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Werner Schneider, Wolfgang Kraus (Hrsg.): Individualisierung und die Legitimation sozialer Ungleichheit [...]

Cover Werner Schneider, Wolfgang Kraus (Hrsg.): Individualisierung und die Legitimation sozialer Ungleichheit in der reflexiven Moderne. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. 220 Seiten. ISBN 978-3-86649-209-7. 19,90 EUR, CH: 35,90 sFr.
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Entstehungshintergrund

Der Sammelband publiziert die Beiträge einer Fachtagung, die bereits im Jahre 2006 im Rahmen des Sonderforschungsbereichs „Reflexive Modernisierung“ stattgefunden hat; angesichts aktueller ungleichheitsverschärfender Krisensyndrome in der Reflexiven Moderne haben die Beiträge aber, wie die Herausgeber mit gutem Recht verkünden, nicht „an Aktualität verloren“.

Die Herausgeber des Sammelbands, Werner Schneider (Professor für Soziologie unter Berücksichtigung der Sozialkunde an der Philosophisch-Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Augsburg) und Wolfgang Kraus (wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Praxisforschung Projektberatung IPP München) führen unter dem Titel „Zur Einführung: Reflexive Modernisierung als Zeitdiagnose – offene Fragen zu Individualisierung und sozialer Ungleichheit“ in die Thematik des Buches ein (Bezug: Theorie reflexiver Modernisierung) und geben einen sehr guten sowie differenzierten Überblick über die im Anschluss versammelten acht Beiträge. Im Kontext von Legitimationsrhetoriken, Macht- und Herrschaftstechniken hinsichtlich des sich wandelnden, individualisierten Ungleichheitsgefüges stehen folgende zwei Fragen im Fokus des Bandes: „die Frage nach dem Perpetuieren oder Verstärken alter Ungleichheiten, die allerdings von den Betroffenen und den Nicht-Betroffenen als solche (…) nicht mehr wahrgenommen werden (sollen)“ (S.14) und „die Frage nach dem Entstehen neuer Ungleichheiten die wiederum nicht als kollektive Erfahrungen, sondern als individuelles Schicksal infolge eigener Versäumnisse und Defizite gerahmt werden (sollen)“ (S.14).

Aufbau und Inhalt

Folgende Beiträge des Buches widmen sich der Thematik:

  • Werner Schneider/Andreas Hirsland/Carolin Ruiner: „Wandel der Geschäftsgrundlage? Gesellschaftspolitik, Individualisierung und soziale Ungleichheit in der reflexiven Moderne am Beispiel von Paarbeziehungen“
  • Martin Kronauer: „Exklusion als Vergesellschaftungsprinzip? – Gesellschaftlicher Wandel und die gefährdeten Grundlagen des Sozialen“
  • Renate Höfer/Holger Knothe: „Subjektives Zugehörigkeitsbegehren in Zonen gesellschaftlicher Verwundbarkeit“
  • Jürgen Link: „Normalismus und Moderne: Individualisierung und Prekarität als Funktionsprobleme des flexiblen Normalismus“
  • Martin Rechenauer: „Gerechtigkeit und die Legitimierbarkeit sozialer Ungleichheiten – Überlegungen aus der Perspektive aktueller philosophischer Diskussionen“
  • Nick Kratzer/Wolfgang Menz: „Die Produktion legitimer Ungleichheiten in der zweiten Moderne – Individualisierung und Vermarktlichung als gesellschaftliche und betriebliche Strukturprinzipien“
  • Wolfgang Ludwig-Mayerhofer: „Bildung zwischen Individualisierung und Exklusion“
  • Heiner Keupp/Werner Schneider: „Individualisierung und soziale Ungleichheit – Zur legitimatorischen Praxis von Inklusion und Exklusion in der Zweiten Moderne“

