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Maximilian Buchka: Erziehen in der sozialen Arbeit

Cover Maximilian Buchka: Erziehen in der sozialen Arbeit. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2010. 190 Seiten. ISBN 978-3-8252-3413-3. D: 17,90 EUR, A: 18,40 EUR.

Reihe: UTB - 3413. Kernkompetenzen, soziale Arbeit und Pädagogik.
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Thema

Beim vorliegenden Buch handelt es sich, aufgrund des Titels nicht auf Anhieb erkennbar, um ein Lehrbuch der Pädagogik für die Hochschule. Die Besonderheit dieses Lehrbuches besteht darin, dass es zum einen insbesondere für Studiengänge der Sozialen Arbeit geschrieben worden ist und zum anderen als Praktische Pädagogik verstanden werden soll. In wohl allen Studiengängen der Sozialen Arbeit, die hauptsächlich an Fachhochschulen, vereinzelt aber auch an Universitäten (Gesamthochschulen wie Eichstätt, Essen, Kassel, Siegen und Wuppertal, eine Technische Hochschule wie Dresden) angeboten werden, ist Pädagogik bzw. Erziehungswissenschaft ein Lehrgebiet und Prüfungsfach oder sind pädagogische Fragestellungen Teil von Lehrveranstaltungen und Prüfungen.

Autor

Maximilian Buchka, 1943 geboren und im ersten Beruf Sonderschullehrer, lehrte 26 Jahre an der Katholische Hochschule NRW Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Sozial- und Sonderpädagogik. Seit seiner dortigen Emeritierung ist er Gastprofessor für Heilpädagogik an der Alanus Hochschule in Alfter bei Bonn. Buchka ist Autor und Herausgeber heilpädagogischer Publikationen und war zusammen mit seinen damaligen Kollegen Elisabeth Badry und Rudolf Knapp Herausgeber des zuletzt 2003 in der vierten Auflage erschienenen Lehrbuchs „Pädagogik. Grundlagen und sozialpädagogische Arbeitsfelder“ und darin Autor für die sozial- und heilpädagogischen Kapitel.

Aufbau

Das Buch ist zweigeteilt.

Die beiden ersten Kapitel sind der Erziehung als Ganzes gewidmet. Während das erste Kapitel der Erziehung, genauer dem „Begriff der Erziehung“ gilt, springt Buchka im zweiten Kapitel auf die wissenschaftstheoretische Ebene und thematisiert die Erziehungswissenschaft bzw. die „wissenschaftlichen Theorien der Erziehung“.

In den folgenden und restlichen fünf Kapiteln greift der Autor Partialtheorien und damit Teilaspekte der Erziehung auf. Was Partialtheorien sind, erklärt er im zweiten Kapitel. Diese partialtheoretischen Kapitel werden immer mit „Das System der …“ überschrieben.

1 Zum Begriff der Erziehung

Buchka umkreist den Begriff der Erziehung von verschiedenen Seiten aus. Dazu nimmt er etymologische Spuren auf (1.2), erinnert an metaphorische Charakteristika des Redens über Erziehung, wie sie z.B. in dem berühmten Titel „Führen oder Wachsenlassen“ Theodor Litts zum Ausdruck kommen (1.3) und grenzt den Begriff der Erziehung von „Nachbarbegriffen“ wie Lernen, Bildung und Sozialisation ab (1.5). Der Autor scheint sich dabei Wolfgang Brezinkas Begriffsverständnis anschließen zu wollen, nach dem mit „Erziehung“ „Handlungen oder Tätigkeiten bezeichnet werden, die von Erwachsenen ausgeübt werden und auf andere Menschen, insbesondere auf Kinder, Jugendliche oder Heranwachsende gerichtet sind. Der Zweck der Handlungen ist es, den Zustand der Persönlichkeit, auf die eingewirkt wird, in irgendeiner Hinsicht zu verbessern. Dabei wird vorwiegend an psychische Merkmale gedacht… (S. 13). Dass Buchka in der Abgrenzung von Erziehung und Bildung (1.5.2) noch einen engeren Erziehungsbegriff verwendet, der sich im Unterschied zum „Geist“ auf den „Charakter“ bezieht (S. 29), macht er nicht explizit.

