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Christoph Butterwegge, Gudrun Hentges: Zuwanderung im Zeichen der Globalisierung

Cover Christoph Butterwegge, Gudrun Hentges: Zuwanderung im Zeichen der Globalisierung: Migrations-, Integrations- und Minderheitenpolitik. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. 3., aktualisierte Auflage. 294 Seiten. ISBN 978-3-531-14957-8. 18,90 EUR.

Reihe: Interkulturelle Studien - Band 5.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-531-16086-3 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.

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Überblick

13 Autorinnen und Autoren setzen sich in diesem Sammelband mit unterschiedlichen Aspekten der Migrationspolitik und -forschung auseinander. Die Spanne der Artikel reicht von einer Betrachtung weltweiter, globaler Migrationsprozesse über die vergleichende Analyse des politischen Umgangs mit Flucht, Migration und Minderheiten in Europa und den USA bis hin zu einer Darstellung innergesellschaftlicher Prozesse im Prozess der Migration.

Inhalt

  • John Galtung betrachtet die push und pull Faktoren von weltweiten Migrationsprozessen.
  • Franz Nuscheler fragt, ob die Welt in Bewegung gerät, oder dies nicht schon immer so war und entwickelt Prognosen für das Jahr 2000 + und x. Er fordert eine "Global Governance" um den möglichen negativen Folgen sich verstärkender Migrationsbewegungen entgegen treten zu können.
  • Steffen Angenendt zeichnet Wanderungsbewegungen und Globalisierungsprozesse auch als Regionalisierungsprozesse nach und stellt einzelne Migrationtypen dar. Auch ihm geht es um den Aspekt der Global Governance. Dieser Aspekt ist in diesem Sammelband ein zentraler.

Die Autoren vertreten die Notwendigkeit, weltweite völkerrechtliche und institutionelle Rahmenbedingungen zu schaffen. Es geht darum, neben der lokalen Politik und dem nationalen Handeln, internationale Strukturen auf- und ausbauen , die Migranten- und Flüchtlingsströme lenken helfen und den Migranten bessere rechtliche Absicherung bieten. Agenendt ist aber skeptisch, ob sich dies bei der Betrachtung faktischer Asyl- und Migrationspolitik realisieren läßt.

  • Butterwege diskutiert die Folgen neoliberaler Politik und des neoliberalen Politikverständnisses für die Betrachtung der Ursachen und Konsequenzen von Zuwanderung, er sieht "Spaltungstendenzen", "Soziale Polarisierung", den weiteren "Zerfall der (Welt-)Gesellschaft in Arm und Reich." Auch er nimmt die Forderung nach einer gestalteten Migrationpolitik im Sinne eines "Weltwohlfahrtsstaates" auf.
  • Treibel fragt nach dem Zusammenhang von Migration und Emanzipation und zeigt auf, wie vielschichtig Wanderungsmotive von Frauen sind und skizziert die Aufenthaltssituation von Migrantinnen in Deutschland einschließlich der Rolle von "Netzwerken" für Frauen und deren Lebenslage. Sie konstatiert, der "typische Arbeitsmigrant" sei nicht mehr männlich, sondern weiblichen Geschlechts.
  • Der politische Umgang mit Flucht, Migration wird von Holzberger am Beispiel der Harmonisierung der europäischen Flüchtlingspolitik erörtert.
  • Reißlandt umgrenzt die wechselhafte Geschichte des Zuwanderungsgesetzes.
  • Hentges zeigt die Minderheiten- und Volksgruppenpolitik in Österreich auf, sowohl in der historischen Ausdifferenzierung als auch in ihrer jetzigen parteipolitischen Ausprägung.
  • Santel vergleicht die Einwanderungs- und Integrationspolitik in den USA und Deutschland, den beiden "bedeutendsten" Einwanderungsländern der Welt. Er arbeitet Unterschied und Parallelen der Einwanderungspolitik heraus.

