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Theodor Hellbrügge, Burkhard Schneeweiß (Hrsg.): Frühe Störungen behandeln - Elternkompetenz stärken

Cover Theodor Hellbrügge, Burkhard Schneeweiß (Hrsg.): Frühe Störungen behandeln - Elternkompetenz stärken. Grundlagen der Früh-Rehabilitation. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2011. 278 Seiten. ISBN 978-3-608-94634-5. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: Sozialpädiatrie aktuell.
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Herausgeber

Prof. Dr. Dr. h.c.mult. Theodor Hellbrügge ist emeritierter Professor für Sozialpädiatrie der Ludwig-Maximilians-Universität München, Begründer der Sozialpädiatrie in der modernen Kinderheilkunde.

Prof. Dr. Burkhard Schneeweiß ist der ehemalige Chefarzt der Kinderklinik „Martin-Luther-King“ des Krankenhauses Berlin-Friedrichshain.

Thema

Teilhabe am gesellschaftlichen Leben steht jedem Kind zu – auch bei gesundheitlichen und sozialen Einschränkungen. Eltern sind dabei häufig überfordert. Hier öffnet sich das Betätigungsfeld der Sozialpädiatrie

Das Buch beinhaltet die überarbeiteten Referate eines Symposiums anlässlich des 90. Geburtstages von Theodor Hellbrügge mit dem Thema „Aktuelle Herausforderungen der Sozialpädiatrie“.

Aufbau

Nach einer Würdigung von Theodor Hellbrügges Arbeit (Hans-Michael Straßburg) spannt Hubertus von Voss den Bogen vom Rückblick auf 40 Jahre Sozialpädiatrie (in München) bis zu einem Ausblick auf neue Herausforderungen.

Die weiteren Beiträge sind zu vier größeren Themengebieten zusammengefasst.

Teil I: Frühkindliche Regulations- und Beziehungsstörungen

Es beginnt Mechthild Papoušek, die den Weg nachzeichnet vom „Schrei-Baby“ zur Regulationsstörung. In Diagnostik, Therapie und Beratung ist die Trias von kindlichen (Verhaltensauffälligkeiten in frühkindlichen Anpassungs- und Entwicklungsaufgaben), elterlichen (Überlastungssyndrom) und interaktionellen Problemen (dysregulierte Interaktionsmuster) von besonderer Bedeutung.

Oskar Jenni stellt ein Modell der Schlaf-Wach-Regulierung vor und setzt die dazugehörigen Entwicklungsaspekte in den Kontext frühkindlicher Schlaf- und Schreistörungen.

Ute Ziegenhain geht auf die Früherkennung von Belastungen und Störungen der Eltern-Kind-Kommunikation ein und legt besonderes Augenmerk auf Feinzeichen von Offenheit oder Belastetheit bei Säuglingen und Kleinkindern. Sie gibt eine Übersicht über Präventionsprogramme; gemeinsam ist diesen Programmen, dass sie auf der Bindungstheorie basieren, häufig aufsuchend und mit Video-Unterstützung arbeiten.

Den Abschluss dieses Teils bildet wiederum Mechthild Papoušek. Sie erläutert die Bedeutung des vorsprachlichen Kommunikationssystems im Rahmen der frühkindlichen interaktionalen Regulationsprozesse. Ausgehend von psychobiologischen Grundlagen erarbeitet sie Leitlinien einer Eltern-Säuglings-/Kleinkind-Beratung und –Psychotherapie.

Teil II: Frühgeborenen-Nachsorge – chronisch kranke Kinder

Im ersten Beitrag berichten Inga Wermuth, Anne Hilgendorff, Alexandra Letzgus, Andreas Flemmer und Andreas Schulze über Ergebnisse der Untersuchung von Frühgeborenen mit einem Geburtsgewicht unter 1500 g oder einem Gestationsalter von weniger als 33 Schwangerschaftswochen im korrigierten Alter von 24 Monaten mit den Bayley Scales of Infant Development (BSID II).

Sabine Nantke, Uta Streit und Fritz Jansen berichten über Störungen der Regulation, der Entwicklung und der Beziehungsfähigkeit, legen besonderen Nachdruck auf die Förderung der Sensomotorik und stellen einen Dokumentationsbogen vor.

Karl Heinz Brisch stellt die Grundbedürfnisse der Säuglinge vor und fordert ein präventives psychotherapeutisches Angebot für die Eltern. Er geht auch kurz auf sein Elternprogramm SAFE® und dessen spezielle Anpassung an Frühgeborene ein.

