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Irmgard Eisenbach-Stangl, Harald Spirig: Auch Drogenabhängige werden älter

Cover Irmgard Eisenbach-Stangl, Harald Spirig: Auch Drogenabhängige werden älter... Zur Lebenssituation einer Randgruppe. Europäisches Zentrum für Wohlfahrtspolitik und -sozialforschung (Wien) 2010. 164 Seiten. ISBN 978-3-902426-50-5. 12,00 EUR.

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Thema

“Drogenabhängige leben - dank einer vernünftigeren Drogenpolitik - gesünder und länger. Auf diese Weise haben sich Politik und Drogenhilfe ein Problem geschaffen, das derzeit unterschätzt, aber bald zu lösen sein wird“ (S.108). Die Zahl älterer Drogenabhängiger ist in letzter Zeit rapide angestiegen und hat sich in Österreich seit der Jahrtausendwende nahezu verdoppelt.

Inhalt

In ihrem von der EU mitfinanzierten Forschungsprojekt „Senior Drug Dependents and Care Structures“, an dem neben Österreich auch - die in dieser Publikation nicht berücksichtigten Länder - Deutschland, Polen und Schottland teilnahmen (vgl. hierzu: www.sddcare.eu) analysieren die beiden SoziologInnen Eisenbach-Stangl vom Europäischen Zentrum für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung, Wien, und Spirig, Geschäftsführer des ‚Schweizerhaus Hadersdorf’ (das auch Substituierte stationär aufnimmt), die Situation der mehr als 35 Jahre alten „Drogensenioren“ in Österreich sowie speziell in Wien. Und zwar in vier Teilprojekten (1) einer quantitativen Auswertung vorhandener Statistiken, (2) mit Hilfe von qualitativen Interviews mit solchen Drogen-Senioren, (3) Experten-Interviews und (4) einer Darstellung der rechtlichen und finanziellen Situation.

  1. Die Auswertung der statistischen Daten - aus den Drogeneinrichtungen, Substitutions-Registern, Krankenhausentlassungen und den Listen der Drogentoten - zeigt zunächst einmal wieder, wie problematisch es ist, solchen Registern brauchbare Zahlen zu entnehmen, die über das hinausgehen, was man ohnehin schon weiß: „Vermutlich also ändern sich die Konsummuster mit dem Alter, und tendieren ältere Konsumenten dazu - aus Vorsicht oder welchen Gründen immer - „abweichende“ illegale Substanzen durch „erlaubte“ legale zu ersetzen, auch dann, wenn sie letztere am illegalen Markt erwerben - wie etwa Psychopharmaka“ (27). Insgesamt rechnet man in Österreich mit etwa 7.000 überwiegend männlichen Drogensenioren über 35 Jahren, von denen etwa 2/3 in Wien leben. Gesundheitlich kann man davon ausgehen, „dass der Gesundheitszustand eines 50-jährigen Drogenabhängigen etwa dem eines 70- oder 80-jährigen Menschen entspricht“ (113), wobei „bei älteren Drogenabhängigen ab 40 Jahren mit deutlichen Veränderungen zu rechnen ist (chronifizierte Depression, Hirnschäden, chronische körperliche Erkrankungen) bedingt auch durch die Lebensführung“ (91).
  2. Die 19 interviewten „älteren Suchtkranken“ (37-54 Jahre; 11 Männer, 8 Frauen) stammen aus zwei „justiznahen Institutionen“, der Justizvollzugsanstalt und dem Haus Hadersdorf, in dem „Therapie statt Strafe“ vollzogen wird; sie stellen also eine „in besonderem Maße kriminalisierte und marginalisierte Subgruppe mit „wenig Erfahrungen mit Einrichtungen der Suchtkrankenhilfe“ (80), die gleichwohl - wie man dies bei solchen Interviews so häufig erlebt - ein recht positiv eingefärbtes Bild ihrer persönlichen sozialen und gesundheitlichen Situation zeichnen, mit dem Wunsch nach einer „Rückkehr zur (bescheidenen) Normalität - die sich in geregelter Arbeit, regelmäßigem und ausreichendem Einkommen, einer eigenen Wohnung, einem Partner/einer Partnerin, eventuell in Kindern und Hund, häufig auch in „Hobbies“ ausdrückt“ (73).
  3. Die befragten Experten stammten aus den drei Bereichen „Drogenbehandlung“, „Altendienste“ und „soziale Dienste“, und zwar jeweils aus der Verwaltungsebene wie aus der Praxis. Insgesamt sieht man das Problem, vor allem, dass dieser „austherapierte“ Personenkreis weder in das übliche Angebot der Drogenbehandlung noch, der bleibenden Abhängigkeit von illegalen Drogen wegen, in das der Altenarbeit hinein passe. Doch wolle keiner mit einem eigenen Aufbau beginnen (106), solange die Fragen der Zuständigkeit, der Finanzierung und des Datenschutzes ungelöst seien; ein Aufbau, der eine Ghettoisierung vermeiden und stattdessen die Integration in die vorhandenen Angebote fördern solle und der ein case-management erfordere, um eine „individuelle, integrative und an der „Normalität alternden Menschen“ ausgerichtete Zugangsweise zu ermöglichen“ (107).
  4. Der vierte Teil zu den rechtlichen Rahmenbedingungen geht zunächst auf die besonderen Bedarfe dieser Klienten - Unterhalt, Unterkunft, Gesundheit, Soziale Kontakte, Alltagsgestaltung etc. - ein, um sodann deren Deckung durch die Arbeitslosenverwaltung, sozialen Versicherungen und öffentliche Wohlfahrt in Tabellenform darzustellen.