Die Beiträge im Einzelnen

Der Beitrag von Werner Schneider, Andreas Hirsland und Carolin Ruiner fokussiert den Wandel moderner Paarbeziehungen im Kontext gesellschaftlicher Transformation von der einfachen hin zur reflexiven Moderne. Die Individualisierung, die diese Veränderung wesentlich kennzeichnet, wird nicht isoliert nur auf Paarbeziehungen bezogen, sondern im „Zusammenspiel“ (S.31) mit zwei weiteren Basisinstitutionen betrachtet: der Erwerbsarbeit und dem sozialstaatlichen Sicherungssystem. Die Prägeformen von (ungleichen) Geschlechter-, Arbeits- und Sicherungsverhältnissen, erfahren in der reflexiven Moderne eine grundlegende Veränderung, ihnen werden gleichsam die Geschäftsgrundlagen entzogen, durch radikale Vermarktlichung, Subjektivierung von Arbeit, Selbstoptimierungszumutungen/-techniken, Aktivierungspolitiken etc. Infolge dieser Transformation komme es zu „einer ambivalenten, widersprüchlichen individualisierten Vergemeinschaftung“ (S.16). Verknüpft damit seien neue Geschlechterungleichheiten – u.a. mit individualistischen Beziehungsorientierungen und individualistischen Sicherungsarrangements.

Martin Kronauer konzipiert den Exklusionsbegriff als eine politisch-normative, „gesellschaftsanalytische Kategorie“ (S.52); er fragt in seinem Beitrag, ob Exklusion in der zweiten Moderne gar als „Vergesellschaftungsprinzip“ (S.51) zu fassen sei. Folgt man seiner Analyse, dann ist die soziale Integration durch sich vollziehende „tiefgreifende Veränderungen“ (S.57f.) und neue Machtkonstellationen im westlichen Kapitalismus gefährdet. „Die prekäre Verbindung von Erwerbsarbeit und Bürgerechten erweist sich dabei als die zentrale Schwachstelle, von der die Gefährdung des Sozialen ausgeht“ (S. 59). In Anlehnung an Castels Drei-Zonenmodell erweitert Kronauer dieses um die „Zone Ausgrenzung“ (S.61) und diskutiert im Anschluss, ob Ausgrenzung als „eine besondere Vergesellschaftungsform“ (S.65) nicht bereits als ein „Vergesellschaftungsprinzip“ (S. 65) begriffen werden muss, d.h. „eine Gesellschaft, die dabei ist, ihre internen Einbindungskräfte zu verlieren“ (S.65). Anzeichen in dieser Hinsicht seien „deutlich erkennbar“ (S.66).

Renate Höfer und Holger Knothe konstatieren aus sozialpsychologischer Sicht, dass die „Sorge um den eigenen Status und die eigene Position“ (S. 70) in weiten Teilen der Bevölkerung angekommen sei; diese Sorgen deuten die Autoren als Ausgrenzungsangst. Mit empirischem Bezug auf (zwei) exemplarische Fallanalysen steht im Zentrum des Beitrags die Klärung der „Frage, wie Subjekte mit Exklusionsbedrohungen umgehen“ (S. 80). Dabei gehen die Autoren von der These aus, dass Exklusionsbedrohungen durch subjektive „Inklusionsbegehren“ bzw. „Zugehörigkeitskonstruktionen“ (S.80) abgemildert werden. Im Ergebnis zeigt sich, dass es, „trotz Deklassierungserfahrungen“ (S.88), durch alltägliche „Identitätsarbeit“ (S.88) auf unterschiedliche Weisen gelingen kann, sich „als mehr oder weniger zugehörig zu Gemeinschaften zu erleben“ (S.88). Die Zugehörigkeitskonstruktionen exklusionsbedrohter Subjekte sind aber abhängig von „Identitätsressourcen und -kapitialien“ (S.97). Die Begegnung der Ausgrenzungsangst durch Identitätsarbeit vermag zwar abschwächend wirken, beeinflusst aber in keiner Weise die ungleichen, „existenzbedrohenden Rahmenbedingungen“ (S.98).

