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Marianne Krüger-Potratz (Hrsg.): Kriminal- und Drogenprävention am Beispiel jugendlicher Aussiedler

Cover Marianne Krüger-Potratz (Hrsg.): Kriminal- und Drogenprävention am Beispiel jugendlicher Aussiedler. V&R unipress (Göttingen) 2003. 90 Seiten. ISBN 978-3-89971-111-0. 12,00 EUR.

Beiträge der Akademie für Migration und Integration, Heft 6.

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Entstehungshintergrund

Der Sammelband gibt die Beiträge und Arbeitsgruppenergebnisse einer Tagung der "Akademie für Migration und Integration" der Otto-Benecke-Stiftung zum Thema "Kriminal- und Drogenprävention am Beispiel jugendlicher Aussiedler" wieder.

Inhalte und Diskussion

Im Vorwort skizziert die in der Migrationsforschung bekannte Heraus­ge­berin Marianne Krüger-Potratz einige Daten und Fakten zur Finanzierung der Aussiedlerarbeit und betont, "dass diese Maßnahmen bei jugendlichen Aussiedlern nur bedingt greifen", obwohl viele Praktiker der "Integrationsarbeit" über "Migrationserfahrungen und ... Sprachkenntnisse" verfügen und ein "recht guter Zugang zu den Jugend­lichen besteht". Derlei scheinbare Widersprüche durchziehen auch andere Bei­trä­ge des Readers und sind wohl darauf zurückzuführen, dass mittlerweile bei den Aussiedlern aus der ehemaligen SU "veränderte Migrationsmuster" vorlie­gen, konkret: "eine kulturell bedingte andere Einstellung zum Alkohol in Zu­sam­menhang mit einem anderen Männlichkeitsbild bis hin zum Einfluss der 'Russen-Mafia'" (S. 7). Allerdings gibt es "keine gesicherte Datenbasis" und "keine bundesweit repräsentative Statistik, da die Aussiedlerjugendlichen auf­grund ihrer deutschen Staatsangehörigkeit in der Polizeilichen Kriminalitäts­sta­tistik nicht getrennt von hier aufwachsenden Deutschen erfasst werden" (ebd.).

Damit sind schon einige Grundprobleme der pädagogischen Arbeit und der wis­senschaftlichen Forschung im Themenzusammenhang genannt. Leider unterlässt es die Herausgeberin, auf die Einzelbeiträge kritisch und resü­mierend einzugehen oder gar grundsätzlichere Probleme der Thematik anzusprechen. Ich meine hiermit konkret die zumeist fehlende Professionalität in der Ju­gend(sozial)arbeit oder die kontroversen Diskussionen um die zentralen Begriffe (Integration, Prävention etc.). Im Begrüßungsbeitrag des Präsidenten der Otto-Benecke-Stiftung Lemper erfahren wir nur die Plattitüde, "Integration ist, wie wir wissen, ein zweiseitiger Prozess" (S. 9). Zumindest wird hier aber auf das Problem der Konstruktion (!) von Negativbildern in den Medien verwiesen, die von "schwer integrierbarer Problemgruppe" oder von "hoher Gewaltbereitschaft und steigendem Konsum von Drogen und Suchtmitteln" berichten, von "inhaf­tier­ten Aussiedlergruppen im Strafvollzug, die bereits den Gefängnisalltag fest im Griff haben" (ebd.) So entsteht ein "Bild vom alkohol- und rauschgiftsüchti­gen (zumeist jugendlichen) Aussiedler, der brutal und mit hoher krimineller Energie eine Vielzahl von Straftaten in Deutschland begeht" (Fricke, S. 12).

Die folgenden Beiträge bringen aber auch hier keine Klärung, was Konstruktion (von Wirklichkeit) und was (objektive) Realität ist. Der Leser erfährt sowohl, dass es bei den Aussiedlerjugendlichen "keine höhere Belastung von Devianz und Delinquenz" gibt (S. 10) als auch "ein ganz anderes Bild" von "5 % der Jugendlichen, aber 20 % der jugendlichen Strafgefangenen" (S. 7).

