausführlich das Ineinandergreifen der erforderlichen Komponenten in der frühen Prävention aufgezeigt.

Psychisch kranke Eltern und ihre Kinder – die Familienperspektive“. Diese Gemeinschaftsproduktion der Autorinnen Eva Pollak, Monika Bullinger und Silke Wiegand-Grefe spiegelt die Studienergebnisse ihrer Forschungsbemühungen zu Fragestellungen hinsichtlich Familienfunktionalität in Familien mit psychisch kranken Eltern wieder. Die quantitative Querschnittsstudie wurde ebenfalls im Rahmen des CHIMPs- Projektes durchgeführt; Stichprobenumfang des multiperspektiv angelegten Designs: 76 erkrankte Elternteile und 15 Ärzte sowie 9 Psychologen wurden in die Befragung einbezogen.

Parentifizierung – Elternbefragung zur destruktiven Parentifizierung von Kinder psychisch kranker Eltern“. Janna M. Ohntrup, Eva Pollak, Angela Plass und Silke Wiegand-Grefe gehen in ihrem Beitrag der Wirkung von Parentifizierung nach. Dabei unterscheiden sie grundsätzlich zwischen kindliche Entwicklung stärkende (adaptive) und belastende (destruktive) Parentifizierungsformen. Abschließend stellen die vier Autorinnen ihre Pilotstudie zum Thema vor. Ein Expertenrating aus Ärzten und Psychologen (n=20) am Hamburger Uniklinikum Eppendorf half bei der Fragebogenentwicklung, der die destruktive Parentifizierung erfassen soll. Anhand derselben Stichprobe wie die des vorgenannten Beitrags „Psychisch kranke Eltern und ihre Kinder …“ fand der Fragebogen bei 76 Eltern Anwendung. Die Ergebnisse dieser Befragung werden in diesem Beitrag diskutiert und Implikationen für die Praxis gegeben.

Aktuelle Forschung – Lebensqualität von Kindern psychisch kranker Eltern

Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen im Kontext der Gesundheit ihrer Eltern“. Der erste Buchbeitrag zum Forschungsschwerpunkt Lebensqualität stammt von Monika Bullinger. Die Autorin gibt nach einleitend dargestellten konzeptuellen Grundlagen der Lebensqualitätsforschung einen Überblick über krankheitsübergreifende und -spezifische Methoden zur Erfassung der Lebensqualität. Abschließend werden einige Ergebnisse der Forschung zur Lebensqualität junger Menschen mit und ohne Gesundheitseinschränkungen präsentiert.

Gesundheitsbezogene Lebensqualität von Kindern psychisch kranker Eltern …“. In diesem Beitrag stellen die Autorinnen Jana Jeske, Eva Pollak, Monika Bullinger und Silke Wiegand-Grefe Ergebnisse vor, die im Kontext der Vorstudie zum Forschungsprojekt CHIMPs gewonnen wurden und die u.a. Erkenntnisse über etwaige Risiko- und Einzelfaktoren für die psychische Gesundheit und Lebensqualität der Kinder in Abhängigkeit der elterlichen Krankheitsart und -bewältigung liefern.

Aktuelle Forschung – Wirksamkeitsbefunde von Interventionen in Familien psychisch kranker Eltern

Grundlagen, Anforderungen und Design von Evaluationen …“. Der erste Beitrag zum Schwerpunkt Evaluationsforschung stammt von der Herausgeberin Silke Wiegand-Grefe und der Autorinnen Janna M. Ohntrup sowie Angela Plass. Nach einem einführenden Teil, der die grundlegenden Unterschiede zwischen Effizienz- und Effektivitätsforschung erläutert, konzentriert der Beitrag sich auf die Evaluationsforschung bei Interventionen für Kinder psychisch kranker Eltern. Exemplarisch wird dazu die Evaluation des CHIMPs- Projektes ausführlich dargestellt.

Wirksamkeitsbefunde von Interventionen bei Kindern und Familien psychisch kranker Eltern …“. Der zweite Beitrag zum Thema Evaluationsforschung ist zugleich der letzte Beitrag des Sammelbandes. Hanna Christiansen, Fritz Mattejat und Bernd Röhrle präsentieren metaanalytische Ergebnisse als Überblick von evidenzbasierten Interventionsprogrammen für Kinder und Familien mit psychisch kranken Eltern im deutsch- und englischsprachigen Raum. Hierneben stellen die Autorin und die beiden Autoren konkret Programme vor, die Präventionsarbeit bei Suchererkrankungen und bei depressiven Erkrankungen leisten und gleichsam evidenzbasiert sind.