Der Autor nimmt weiter eine Differenzierung des Erziehungsbegriffs nach „Funktionen der Erziehung“ vor (1.4). Als Grundfunktionen der Erziehung unterscheidet er, im Anschluss an Otto Willmann und seinen Schüler Franz-Xaver Eggersdorfer die leibliche „Pflege“, geistige „Belehrung“ und seelische „Führung“ (1.4.1) und ergänzt sie später um eine vergleichbare, um eine vierte Funktion vermehrte Einteilung Bruno Hamanns (Schreibfehler auf S. 25) in Naturalisation, Enkulturation, Sozialisation und Spiritualisation. Diese Vierteilung geht, von Buchka nur indirekt angedeutet, auf die „Allgemeine Pädagogik“ Wilhelm Flitners zurück. Auch hier bleibt unter der Hand eine begriffliche Unschärfe, indem Sozialisation an dieser Stelle als Teil der Erziehung verstanden wird, obwohl beide später (1.5.3) noch gegeneinander abgegrenzt werden. Diese individuell zu verstehenden Funktionen, die Buchka als „anthropologisch begründet“ (S. 16) versteht, ergänzt er noch um „gesellschaftlich begründete Funktionen“ (1.4.3). Er listet in dem entsprechenden Unterkapitel keine solche Funktionen auf, betont aber die beidseitige Abhängigkeit von Gesellschaft und Erziehung. Ein drittes Unterkapitel zu den „psycho-sozial begründeten Erziehungsfunktionen“ (1.4.2) bleibt in seiner Gliederung unklar. Drei der dort genannten Funktionen erinnern eher an Aspekte des Erziehungsprozesses („Erziehung als psycho-soziale/r Lernprozess, Interaktion und Kommunikation und Beziehungsdynamik“), während zwei weitere auf der einen Seite der Gesellschaft („Erziehung als Hilfe zum Erlernen von Sozial- und Kulturverhalten“), auf der anderen dem Individuum („Erziehung als Hilfe zur Persönlichkeitsbildung“) zugeordnet werden können.

Zum Schluss des Kapitels verortet der Autor die Erziehung, den ganzen Titel des Buches aufgreifend, im Kontext der Sozialen Arbeit und fragt, was das Soziale an der Erziehung bzw. was soziale Erziehung ist (1.6). Dazu bietet er drei Antworten an: das Soziale als Prinzip (Erziehung selbst), als Ort und Ziel („Gemeinschaftserziehung“), als Feld („Kinder- und Jugendhilfe“) und als Zielgruppe der Erziehung (‚Sondererziehung‘).

2 Die wissenschaftlichen Theorien der Erziehung

Buchka lässt offen, ob man Pädagogik und Erziehungswissenschaft gleichsetzen oder unterscheiden sollte und widmet sich stattdessen der Struktur dieser Wissenschaft. In Anlehnung an Dieter Lenzen und Herbert Gudjons differenziert er sie in Subdisziplinen, Fachrichtungen und, schon mehr Gegenstand oder Ziel von Wissenschaft, Praxisfelder (2.2.2), denen in etwa, von ihm nicht so erkannt, die von Theo Dietrich unterschiedenen Theorieebenen entsprechen: die wissenschaftliche Erziehungstheorie, die Erziehungslehre und die Erziehungspraxis (2.3). Neben den Subdisziplinen und Fachrichtungen als Theoriefächern und den Theorieebenen nennt Buchka noch, in Anlehnung an Hans Bokelmann, Theorieklassen. Innerhalb der wissenschaftlichen Erziehungstheorie und insbesondere in den Subdisziplinen sind Theorietypen üblich, die den von Lenzen und Gudjons sogenannten Ansätzen/Konzepten/Positionen (normativ, geisteswissenschaftlich, empirisch, kritisch), also in etwa Schulrichtungen entsprechen (2.5). Im gleichen Kontext, aber auch in den Erziehungslehren und Fachrichtungen, sind Partialtheorien möglich, die Erziehung jeweils aus einem bestimmten inhaltlichen Blickwinkel thematisieren. In Orientierung an den Gliederungsvorschlägen für Partialtheorien, die Hans Bokelmann und – für die Praktische Pädagogik - Wolfgang Brezinka vorgelegt haben, entwickelt Buchka ein Raster von fünf Partialtheorien, die er in den Kapiteln 3 bis 7 gesondert thematisiert.

Beide Theorieklassen, die Theorietypen und die Partialtheorien, wendet er dann in einem letzten Unterkapitel noch auf die Sozialpädagogik, verstanden als Wissenschaft der sozialen Erziehung, an. Alle Theorietypen sind auch in der Sozialpädagogik vertreten (2.7.1). Was Buchka als Partialtheorien der Sozialpädagogik aufführt, sind aber eher die Entsprechungen zu den in Kap. 1.6 aufgelisteten Begriffen sozialer Erziehung.

3 Das System der Erziehungsbedingungen

Buchka führt vier Kategorien von Bedingungen auf, die sich mal begünstigend, mal einschränkend auf Erziehung auswirken: die besonderen Merkmale der beteiligten Personen (Erziehende und Zu-Erziehende) und der entsprechenden, direkten oder weiteren Umwelt, auch der Gesellschaft. Dabei fehlt es den Kategorien von Umwelt und Gesellschaft an Trennschärfe. Die Erziehungsbedingungen werden an drei Arbeitsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe durchexerziert: der Heimerziehung, der Kindertagesbetreuung und dem Allgemeinen Sozialen Dienst.

4 Das System der Zu-Erziehenden und Erziehenden

Zu den Zu-Erziehenden rechnet der Autor neben Einzelpersonen auch Gruppen, da die für die meisten pädagogischen Arbeitsfelder Standard sind. Bei den Erziehenden kennt er neben den Einzelpersonen auch indirekt bzw. institutionell Erziehende: Familie und andere Gemeinschaften, Staat und (freie) Gesellschaft, auch die Kirchen. Es ist nicht ganz nachvollziehbar, in welcher Hinsicht er diese Partialtheorie von der vorhergehenden unterscheidet. Denn genauso gut könnte man bei den Zu-Erziehenden und Erziehenden, gerade auch den institutionellen, von Erziehungsbedingungen sprechen.

