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Hans-Jürgen Seelos: Management von Medizinbetrieben

Cover Hans-Jürgen Seelos: Management von Medizinbetrieben. Medizinmanagement in Theorie und Praxis. Betriebswirtschaftlicher Verlag Dr. Th. Gabler (Wiesbaden) 2010. 211 Seiten. ISBN 978-3-8349-2377-6. 39,95 EUR.
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Autor und Thema

Der Autor ist Hochschullehrer, Unternehmensberater und Geschäftsführer mehrerer Gesundheitseinrichtungen. Er legt mit dieser Schrift eine der raren Zusammenführungen von Managementlehre und –praxis einerseits und Medizin/Gesundheitsversorgung andererseits vor, die ihren Ursprung im systemischen Managementverständnis hat, ohne die Spezifika der Produktion von Gesundheitsdienstleistungen zu vernachlässigen.

Aufbau

Das Buch lässt sich grob in vier Abschnitte unterteilen. Zwei Eingangskapitel (Kap. 1 und 2) befassen sich mit dem Ordnungsrahmen und den unterschiedlichen Rollen, die mit dem dispositiven Faktor verbunden sind. Das dritte Kapitel beschreibt dann wesentliche Managementprozesse, und im Kap. 4 wird dann eine kurze Würdigung des gesundheitswirtschaftlichen Produktionsprozesses vorgenommen. Das Kapitel 5 (Resultate) schließt die Arbeit ab. Ein Anhang und ein sehr ausführliches Glossar (30 Seiten Umfang) tragen zur Nutzbarkeit der Arbeit bei.

Inhalt

Im Vorwort erläutert Seelos zunächst sein Verständnis des Begriffs „Medizinmanagement“, das er als Anwendung der Managementlehre in Medizinbetrieben definiert. Medizinmanagement umfasst in seinem Begriffsverständnis sowohl die betriebliche Sphäre wie auch die soziale Einflussnahme auf Beschäftigte, Patienten und Angehörige (S. VIII).

Der Ordnungsrahmen (Kap. 1) beschreibt zunächst ein Management-Paradoxon, das für die Betriebs- und Personalführung kennzeichnend ist: den Versuch nämlich, Unternehmen stringent zu führen, die doch durch multifaktorielle und sich schnell verändernde Einflussfaktoren nahezu unführbar sind. Seelos sieht einen Ausweg in der Gewährleistung von Anpassungsfähigkeit des Systems einerseits und dem Streben nach Systemordnung andererseits. – Das verwendete Managementmodell beruht auf dem St. Galler Managementmodell (Abb. 1.4, S. 8).

Das Kap. 2 charakterisiert den dispositiven Faktor als institutionelles Management und skizziert die unterschiedlichen Rollen (Eigentümer und Anteilseigner, Principal Agents, Leitungsorgan, Führungskräfte, Leitungsgremien und Projektgruppen). Kennzeichen der Darstellung ist ein hoher Grad an Komprimierung und eine Konzentration auf aufbauorganisatorische/leitungsorganisatorische Aspekte ohne gesonderten Bezug zum Gesundheitsleistungsproduktionsprozess.

