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Marianne Krüger-Potratz, Werner Schiffauer (Hrsg.): Migrationsreport 2010

Cover Marianne Krüger-Potratz, Werner Schiffauer (Hrsg.): Migrationsreport 2010. Fakten - Analysen - Perspektiven. Campus Verlag (Frankfurt) 2010. 360 Seiten. ISBN 978-3-593-39270-7. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 41,90 sFr.

Reihe: Migrationsreport.
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Herausgeberin und Herausgeber

Marianne Krüger-Potratz ist emeritierte Professorin für Interkulturelle Pädagogik und Leiterin des Zentrums für Europäische Bildung in Trägerschaft der Universitäten Münster und Zagreb. Werner Schiffauer ist Professor für Vergleichende Kultur- und Sozialanthropologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).

Entstehungshintergrund

In seinem Vorwort berichtet Klaus J. Bade über die Reihe Migrationsreport, von der dieser Band der letzte ist. Diese Reihe wurde im Jahr 2000 von Klaus J. Bade und Rainer Münz konzipiert und begründet, der Migrationsreport erschien daraufhin alle zwei Jahre, herausgegeben von Vorstandsmitgliedern des Rates für Migration. Der 2008/09 eingerichtete Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) gibt seit 2010 Jahresberichte und weitere Publikationen heraus, die an die Stelle des Migrationsreports treten.

Aufbau

Das Buch enthält nach dem erwähnten Vorwort eine ausführliche Einleitung von Werner Schiffauer, in der alle Beiträge mit ihren wesentlichen Inhalten gewürdigt werden. Es folgen fünf Aufsätze verschiedener Autoren/-innen. Eine Chronologie der Migration und Integration in Deutschland in zwei Teilen (Mai 2008-2009 und Mai 2009-2010) vervollständigt den Band.

Inhalte

Bevor Schiffauer auf die einzelnen Beiträge des Buches eingeht, setzt er selbst einen Akzent durch zusammenfassende Thesen. Die Beiträge brächten zum Ausdruck, dass es allmählich eine Logik der Islampolitik gebe, die von einer islamskeptischen bis islamophoben Grundeinstellung geprägt sei. Die Politik versuche den Ängsten Rechnung zu tragen und gerät damit in eine Spannung zwischen Sicherheitspolitik und Integrationspolitik. Während aber Integrationspolitik über Partizipation und Vertrauensvorschuss funktioniere, bestehe die Sicherheitspolitik aus Misstrauen, Kontrolle und Sanktionierung. Als dritten Faktor, der die Islampolitik bestimmt, benennt der Autor die Verschiebung im Verständnis eines freiheitlichen Rechtsstaats und stellt eine Politik der Einhegung fest, wobei Strategien des Förderns von Strategien der Ausgrenzung begleitet werden.

Nach der Einleitung befasst sich Jörg Hüttermann mit den Konflikten um den Moscheebau. Sein Artikel „Moscheekonflikte im Figurationsprozess der Einwanderungsgesellschaft: eine soziologische Analyse“ zeichnet vier idealtypische Sequenzen des Wechsels in den Machtverhältnissen und Einstellungen gegenüber den Moscheebauten nach. Dabei ist es ihm wichtig, dass es sich um Rangordnungs- und nicht um Kulturkonflikte handelt, dies weist er anhand der historischen Ereignisse mit seinen konfliktsoziologischen Analysekategorien nach.

Levent Teczans Beitrag „Der säkulare Muslim: Zur Generierung einer Kategorie im Kontext der Deutschen Islam Konferenz“ beschreibt, wie die Kategorie des säkularen Muslim, der also keinem muslimischen Verband angehört, gerne genutzt wird, um den integrierten Typus von Muslimen bzw. Musliminnen zu beschreiben. Zwar werde damit der Heterogenität von Muslimen Rechnung getragen, jedoch würden die Angehörigen dieser Religion wiederum kulturalisiert dargestellt. Der Autor wünscht sich stattdessen, dass nicht die Religion immer im Vordergrund der Beschreibung von Interessen und Meinungen dieser Minderheit steht, die kein homogenes Ganzes ist.

Schirin Amir-Moazami beschreibt in ihrem Beitrag „Fallstricke des konsensorientierten Dialogs unter liberal-säkularen Bedingungen: Entwicklungen in der Deutschen Islam Konferenz“, dass der Anspruch der Deutschen Islam Konferenz (DIK), die Konflikte zwischen Muslimen und den Vertretern der deutschen Verfassung konsensuell zu bearbeiten, zum Ausschluss bzw. Rückzug zweier muslimischer Organisationen führte und insgesamt scheiterte. Den Grund sieht sie darin, dass die Konferenz auf normativen Vorannahmen beruhte, die andere Vorstellungen als die liberal-säkulare Kultur Deutschlands von vorneherein ausschloss. Die Autorin zieht die Thesen von Habermas als Stützung dieses Vorwurfs heran, die sie aber gleichzeitig in Frage stellt, weil auch Habermas das Primat der liberal-säkularen Gesellschaft postuliere, in der religiöse Gemeinschaften Übersetzungsarbeit leisten müssten, damit ihre religiösen Inhalte den liberal-säkularen Vorstellungen entsprechen. Laut Amir-Moazami wurde den Muslimen in der Islam-Konferenz mehr abgefordert als ein Bekenntnis zur Verfassung. Sie sollten vielmehr die dahinter stehenden Werte – ohne dass diese mit ihnen verhandelt worden wären – akzeptieren. Als Beispiel dafür nennt sie die Auseinandersetzung zur Geschlechtergleichheit, insbesondere im Hinblick auf den koedukativen Schwimmunterricht. Das Vorgehen der DIK bezeichnet die Autorin als „exkludierende“ Dialogpraxis, die eine Kohäsion der verschiedenen muslimischen Verbände verunmöglichte.

