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Franz Lehner: Sozialwissenschaft

Cover Franz Lehner: Sozialwissenschaft. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 448 Seiten. ISBN 978-3-531-17406-8. 29,95 EUR.

Reihe: Lehrbuch.

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Thema

Das Werk von Franz Lehner versteht sich ausdrücklich als Lehrbuch über die Sozialwissenschaft und deren Disziplinen. Es will Auskunft geben über die methodologischen, theoretischen und inhaltlichen Zusammenhänge der sozialwissenschaftlichen Teildisziplinen, welche wiederum die Ordnung und das Zusammenleben von Menschen in einer ‚societas‘ zum Gegenstand haben. Deshalb werden sowohl die Soziologie, die Volks- und Betriebswirtschaftslehre, wie auch die Politikwissenschaft, die Sozialpsychologie und die Sozialanthropologie einer konkreteren Betrachtung unterzogen. Der Autor möchte die Sozialwissenschaft insofern als Wissenschaftssystem verschiedener Disziplinen und Teildisziplinen dadurch erkennbar machen, dass er die jeweiligen Übereinstimmungen und Differenzen, aber auch die Konvergenzen und Divergenzen herausarbeitet. All dies geschieht mit der Zielsetzung, „sich sozialwissenschaftliches Wissen systematisch anzueignen und mit diesem Wissen später oder aktuell beruflich, also handlungsorientiert, umgehen zu können.“ (S. 9)

Damit setzt sich der Autor zum Ziel, ein Lehrbuch der Sozialwissenschaft bereitzustellen, das sich zum einen vordringlich an Studierende, zum anderen auch an jene Sozialwissenschaftler wendet, die sich mit den jeweils anderen Teildisziplinen kommunikativ und/oder kooperativ auseinandersetzen möchten.

Autor

Franz Lehner (geb. 1946) ist Professor für angewandte Sozialforschung an der Ruhruniversität Bochum und geschäftsführender Direktor des mit der Ruhruniversität kooperierenden Instituts Arbeit und Technik (IAT) der Fachhochschule Gelsenkirchen. Der Lehrstuhlinhaber lehrte in Mannheim, Zürich, Heidelberg und Münster, sowie an der State University of New York at Buffalo.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist aus Lehners Vorlesung „Einführung in die Sozialwissenschaft“ im entsprechenden Bachelor-Studiengang an der Ruhr-Universität Bochum entstanden. Es ist bewusst im narrativen (Vorlesungs-)Stil gehalten. Der Autor selbst sieht darin eine Reportage über die Sozialwissenschaft, „in der ich auch über unterschiedliche methodologische und theoretische Sichtweisen berichte und zeige, wie sich bestimmte Sachverhalte in unterschiedlichen Sichtweisen darstellen.“ (S. 10) Da es sich auch an andere Leser wendet, die nicht oder wenig mit den Sozialwissenschaften vertraut sind, erhebt es den Anspruch, Lehrbuch sein zu wollen.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in sechs Kapitel, die durch ein Vorwort eingeleitet und mittels eines Namens- und Sachregisters abgeschlossen werden. Dabei geht der Autor zunächst in Kapitel 1 der Frage nach „Was ist Sozialwissenschaft?“, um sich dann im zweiten Kapitel ausführlich der Begrifflichkeit „Gesellschaft“ zuzuwenden. Die damit geklärten Grundlagen münden im 3. Kapitel in die „Ausdifferenzierung der Sozialwissenschaft“, werden im nachfolgenden Kapitel durch die „Strukturierung des Handelns“ ergänzt und finden in der Bearbeitung der „Logik des sozialen Wandels“ (Kapitel 5) sowie in der Darlegung des „Nutzens der Einheit“ von Sozialwissenschaft ihren Abschluss.

