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Elsbeth Krieg, Birgit Meinig u.a.: Von der Kindertagesstätte zum Familienzentrum

Cover Elsbeth Krieg, Birgit Meinig, Simone Wustrack: Von der Kindertagesstätte zum Familienzentrum. Entwicklungen und Herausforderungen für die Praxis. Blumhardt Verlag 2010. 151 Seiten. ISBN 978-3-932011-82-5. 11,00 EUR.

Fachhochschule : Schriftenreihe der Fakultät V - Diakonie, Gesundheit und Soziales der Fachhochschule Hannover - Band 18.
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Thema

Die Weiterentwicklung von Kindertagesstätten zu Familienzentren wird in vielen Bundesländern politisch angestrebt und finanziell gefördert. Dabei werden unterschiedliche Wege beschritten. Die Stadt Hannover hat ein eigenes Ausbau- und Förderprogramm entwickelt, das sich besonders auf sozial benachteiligte Stadtteile konzentriert und sich in der Philosophie an den englischen Early-Excellence-Centres orientiert. Bis zum August 2009 entstanden 19 Familienzentren, die jeweils zu ihrem Kita-Etat jährlich 40.000 Euro für ihre zusätzliche Arbeit erhalten. Davon wird eine halbe Stelle für Vernetzungs- und Koordinierungstätigkeiten sowie den Ausbau der Elternbildung finanziert. Zusätzlich hat der Fachbereich Jugend der Stadt Hannover eine halbe Stelle eingerichtet, um die Arbeit der Familienzentren insgesamt zu unterstützen.

Entstehungshintergrund

Das erste Familienzentrum Hannovers begann seine Arbeit im Jahr 2005 und wurde für drei Jahre wissenschaftlich begleitet. Das Buch fasst die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Begleitung zusammen.

Autorinnen

Elsbeth Krieg ist Professorin an der Fachhochschule Hannover und Autorin zahlreicher Publikationen im Bereich der Kindertageseinrichtungen. Ihre Schwerpunkte sind die Reggio-Pädagogik und die Konzeptentwicklung in evangelischen Tageseinrichtungen. Birgit Meinig und Simone Wustrack waren als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen für die Begleitforschung der Piloteinrichtung angestellt.

Aufbau und Inhalt

Nach einer Einleitung wird im zweiten Kapitel die Philosophie der britischen Early-Excellence-Centres dargestellt und kritisch bewertet. Dabei wird besonders die begrenzte Übertragung des Modells nach Deutschland in den Blick genommen. Zudem werden die Leitorientierungen in Bezug zur Reggio-Pädagogik gestellt, um eine kritisch-normative Bewertung vornehmen zu können.

Im dritten Kapitel werden in Kürze die Rahmenbedingungen und die programmatischen Schwerpunkte der Familienzentren in Hannover dargestellt. Hierzu gehören die Elternbildung, die Bildungsförderung der Kinder, die Teamqualifizierung und die Netzwerkarbeit.

Im vierten Kapitel wird ebenfalls recht kurz die Untersuchungsmethodik der Begleitforschung erläutert. Die qualitativ ausgerichtete Forschungsarbeit konzentrierte sich auf 12 Interviews mit Fachkräften und Eltern, die im ersten und im dritten Jahr in Einzelinterviews befragt wurden. Zusätzlich wurden einige teilnehmende Beobachtungen der pädagogischen Arbeit mit Kindern und Eltern sowie einer Dienstbesprechung und eines Leitungsteams durchgeführt. Anschließend wurde eine schriftliche Befragung von Eltern zur Zufriedenheit mit der Arbeit des Familienzentrums vorgenommen. Zusätzlich wurde im vierten Jahr, nach Abschluss der eigentlichen Begleitforschung, eine Nachuntersuchung von Studierenden durchgeführt.

Im fünften, ebenfalls sehr kurzen Kapitel wird die untersuchte Einrichtung vorgestellt. Die LeserInnen erfahren etwas über die Geschichte der Einrichtung, den Sozialraum mit extremem Migrationsanteil, die Gruppen in Kita und Hort, die Öffnungszeiten und das Konzept der Offenen Arbeit.

