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Burkhard Schäffer, Olaf Dörner (Hrsg.): Handbuch Qualitative Erwachsenen- und Weiterbildungsforschung

Cover Burkhard Schäffer, Olaf Dörner (Hrsg.): Handbuch Qualitative Erwachsenen- und Weiterbildungsforschung. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. 640 Seiten. ISBN 978-3-86649-357-5. D: 79,90 EUR, A: 82,20 EUR, CH: 113,00 sFr.
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Thema

Die Anwendung qualitativer Methoden in den Sozialwissenschaften und speziell im Kontext der Erwachsenenbildung erfährt seit den letzten Jahren einen Bedeutungszuwachs. Bezogen auf die Erwachsenenbildung stellt sich allerdings die Frage, inwieweit die Studierenden darauf methodisch qualifiziert vorbereitet werden. Die Herausgeber sehen hier einen Qualifizierungsbedarf und wollen mit ihrem Handbuch hierzu einen Beitrag leisten. Anliegen der Herausgeber ist es, Gegenstands-, Grundlagentheorien, Methodologien und Methoden der qualitativen Erwachsenen- und Weiterbildungsforschung darzulegen und aufeinander zu beziehen.

Herausgeber

  • Burkhard Schäffer, Prof. Dr. habil., Professor für Erwachsenenbildung/Weiterbildung an der Fakultät für Pädagogik der Universität der Bundeswehr München. Arbeitsschwerpunkte sind u.a. Milieu-, geschlechts- und generationsspezifische sowie biografische Voraussetzungen der Bildung Erwachsener sowie Methoden und Methodologien qualitativer Erwachsenenbildungsforschung.
  • Olaf Dörner, Prof. Dr., Professor an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Juniorprofessor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Erwachsenenbildung und Weiterbildung am Institut für Erziehungswissenschaft. Forschungsschwerpunkte sind u.a. Beteiligung an Erwachsenen- und Weiterbildung, Bildung Erwachsener, Methodologien und Methoden qualitativ-empirischer und bildwissenschaftlich orientierter Erwachsenenbildungsforschung.

Aufbau

Das Handbuch gliedert sich in fünf Teile (A-E):

  • Teil A orientiert sich an grundlagentheoretischen Fragen wie auch Überlegungen, welche qualitativ-empirische Forschungsmöglichkeiten sich grundsätzlich anbieten.
  • Teil B richtet den Blick auf die methodologische Seite. Ausgewählte Methodologien werden nach ihrer Anschlussmöglichkeit an Grundlagentheorien befragt.
  • Teil C zeigt exemplarisch ausgewählte methodische Zugangsweisen auf.
  • Teil D umfasst exemplarisch zentrale Themenbereiche der Erwachsenenbildung und verknüpft diese mit grundlagentheoretischen und methodologischen wie auch methodischen Fragen.
  • Teil E thematisiert aus metaperspektivischer Sicht Strategien qualitativen Forschens in der Erwachsenenbildung.

Inhalt

Im Teil A werden Grundlagentheorien aufgegriffen und kurz skizziert und mit Blick auf qualitative methodische Konsequenzen kritisch reflektiert. Im Einzelnen: Pädagogische Lerntheorie (M. Göhlich), Bildungstheorie und Bildungsforschung (J. Kade), Wissenstheorie (Ch. Hof), Beobachtung, Kommunikation und Wissen (J. Prausa, H. Kuper), Konstruktivismus (I. Schüßler), Pragmatismus (A-M. Nohl), Machtanalytische Studien (D. Wrana), Kritische Theorie (P. Faulstich), Rekonstruktive Sozialforschung / Bourdieu (J. Wittpoth), Handlungstheorie (R. Arnold, A. Pachner), Rahmentheorie (M. Pietraß), Organisationstheorie (O. Schäffter, H. Schicke). Michael Göhlich stellt beispielsweise fest, dass der Lernprozess und viele Aspekte des Lernens lediglich mit qualitativen Verfahren erforschbar sind. Insgesamt jedoch dominiere in den lerntheoretischen Diskursen der quantitative Zugang psychologischer Ansätze.