In den Vorträgen wird immer wieder der "Mangel zuverlässiger empirischer Belege" beklagt (S. 12), auf die Tatsache verwiesen, dass sich die Milieus der Aus­siedler gewandelt haben, dass es sich um eine "mitgenommene Generation" han­delt (das haben wir bereits vor 20 Jahren konstatiert; vgl. Griese u.a. 1983), und es wird auf die klassischen (mitkonstruierten? und die pädagogische Arbeit und Verantwortung entlastenden?) "Probleme der Sprache", der "Identität" oder der "Kultur" verwiesen.

Martin Köhler zeichnet in seinem Beitrag über "Auffälligkeiten im Suchtverhalten und Drogenverständnis jugendlicher Aussiedler" (S. 17ff) m.E. - ohne es zu benennen - das Bild einer "Binnen- bzw. Parallel-Gesellschaft" der Aussiedler in den Plattenbauten Ost-Berlins, die Folge einer unstrukturierten Einwande­rungs­politik, die, wie wir aus der internationalen Migrationsforschung wissen, quasi gesetzmäßig zu Ghet­toi­sierung und Kriminalisierung, vor allem der männ­lichen Heranwachsenden, führt. Die Problembeschreibungen und Praxis­vor­schläge bleiben stark deskriptiv und postulierend und entbehren zumeist ei­ner stringenten theoreti­schen Grundlage. So bleibt z.B. vollkommen unklar und undiskutiert, was "interkulturelle Sensi­bilisierung" genau und konkret meint, was "Suchtpräventi­ons­arbeit" intendiert oder ob "Schulung (!? H.G.) von Multiplikatoren" der richtige Weg ist.

Im letzten Beitrag der "Politiker-Fraktion" aus den Ministerien (Fricke, Köhler, Willenberg) über die "Chancen institutioneller Zusammenarbeit" (S. 22ff) wird auch kein anderes Bild gezeichnet: Die Daten widersprechen sich, Politiker konstruieren die Wirklichkeit der Aussiedler(kriminalität) anders als die Medien, betonen die Relevanz der Prävention und verweisen auf Programme, Maßnah­men und Broschüren zur Information und Aufklärung - "the same procedure as every year". Wichtig erscheint mir der Hinweis auf "Sport als die beste Präven­tion gegen Kriminalität und Suchtgefahren" (S. 24), auch wenn hier differenziert werden müsste (Fußball und Alkohol gehören meist zusammen !) und darauf ver­wiesen werden sollte, dass Vereine in der Regel kein Interesse an einer päda­gogisch fundierten Jugendarbeit haben und dafür keine Extra-Mittel zur Verfü­gung stellen. Hier liegt ein fruchtbares Feld vor uns, das einmal gründlich über Projekte wissenschaftlich und (sozial)pädagogisch beackert werden müsste: Jugendarbeit in Vereinen unter der An-Leitung professioneller Pädagogen.

Sodann folgen zwei Beiträge von Praktikern (Kay Osterloh von der Nürnberger "mudra-Drogenhilfe" über "'Kriminelle Subkulturen' bei Migranten ... aus der GUS ..." und Pawlik-Mierzwa/Otto über "Abschtschjak und Kasjak als feste Bestandteile der russisch sprechenden Subkultur"), in denen man viele interes­sante und praxisrelevante Erkenntnisse über Moral, Werte, Ordnungsstrukturen, Verhaltensmuster, Symbole, Vorbilder etc. der Aussiedler-(Knast)kultur gewinnen kann. Spätestens hier wird mit einer politisch motivierten Verharmlosung der Thematik "Aussiedler-Jugendliche" Schluss gemacht. Allerdings relativiert Osterloh am Ende seine auf eigenen Erfahrungen und Beobachtungen beruhende dramatisierende Beschreibung der "kriminellen Subkultur" der "Russen" mit den Worten, dass es sich um "Menschen wie Sie und ich" handelt, die "rational handeln und bereit sind, Hilfe in Anspruch zu nehmen" (S. 32).