Inhalte

Im ersten Kapitel nimmt der Autor eine definitorische Klärung der Begrifflichkeit „Sozialwissenschaft“ vor und geht auf die disziplinäre, methodologische und theoretische Struktur derselben näher und beispielhaft ein. Dabei geht es ihm darum, die „Rolle der Sozialwissenschaft in einer modernen Gesellschaft zu umreißen“ (S. 10) und zudem aufzuzeigen, womit sich diese Wissenschaft konkret beschäftigt. Anschließend stellt er in Kapitel 2 die Gesellschaft in den Rahmen der sozialwissenschaftlichen Betrachtung, dabei konkretisierend wie auch abstrahierend. Das anschließende Kapitel nützt Lehner um ausführlich die großen historischen Entwicklungslinien der verschiedenen Disziplinen von Sozialwissenschaft aufzuzeigen. Dabei geht er sowohl auf die spätmittelalterliche Philosophie, die Ursprünge der Soziologie, die Bedeutung der verschiedenen Felder der Psychologie und auf die der Anthropologie ebenso ein, wie auf die Bedeutung der Politikwissenschaft und der Betriebswirtschaftslehre für die Sozialwissenschaft – was wiederum auf eine systematische Ideengeschichte der Sozialwissenschaft hinausläuft. Die beiden letzten Kapitel dienen ihm zur Verknüpfung der unterschiedlichen Methodologien, Theorien und Forschungsprogramme mit einer Strukturierung des Handelns und der Logik des sozialen Wandels bzw. der Entwicklung von Gesellschaft (vgl. S. 11). Schließlich dient ihm das letzte Kapitel dazu, die notwendigen Schlussfolgerungen zu ziehen.

Lehners Werk wird dem Lehrbuchanspruch nicht zuletzt dadurch gerecht, dass jedes Kapitel mit einem Resümee und passenden kommentierten Literaturhinweisen abschließt. Zudem werden wichtige Begriffe in einem besonders kenntlich gemachten Kasten definiert – was die didaktische Aufbereitung deutlich werden lässt. So macht der Autor in seiner Schlussüberlegung zum ersten Kapitel deutlich, worauf es ihm im Bezug auf den Kernbegriff seines Werkes ankommt: Wenngleich er den Titel „Sozialwissenschaft“ gewählt hat, so erkennt er jedoch auch an, dass die unterschiedlichen Fachdisziplinen zum Beispiel von der Ökologie bis zur Sozialpsychologie durchaus den Plural „Sozialwissenschaften“ zulassen würden. Da für Lehner jedoch bestimmte Abgrenzungen und unterschiedliches methodisches Vorgehen in den Einzeldisziplinen nachgeordnete Bedeutung besitzen, geht er von einer „Einheit in Vielfalt“ (S. 72) aus und favorisiert deshalb einen singulären Sozialwissenschafts-Begriff.

Um nun auf die nachfolgenden Kapitelinhalte näher blicken zu können und ehe auf die Quintessenz des zweiten Kapitels eingegangen werden soll, ein Blick in das, was der Autor in den Zusammenhang mit dem Sozialen Handeln in der Gesellschaft stellt. Zunächst geht er davon aus, dass Soziales Handeln ein Verhalten darstellt, „das zielgerichtet ist und sich auf Objekte in der sozialen Umwelt des Handelnden bezieht.“ (S. 132) Hierbei werden zwei Handlungskonzepte voneinander unterschieden: zum einen ein rationales Handeln, das ein individuelles Handeln durch das soziale Umfeld beschränkt sieht und zum anderen ein Rollenhandeln, welches als das Eingebundensein des Handelns über bestimmte Rollen in das soziale Umfeld verstanden werden muss. Daraus ergibt sich die Erkenntnis von gesellschaftlichen Strukturen aus der Gesamtheit sozialer Tauschprozesse. Lehner sieht in dieser Unterschiedlichkeit der Handlungskonzepte die übliche Sichtweise in der Soziologie, will dies jedoch auf die Frage reduzieren, „wie weit und klar soziales Handeln durch Institutionen strukturiert wird“ ? (S. 134) Die Antwort darauf gibt er im vierten Kapitel: dabei kommt er zu der Erkenntnis, dass das Handeln in modernen Gesellschaften „einer vielschichtigen und oft widersprüchlichen Strukturierung“ (S. 326), die mit einer Einteilung in das rationale Handeln oder Rollenhandeln nicht ausreichend erfasst werden kann, entspricht. Statt dessen gehe es um eine recht komplexe, aber nur selektiv erfassbare Strukturierung – was wiederum den Schluss zuließe, „dass es wenig sinnvoll ist, die unterschiedlichen Theorien mit einem absolutistischen Anspruch zu verbinden“ (ebd.).