Jürgen Link betrachtet das Phänomen Prekarisierung im Rahmen seiner gegenwartsdiagnostischen Normalismustheorie. Normalismus ist für Link die Gesamtheit aller diskursiven und praktischen Verfahren, Instanzen etc. durch die Normalitäten (medial) hergestellt und reproduziert werden. Konstitutiv ist dafür v.a. die massenhafte Verdatung der Gesellschaft im Kontext einer „statistischen Mentalität“ (S.105) mit ihrem „Glauben an die Normalverteilung“ (S.105). Link unterscheidet zwei normalistische Strategien, den Protonormalismus und den flexiblen Normalismus. Die Transformation der einfachen zur reflexiven Moderne stellt sich demnach dar als Übergang von protonormalistischer hin zu flexibel-normalistischer Strategie bzw. von außenorientierter, autoritärer zu innenorientierter und selbstbestimmter „Subjektivität und Identität“ (S.109). Vor diesem Hintergrund betrachtet Link Prekarität als Folge der Erosion „protonormalistischer Normalarbeitsverhältnisse“ (S.113) im Zuge neoliberaler Vermaktlichungsstrategien. Prekarisierung bedeutet somit „soziale Flexibilisierung ohne einen dazu passenden neuen Typ sozialer Normalisierung“ (S.115). Die Frage sei jedoch, ob der gegenwärtige Zustand von „Denormalisierung“, das „letzte Wort“ (S.115) sei, die „Geschichte des Normalismus“ (S.115) spreche eher dagegen.

Aus gerechtigkeitsphilosophischer Perspektive fragt Martin Rechenauer nach der „Legitimierbarkeit sozialer Ungleichheiten“ (S.117). Vor der Folie wachsender sozialer Ungleichheiten „im globalen wie im lokalen Maßstab“ (S.118) versteht Martin Rechenauer seinen Beitrag als Verteidigungsschrift für eine pluralistische Bewertung von Gerechtigkeit einerseits und pro „Prioritarismus“ (S.119) andererseits. D.h. im Hinblick auf Verteilungsprinzipien wird soziale Ungleichheit dann als Legitim erachtet, wenn ein „Vorrang für die jeweils schlechter Gestellten gegeben“ (S.135) ist. Anders formuliert: „je schlechter eine Gruppe gestellt ist, desto größer ist ihr Gewicht bei der Beurteilung von Verteilungsfragen“ (S.137). Herausgearbeitet wird dieses Gerechtigkeitskonzept mit Bezug auf die Theorien von John Rawls, Amartya Sen und Derek Parfit. Durch Einbezug eines „Solidaritätsprinzips“ (S.142), wonach „eine Gesellschaft ein umfassendes Kooperationsunternehmen ist“ (S:142), würde die „normative Akzeptabilität sozialer Ungleichheiten“ (S.143) zudem weiter eingeengt und die „prioritarische Sichtweise“ begünstigt.

Der Beitrag von Nick Kratzer und Wolfgang Menz ist zentriert um die These der „‚Vermarktlichung‘ von Unternehmen und Arbeit“ (S.145) und die damit verknüpfte „systematische Produktion und Zuspitzung sozialer Ungleichheiten“ (S.161). Die Rede ist gar von „radikalisierter“ Vermarktlichung als Ausdruck gewandelter Arbeitskraftnutzung (Stichwort: Subjektivierung von Arbeit) i.S. einer unmittelbar „marktorientierten Rationalisierungsstrategie“ (S.149). Die fordistischen Arbeitsverhältnisse mit ihrem „institutionellen Puffer zwischen den Produktions- (bzw. Dienstleistungs-) und Arbeitsprozessen“ (S.149) würden abgebaut und es komme zu einer “neuen Unmittelbarkeit von Individuum und Markt“ (S.151). Konsequenzen dieses Umbruchs seinen zum einen „die Zuspitzung individueller Ungleichheit der Beschäftigungs- und Arbeitsbedingungen“ (S.161). Zum anderen würden durch die Vermarktlichungsprozesse „die bisherigen Prinzipien der Legitimation von Ungleichheit brüchig“ (S.161). Denn die Leistungsgerechtigkeit als ein Basisprinzip der Moderne gerät in Konflikt mit der wirkungsmächtigen, scheinbar legitimen Sachzwanglogik des Marktmechanismus´ – der Markt als neue „Zwangs- und Naturgröße“ (S.161).