Der Beitrag von Michael Kiefer „Der lange Weg zum islamischen Religionsunterricht“ zieht eine positive Bilanz der neuesten Bemühungen des Bundes und der Länder zur Implementierung neuer Fächer an Hochschulen zur Ausbildung der Imame und von Lehrkräften an Schulen.

„Die Bekämpfung des legalistischen Islamismus“ von Werner Schiffauer ist eine akribische Recherche zu Akteuren und Strategien bei versuchten Kriminalisierungen der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) oder der Islamischen Gemeinschaft Deutschland (IGD). Der Autor weist nach, wie durch maßlose – im späteren Verlauf durch Gerichtsurteile in sich zusammenfallende – Vorwürfe, durch die schleppende Arbeit der Gerichte und Finanzbehörden und nicht zuletzt durch die Übernahme der Vorverurteilungen seitens der Medien ein Klima des Verdachts geschaffen wurde, das den Integrationsbemühungen der reformwilligen Vertreter der genannten Organisationen diametral zuwiderwirkte. In diesem Zusammenhang spielt auch das Verhältnis Deutschlands zu Israel eine Rolle. Selbst humanitäre Aktionen im Gaza-Streifen dürfen demnach nicht unterstützt werden, weil die Hamas daran beteiligt wäre.

Die zweiteilige Dokumentation zur Chronologie der Ereignisse und Debatten im Hinblick auf Migration und Integration in Deutschland beschließt den Band.

Diskussion

Das Buch analysiert die Quellen für verbreitete Vorurteile und staatlich inszenierte Ausschlussrituale gegenüber der muslimischen Bevölkerung auf hohem intellektuellem Niveau. Gerade auch angesichts der rechtsextremistisch motivierten Mordwelle ist es daher eine wichtige Korrektur der Vorstellungen von einer effektiven Integrationspolitik. Die Diskursstrukturen, die zunächst die Distanz, dann die Ablehnung, schließlich die partielle Öffnung gegenüber den muslimischen Fremden bewirken, werden beeindruckend dargestellt. Allerdings werden einige Probleme nicht behandelt, wie z.B. der Einfluss des politischen Islam aus dem Iran und der Türkei oder die Konflikte muslimischer Frauen mit dem Islam. So werden die Positionen der aus der Türkei stammenden Juristin Seyran Ates zwar ausführlich dargestellt. Die Todesdrohungen, die sie wegen ihrer Kritik an der islamischen Sexualmoral erhielt und deretwegen sie ihre Anwaltslizenz zurückgab, werden jedoch verschwiegen. Auch von der Bedrohung muslimischer Mädchen durch Zwangsheiraten ist nicht die Rede. Die „Aufgeregtheit der säkularen Frauen“ (Tezcan, S. 100) und dass es „lediglich die Muslime (sind), die zur Geschlechtergerechtigkeit befragt und zum offensiven Handeln aufgerufen werden“ (Amir-Moazami, S. 122) werden hingegen kritisch betrachtet.

Fazit

Das Buch bringt wichtige Einsichten in die Geschichte des Zusammenlebens der muslimischen Einwanderer und der deutschen „Platzhalter“ (um einen Ausdruck von Jörg Hüttermann zu benutzen) und ist damit eine gute Quelle zum Verständnis der derzeitigen Integrationspolitik. Allerdings bleiben islamkritische Einstellungen von Teilen der deutschen Bevölkerung, die sich in der Politik niederschlugen, unverständlich, weil Konflikte mit dem Islam, mit denen vor allem muslimische Frauen und Angehörige pädagogischer Berufe außerhalb des Wissenschaftsbetriebs konfrontiert sind, nicht thematisiert werden.


Rezensentin
Prof. Dr. Hilde von Balluseck
Sozialwissenschaftlerin, emeritierte Hochschullehrerin an der Alice Salomon Hochschule Berlin mit den Arbeitsschwerpunkten Sozialisation, Geschlecht und Sexualität, Migration, Frühpädagogik, etablierte 2004 den ersten Studiengang für ErzieherInnen in Deutschland und war von 2008 bis Ende 2015 Chefredakteurin des Internetportals ErzieherIn.de
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Zitiervorschlag
Hilde von Balluseck. Rezension vom 28.12.2011 zu: Marianne Krüger-Potratz, Werner Schiffauer (Hrsg.): Migrationsreport 2010. Fakten - Analysen - Perspektiven. Campus Verlag (Frankfurt) 2010. ISBN 978-3-593-39270-7. Reihe: Migrationsreport. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11057.php, Datum des Zugriffs 29.07.2016.


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