Zurückkehrend zu Kapitel 2 und dem Sozialen Handeln in der Gesellschaft, so verweist Lehner auf die verschiedenen Möglichkeiten sozialer Interaktion des Handelns und der Handelnden. Er versteht Interaktion als „wechselseitige Beeinflussung von Handeln … von Akteuren durch andere Akteure“ (S. 137), wobei es ihm sowohl um individuelle Denk- und Handlungsstrukturen, Sozialisationsprozesse, gesellschaftliche Differenzierung und soziale Ungleichheit ebenso geht, wie um Machtdurchsetzung, Herrschaftsausübung durch unterschiedliche Institutionen und Personen, aber auch um eine Handlungsorientierung bzw. -beeinflussung durch neue Ordnungsmuster aufgrund von Globalisierung und Transnationalisierung. Auf einen Punkt gebracht, geht es Lehner hier um all das, was das menschliche Zusammenleben in Gesellschaft umfasst.

Das anschließende Kapitel zur Ausdifferenzierung der Sozialwissenschaft beinhaltet sowohl die historische Entwicklung der Sozialwissenschaft wie auch die Entwicklung sozialwissenschaftlichen Denkens bezogen auf die Herausbildung gesellschaftlicher Ordnung. Der Autor zeigt die großen Entwicklungslinien – ausgehend von der alle Wissensgebiete umfassenden Philosophie – auf, wobei es ihm darauf ankommt, aus einer der antiken Philosophie zuzuschreibenden Sichtweise allmählich die Differenzierung innerhalb eines wachsenden Erkenntnis- und Wissenschaftssystems herauszuarbeiten. Wenn also zunächst die Philosophie als umfassende (und quasi alles erklärende) Wissenschaft erkannt wird, so arbeitet Lehner deutlich heraus, dass gerade die Entwicklung der Wirtschaftswissenschaft zur Veränderung der Sichtweisen entscheidend beigetragen hat – mit der Folge, dass sich die Soziologie, ebenso wie schon die Ökonomie zu einer eigenen Disziplin heraus entwickelt haben. Hier verweist Lehner vor allem auf die Vorreiterrolle von Auguste Comte, der die Soziologie als „Physique sociale“ verstanden hat, und zum zweiten auf Herbert Spencer, der als der Begründer der evolutionistischen Schule der Sozialwissenschaft gilt. Somit geht Lehner vertiefend auf den Positivismus eines Comte wie auch auf den Evolutionsbegriff von Spencer ein, ehe er sich auf weitere Gesellschaftskonzepte etwa von Durkheim, Tönnies und Simmel, oder aber Max Weber, Alfred Schütz und Talcott Parsons einlässt. Mit letzterem leitet der Autor über zu den systemtheoretischen Begründungen von Sozialwissenschaft, geht auf die Überlegungen von Niklas Luhmann ein, ehe er auf die verhaltenstheoretischen Varianten von James S. Coleman oder George C. Homans zu sprechen kommt. Schließlich nennt Lehner noch die Gesellschaftspsychologie, die Völkerpsychologie und die Sozialpsychologie sowie die Kulturwissenschaft und die Anthropologie als Ausdifferenzierungen der Sozialwissenschaft. Als die wohl jüngste ausdifferenzierte Disziplin nennt der Autor die Politikwissenschaft, die er als eine „späte Entwicklung der Sozialwissenschaft“ (S. 210) bezeichnet. Abschließend betont Lehner, dass es sich bei dieser Ausdifferenzierung der Sozialwissenschaft nicht um ein Spezifikum handelt, vielmehr schreibt er diese Entwicklung dem allgemeinen mit einer wachsenden Vielschichtigkeit verbundenen Wissenszuwachs zu. Es ist bemerkenswert, dass Lehner in diesem Zusammenhang eine zunehmend stärkere Differenzierung von Wissenschaft als massives Hindernis im Hinblick auf die Lösung praktischer Probleme begreift (vgl. S. 224).

Im vorletzten Kapitel geht Lehner der Frage nach, inwieweit die Veränderung sozialer Strukturen vom Prozess des sozialen Wandels abhängt. Er verweist auf die unterschiedlichen Erklärungsansätze für einen derartigen Wandel, nennt die Modernisierungstheorie, die Theorien der Moderne und der reflexiven Moderne, wie auch die sich zum Teil mit den ersteren überschneidenden Evolutionstheorien. (vgl. S. 342 ff.) Dabei geht der Autor dezidiert auf den Strukturwandel der Regionen, die sich fortentwickelnde Arbeitswelt und das Spannungsfeld zwischen der Herausbildung des Wohlfahrtsstaates einerseits und einer neoliberalistischen Grundhaltung andrerseits ein, um sich unter anderem dann der Moderne, der Postmoderne und der reflexiven Moderne, schließlich noch der evolutionistischen Ökonomik und der Besonderheit der sozialen Evolution zuzuwenden. Lehner verfolgt mit diesem Kapitel das Ziel, das für ihn schwierigste Problem der Sozialwissenschaft „nämlich die Erklärung von gesellschaftlichem Wandel“ (S. 396) zu diskutieren, wenngleich er zugesteht, dass der Forschungsstand zu diesem Thema „moderat“ ist.