5 Das System der Ziele und Aufgaben in der Erziehung

Die Partialtheorie zu den Erziehungszielen behandelt Arten, Inhalte, Funktionen und Kontrollen von Erziehungszielen und erziehungszielsetzenden Instanzen. Normen und Werte und ihre Rolle im Zusammenhang der Ziele werden eigens thematisiert.

6 Das System der Erziehungshandlungen – dargestellt an Beispielen der Sozialen Arbeit

Dieses Kapitel bildet quantitativ und qualitativ einen Schwerpunkt innerhalb der Partialtheorien aufgreifenden Kapitel. Buchka entwickelt hier ein originäres, als Würfel dargestelltes Ordnungssystem der verschiedenen Aspekte von Erziehungshandlungen. Die Erziehungsmaßnahmen als erste Dimension des Würfels werden mit Erich Geißler in (indirekte) Erziehungsmittel und (direkte) Erziehungsakte unterschieden. Die Erziehungsmittel werden mit Peter Petersen in Gespräch, Spiel, Arbeit und Feier, die Erziehungsakte nach Horst Domke, der sich an Schleiermacher anlehnt, in unterstützende und gegenwirkende Akte differenziert. In der zweiten Dimension des Würfels unterscheidet Buchka präventive, integrative, animative, fördernde, begleitende, beratende und diziplinierende Erziehungsformen. Unklar bleibt, wie es zu dieser Auflistung kommt, welcher Logik sie folgt und wo im Einzelfall die Unterschiede zu den Erziehungsmaßnahmen liegen. Bei der dritten Dimension der Erziehungshandlungen, den Erziehungseinstellungen, differenziert Buchka zwischen dem Erziehungsverhältnis, seit Hermann Nohl auch „pädagogischer Bezug“ genannt, und den Erziehungshaltungen und Erziehungsstilen. Diese Einteilung, gerade zwischen Erziehungshaltungen und –stilen und zu Erziehungsformen hin, bleibt diffus und darum nicht so hilfreich.

7 Das System der Erziehungswirkungen

Diese Kapitel könnte auch „System der Erziehungsevaluation“ heißen. Denn hier steht wie in Kapitel 6 eine Handlung im Vordergrund, weniger der Gegenstand Wirkungen. An Wirkungen werden gewollte und ungewollte unterschieden. Dabei wird nicht klargestellt, dass ungewollte (Neben-) Wirkungen erwünscht und unerwünscht sein können.

Diskussion

Während der Begriff der Erziehung in den ersten beiden Kapiteln noch weit angesetzt wird, engt ihn Buchka dann zunehmend, insbesondere in den Kapitel 5 und 6, auf Erziehung im engeren, von Bildung zu unterscheidenden Sinne ein. Das zeigt auch sein Strukturschema zu den Partialtheorien der Erziehung (S. 60), in dem meines Erachtens der neben den Zu-Erziehenden und Erziehenden dritte Faktor fehlt, der zumindest für Fragen der Bildung, verdeutlich im didaktischen Dreieck, von eminenter Bedeutung ist. Inwieweit sein Lehrbuch als Praktische Pädagogik verstanden werden kann, bleibt dahingestellt. Dafür hätte sich der Autor vielleicht stringenter an dem von Brezinka für die Praktische Pädagogik entworfenden Dreischritt von Bedingung, Ziel und Methode orientieren müssen und die Logik des Prozesses nicht mit derjenigen der Struktur vermischen dürfen.

Das Buch ist insgesamt, von einigen, schon erwähnten Ausnahmen abgesehen, klar gegliedert und sehr verständlich geschrieben. Auch indem es, was die pädagogischen Quellen betrifft, breit, und zwar klassisch und modern, angelegt ist, avanciert es zu einem Lehrbuch im besten Sinne – allerdings nicht ohne Mankos. Neben schon aufgeführten Punkten bleibt noch der Eindruck, dass der Materialreichtum gelegentlich kompilatorischen Charakter annimmt. Ob die durchaus spärlichen Bezüge zu soziologischen und psychologischen Forschungen für seine Praktische Pädagogik ein Manko darstellen, bleibt dahingestellt.

Fazit

Buchka hat ein gutes Lehrbuch geschrieben: mit mehr praktischen Elementen als in vergleichbaren Lehrbücher üblich und mehr eine Pädagogik als, wie angekündigt, eine Sozialpädagogik.


Rezensent
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Fachhochschule Mainz
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Zitiervorschlag
Ulrich Papenkort. Rezension vom 24.02.2011 zu: Maximilian Buchka: Erziehen in der sozialen Arbeit. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2010. ISBN 978-3-8252-3413-3. Reihe: UTB - 3413. Kernkompetenzen, soziale Arbeit und Pädagogik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10768.php, Datum des Zugriffs 26.08.2016.


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