Rolf Rosenbrock, Doris Schaeffer (Hrsg.): Die Normalisierung von Aids
Rolf Rosenbrock, Doris Schaeffer (Hrsg.): Die Normalisierung von Aids. Politik - Prävention - Krankenversorgung. edition sigma (Berlin) 2003. 284 Seiten. ISBN 978-3-89404-687-3. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 34,90 sFr.
Ergebnisse sozialwissenschaftlicher Aids-Forschung, Band. 23. Unter Mitarbeit von Robert Kohler.
Einführung in das Thema
"Die Normalisierung von Aids: Erinnerungen für die Zukunft", mit diesen Worten leiten die Herausgeber das vorliegende Werk ein. Im Umgang mit Aids wurde viel gesundheitspolitische Innovation nötig und möglich. Die Herausgeber erwähnen die öffentliche Form der Strategiefindung, die neuartige Koalition und Kooperation beteiligter Gruppen, die Problematisierung des HIV-Antikörper-Tests als Beispiel für eine Auseinandersetzung mit Chancen und Gefahren der Medikalisierung und ganz allgemein den grossen Einfluss von Aids auf benachbarte Politikfelder. In Europa schreitet der Normalisierungsprozesses von Aids voran. Die Normalisierung bringt auch die Gefahr mit sich, dass viel Innovation auf der Strecke bleibt.
Inhalt
Mit dem Buch wollen die Herausgeber die Entstehungsbedingungen und Ausformungen einzelner Innovationen analysieren und darstellen. Beleuchtet werden
- politische Aspekte der Aids-Prävention (S. 71-126),
- der Streit um den HIV-Antikörper-Text (S. 127)
- und die Frage der medizinischen Versorgung zwischen Innovation und Versorgung (S. 157-244).
Die einzelnen Texte dieser Kapitel stammen mehrheitlich von Rolf Rosenbrock oder Doris Schaeffer und sind zwischen 1993 und 1997 geschrieben worden. Die Beiträge haben deshalb auch, aber nicht nur, historischen Wert. Beispielsweise wird im Text "Grundriss wirksamer Aids-Prävention" von Rolf Rosenbrock aus dem Jahre 1993 als eines der drei zentralen Ziele der Aidspolitik die "bedürfnisgerechte Krankenversorgung und die Ermöglichung eines würdigen Sterbens" genannt. Heute, unter dem Eindruck der bei vielen Menschen mit HIV/Aids wirksamen antiretroviralen Kombinationstherapien, stehen für Menschen mit HIV/Aids andere Fragen wie die berufliche Integration oder Reintegration oder ganz allgemein das Leben mit HIV/Aids als chronische Krankheit im Vordergrund. Nichts geändert hat sich aber am grundsätzlich sinnvollen Postulat der Ermöglichung eines würdigen Sterbens, für Menschen mit oder ohne HIV/Aids. Erinnerungen für die Zukunft bedeuten hier, die Innovationen, die im Zusammenhang mit HIV/Aids für ein würdiges Sterben getätigt worden sind (Aufbau und Betrieb von Lighthäusern, Entwicklung der Palliativpflege u.ä.) für und in der Zukunft zu erhalten.
Als Politzyklus am Beispiel einer Infektionskrankheit beschreiben verschiedene Autoren/innen die Normalisierung von Aids in Westeuropa (S. 11-70). Der Prozess vom "exceptionalism" zur Normalisierung wird modellhaft in vier Phasen eingeteilt. In der Phase 1 (ca. 1981 -1986) wird die Entstehung des "exceptionalism" dahingehend beschrieben, dass unter dem Druck der drohenden Gefahren hohe politische Handlungs- und finanzielle Ausgabebereitschaft ausgelöst wurde und entsprechend viel Innovation auf zahlreichen Gebieten möglich war. Phase 2 (ca. 1986-1991) zeichnete sich durch die Praxis und Konsolidierung des "exceptionalism" aus. HIV/Aids hielt in dieser Zeitspanne den Sonderstatus, was in der Phase 3(1991-1996) nicht mehr voll zutraf. Erste Therapieerfolge deuteten auf eine Richtung hin zur Chronifizierung von Aids hin. In der Phase 4 (seit ca. 1996) verlängern die erfolgreichen antiretroviralen Therapien die Überlebenszeit von Menschen mit HIV/Aids dramatisch. Die Innovation der vorangehenden Phase wurden teils in die herkömmliche Verwaltung, Prävention und Krankenversorgung integriert und teils blieben sie, auch im Lichte der Kostendämpfungsoperationen und der Durchsetzung von marktliberalen Konzepten im Gesundheitswesen, auf der Strecke.
Wie die Geschichte der Normalisierung weitergeht, ist offen. Angesichts der heute zu beobachtenden "Entdeckung" oder "Wiederentdeckung" der Eigenverantwortung auf dem Hintergrund der tatsächlichen oder teils auch konstruierten Finanzierungsprobleme sozialstaatlicher Massnahmen und Sozialversicherungen ist eigentlich zu erwarten, dass die Eigenverantwortung auch im Kontext der HIV-Übertragung ein Thema werden wird. Ein Thema für Leistungsverweigerungen oder Leistungskürzungen für Menschen, die "neuen" Dogma der Eigenverantwortung nicht nachgelebt haben und sich mit dem HIV-Virus infiziert haben. Offen ist auch, ob diese Entwicklung wiederum den Ruf nach Repression für die "Täter" mit sich bringen könnte. Spätestens dann ist es Zeit, sich den "Erinnerungen für die Zukunft" wieder bewusst zu werden.
Fazit
Sowohl für die Schärfung unseres Geschichtsbewusstseins wie auch für die Sensibilität im Umgang mit den Fragen zu HIV/Aids von Morgen bildet das Buch von Doris Schaeffer und Rolf Rosenbrock einen wichtigen Beitrag.
Rezensent
Prof. Dr. Kurt Pärli
Forschungsleiter Institut für Wirtschaftsrecht
Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften ZHAW, School of Management and Law
Homepage www.iwr.zhaw.ch
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Zitiervorschlag
Kurt Pärli. Rezension vom 08.06.2004 zu: Rolf Rosenbrock, Doris Schaeffer (Hrsg.): Die Normalisierung von Aids. edition sigma (Berlin) 2003. 284 Seiten. ISBN 978-3-89404-687-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1099.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.
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