Es erscheint durchaus als konsequent, wenn der Autor sein Werk damit abrundet, dass er im letzten Kapitel den (erfolgreichen) Versuch unternimmt, all das, was die Sozialwissenschaft ausmacht – nämlich die Ausdifferenzierung in eine Vielheit von Wissenschaftsdisziplinen, schließlich der Frage nach dem Nutzen der Einheit zu unterwerfen. Lehner hält es für wichtig, Anregungen zu geben, wie man unter Sozialwissenschaftlern aus unterschiedlichen Fachdisziplinen zu einer systematischen Kommunikation und Kooperation kommen kann. So hält er sowohl unterschiedliche Problemdefinitionen oder das Aufgreifen kognitiver Inhalte anderer Theorien und Forschungsprogramme wie auch die Verknüpfung unterschiedlicher Ansätze durchaus für notwendig und wünschenswert. So redet er einem Pluralismus ebenso das Wort wie einer Vernetzung und nennt die Sozialwissenschaft schließlich einen „Werkzeugkasten“ (S. 417), den es zu nutzen gilt.

Diskussion

Das Werk von Franz Lehner erhebt den Anspruch ein Lehrbuch zu sein, das einen breiten Überblick über die sozialwissenschaftlichen Disziplinen und deren methodologischen, theoretischen und inhaltlichen Zusammenhänge bietet (vgl. Rückseite Einband). Diesem Anspruch wird das Buch in mehrerer Hinsicht durchaus gerecht. Zum einen vermag es durch die Stoffaufteilung in den einzelnen Kapiteln systematisch darauf hinzuführen, wie sich die Sozialwissenschaft im Laufe der historischen Entwicklung zu einer pluralistisch zu verstehenden Wissenschaftssystematik herauskristallisiert hat, was ihr eigentliches erkenntnisleitendes Interesse ist bzw. welchen Grundgegenstand der systematischen Betrachtung und Erklärung sie sich zueigen gemacht hat und zum anderen welchen Beitrag die einzelnen (Fach- und Teil-)Disziplinen zu leisten in der Lage sind.

Eine jedem Kapitel folgende Zusammenfassung erlaubt einen schnellen und komprimierten Blick auf den jeweiligen Inhalt; sie kann sowohl ein schnelles Erfassen der Quintessenz herstellen, wie sie auch ein Interesse an den ausführlicheren Darlegungen zu wecken vermag. Es ist besonders hervorzuheben, dass der Autor in aufwändiger Weise die einzelnen Kapitel dadurch abrundet, indem er wertvolle Quellenhinweise mit jeweils konkretem Bezug zu den Kapitelinhalten gibt. Damit schafft er die Möglichkeit einer vertiefenden Betrachtung für all jene, die sich darum bemühen, ohne dass er diese sich selbst überlässt.

Fazit

Es ist zweifellos das große Verdienst des Autors, mit diesem Lehrbuch ein inhaltlich nicht überfrachtetes, didaktisch hervorragend aufgebautes und weitgehend der Wissenschaftssprache durch ein hohes Maß an Verständlichkeit angepasstes Werk vorgelegt zu haben. Gerade der hervorragend herausgearbeitete Kerngedanke, dass Sozialwissenschaft sich zum einen als ein pluralistisches System an Fachdisziplinen - was sie aber nicht zu einem Wissenschaftskonglomerat macht - zum anderen aber auch als eine (Einzel-)Wissenschaft versteht, die aus dem Fundus unterschiedlicher methodologischer, theoretischer und erkenntnisleitender Interessen schöpfen kann, macht dieses Werk zu einem echten Lehrbuch, das man allen in der Sozialwissenschaft und ihren ausdifferenzierten Fach- und Teildisziplinen Tätigen – ob Studierende, Lehrende oder wissenschaftlich Interessierte – zum Studium nahelegen muss.


Rezensent
Prof. Dr. Dr. habil. Peter Eisenmann
Professor für Andragogik, Politikwissenschaft und Philosophie/Ethik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften
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Zitiervorschlag
Peter Eisenmann. Rezension vom 27.04.2011 zu: Franz Lehner: Sozialwissenschaft. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 448 Seiten. ISBN 978-3-531-17406-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10869.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.


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