socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Nina Baer, Peter Kirsch: Training bei ADS im Erwachsenenalter TADSE

Cover Nina Baer, Peter Kirsch: Training bei ADS im Erwachsenenalter TADSE. Mit Online-Materialien. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2010. 240 Seiten. ISBN 978-3-621-27760-0. D: 44,95 EUR, A: 46,50 EUR, CH: 73,00 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Die prolongierte Medikalisierung des Lebens – ADS beim Erwachsenen

„Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) hat in den letzten Jahren eine enorme Aufmerksamkeit erfahren. Nachdem lange Zeit vor allem betroffene Kinder im Mittelpunkt des Interesses standen, hat sich in den vergangenen Jahren die Erkenntnis, dass diese Kinder auch noch als Erwachsene Probleme haben werden, nur langsam durchgesetzt.“ (10) – so lautet der thematische Einstieg der beiden Diplom-Psychologen Nina Baer und Peter Kirsch in die Darstellung des von ihnen entwickelten TADSE-Therapieprogramms.

ADHS ist primär eine Verhaltensauffälligkeit, für die sich vor allem die Kinderärzte zuständig fühlen, wie aktuelle Publikationen bestätigen - „Attention-deficit/hyperactivity disorder, the most common childhood behavioral condition, is one that pediatricians think they should identify and treat/manage.” (Stein et al. 2009, 248). Daraus lässt sich auch ableiten, dass der medikamentösen Therapie eine besondere Vorrangstellung eingeräumt wird (mit der Implikation, dass die Verhaltensauffälligkeit auch individuell-kausal zugeschrieben werden kann: salopp gesprochen - Wenn XY ADHS „hat“, dann muss an XY etwas nicht stimmen, was aber repariert werden kann). Dieses Bild wird auf verschiedenen Ebenen kritisiert - „The problem is that a pill promotes medicalization and an obscuring of the cultural components of both ‘‘behavioral disorder‘‘ and ‘‘good mothering.‘‘ And so it becomes increasingly difficult to analyze and understand the role of culture in constructing the need for the biotechnological tools we use to improve ourselves and our children.” (Singh 2004, 1205) Ganz allgemein geht es natürlich um die Frage nach dem Wirklichkeitsgehalt bestimmter Überzeugungen (z.B. ADHS ist etwas, das individuell kausal zugeschrieben werden muss) - „Eine der wichtigsten und auch schwersten Aufgaben der Philosophie ist es, eine bestimmte Unterscheidung zu ziehen. Diese Linie teilt die Wirklichkeit in das Wirkliche, das vom Denken, Wollen und Fühlen des Menschen unabhängig ist, und das Wirkliche, das vom Menschen und seinem Zugriff auf die Welt abhängig ist.“ (Stemmer 2008, 11) Es lässt sich sehr wohl die Frage stellen, wie es dazu kommen kann, dass nicht-medizinische Phänomene als medizinische Probleme behandelt warden: „For more than three decades numerous scholars have described the process of medicalization and how an increasing number of conditions has come under medical jurisdiction … Medicalization is a process by which non-medical problems become defined and treated as medical problems, usually in terms of illnesses or disorders. Examples include menopause, alcoholism, attention deficit hyperactivity disorder (ADHD) …“ (Conrad et al. 2010, 1943). Mit der zunehmenden Medikalisierung taucht auch die Frage nach der generellen Verbesserung menschlicher Fähigkeiten und Eigenschaften auf – „As new pills emerge, promising to improve quirks of personality such as shyness, or cognitive areas such as concentration and memory, important ethical questions also emerge about the cultural conditions that support the development and use of such drugs, most especially in children.” (Singh 2004, 1205) Im Falle der kognitiven Eigenschaften spricht man in diesem Zusammenhang auch von „Neuroenhancement“ - „In the last decade, persons with no diagnosed medical or mental health condition have been increasingly seeking and utilizing, for the purpose of enhancing their memory or cognitive skills, prescription drugs originally developed to improve executive function or memory in persons with disorders such as attention deficit hyperactivity disorder or Alzheimer disease. This practice, now known as neuroenhancement, is gathering momentum.“ (Larriviere et al. 2009, 1406). Diese im Zitat angesprochene Eigendynamik („momentum”) hat natürlich auch Einfluss auf die Bestimmung des Menschen, auf das Menschenbild (einführend dazu: Pauen 2007)