Der dritte Teil des Bandes beschäftigt sich mit den Möglichkeiten, Chancen und Grenzen einer multikulturellen Demokratie im Zeitalter der Globalisierung.

  • Oberndörfer fragt nach der Rolle des Nationalstaates in der Moderne und fordert dessen Überwindung, Kühne diskutiert die Rolle und soziale Lage der Fluchtmigrant(inn)en auf dem Arbeitsmarkt. Am Beispiel Dortmunds wird verdeutlicht, wie Fluchtmigranten sich Pfade in die Aufnahmegesellschaft, trotz aller Restriktionen, erschließen.
  • Terkessidis setzt sich mit dem Rassismus auseinander und dem Verhältnis zwischen dem "Eigenen und dem Anderen". Deutschland sieht er zwischen neuen Grenzbefestigungen zur Abwehr von Fremden und "Hybridität" hin und hertaumeln. Wobei er unter Hybridität die "Feier der Vermischtheit" versteht, also die Vereinnahmung genießbarer Elemente der anderen Kulturen in die Konsummaschine (Döner, Bauchtanz usw.) wie in den Musiksendern demonstriert: "Die dunkle Hautfarbe hat die Dimension der Ausgrenzung ... verloren; sie wirkt wie eine schiere Option - gefärbten Haaren oder gepiercten Körperteilen vergleichbar" (S.247).
  • Yildiz zeichnet die Multikulturalismusdebatte nach und fragt, ob eine funktional ausdifferenzierte Gesellschaft die "im Alltag lebensweltliche Diversifizierung zulässt. überhaupt nichtmultikulturell sein kann"(S.262).

Im Anhang befindet sich jedoch ein weiterführendes Literaturverzeichnis zu den einzelnen Themen. Dies hebt jedoch nicht die Notwendigkeit von Detailstudien auf. Der Beitrag von Kühne wäre hier Weg weisend.

Diskussion

Insgesamt ein umfassender Band, der einzelne, wichtige Aspekte der Zuwanderung im Zeichen der Globalisierung betrachtet. Allerdings erscheint die Auswahl der Beiträge etwas zufällig zu sein. Warum wird die Minderheitenpolitik in Österreich diskutiert? Es fehlt jedoch eine umfassende Diskussion der Globalisierung und deren Folgen, die nicht nur auf der Folie von Segration und Vermehrung von Verteilungskonflikten abgebildet werden können. Auf Modernisierungsdebatten wird kaum bezug genommen, so z.B. die Überlegungen von E. Castells. Hier erscheint mir der theoretische Bezugsrahmen als etwas zu eng gewählt. Gleichzeitig ist der Rückgriff auf Global Governance mehr voluntaristisch, denn real fundiert. Die aktuelle Rolle der UNO belegt dies leider. Andrerseits wäre eine mikrotheoretische Betrachtung der Lage einzelner Ethnien in den Ländern durchaus auch ertragreich. Die Spanne reicht von den irischen Travellern, algerischen Einwanderern in Frankreich, über die Sinti und Roma bis hin zu den Yeziden. Gerade in dem sich ausdehnenden Europa gibt es eine Reihe von Gruppen, die überhaupt nicht im Gesamtkontext gesehen werden. Wer betrachtet schon die soziale, politische und wirtschaftliche Lage dieser Gruppen?

Fazit

So bleibt der Gesamtblick dieses Sammelbandes im Wesentlichen auf der Ebene einer durchaus wichtigen perspektivischen Betrachtung, ohne jedoch die faktischen Probleme von Migranten in den Blick zu bekommen.

Anmerkung der Redaktion: Die Rezension basiert auf der 2. Auflage (2003), ISBN 3-8100-3974-8.


Rezensent
Prof. Dr. Friedhelm Vahsen
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Zitiervorschlag
Friedhelm Vahsen. Rezension vom 29.06.2004 zu: Christoph Butterwegge, Gudrun Hentges: Zuwanderung im Zeichen der Globalisierung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. 3., aktualisierte Auflage. 294 Seiten. ISBN 978-3-531-14957-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1092.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.


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