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Gaby Breitenbach: Innenansichten dissoziierter Welten extremer Gewalt

Cover Gaby Breitenbach: Innenansichten dissoziierter Welten extremer Gewalt. Ware Mensch - die planvolle Spaltung der Persönlichkeit. Erkennen - Verstehen - Behandeln. Asanger Verlag (Kröning) 2011. 255 Seiten. ISBN 978-3-89334-546-5. 25,00 EUR.
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Thema

Formen extremer Gewaltausübung, wie z. B. jahrzehntelange Gefangenschaft in der eigenen Familie und damit einhergehender sexueller Missbrauch, erzeugen in der Öffentlichkeit zunächst Schockreaktionen, aber dann auch bald das Bestreben, sich nicht zu viel mit diesen Parallelwelten extremer Gewalt beschäftigen zu wollen. Würde man sich eingehender damit auseinandersetzen, kämen unweigerlich Fragen z.B. nach den Folgen für die Opfer dieser Taten auf und wie sie mit diesen weiterleben können. Aber auch Fragen nach den Behandlungsmöglichkeiten und den gesellschaftlichen Strukturen, die solche Taten „erlauben“, müssten gestellt werden. Die Opfer benötigen jedoch Menschen, die den Mut haben, sich in diese Welt hineinzubegeben. Genau an diesem Punkt setzt das Buch von Gaby Breitenbach an.

Zielsetzung und Zielgruppen

Das Buch richtet sich zuallererst an TherapeutInnen, deren KlientInnen Opfer extremer Gewalt geworden sind und die unter dissoziativen Störungen leiden. Gaby Breitenbach wendet sich aber auch an Fachleute aus anderen Professionen, die im engeren oder weiteren Sinne mit Opfern extremer Gewalt in Kontakt treten könnten. Die Autorin nennt als möglichen Leserkreis auch selbst Betroffene. Ihr Anliegen ist es, den Leser durch die Einnahme unterschiedlicher Perspektiven, teilhaben zu lassen an den äußeren Vorgängen (die von außen zugefügte geplante Gewalt und die gesellschaftlichen Bedingungen die dies erlauben) und den innerpsychischen Vorgängen der Menschen, denen Gewalt angetan wurde. Darüber hinaus beschreibt sie Therapieansätze für die Behandlung von dissoziativen Störungen und nicht zuletzt die therapeutische Haltung, die im Zusammenhang mit dieser Klientel notwendig ist.

Aufbau und Inhalte

Das Buch umfasst vierzehn Kapitel.

Es eröffnet mit einem Geleitwort von Ellert R.S. Nijenhuis.

Es folgt ein Vorwort der Autorin, eine Kapitelübersicht mit jeweils kurzen Inhaltsbeschreibungen zu den einzelnen Kapiteln und eine Einleitung, die in das Thema einführt. Die Kapitel enthalten Sachinformationen zu Themen wie z.B. der dissoziativen Identitätsstörung oder auch Dissoziationsstrukturen. Der überwiegende Teil der Kapitel beschäftigt sich mit Fallbeispielen oder praktischen Implikationen der beschriebenen Arbeitstheorie für Therapie und Behandlung. Die Sicht- und Vorgehensweise der Täter wird ebenfalls in einigen Kapiteln beschrieben, sowie die Notwendigkeit auf gesellschaftlicher Ebene Veränderungen herbeizuführen. Am Ende des Buches findet sich ein Glossar, in welchem die wichtigsten Fachbegriffe ausführlich erklärt werden.

Das erste Kapitel, Anpassungsleistungen des Alltags, Dissoziation und Programmierung, ist in drei Unterkapitel gegliedert. Im ersten Unterkapitel, zum Geltungsbereich von Erklärungskonzepten Aufmerksamkeit, Erinnerung und Dissoziation, wird beschrieben, warum für die Autorin die false memory Theorie nicht haltbar ist. Sie macht deutlich, dass es für sie nicht möglich ist, sich Traumatisierungen einreden zu lassen. Dissoziation ist für sie ein im Menschen angelegtes „Notfallprogramm“, welches zum Tragen kommt, wenn wir uns Erfahrungen gegenüber sehen, die „unsere Angstgrenzen sprengen“ (Breitenbach, S.34, 2011). Der Titel des zweiten Unterkapitels, ein Arbeitsmodell, weist bereits auf den Inhalt hin. Es wird hier ein einfaches, für die therapeutische Arbeit nützliches Arbeitsmodell vorgestellt, in welchem zunächst verschiedene Traumatypen beschrieben werden und in einem zweiten Schritt wie sich die Bewältigungsmöglichkeiten mit zunehmender Schwere des Traumas in Richtung Dissoziation bewegen. Im Unterkapitel, Dissoziationsstrukturen mit zunehmender Fragmentierung, werden in sieben Schritten und unter zu Hilfenahme des BASK-Modells von Bennet Braun, die verschiedenen Ausprägungsgrade von Dissoziation und deren Auswirkungen auf die Identität des Opfers erläutert.

Das zweite Kapitel, das Arbeitsmodell in Fallbeispielen, setzt direkt am vorangegangenen Kapitel an und erläutert die sieben Ausprägungsgrade der Dissoziation bis hin zur inversen Programmierung anschaulich an Fallbeispielen aus der therapeutischen Arbeit der Autorin.

Im dritten Kapitel, den praktischen Folgerungen für die Psychotherapie, werden die Fallvignetten erneut aufgegriffen und unter dem Aspekt einer möglichen Herangehensweise in der Therapie betrachtet. An dieser Stelle wird die Wichtigkeit der therapeutischen Beziehung ebenso betont, wie die Notwendigkeit die „therapeutische“ Erfolgserwartung zu relativieren. Ebenfalls hingewiesen wird auf die notwendige hohe persönliche Kompetenz von Therapeuten, welche mit dieser Klientel arbeiten.