Das Kap. 3 stellt Managementprozesse dar, die in zwei unterschiedliche Bereiche unterteilt werden. Zunächst werden einzelne Managementfunktionen (Management-Regelkreis) als „Mikro-Logik“ des Managementhandelns vorgestellt, die in unterschiedlichen Handlungssphären (normativ, strategisch, operativ) Anwendung finden. Der Aspekt der Personalführung als intendierter sozialer Einfluss auf Mitarbeiter wie auf Patienten wird unter dem ungewöhnlichen Begriff „Biophiles Medizinmanagement“ zwar erwähnt, aber nicht weiter ausgeführt (S. 23, S. 105).
Im Mittelpunkt dieses Kapitels steht die Beschreibung von fünf „Ordnungsmomenten“, die dem 7 S-Modell von Peters und Waterman entlehnt sind (Unternehmenspolitik, Unternehmenskultur, Strategie, Strukturen, Systeme). Diese in der Managementliteratur sehr häufig rezipierten Aspekte werden hier auf eine überzeugende Weise für Gesundheitsdienstleistungsunternehmen nutzbar gemacht, und zwar am Beispiel des Aspekts „Unternehmenskultur“ auf dreierlei Weise: Erstens nimmt die Darstellung zentrale Aspekte dieses Unternehmenstypus auf (z.B. bei der Frage der Unternehmenskultur der Stellenwert humanitärer Kulturelemente und mögliche Zielkonflikte mit ökonomischen Zielen), zweitens ist die Darstellung theorieorientiert, hochkomprimiert und komplex, dadurch aber übersichtlich und nachvollziehbar, und drittens durchaus durch einzelne praktische Beispiele aus der Unternehmenspraxis belegt und erläutert (z.B. das Leitbild eines Beispielkrankenhauses, S. 41). In gleicher Weise wird „Strategie“ ausgehend von einer SWOT-Analyse in ein Gesamtmodell des strategischen Medizinmanagements eingeordnet, welches durch Checklisten und Optionen strategischer Stoßrichtungen und strategischer Segmentierungen erläutert wird.
Die Darstellung der Prozessstruktur orientiert sich an einem Phasenmodell, in dem die wesentlichen Aspekte der Prozessorganisation bzw. des Prozessmanagements in seiner Anwendung auf Medizinbetriebe dargestellt werden. Die neuere Diskussion im Bereich Prozessorganisation geht allerdings davon aus, dass dieses ursprünglich für die Massenproduktion (high volume) und Risikoproduktion (high risk) entwickelte Paradigma für die Dienstleistungsproduktion in seiner relevante Variante als Einzelfertigung gesondert nutzbar gemacht werden müsste. Dieser Aspekt – z.B. die Art und Weise des Zusammenwirkens des „multiprofessionellen Behandlungsteams“ in der Behandlung des einzelnen Patienten und die entsprechenden Konsequenzen für den Bereich der Aufbauorganisation – kommen in der Darstellung etwas kurz.
Abschließend werden in diesem Kapitel unter der allgemein gehaltenen Überschrift „Systeme“ Elemente des Konzepts „Management“ vorgestellt, die z.T. schon in vorherigen Abschnitten behandelt wurden (z.B. Strategiesystem; Organisationssystem). Die Kreisdarstellung der Teilsysteme (Abb. 3.31 auf S. 92) impliziert eine inhaltliche Geschlossenheit, die bei näherem Hinblick fraglich ist. So kann ein Risikomanagement-System durchaus als Teilmenge eines Qualitätsmanagement-Systems verstanden werden; das Teilsystem Humanführungssystem wird nicht ausgeführt.

Das Kap. 4 stellt die Grundlagen der Gesundheitsleistungsproduktion dar. Seelos beschreibt zunächst Gestaltungsvorgaben für die Produktion, die in ökonomischen, gesetzlichen, vertraglichen und ethisch-wertorientierten Faktoren bestehen. Der eigentliche Produktionsprozess wird im klassisch betriebswirtschaftlichen Sinne als Faktorkombination verstanden, die durch eine spezifische Produktionsfunktion und zwei Besonderheiten der Dienstleistungsproduktion (uno-actu-Prinzip; Herstellung von Leistungsbereitschaft) gekennzeichnet sind. Ausführlich geht Seelos dann abschließend auf insgesamt elf konstitutive Merkmale der Produktion von Gesundheitsdienstleistungen ein, die auf den Besonderheiten des externen Faktors „Mensch“ bei der Dienstleistungserstellung beruhen.

Das abschließende Kap. 5 stellt die Resultate medizinbetrieblicher Produktion dar. Diese Darstellungsform ist in ihrer Trennung von der Dienstleistungsproduktion selbst (Kap. 4) unüblich, bietet aber die Chance, ganz unterschiedliche Resultate in einem systemischen Zusammenhang zu würdigen: versicherungswirtschaftliche, produktionswirtschaftliche, patientenbezogene, mitarbeiterbezogene und gesellschaftliche Resultate.

Fazit

Insgesamt liefert das Buch eine sehr gute theorieorientierte Darstellung der wesentlichen Aspekte der Dienstleistungsproduktion in Medizinbetrieben. Hervorzuheben ist die abstrahierende, klare und komprimierte Darstellung, die durch viele sehr gute Graphiken und tabellarische Darstellungen unterstützt wird und die das Buch für Lehre und Studium im Feld Gesundheitsmanagement sehr geeignet macht.


Rezensent
Prof. Dr. Knut Dahlgaard
Professor für Personalmanagement und Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Fakultät Wirtschaft und Soziales
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Zitiervorschlag
Knut Dahlgaard. Rezension vom 28.03.2011 zu: Hans-Jürgen Seelos: Management von Medizinbetrieben. Medizinmanagement in Theorie und Praxis. Betriebswirtschaftlicher Verlag Dr. Th. Gabler (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-8349-2377-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10868.php, Datum des Zugriffs 26.08.2016.


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