Im Teil B werden methodologische Fragen aufgegriffen. Methodologien stehen aus der Sicht der AutorInnen für „metatheoretische Fundierungen von Methoden“. Ein besonderer Bedarf wird in der qualitativen Erwachsenenbildungsforschung gesehen, denn es würden zwar qualitative Methoden beschrieben, jedoch finde eine methodologische Rahmung nur in Ansätzen statt. Im Band werden folgende Themen aufgegriffen und auf die qualitative Erwachsenenbildungsforschung bezogen: Grounded Theory (D. Nittel), Dokumentarische Methode (B. Schäffer), Objektive Hermeneutik (B. Koring), Symbolischer Interaktionismus (B. Dewe, D. Straß), Deutungsmusteransatz (E. Nuissl), Biografieforschung (S. Benedetti, J. Kade), Ethnografie (B. Egloff), Diskursanalyse (S. Rausch).

Im Teil C werden methodische Vorgehensweisen erörtert und rückbezogen auf grundlagentheoretische und methodologische Fragen. Anhand von Beispielen werden Stärken und Schwächen von methodischen Verfahren aufgezeigt, wie auch Möglichkeiten methodischer Verknüpfungen im Sinne eines Methodenmix. Nicole Hoffmann beispielsweise beschreibt die Methode der Dokumentenanalyse, eine in der Erwachsenen- und Weiterbildungsforschung nur marginal bzw. verdeckt zum Einsatz kommende Methode. Dokumente lassen sich verstehen als Ergebnisse „menschlicher Kulturtätigkeit unabhängig davon, für welchen Zweck sie geschaffen wurden“. Zu den Dokumenten gehören u.a. Aufsätze, Briefe, Tagebücher, Archivmaterialien, Programme, Bild- und Tondokumente, Homepages, Blogs. Die Autorin zeigt den Stellenwert und die unterschiedliche Einordnung der Methode in den Fachdiskursen auf. Teils wird die Dokumentenanalyse nicht als eigenständiges methodisches Verfahren verortet. Vor allem im Bereich der historischen Forschung, im inhaltsanalytischen Vergleich von Dokumenten einer Klasse oder an Fallstudien, die sich eher an der Grounded Theory orientieren, stelle die Dokumentenanalyse in der Erwachsenen- und Weiterbildungsforschung eine interessante Nutzungsmöglichkeit dar. Durch Mediendokumente könnten beispielsweise Lehr- und Lern-Settings untersucht werden. Vorteil der Methode ist, dass Daten nicht erst aufwändig erhoben werden müssen, sondern bereits vorliegen und entsprechend ausgewertet werden können. Letzteres bräuchte jedoch noch mehr wissenschaftliche Durchdringung hinsichtlich des methodischen Vorgehens.
Neben der Dokumentenanalyse werden im Abschnitt C folgende Methoden erörtert: Bildanalysen (O. Dörner), Videoanalysen (M. Herrle, J. Dinkelaker), Experteninterviews (O. Dörner), Narratives Interview (H. v. Felden), Gruppendiskussionsverfahren (B. Schäffer), Gruppenwerkstatt (H. Bremer, Ch. Teiwes-Kügler), Inhaltsanalyse (S. Möller), Interaktionsforschung (S. Nolda), Teilnehmende Beobachtung (B. Egloff).

In Teil D werden exemplarisch zentrale Themen der Erwachsenenbildung erörtert und wiederum in Bezug gesetzt zu grundlagentheoretischen, methodologischen und methodischen Fragestellungen. So bezieht sich beispielsweise Wiltrud Gieseke auf Bourdieu, wenn sie nach Habitus und Profession fragt. Anhand ihrer Habitusstudie „Erwachsenenbildner/innen“ zeigt sie Prozesse der Habitualisierung in den ersten Berufsjahren auf und spricht von „Überformung individueller Aneignungsmodi von Wirklichkeit“. Der berufliche Habitus basiert auf individuellen Aneignungsstrategien früherer Sozialisationen, auf deren Grundlage neue Erfahrungen, Anforderungen und Deutungen aufgebaut werden. Das WIE (Aneignungsmodi) wird sozusagen mitgebracht, das WAS (Handlungsanforderungen und -strategien) wird im beruflichen Feld gelernt. Beides zusammen ergibt den beruflichen Habitus. Weitere Themen in diesem Kapitel sind Milieu (H. Bremer, Ch. Teiwes-Kügler), Gender (A. Schlüter), Generation (B. Schäffer), Qualitativ-empirische Beratungsforschung (C. Maier-Gutheil), Weiterbildungsmanagement (S. Robak), Lehr-, Lernsettings (J. Ludwig), Informelles Lernen (A. Seltrecht), Medienbildung (M. Pietraß), Gegenstand und Grundlagentheorie in der qualitativen Forschung zum E-Learning (A. Grotlüschen), Qualitative Zeitforschung in triangulierter Perspektivverschränkung (S. Schmidt-Lauff), Gefühl/Emotionen (W. Gieseke).