Wolfgang Ludwig-Mayerhofer untersucht soziale Ungleichheit im Kontext von Bildung. Wie zahlreiche empirische Befunde zeigen, werde Bildungsungleichheit faktisch „nach wie vor ‚vererbt‘“ (S.169); es bestehe in der individualisierten Gesellschaft allerdings der Anschein individueller Leistungsfähigkeit, der zufolge die Individuen es selbst in der Hand hätten, ihre durch Bildung geprägte Stellung in der Gesellschaft selbst zu bestimmen („Mythos von der Meritokratie“, S.170). Im Gewand dieses Mythos´ ziele Bildung heute v.a. auf „Beschäftigungsfähigkeit“ (S.171) und auf den Erwerb einer „‚Kompetenzbildungskomeptenz‘“ (S.185). Hierdurch seien „die Individuen einem Regime ausgesetzt, das die Optimierung der eigenen Bildung und Bildbarkeit mit Blick auf den Arbeitsmarkt als kontinuierliche Eigenleistung der Individuen festschreibt“ (S.186), die Individualisierung von Exklusionsprozessen durch mangelnde Bildung inklusive.

Die Beiträge des Sammelbandes werden abgeschlossen durch den resümierenden Beitrag von Heiner Keupp und Werner Schneider. In diskurs- und dispositivanalytischer Perspektive wird im Schlussbeitrag zum einen gefragt: „was als legitime oder illegitime Ungleichheiten wahrgenommen (…) wird“ (S.198). Zum anderen geht es darum, „wie sich Individuen (…) in ihrem Alltag als Lebensführungs-Subjekte selbst herstellen (…) z.B. sich als bestimmte Akteure ihres je ‚eigenen‘ Lebens oder als Getriebene oder gar als Opfer der Verhältnisse sehen“ (S.198). Angesichts neuer (legitimierter) Ungleichheiten infolge dominanter „Marktlogiken und Konkurrenzprinzipien„(S.21) avancierten die Individuen zu Unternehmern ihres Selbst; das vormalige Regime der Fremdkontrolle „wurde zunehmend von einem Regime der Selbststeuerung abgelöst, in dem sich jeder selbst konditioniert, als sei er sein eigener Unternehmer“ (S.213). Kehrseite dieses Selbstoptimierungs- und Selbstvermarktungsprozesses sei einerseits das „sich selbst ausbeutende Subjekt“ (S.219); es sei „Herr und Knecht in einer Person“ (S.219) und: „Das erschöpfte Selbst“ (S.211) andererseits.

Diskussion

Der von Werner Schneider und Wolfgang Kraus vorgelegte Sammelband vermittelt einen guten und dichten Einblick in die mit Bezug auf das Konzept „Reflexive Modernisierung“ vorgestellten theoretischen Ansätze und Forschungsergebnisse zum Thema „Individualisierung und die Legitimation sozialer Ungleichheit“. Vor allem die aus verschiedenen Perspektiven in den Beiträgen entwickelten theoretischen Erkenntniszusammenhänge machen das Buch zu einem unverzichtbaren Baustein soziologischer Ungleichheitsforschung. Der hohe theoretische Durchdringungsgrad und die theoretische Weitsichtigkeit der Beiträge sind ein Garant für deren Aktualität. Allerdings sind diese nicht voraussetzungslos zu lesen; sie orientieren sich an fachkundige Leser.

Fazit

Der Sammelband ist uneingeschränkt für Professionelle, thematisch Geschulte/Interessierte aber auch für Studierende sozialwissenschaftlicher BA-/MA-Studiengänge, insb. mit den Schwerpunkten soziologische (Modernisierungs-)Theorien und soziale Ungleichheit, zu empfehlen.


Rezensent
Prof. Dr. Harald Rüßler
FH Dortmund, FB Angewandte Sozialwissenschaften
Homepage www.harald-ruessler.de
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Zitiervorschlag
Harald Rüßler. Rezension vom 25.07.2014 zu: Werner Schneider, Wolfgang Kraus (Hrsg.): Individualisierung und die Legitimation sozialer Ungleichheit in der reflexiven Moderne. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. ISBN 978-3-86649-209-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10817.php, Datum des Zugriffs 26.08.2016.


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