Das von Nina Baer und Peter Kirsch vorgestellte Buch zum TADSE-Trainingsprogramm streift solche Überlegungen nicht einmal ansatzweise – es liefert zu einem als gegeben akzeptierten Krankheitsbild ein effektives Trainingsprogramm, das sehr stark auf die Steigerung der Selbstwirksamkeit (also die individuelle Überzeugung, dass man bestimmte Aufgaben in bestimmten Situationen angemessen bewältigen kann) der Betroffenen abzielt. Für das Trainingsprogramm (das ganz bewusst nicht als Therapieprogramm tituliert wird) greifen die Autoren auf ein multifaktorielles Störungsmodell von ADHS zurück (73 ff.). Zu einem umfassenden bio-psycho-sozialen Modell fehlt die Berücksichtigung der sozialen Komponente – sowohl in der Ursachenforschung als auch in der Therapiegestaltung.

Autoren

Diplom-Psychologin Nina Baer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Psychiatrie an der Justus-Liebig-Universität Gießen, wo mit dem Kognitionslabor ein inhaltlicher Forschungsschwerpunkt gesetzt wurde (www.uni-giessen.de/koglab). Prof. Dr. Peter Kirsch, ebenfalls Diplom-Psychologe, arbeitet am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim (www.zi-mannheim.de/klinische_psychologie.html) Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema ADHS beim Erwachsenen und wird 2011 auf der einschlägigen Kölner Tagung zu diesem Thema auch einen Vortrag halten (www.adhs-tagung.uni-koeln.de).

Ein Trainingsmanual zur Unterstützung Erwachsener mit ADS

Das Buch von Nina Baer und Peter Kirsch folgt einem sehr klar strukturierten Aufbau – im ersten Teil liefern die Autoren eine detaillierte Darstellung des Krankheitsbildes ADHS im Erwachsenenalter (11-70), sie gehen dabei auf das Erscheinungsbild ein, referieren über mögliche Ursachen der Erkrankung sowie über aktuelle Diagnosemöglichkeiten. In der Praxis zur Anwendung kommende Therapiekonzepte werden ebenfalls kurz besprochen, um das TADSE-Training auch mit diesen Therapiekonzepten vergleichbar zu machen. Nina Baer und Peter Kirsch sprechen sich für ein multifaktorielles Störungsmodell von ADHS aus (54 ff.) und folgen dabei dem Modell von Manfred Döpfner, der sich sehr intensiv um ADHS-Betroffene bemüht (www.zentrales-adhs-netz.de).

Zur Epidemiologie der adulten ADHS
Die Autoren verweisen auf wissenschaftliche Studien, die von einer Prävalenz von ca. 3-4 % ausgehen (zusammenfassend auf 24). Dabei zeigt sich, dass Männer häufiger von ADHS betroffen sind, als Frauen, dass in Bevölkerungsschichten mit geringer schulischer Bildung eine höhere ADHS-Prävalenz vorliegt, dass sich die Symptomatik bei 50-60% der Betroffenen ins Erwachsenenalter hinein gezogen hat und dass Aufmerksamkeitsprobleme im Verlauf der Erkrankung in den Vordergrund treten (und die Hyperaktivität abnimmt).