Theoriehaltiger ist dann der Beitrag von Pawlik-Mierzwa/ Otto, die zu einer "Re­vidierung unserer Vorstellungen über die kriminelle Subkultur und ihre Halte­kräfte" (wie z.B. bei Goffman nachzulesen) aufrufen (S. 33) und sich für eine Orientierung an der "Theorie der kulturellen Übertragung" von Iwin/ Cressey stark machen. "Danach ist das Gefängnis ein Abbild der gesellschaftlichen Ver­hältnisse draußen. Kriminelle Gefangenensubkultur entsteht ... als Mitbringsel bereits außerhalb des Gefängnisses bestehender krimineller Codes" (ebd.). Dies gilt insbesondere für entsprechend sozialisierte russlanddeutsche Aussiedler. So entwickelt sich im Gefängnis eine "subkulturelle Logik" und Moral mit einem Denken und Tun, das für Außenstehende bzw. für mit diesen Zielgruppen arbei­ten­de Pädagogen schwer nachvollziehbar ist.

In den abschließenden zwei Vorträgen der Wissenschaftlerinnen (Heike Roll vom Osteuropa Institut über "Omsk ohne Drogen? - Anmerkungen zur aktuellen Drogensituation in Omsk", S. 46ff sowie Kerstin Reich zu "Prozesse der Integra­­tion, sozialer Ausgrenzung und kriminellem Verhalten bei jungen Aussied­lern", S. 51ff) erfahren wir zuerst punktuell und selektiv etwas über die verän­der­te Situation in den (großstädtischen) Herkunftsregionen, konkret: Drogenkonsum und Drogenhandel, einen "explodierenden Drogenmarkt und die sozioökonomi­sche Krisensituation" in Russland und die erwartungsgemäß mangelhafte Koor­di­nation und Kooperation der staatlichen Institutionen. Zudem "ist oft nicht ge­nug Geld da" für Aufklärungs- und Präventionsarbeit; die Gehälter sind niedrig und werden "nicht regelmäßig ausgezahlt" - kurzum und in anderen Worten: Chaos allerorten im kapitalistisch gewendeten ehemaligen real existierenden Sozialismus.

Reich berichtet abschließend über eine "Untersuchung, die von 1999 bis 2002 am Institut für Kriminologie der Universität Tübingen durchgeführt wurde" (S. 53) und liefert historische Daten und Fakten zum Thema "Aussiedler". Die Erkenntnisse der Studie sind nicht neu, aber nicht unwichtig, da sie auf die zumeist zu wenig reflektierte Dialektik der sog. "Aussiedler-Problematik" verweisen: "Sowohl die Integrationsvoraussetzungen der Zuwanderer wie auch die Aufnah­me­bereitschaft in der deutschen einheimischen Bevölkerung haben sich in die gleiche Richtung verändert: Sie sind schlechter geworden" (S. 58). Gegenwärtig befinden wir uns in einem fatalen und bisher nicht zu stoppenden Aufschauke­lungsprozess, der eine zunehmende Desintegration der (männlichen und jugend­li­chen) Einwanderer aus der GUS zur Folge hat. Ähnlich wie bei Jugendlichen mit dem Migrationshintergrund "Gastarbeiter­länder", vor allem Türkei (vgl. Shell-Studie "Jugend 2000"), lassen sich "geringe Kontaktdichte zwischen einheimischen Jugendlichen und Aussiedlerjugendli­chen" sowie "gegenseitige Ab- und Ausgrenzungstendenzen" feststellen (S. 62) - für die Migrationsforschung keine überraschenden Erkenntnisse!

Im Grunde genommen wissen wir, welche Folgen eine unkontrollierte Einwande­rung unter be­stimmten politisch-ideologischen und gesellschaftlich-ökonomi­schen Verhältnissen hat - aber über dieses Thema wird allseits geschwiegen. Der Forschungs- und Diskussionsprozess beginnt immer wieder von vorne. Bekannt sind die sog. "Integrationsfallen" (Übergangswohnheim, Sprachkurse, Vorbereitungsklassen, Wohnghettos); bekannt sind die abwehrenden Ängste und die exkludierenden Einstellungen und Hand­lungsweisen der Einheimischen an­gesichts der reißeri­schen Medienberichte und hoher Arbeitslosigkeit; bekannt sind die Reaktionen der Bevölkerung auf eine politische Instrumentalisierung der Thematik "Einwanderung"; bekannt sind die geringe Integrationsbereitschaft und der stigmatisierende Umgang mit "Fremden" in unserer Gesellschaft usw. Wir wissen auch aus der Migrationsforschung (z.B. Heitmeyer u.a. 1997, Tertilt 1996), dass Devianz und Delinquenz von Jugendlichen mit Migrationshinter­grund meist eine gruppenbezogene Reaktion (!) auf erfahrende Exklusion, auf Stigmatisierung, auf Nichtanerkennung, Diskriminierung und Diffamierung im Alltag und zunehmen­de Chancenlosigkeit im Bildungs- und Beschäftigungssys­tem sind und überwiegend den männlichen Teil der Einwanderer betrifft. Dadurch findet eine re-akkulturierende Sozialisation in der Jugend unter dem Vorzeichen tradierter, d.h. mitgebrachter Werte und Symbole statt, die gleich­zeitig von Interessengruppen (sei es die Mafia, seien es ethnisch-religiöse Ver­eine) gefördert, geschürt und instrumentalisiert wird. Täter sind zumeist zuvor Opfer gewesen: Opfer gesellschaftlicher Exklusion, Opfer manipulierender Zu­griffe von Interessengruppen und/ oder erfahrener Gewalthandlungen.