Abschließend betonen die Autoren die „doppelte Problemlage“ dieser Drogensenioren als deviante Suchtkranke und exkludierte Straftäter mit einer hohen gesundheitlichen Belastung, die jedoch „im Laufe der Jahre gelernt haben, den Konsum risikoärmer zu gestalten“, so sehr sie gleichwohl auch neben dem Methadon - zumindest vorläufig - nicht auf den Beigebrauch verzichten wollen (128f). Wichtig sei die (Re)Integration in das Erwerbsleben, ggf. durch nicht diskriminierende Betätigungsangebote; eine eigene Wohnung und eine weitergehende gesellschaftliche Einbettung und Partizipation.

So positiv die Erfolge der Drogenpolitik im Bereich der Gesundheit seien, so sei demgegenüber „als Misserfolg der Verbleib der Zielgruppe in der Illegalität zu verbuchen, der durch das Festhalten des Gesetzgebers an der Kriminalisierung des Drogenkonsums mitbedingt ist“ (128). Umso erstaunlicher sei es, dass in keinem der Experten-Interviews „der Gegensatz zwischen diesem Wunsch nach Normalität, der eine akzeptierende Haltung gegenüber DrogenkonsumentInnen einschließt, und der Tatsache der weiter bestehenden Illegalität dieser Form von Konsum“ angesprochen wurde; eine Diskrepanz, die entweder „ausgeblendet oder - positiv formuliert - pragmatisch umgangen“ werde (109): „Drogenabhängige waren lange genug Opfer einfallsloser Populisten - bis sie in dieser Rolle von Asylanten abgelöst wurden (…). Hier könnte und sollte der Gesetzgeber endlich Abhilfe schaffen“ schreibt Prof. Christian Bertel daher völlig zu Recht in seinem Vorwort (12f).

Fazit

Die Arbeit greift ein auch bei uns relevantes Thema auf, das freilich hinter den Migranten- und Terroristen-Diskussionen gerne vergessen wird, zumal die davon betroffenen größeren Kommunen ohnehin keinerlei finanziellen Spielräume für die allgemein als richtig und notwendig anerkannten Hilfen für solche Drogensenioren besitzen. Um so bedeutsamer wäre es, sich, ebenso wie in Wien, zusammen zu setzen und zu überlegen, wie man sinnvoller Weise zumindest „pragmatisch“ mit den noch immer herrschenden und weiter geschürten Drogen-Ängsten umgehen könnte, anstatt diese Senioren weiterhin zu „kriminalisieren und zu marginalisieren“.


Rezensent
Prof. Dr. Stephan Quensel
Ko-Direktor des Bremer Instituts für Drogenforschung (BISDRO), Mitherausgeber der Zeitschrift Monatsschrift für Kriminologie
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Zitiervorschlag
Stephan Quensel. Rezension vom 10.02.2011 zu: Irmgard Eisenbach-Stangl, Harald Spirig: Auch Drogenabhängige werden älter. Europäisches Zentrum für Wohlfahrtspolitik und -sozialforschung (Wien) 2010. 164 Seiten. ISBN 978-3-902426-50-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10776.php, Datum des Zugriffs 23.02.2012.


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