Das Störungsbild – die Utha-Kriterien der adulten ADHS
Die Autoren verwenden dabei die sogenannten Utha-Kriterien, um die Merkmale der Störung im Erwachsenenalter zu veranschaulichen: Aufmerksamkeitsstörung, Motorische Hyperaktivität, Affektlabilität, Desorganisiertes Verhalten, Affektkontrolle, Impulsivität, Überreagibilität. Klar ist, dass diese Symptome im Erwachsenenalter zu einer ungleich größeren Beeinträchtigung und mit ungleich größeren Folgen im Lebensvollzug für die Betroffenen verbunden sind. Kinder- und Jugendliche sind in ihren Entscheidungen und Verhaltensweisen zum überwiegenden Teil noch an ihre Eltern bzw. Erziehungsberechtigten gekoppelt, die sie umsorgen, erziehen, betreuen. Durch ihre soziale Auffälligkeit (das primäre Merkmal von ADHS) kommt es zwar zu Problemen in der Schule, manchmal sogar zu beginnender (Klein-)kriminalität, aber der Lebensvollzug, die Existenzsicherung ist von ihrem Störungsbild nicht betroffen. Im Erwachsenenalter hängen an den Entscheidungen und Verhaltensweisen der Individuen Existenzen – die Verantwortung wird größer (Lebensunterhalt für sich und seine Familie, Arbeitsplatz, …) und die ADHS kann zu massiven Lebensbeeinträchtigungen führen. Nina Baer und Peter Kirsch benennen dementsprechend auch typisch auftretende Begleit- und Folgeprobleme und stützen ihre Darstellung auch auf einschlägige Studien (15 ff.): Probleme im Straßenverkehr, Suchtmittelmißbrauch, Partnerschaftsprobleme, Probleme am Arbeitsplatz, eine erhöhte Komorbidität mit anderen psychischen Erkrankungen und delinquentes Verhalten. Von besonderer Brisanz ist das kumulative Erkrankungsrisiko, dem ADHS-Betroffene ausgesetzt sind (39 ff.). Junge Erwachsene mit ADHS haben ein mehr als siebenfaches Risiko für affektive Störungen, für Zwangsstörungen findet sich ein sechsfach höheres Risiko. Patienten mit ADHS haben zu 60% eine Borderline-Persönlichkeitsstörung, was aber auch auf dem sich ähnelnden Symptomkomplex beruht.

Das TADSE-Training
Das TADSE-Training wird als einer unter vielen anderen Zugängen in der Behandlung und Kontrolle von ADS im Erwachsenenalter vorgestellt. Manche Behandlungsansätze lesen sich im Überblick wie Ankündigungen für Management-Seminare - „Im Mittelpunkt des Programms stehen dabei Zielbildung, Selbstorganisation, Zeitplanung und der Aufbau und die Pflege sozialer Kontakte. Das Programm orientiert sich stark am Selbstmanagement-Gedanken und soll den Teilnehmern die Möglichkeit eröffnen, eigenständig Probleme anzugehen und Lösungen zu finden.“ (62) Welchen praktischen Bezug das auf die, bereits oben erwähnten stärker von ADHS betroffenen bildungsschwachen Individuen haben kann, bleibt offen.
Das TADSE-Trainingsprogramm von Nina Baer und Peter Kirsch „umfasst zehn Bausteine zu verschiedenen ADHS-relevanten Themen“ (72), die schließlich das komplette Training strukturieren (79-231, inklusive den Arbeitsmaterialien aus dem Anhang) – den Teilnehmern werden über ADHS informiert und lernen Möglichkeiten kennen, bestimmte Merkmale dieser Störung in den Griff zu bekommen: Es geht dabei um Impulskontrolle und Selbstregulation (Baustein 3), Aufmerksamkeit und Konzentration (Bausteine 4 und 5), Zeitwahrnehmung und Zeitmanagement (Baustein 6) und das Kurz- und Langzeitgedächtnis (Baustein 7). Daneben werden in einzelnen Bausteinen auch Abrufstrategien eingeübt (Baustein 8) und der Wissenstransfern in den Alltag ermöglicht (Baustein 9).