Die Berichte aus den drei Arbeitsgruppen (S. 67 - 88) zu den Referaten bringen keine neuen Erkenntnisse. Interessant ist vielleicht die postulierende These (S. 79): "Ausstiegs­programme müssten Einstiegsprogramme werden", weil hiermit angedeutet wird, wo das Hauptproblem zu liegen scheint: der verwehrte Einstieg in (das Bildungs- und Beschäftigungssystem der) Gesellschaft bzw. die erfahrene Exklusion im Alltag. Interessant auch der Versuch einer "Operationalisierung des Begriffes der 'Interkulturellen Kompetenz'", die "neue 'Wunderwaffe'" (S. 83) und der "Keyperson-Ansatz", wie er vom Ethnomedizinischen Zentrum in Hannover entwickelt wurde (Schulung von "opinion leader" zu Drogenberatern; vgl. dazu bereits Ebert/ Filzen/ Griese 1973 !).

Fazit

Was mir in diesem Reader, aber auch in der allgemeinen wissenschaftlichen und pädagogischen Diskussion um die Folgen der Einwanderung in Deutschland am meisten fehlt, sind - verkürzt: (Einwanderungs-)Politische Reflexionen und Ideo­logie-Kritik; gesellschaftskritische Analysen nach dem Motto "In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich?" (Pongs 1999, 2000); ein Verweis auf die Bedeutung politischer Bildung (mit Einwanderern, aber vor allem mit Einheimischen bzw. in ethnisch gemischten Gruppen) oder auch eine terminologische Auseinandersetzung mit den Hauptbegriffen "Prävention", "Integration", "Iden­ti­tät", "deutschstämmig", "Kultur" usw. und ein Eingehen auf die klassische Migrationsdebatte in der Soziologie (vgl. Schütz, Simmel oder Park zu den Be­griffen "Heimkehrer", "Randseiter"/ "marginal man" und "Der Fremde").

Literaturhinweise

Deutsche Shell (Hrsg.): - Jugend 2000. 2 Bände. Opladen 2000.

Ebert, Klaus/ Filzen, Gregor/ Griese, Hartmut M.: Jugendarbeit und Drogen­problem. Zu Theorie und Praxis der Drogenprophylaxe. Duisburg 1973.

Griese, Hartmut M. U.a.: Fremdheit und Identität. Zur Lebenswelt und Integrationsproblematik von Spätaussiedlern. Hannover 1983.

Heitmeyer, Wilhelm u.a.: Verlockender Fundamentalismus. Türkische Jugendliche in Deutschland. Frankfurt 1997.

Pongs, Armin (Hrsg.): In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich? 2 Bände. München 1999/ 2000.

Tertilt, Herrmann: Turkish Power Boys. Ethnographie einer Jugendbande. Frankfurt 1996


Rezensent
Prof. Dr. Hartmut M. Griese
Leibniz Universität Hannover, Philosophische Fakultät, Institut für Soziologie und Sozialpsychologie


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Zitiervorschlag
Hartmut M. Griese. Rezension vom 23.03.2004 zu: Marianne Krüger-Potratz (Hrsg.): Kriminal- und Drogenprävention am Beispiel jugendlicher Aussiedler. V&R unipress (Göttingen) 2003. 90 Seiten. ISBN 978-3-89971-111-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1096.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.


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