Das sechste Kapitel beschäftigt sich mit der Kooperation mit Eltern und bildet formal und inhaltlich den Kern der Publikation (mehr als 40 Seiten). Hier werden sowohl die konkrete Arbeit des Familienzentrums und die Erfahrungen der Fachkräfte geschildert, als auch die Auseinandersetzungen mit dem konzeptionellen und ideologischen Hintergrund der Arbeit geführt. Neben regelmäßigen Elternhospitationen konkretisiert sich die Elternbildungsarbeit des untersuchten Familienzentrums in zahlreichen Kurskonzepten (FuN, Rucksack, Griffbereit, Familienergo), dem thematischen Elternforum sowie dem Elterncafé und selbst organisierten Aktivitäten der Eltern (Kochkurse, Fitnessgruppe). Alle diese Angebote werden im Familienzentrum gut von den Eltern (genauer gesagt: von den Müttern!) angenommen, sodass die Reflexionen der wissenschaftlichen Begleitung sich eher damit beschäftigen, was die Arbeit bei Eltern und Fachkräften auslöst und ob sie letztlich tatsächlich zur Autonomie und Stärkung von Eltern beitragen.

Kapitel sieben beschäftigt sich mit der Bildungsförderung der Kinder. Hier wird das Konzept der Offenen Arbeit in Kita und Hort erläutert und bewertet. Anschließend wird auf relativ wenigen Seiten das Beobachtungskonzept vorgestellt und erklärt, inwieweit das Konzept bisher umgesetzt wurde.

Das achte Kapitel beschreibt wiederum sehr kurz und knapp die Entwicklungen des Teams, das im Übergang zum Familienzentrum viel Neues lernen und Altes verlernen musste. Nach vier Jahren der Umstellung scheint der Übergang zur Familienorientierung von den Fachkräften weitgehend anerkannt zu sein.

Das neunte Kapitel bilanziert die Entwicklung der Netzwerkarbeit. Hier werden im Wesentlichen die Erfahrungen der Koordinatorin zusammengefasst. In der Schlussbetrachtung werden die wichtigsten Erkenntnisse der Begleitforschung noch einmal zusammengefasst.

Diskussion

Das Buch liefert eine interessante, kritische Einschätzung der Early-Excellence-Arbeit in Deutschland. Auch wenn die empirische Arbeit der Begleitforschung recht nebulös bleibt (weil ausgewählte Zitate aus den Interviews einfach in den argumentierenden Text eingearbeitet werden), ist doch der Gedankengang der Autorinnen nachvollziehbar und einleuchtend. Man erfährt in dem schmalen Band sehr viel über das konkrete Familienzentrumsprogramm der Stadt Hannover und seine Umsetzung in der Piloteinrichtung. Die Bewertung dieser Arbeit erfolgt überwiegend auf normativer Ebene, indem die Programmatik des Early-Excellence-Ansatzes – besonders in seiner verkürzten Übertragung für deutsche Einrichtungen – mit dem Empowermentansatz und dem konzeptionellen Denken der Reggio-Pädagogik konfrontiert werden.

Die Autorinnen vertreten in ihrer Arbeit die These, dass die Familienzentren nicht zu fairen und offenen Erziehungs- und Bildungspartnerschaften mit Eltern in der Lage sind, wenn sie sich zu sehr an den Vorbildern der Early-Excellence-Centres (ihren Beobachtungsansätzen, ihrer Elternarbeit etc.) orientieren. Besonders die herkömmlichen Angebote der Elternbildung in Form von Elternkursen verfestigen ihrer Ansicht nach die asymmetrische Profi-Klientenbeziehung statt den Wünschen, Ideen und der Kreativität von Eltern zu einem Dialog auf Augenhöhe mit den Fachkräften zu verhelfen.

Fazit

Alles in allem ein interessantes, leicht lesbares Buch für Praktikerinnen und Praktiker sowie für alle diejenigen, die sich mit programmatischen und konzeptionellen Fragen in der Familienzentrumsarbeit beschäftigen.


Rezensent
Dr. Remi Stork
Referent für Jugendhilfe und Familienpolitik im Diakonischen Werk der evangelischen Kirche von Westfalen, Geschäftsführer der evangelischen Aktionsgemeinschaft für Familienfragen Westfalen-Lippe
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Zitiervorschlag
Remi Stork. Rezension vom 27.04.2011 zu: Elsbeth Krieg, Birgit Meinig, Simone Wustrack: Von der Kindertagesstätte zum Familienzentrum. Entwicklungen und Herausforderungen für die Praxis. Blumhardt Verlag 2010. ISBN 978-3-932011-82-5. Fachhochschule : Schriftenreihe der Fakultät V - Diakonie, Gesundheit und Soziales der Fachhochschule Hannover - Band 18. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10771.php, Datum des Zugriffs 27.05.2016.


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