Fazit

Das Buch bietet einen umfassenden Einblick in das Thema ADS (ADHS) im Erwachsenenalter, wenngleich es nicht die Tiefe des bekannten Lehrbuchs von Krause und Krause hat (Krause et al. 2009) – aber mit einem derartigen Buch muss es auch nicht konkurrieren. Es informiert sehr konzis über das Krankheitsbild und die vorliegenden Therapiemöglichkeiten. Das TADSE-Training wird umfassend vorgestellt – und das macht auch den Kern des Buches aus. Die einzelnen Bausteine des Behandlungsmanuals werden detailliert besprochen, mit Arbeitsmaterialien unterstützt und insgesamt sehr praxisnah vermittelt. Sämtliche Arbeitsblätter, Theorieblätter, Mindmaps und Hausaufgaben sind für den Leser auch online verfügbar, was für den Praxiseinsatz eine enorme Erleichterung darstellt. Was das Behandlungsmanual selbst anbelangt, erfüllt das Buch daher die hohen Ansprüche der Anwender aus der Praxis. Die theoretische Abhandlung des Themas hat aber einige Schwächen vorzuweisen – es fehlt zum einen der Verweis auf die (noch immer nicht abgeschlossene) Diskussion zum Stichwort „Medikalisierung des Lebens“ (vgl. maßgeblich Illich 1995), das Thema Medikamentenmissbrauch (Ritalin) wird auch nicht behandelt - obwohl im Beltz Verlag ein interessantes Buch dazu erschienen ist (Grandpre 2010) - und auf grundsätzliche Überlegungen zu den kulturellen (sozialen) Voraussetzungen von Verhaltensauffälligkeiten wird ebenso verzichtet, wie auf Versuche das Krankheitsbild in einen kognitionsphilosophischen Rahmen zu stellen (vgl. Kim 2006). Das Buch eignet sich für alle jene, die bereits über (theoretische/praktische) Erfahrung bzw. Wissen zum Thema verfügen, und eine spezielle Therapiekonstellation näher kennen lernen möchten. Die ausgesprochen gelungene Dokumentation des Behandlungsmanuals liefert wertvolle Anregungen und Ansätze für die eigene (institutionalisierte) Arbeit.

Literatur:

  • Conrad, P., T. Mackie, et al. (2010). „Estimating the Costs of Medicalization.“ Social Science & Medicine 70(12): 1943-1947
  • Grandpre, R. (2010 [1999]). Die Ritalin-Gesellschaft. ADS: Eine Generation wird krankgeschrieben. Weinheim (GER) & Basel (SUI), Beltz Verlag
  • Illich, I. (1995 [1981]). Die Nemesis der Medizin. Die Kritik der Medikalisierung des Lebens. München (GER), Verlag C. H. Beck
  • Kim, J. (2006). Philosophy of Mind. Cambridge, MA (USA), Westview Press
  • Krause, J. and K.-H. Krause, Eds. (2009 [2003]). ADHS im Erwachsenenalter. Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung bei Erwachsenen. Stuttgart (GER), Schattauer Verlag
  • Larriviere, D., M. A. Williams, et al. (2009). „Responding to requests from adult patients for neuroenhancements - Guidance of the Ethics, Law and Humanities Committee.“ Neurology 73(17): 1406-1412
  • Pauen, M. (2007). Was ist der Mensch? Die Entdeckung der Natur des Geistes. München (GER), Deutsche Verlags-Anstalt
  • Singh, I. (2004). „Doing Their Jobs: Mothering with Ritalin in a Culture of Mother-Blame.“ Social Science & Medicine 59(6): 1193-1205
  • Stein, R. E. K., S. McCue Horwitz, et al. (2009). „Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder: How Much Responsibility Are Pediatricians Taking?“ Pediatrics 123(1): 248-255
  • Stemmer, P. (2008). Normativität. Eine ontologische Untersuchung. Berlin (GER) & New York, NY (USA), Walter de Gruyter

Rezensent
Mag. Harald G. Kratochvila
Homepage www.kompetenz-coaching.at


Alle 57 Rezensionen von Harald G. Kratochvila anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Harald G. Kratochvila. Rezension vom 14.01.2011 zu: Nina Baer, Peter Kirsch: Training bei ADS im Erwachsenenalter TADSE. Mit Online-Materialien. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2010. ISBN 978-3-621-27760-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10781.php, Datum des Zugriffs 08.12.2016.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!