Diskussion

Der von Dr. S. Wiegand-Grefe, Prof. F. Mattejat und Prof. A. Lenz herausgegebene Sammelband ist eine eindrucksvolle Demonstration vielfältiger Beschäftigung mit dem Thema „Psychisch kranke Eltern und ihre Kinder“. Die Forschungsbeiträge sind das Herzstück der hier rezensierten Veröffentlichung und bilden den quantitativen Schwerpunkt des Sammelbandes. Aktuelle Forschungsarbeiten samt Studiendesigns und -ergebnisse werden kompakt und für alle mit Studiendesigns vertrauten LeserInnen gut nachvollziehbar präsentiert. Ein Löwenanteil dieser Arbeiten entstand am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Hier läuft seit 2005 das Forschungs- und Präventionsprojekt „CHIMPs“ (Children of mentally ill parents), das von der Mitherausgeberin Wiegand-Grefe geleitet und von einer sehr aktiven Forschergruppe unterstützt wird. Darüber hinaus sei exemplarisch die Studie der Ulmer Forschergruppe Dr. Schmid, Dipl.Psych. Grieb und Dr. Michael Kölch erwähnt, die in ihrem Beitrag mit ihrer Studie die tatsächliche Versorgungssituation der Kinder stationär aufgenommener psychisch kranker Eltern in den Fokus genommen haben. Ein weiteres Beispiel für aktuelle Forschungsarbeiten über die Hamburger Grenzen hinaus ist die von Dipl.Psych. Juliane Kuhn, Prof. Lenz und Prof. Jungbauer vorgestellte Studie zur „Stressbewältigung bei Kindern psychisch erkrankter Eltern“. Hier präsentieren die ForscherInnen ihre Ergebnisse begleitet von kurzen Textpassagen, die aus den Interviews mit den betroffenen Kindern stammen. Wenngleich die Praxis (Buchkapitel Klinik, insgesamt 107 Seiten) im Vergleich zum o.g. Forschungskapitel (insgesamt 313 Seiten) quantitativ betrachtet unterrepräsentiert ist, so sind die Beiträge hinsichtlich ihrer Qualität jedoch sehr heterogen. So umfasst das Kapitel Klinik Beiträgen der Initiatorinnen von Auryn Leipzig und KIPKEL sowie die Darstellung der Arbeit von SeelenNot sowie des Würzburger Modellprojekts „Hilfen für Kinder psychisch kranker Eltern und ihrer Familien“ als Erfahrungsschatz aus der praktischen Arbeit mit Kindern und ihren psychisch kranken Eltern. Der Beitrag „Wenn Eltern zerstörbar werden …“ von Romer, Möller und Wiegand-Grefe hingegen gibt einen Ausblick auf die Notwendigkeit der Einführung eines Qualitätslabels „Kinder als Angehörige willkommen“ und verweist auf positive Entwicklungen in der Psychoonkologie, die ihrerseits wiederum bereits Leitlinienstandards für eine qualitätsgesicherte psychosoziale Versorgung von Kinder als Angehörige erwachsener Patienten installiert hat. Eine nochmals völlig andere Perspektive zur Thematik Kinder psychisch kranker Eltern einnehmend beleuchtet beispielsweise Prof. Schlüter-Müller mit ihrem außergewöhnlichen Beitrag „Die Problematik von Kindern psychisch kranker Eltern anhand von Biographien berühmter Persönlichkeiten“. Bereits bekannte Probleme, die häufig in Familien mit psychisch kranken Eltern auftauchen, werden z.B. anhand von Textpassagen aus der Biographie von Jane Fonda geschildert. Besonders beeindruckend ist m.E. das Bild „L`esprit de géométrie / Der Geist der Geometrie“ des surrealistischen Malers Magritte, welches zugleich als Umschlagsabbildung des hier vorgestellten Sammelbands dient. Um mit den Worten der Autorin zu sprechen: „Der Geist der Geometrie […] zeigt auf beeindruckende Weise und in erschütternder Klarheit den Hauptkonflikt der Kinder psychisch kranker Eltern“. Gemeint ist an dieser Stelle die häufig in Familien mit psychisch kranken Eltern beobachtbare Parentifizierung, bei der eine Rollenumkehr zwischen Eltern und Kindern stattfindet.

Fazit

Dieser Sammelband gibt einen spannenden Einblick in neuere Forschungsbemühungen zum Themenkreis „Kinder psychisch kranker Eltern“. Die von der Herausgeberin und den beiden Herausgebern gewählte Untergliederung des Kapitels Forschung in fünf Forschungsrichtungen ist eine für den Leser und die Leserin wertvolle Orientierungshilfe. Der Band richtet sich m.E. an alle, die als interessierte PraktikerInnen, vor allem klinisch arbeitende Helfer wie beispielsweise PsychologInnen und Ärzte/Ärztinnen, einen Überblick über neuere Studienergebnisse erhalten möchten. Besonders geeignet erscheint mir das Buch jedoch vor allem für WissenschaftlerInnen, da der Hauptteil des Veröffentlichungen aus sehr interessanten, wenngleich auch sehr wissenschaftlich dokumentierten Studien besteht. Durch das Zusammentragen aktueller Forschungsarbeiten kann dieser Band hoffentlich dazu beitragen, neue Impulse für weitere Forschungsarbeiten zu geben. Eine weitere Hoffnung setze ich auf etwaig eintretende Synergieeffekte für alle im Bereich von Klinik und Forschung tätigen Fachkräfte, die sich mit dem Themenkreis „Kinder psychisch kranker Eltern“ beschäftigen. Getreu dem Motto: „Geteiltes Wissen ist doppeltes Wissen!“


Rezensentin
Dipl. Sozialpädagogin Christina K. Göttgens
Promoviert zurzeit zum Thema „Evaluation von präventiven Hilfen für Kinder psychisch kranker Eltern: Grundpositionen, Diskurse und Konzepte. Eine sozialpädagogische Analyse.“ Diese Dissertation wird an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen bearbeitet und betreut.
Homepage www.goettgens.bplaced.net
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Zitiervorschlag
Christina K. Göttgens. Rezension vom 12.01.2011 zu: Silke Wiegand-Grefe, Fritz Mattejat, Albert Lenz (Hrsg.): Kinder mit psychisch kranken Eltern. Klinik und Forschung ; mit 55 Tabellen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2011. ISBN 978-3-525-40210-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10742.php, Datum des Zugriffs 30.05.2016.


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