Kurt Vock und Friedrich Voigt machen sich Gedanken über Konzepte der Nachsorge für frühgeborene Kinder und ihre Eltern bis zum Beginn der Schulzeit und thematisieren pädiatrische und entwicklungspsychologische Aspekte.

In einem kurzen Kapitel berichtet Stefan Burdach über neue Herausforderungen der Sozialpädiatrie wegen verbesserten Überlebensraten bei Krebs, Frühgeburt und Diabetes.

Früherkennung bei frühkindlichen Hörstörungen

Uta Nennstiel-Ratzel berichtet über das Neugeborenen-Hörscreening, das neu in die Kinderrichtlinien aufgenommen wurde.

Aus Sicht eines Betroffenen und als Arzt erläutert Markus Pietsch die Chancen früher Entwicklungsrehabilitation bei frühkindlichen Hörstörungen.

Andreas Nickisch geht kurz auf relevante Bereiche bei der Hörgeräteversorgung ein.

Frühdiagnose und Therapie von Sprachentwicklungsstörungen

Drei Beiträge dieses Teils gehen auf die Möglichkeiten der Früherkennung von Sprachentwicklungsstörungen ein. Steffi Sachse und Waldemar von Suchodoletz geben einen Überblick über die frühe Sprachentwicklung und die Möglichkeiten und Verfahren zur Früherkennung im ersten Lebensjahr bis zum Zeitpunkt der U6. Sie resümieren, dass eine individuelle Früherkennung zu diesem Zeitpunkt mit den zur Zeit zur Verfügung stehenden Verfahren nicht mit ausreichender Sicherheit möglich ist.

Anschließend geben Karolin Ulrich und Waldemar von Suchodoletz einen Überblick über Verfahren zum Zeitpunkt der U7 zur Erkennung von „Late talkern“. Als Problem zeigt sich, dass nur ein Teil der im Kindergarten sprachgestörten Kinder „Late talkers“ waren.

Susanne Tippelt und Waldemar von Suchodoletz präsentieren Verfahren zum Zeitpunkt der U7a. In allen drei Beiträgen wird auch jeweils ein Verfahren der Autoren ausführlicher besprochen.

In einem umfangreichen Kapitel werden das „Heidelberger Elterntraining“ und Daten zur Evaluation dargestellt (Anke Buschmann).

In zwei kurzen Beiträgen berichtet Andreas Nickisch jeweils eine Studie über auditive und visuelle Kurzzeitgedächtnisfunktionen (zusammen Rüdiger von Kries) und sprachfreie auditive Verarbeitung (zusammen mit Claudia Massinger) bei Kindern mit spezifischen Sprachentwicklungsstörungen.

Diskussion

Für das Symposion zum 90. Geburtstag wurden vier Themengebiete der Sozialpädiatrie ausgewählt. Sie betreffen überwiegend brennende Problemfelder und stellen große Herausforderungen für die Zukunft dar.

Frühe Regulationsstörungen belasten Eltern sehr, extrem frühgeborene Kinder mit sehr niedrigem Geburtsgewicht überleben immer häufiger, frühe Sprachauffälligkeiten sind ein häufiger Vorstellungsgrund von Kindern bei Kinderärzten und Frühförderstellen.

Die Beiträge sind häufig kurz; sie reichen von Einführungen zu einem Thema, Übersichtsbeiträgen bis zu empirischen Untersuchungen. Die Beiträge helfen, die jeweiligen Themengebiete im Bewusstsein der (Fach-)Öffentlichkeit zu verankern sowie auf neuere Diagnostikverfahren und Therapieansätze hinzuweisen.

Zielgruppe

Ärzte, Psychologen, Heilpädagogen, Therapeuten, aber auch betroffene Eltern

Fazit

Ein gelungener Tagungsband anlässlich des hohen Geburtstages einer großen Persönlichkeit; er besitzt große Praxisrelevanz und sollte auch von der Praxis rezipiert werden.


Rezensent
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 04.04.2011 zu: Theodor Hellbrügge, Burkhard Schneeweiß (Hrsg.): Frühe Störungen behandeln - Elternkompetenz stärken. Grundlagen der Früh-Rehabilitation. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2011. ISBN 978-3-608-94634-5. Reihe: Sozialpädiatrie aktuell. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10778.php, Datum des Zugriffs 24.07.2016.


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