Das vierte Kapitel gibt aus therapeutischer Sicht einen Einblick, wie sich Unterscheidungen in der Innen -und Außenwelt als Folge von Erfahrungen entwickeln.

Das fünfte Kapitel, Innenansichten einer sadistischen Welt, beschreibt die Sichtweise der Täter. Es geht in diesem Kapitel v.a. darum, deren Weltsicht und Menschenbild, dass nicht selten aus Sicht der Autorin rechtes Gedankengut enthält, aufzuzeigen. Das Kapitel beschreibt aber auch eindrücklich, welche Gewalt aus den aufgezeigten Gedankengängen resultiert.

An dieses Kapitel schließen sich im sechsten Kapitel direkt die Innenansichten einer Überlebenden, an. Anhand einer Geschichte – geschrieben von einer Klientin – wird versucht, die Perspektive der Opfer verständlich zu machen.

Das siebte Kapitel, über dissoziierte Welten, nimmt sich ganz speziell der Angehörigen von Opfern an. Es werden praktikable Hinweise für den Umgang mit Angehörigen insbesondere im Hinblick auf Aufklärung gegeben.

Das umfangreiche Kapitel acht, Therapie zur Ermöglichung heilsamer und heilender Bindungen, erklärt u.a. erneut anhand der sieben Ausprägungsgrade von Dissoziation, verschiedene therapeutische Interventionsmöglichkeiten. Es erfolgt der Hinweis, dass mit zunehmender Ausprägung einer dissoziativen Identitätsstörung der Prozess der Therapie langwieriger und die therapeutische Beziehung komplexer wird, bzw. die Anforderungen an die TherapeutIn ebenfalls wächst.

Das neunte Kapitel, Wahrheit, Lüge, Täuschung, Erfindung?, erläutert, wie der Unterschied zwischen tatsächlichen Symptomen von Dissoziation und erfundenen Erlebnissen über die Darstellungsweise des Berichtenden unterschieden werden kann.

Es folgt das zehnte Kapitel, welches sich in einem kurzen Abriss mit Dissoziation, Imagination und Phantasie beschäftigt.

In Kapitel elf, Macht und Ohnmacht, wird ausführlich und für jeden nachvollziehbar dargestellt, in welcher Weise gesellschaftliche Strukturen dazu beitragen, die Täter in ihrem Tun zu begünstigen bzw. deren „Einfluss“ aufrecht erhalten bleibt und damit die Opfer auf der anderen Seite in ihrer Ohnmachtsstellung „festgehalten“ werden.

Im zwölften Kapitel, die Sprache der Gewalt, erfolgt ein indirekter Rückgriff auf die Tätersicht. Es gibt einen Einblick, inwieweit Täter Sprache zusätzlich zu tatsächlichen Gewalthandlungen einsetzen, um sich ihre Opfer gefügig zu machen.

Das dreizehnte Kapitel, Unterschiede die Unterschiede machen, bietet einen kurzen Überblick über die wichtigsten genannten Bezugspunkte des Buches.

Das Buch schließt mit dem Ausblick – Es fehlt noch so vieles (Kapitel 14) und einer Danksagung.

Diskussion

Das Buch bietet einen kurzen theoretischen Überblick über die Thematik der dissoziativen Identitätsstörung. Es überwiegt die therapeutische Beschreibung von Symptomen, Herangehensweisen und notwendigen Haltungen in der Therapie und natürlich den eindrücklichen Beschreibungen des Opfererlebens. Es bietet ein umfangreiches Arbeits- und Verstehensmodell für tatsächlich therapeutisch Tätige in diesem Bereich, aber durch den hohen Praxisbezug auch für Professionelle aus anderen Berufsgruppen.

Fazit

Gaby Breitenbachs Buch lebt von der sehr ehrlichen und damit auch glaubwürdigen Beschreibungen aus der eigenen therapeutischen Praxis. Wer einen realistischen Einblick in die Arbeit mit Opfern extremer Gewalterfahrungen bekommen möchte, sollte auf dieses Buch nicht verzichten. Das Buch enthält die eindeutige, aber durchaus nützliche Warnung, dass die Arbeit mit diesem Personenkreis auch „Nebenwirkungen“ für die TherapeutInnen mit sich bringt. Es wird deutlich und nachvollziehbar herausgearbeitet, dass sich auf diese Klientel nur sehr erfahrene TherapeutInnen einlassen sollten/dürften. Ist dies der Fall, so zeigt Gaby Breitenbachs Arbeit – vermittelt in dem vorliegenden Buch -, dass auch mit diesem Personenkreis Therapie möglich ist und zu Erfolgen führen kann.


Rezensentin
Dipl. Soz.-Päd. Melanie Hohlbach
M.A.
Mitarbeiterin im therapeutischen Team der Abteilung für Suchtforensik und Soziotherapie in der Klinik für Forensische Psychiatrie am Bezirkskrankenhaus Bayreuth


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Zitiervorschlag
Melanie Hohlbach. Rezension vom 24.06.2011 zu: Gaby Breitenbach: Innenansichten dissoziierter Welten extremer Gewalt. Ware Mensch - die planvolle Spaltung der Persönlichkeit. Erkennen - Verstehen - Behandeln. Asanger Verlag (Kröning) 2011. ISBN 978-3-89334-546-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/10965.php, Datum des Zugriffs 27.07.2016.


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