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Ivan Milushev Ivanov: Altsein in der Fremde

Cover Ivan Milushev Ivanov: Altsein in der Fremde. Musiktherapie mit einer an Demenz erkrankten Iranerin. Dr. Ludwig Reichert Verlag (Wiesbaden) 2010. 92 Seiten. ISBN 978-3-89500-775-0. 19,90 EUR.
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Thema

Musik wird zunehmend als Medium der Beziehungs- und der Alltagsgestaltung in der Arbeit mit dementiell veränderten Menschen begriffen. Sie sichert zumindest für bestimmte Zeiträume ein Mehr an Lebensqualität und Lebenszufriedenheit, stabilisiert die Identität und gibt Unterstützung für eine autonome Alltagsbewältigung und Orientierung. Zudem bietet Musik eine Möglichkeit, sich nonverbal auszudrücken und Emotionen zu erleben, wenn sprachliche Prozesse nicht mehr funktionieren. Allerdings stellt die musikalische Begegnung mit älteren Menschen mit Migrationshintergrund vor besondere Herausforderungen, weil deren musikalische Heimatkulturen möglicherweise stark von den musikalischen Traditionen ihres Einwanderungslandes abweichen. Hier gilt es gezielte Zugangsmöglichkeiten zu entwickeln.

Autor

Der Autor ist Musikpädagoge, Musiker und Musiktherapeut. Er stammt aus Bulgarien und arbeitet als Musiktherapeut mit alten und dementiell erkrankten Menschen in Frankfurt.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist entstanden aufgrund einer intensiven musiktherapeutischen Beziehung zu einer älteren, dementiell veränderten Iranerin, bei der sich die Musik als Schlüssel zu ihrer Lebensgeschichte und zu ihrer Persönlichkeit erwiesen hat. Durch Musik konnte ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden, das es ermöglichte, in einen intensiven Kontakt zu kommen und ein therapeutisches Setting aufzubauen. Ein wichtiger Faktor für das Gelingen des Zugangs scheint auch der Migrationshintergrund des Therapeuten darzustellen, weil es zwischen der bulgarischen und iranischen Musikkultur mehr Bezüge zu geben scheint als zwischen der deutschen und iranischen Musiktradition.

Aufbau und Inhalt

1. Der Autor beschreibt zunächst Gesichtspunkte des Alters und Alterns, speziell unter den Aspekten Hochaltrigkeit, der Krankheit Demenz sowie der Institution Altenheim, um dann sehr bald auf die musikalischen Erfahrungen alter Menschen zu sprechen zu kommen und einen Zugang der Musiktherapie zu dieser Zielgruppe zu entwickeln. Dabei bringt er sofort den Begriff der Fremde ein und deutet Altsein als eine Form der Fremde, der Entfremdung. Dieses zunächst provozierend, defizitär und überholt anmutende Altersbild wird dann sehr schnell von einer anderen Seite her beleuchtet und geschickt in einen Kontext gerückt, der deutlich macht, dass es in der Tat gewisse Parallelen gibt zwischen dem Erleben von Fremde beim Wechsel in ein anderes Land, in eine andere Kultur, und dem (vermuteten) Erleben unter dem Einfluss des Altwerdens in Verbindung mit einer dementiellen Erkrankung. Und es wird schnell deutlich, dass sich Musik hier als Schnittstelle anbieten kann zwischen diesen Welten.

2. Im weiteren Verlauf beschäftigt sich der Autor intensiv mit dem Thema Migration, besonders mit der Situation der Iraner in Deutschland und der Migration in hohem Alter. Besonders schwierig wird es dort, wo Demenz und Migration aufeinander treffen. Als ein Beispiel der institutionellen Begleitung dementiell erkrankter Migranten wird das Seniorenzentrum „Haus am Sandberg“ in Duisburg vorgestellt, das eins der wenigen multikulturellen Altersheime darstellt, in dem sehr systematisch und professionell mit diesem Aspekt umgegangen wird.

3. Schließlich beschreibt Herr Ivanov sehr detailliert den musiktherapeutischen Prozess mit einer älteren, dementiell erkrankten Iranerin von der ersten Begegnung in einer Gruppe bis hin zur regelmäßigen Einzeltherapie. Der musikalische Zugang verläuft zum Teil über ein Repertoire, das dem Therapeuten aufgrund seiner eigenen Herkunft zur Verfügung steht, z. B. auf dem Akkordeon gespielte bulgarische Tänze, und nicht generell zum Kanon eines jeden Musiktherapeuten gehören, andererseits aber auch über Lieder wie Hawa nagila, dessen „Tonfall“ einer Iranerin vielleicht näher liegt als ein deutsches Volkslied. Zum Teil waren Angehörige der Demenzkranken sehr konstruktiv in den Prozess mit eingebunden.

Diskussion

Keine Bevölkerungsgruppe wird in Deutschland in den nächsten Jahren dermaßen stark zunehmen, wie ältere Menschen mit Migrationshintergrund. Damit wächst automatisch auch die Zahl der dementiell erkrankten älteren Migranten. Ihre psychosoziale Betreuung stellt die Pflege, Soziale Altenarbeit und Therapie vor schwierige Aufgaben, zumal auch die möglicherweise erworbene deutsche Sprache zugunsten der Muttersprache bei zunehmender Demenz wieder verschwindet. Musik als nonverbales Kommunikationsmedium kann hier ein Königsweg sein, wenn über Sprache nicht oder nicht mehr in Kontakt und Beziehung getreten werden kann. Ivanov macht auf eindrucksvolle Weise deutlich, wie ein solcher Prozess verlaufen kann. Seine behutsame und beeindruckende Herangehensweise, seine profunde Methodenkenntnis und seine Empathie sind aus jeder Zeile seines Buches herauszuspüren. Er nimmt den Leser an die Hand, indem er in den Fachtext immer wieder Reflexionen einstreut, sich in ein träumerisches Ahnungsvermögen (Reverie) hineinbegibt und somit den Leser tief mit in das Vorgehen einbezieht und an seinen Gefühlen und Gedanken teilhaben lässt.

Fazit

Dieses Buch fasziniert ganz zweifellos. Wer wissen möchte, wie Musik als Medium in einem psychotherapeutischen Setting bei einem dementiell veränderten Menschen eingesetzt werden kann, und besonders vor dem Hintergrund von Migration, kommt um dieses Buch nicht herum, zumal es noch keine vergleichbare Literatur zu dem Thema gibt. Es füllt somit eine wichtige Lücke, ist authentisch, aus der Praxis heraus entstanden und kreativ angelegt. Die Publikation stellt eine dem Thema angemessene und gelungene Mischung aus starker Subjektivität und klarer und sauberer Methodik dar.


Rezensent
Prof. Dr. Hans Hermann Wickel
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Zitiervorschlag
Hans Hermann Wickel. Rezension vom 08.04.2011 zu: Ivan Milushev Ivanov: Altsein in der Fremde. Musiktherapie mit einer an Demenz erkrankten Iranerin. Dr. Ludwig Reichert Verlag (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-89500-775-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10819.php, Datum des Zugriffs 06.12.2016.


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