Teil E umfasst Strategien qualitativen Forschens in der Erwachsenenbildung. Themen sind: Triangulation (H. Barz, T. Kosubek, R. Tippelt), Qualitative Längsschnittstudien (M. Fischer, J. Kade), Komparatistische Ansätze (P. Alheit) sowie Qualitative Forschungskulturen und Forschungsgestalten zum Lernen Erwachsener (J. Kade, S. Nolda). Die Triangulation, insbesondere die Verbindung quantitativer und qualitativer Methoden, wird als Chance betrachtet, Forschungsfragen mehrperspektivisch zu erhellen. Beim Thema komparatistische Ansätze wird u.a. herausgearbeitet, dass in der qualitativen Forschung Begriffe wie Objektivität, Reliabilität und Validität an ihre Grenzen kommen. Stattdessen geht es um Gegenstandsadäquatheit, alltagsweltliche Settings und Verstehen komplexer, teils diffuser sozialer Zusammenhänge.

Diskussion

Das Handbuch versammelt eine Vielfalt von Autoren und Themen der Erwachsenenbildungsforschung. Die Strategie der Strukturierung des Handbuches, nämlich Grundlagentheorien, Methodologien, Methoden und Kernthemen der Erwachsenenbildung aus einem jeweiligen Fokus heraus in Bezug zu setzen, ist nicht nur originell und inhaltlich aufschlussreich, sondern ebenso anspruchsvoll. Die Autoren und Autorinnen sind darin zu würdigen, dass sie sich in ihren Artikeln, die im Schnitt 15 Seiten umfassen, dieser Herausforderung stellten. Insgesamt fokussieren die Artikel auf grundlegende Fragen mit Blick auf die einzelnen Themen der vier Leitkategorien, auf eine Einordnung der bisherigen Forschungsergebnisse und den wissenschaftlichen Weiterentwicklungsbedarf. Die Beiträge sind vor allem dort anschaulich, wo exemplarisch Forschungszugänge aufgezeigt werden. Durchgängig ist die Offenheit für Methodenvielfalt und Perspektivenverschränkung.

Im Großen und Ganzen erfolgen in den Kapiteln gegenseitige Verweisungen der Autoren, wenngleich Schnittstellen und Abgrenzungen nicht immer herausgearbeitet werden, beispielsweise die Schnittstelle der Dokumentenanalyse zu Methoden der Bildinterpretation und Videoanalyse.

Aus der Sicht des Lesers wäre das Handbuch handhabbarer, wären die Artikel von der Form her standardisiert, beispielsweise mit einer Einleitung, worauf der einzelne Beitrag zielt und mit einem Schlusskapitel als Fazit und Ausblick. Stattdessen verfahren die Autoren und Autorinnen individuell, teils gibt es Einleitungen und Zusammenfassungen, teils eben nicht. Auch wäre am Schluss eines jeden Beitrags weiterführende Literaturhinweise interessant. Quellen werden zwar in den Texten aufgeführt und es gibt nach jedem Artikel ein Literaturverzeichnis, aber insbesondere für Studierende wäre ein spezifischer Literaturhinweis hilfreich. Insgesamt lassen sich über das Stichwortverzeichnis und die klaren Titel die Themen gut recherchieren.

Fazit

Das vorliegende Handbuch ist in Bezug auf seine Intention, seinem Aufbau und der thematischen Vielfalt zu würdigen. Es gibt für Studierende und Forschende einen differenzierten und fundierten Überblick über Grundsatzfragen, Themen, Bedeutung und Zugangsweisen qualitativer Erwachsenen- und Weiterbildungsforschung.


Rezensentin
Prof. Dr. Tilly Miller
Dipl.sc.pol.Univ.; Dipl.Sozialpäd.FH, Theaterpädagogin BuT®
Homepage www.ksfh.de/wir-ueber-uns/lehrende/profile/einzelan ...
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Zitiervorschlag
Tilly Miller. Rezension vom 17.01.2013 zu: Burkhard Schäffer, Olaf Dörner (Hrsg.): Handbuch Qualitative Erwachsenen- und Weiterbildungsforschung. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. ISBN 978-3-86649-357-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10900.php, Datum des Zugriffs 27.08.2016.


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