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Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit, DGSA, Sektion Gemeinwesenarbeit (Hrsg.): Gemeinwesenarbeit Deutschland Schweiz Österreich

Cover Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit, DGSA, Sektion Gemeinwesenarbeit (Hrsg.): Gemeinwesenarbeit Deutschland Schweiz Österreich. FEL Verlag Forschung Entwicklung Lehre (Freiburg) 2010. ISBN 978-3-906490-40-3. 17,00 EUR.

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Entstehungshintergrund und Thema

Das ist der erste Film, der eine Einführung in die Gemeinwesenarbeit gibt. Gemeinwesenarbeit erfährt mal wieder eine Renaissance, zum Teil unter anderen Begriffen: Quartiermanagement, Sozialraumorientierung. Umso notwendiger ist es, sich zu verständigen, was denn GWA ist. Das ist auch das Anliegen der Sektion Gemeinwesenarbeit der Deutschen Gesellschaft für Sozialarbeit, in der Frauen und Männer aus Deutschland, der deutschsprachigen Schweiz und Österreich, PraktikerInnen und DozentInnen der GWA, zusammenarbeiten. Ein erstes Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist die gemeinsame Erarbeitung des Filmes, der – nach eigener Aussage – „mit beispielhaften Geschichten und Positionsbestimmungen Studierende und Lehrende, WissenschaftlerInnen und PraktikerInnen, politisch Verantwortliche und Bürgerinnengruppen in das Gespräch bringen soll über die Möglichkeiten, die sich mit der Gemeinwesenarbeit bieten“.

Inhalt

Der Film geht historisch vor. Die Wurzeln der Gemeinwesenarbeit sind in der Settlementbewegung zu suchen. So hat Jane Addams in Chicago 1889 Hull House gegründet, um von da aus die Not der Migranten zu bekämpfen. Aber die Frauen von Hull House privatisierten Notlagen nicht, obwohl sie an ihnen anknüpften, sondern sahen sie in ihren gesellschaftlichen Zusammenhängen. Dann macht der Film einen zeitlichen Sprung in die 1930er Jahre. Saul Alinsky geht es in seinem Konzept von Community Organizing um die Macht der Vielen, die gemeinsam etwas verändern können. Es wird gezeigt, wie Bürger und Bürgerinnen sich zu lebendigen Organisationen zusammenschließen, um konkrete Lebenssituationen zu verändern. Heute wird dieses Konzept auch in Deutschland angewandt. Hamburg-Wilhelmsburg wird als Beispiel gezeigt. Mit überraschenden Aktionen werden die Verantwortlichen von Politik und Verwaltung mit den Forderungen der Bewohnerinnen und Bewohnern konfrontiert. Sie haben den Entscheidern einen Beteiligungsprozess aufgezwungen.

In Deutschland hat Gemeinwesenarbeit zuerst in den 1960er Jahren in den Obdachlosensiedlungen Fuß gefasst. Als Beispiel werden Ausschnitte aus einem Film über die Siedlung Eulenkopf in Gießen gezeigt. Kern der Gemeinwesenarbeit ist ein verändertes Menschenbild. Sozial benachteiligte Gruppen werden nicht mehr als Objekte fürsorglichen Handelns angesehen, sondern erkannt als Subjekte, die ihre Lage durch eigenes Handeln verändern. Das geschieht nicht auf der individuellen Ebene, sondern durch gemeinsame solidarische Aktionen, unterstützt von der Gemeinwesenarbeit.

Danach kam die GWA auch in die Neubaugebiete. „Die GWA hilft den Menschen in Neubauquartieren sich zu orientieren, unterstützt sie beim Aufbau von neuen Netzwerken wie Nachbarschaftshilfe, sie übernimmt aber auch ihre Anliegen und versucht sie in die weitere Entwicklung der Quartiere einzubringen“ erklärt der Züricher Gemeinwesenarbeiter Uli Troexler. Hierzu werden Beispiele aus Freiburg, Zürich und Wien gezeigt, die die vielfältigen Facetten von GWA deutlich machen, von der kulturellen Arbeit bis hin zum Kampf um Wohnraum.

Was machen nun Gemeinwesenarbeiterinnen konkret? Der Film zeigt die Vielfalt gemeinwesenarbeiterischen Handelns. Ein Gemüse- und Blumenbeet mitten in Wien gibt Anlass zu mancherlei Gesprächen, phantasievolle Kulturveranstaltungen motivieren zum Mitmachen. In Freiburg wurde mit Formen der direkten, verfassten Demokratie wie Bürgerbegehren und Bürgerentscheid der Verkauf städtischen Wohnungseigentums verhindert. So gibt es viele Möglichkeiten der GWA, sich einzumischen. Edi Martin aus Zürich erklärt, was Gemeinwesenarbeit tut: „Gemeinwesenarbeit unterstützt Menschen in ihren Bestrebungen ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Projekte zur Lösung, Linderung und Verhinderung sozialer Probleme finden unter aktiver Mitwirkung der Bevölkerung und den gezielten Einbezug von Gruppen und Organisationen statt und beachten insbesondere auch sozial benachteiligte Gruppen“.

Ein neuer Strang der Entwicklung liegt in der Lokalen Ökonomie, dem Wirtschaften vor Ort. In Basel wurden Genossenschaften und Unternehmungen mithilfe von Kleinkrediten gegründet, eine regionale Alternativwährung gibt es nicht nur dort, in vielen Städten wurden Tauschringe gegründet, nicht selten mithilfe von GWA. Es gibt weltweit viele erfolgreiche und stabile regionale Wirtschaftsnetzwerke, die von Gemeinwesenarbeitern entwickelt wurden und werden.

Allerdings gibt es auch Gegenwind. Von Seiten der Politik und der Verwaltung wird oft versucht, GWA zu instrumentalisieren. Deshalb ist ein eindeutiges sozialpolitisches Verständnis der GWA notwendig, um ihre fachlichen Positionen gegenüber allen Versuchen der Vereinnahmung zu behaupten. Hier liegt auch der Grundkonflikt der Gemeinwesenarbeiterinnen, zwischen Auftraggebern, denen ökonomische Effizienz im Vordergrund steht, und den Bedürfnissen der Menschen handeln zu müssen.

Zusammenfassend wird am Ende des Filmes gesagt: „Gemeinwesenarbeit folgt Traditionslinien, die über 100 Jahre zurückreichen und verknüpft dieses Wissen und diese Erfahrungen mit neuen Theorien. Gemeinwesenarbeit kombiniert diese Theorien mit einem vielfältigen und kreativen Methodenspektrum und setzt im Alltag der Menschen Aktionen, Aktivitäten und Prozesse um, die deren Lebensbedingungen verbessern und eine demokratische Kultur fördern“.

Fazit

Der Film ist in seiner Anschaulichkeit sehr geeignet für Studenten der Sozialarbeit als Einführung in die Gemeinwesenarbeit aber auch für interessierte Bürgergruppen oder Kommunen, die mit GWA in ihrem Bereich arbeiten wollen. Er gibt ein anschauliches Bild gemeinwesenarbeiterischer Aktivitäten.

Durch den häufigen Wechsel von veranschaulichenden Filmausschnitten, erklärenden Erläuterungen und Statements der beteiligten Hochschullehrer und Praktiker der GWA aus Deutschland, der Schweiz und Österreich wird ein Spannungsbogen über die ganze Dauer des Filmes (35 Minuten) aufrecht erhalten.

Aber dadurch wirkt der Film nicht sehr systematisch, sondern sehr zufällig, was die Auswahl der historischen Beispiele betrifft, aber auch, was die theoretischen Postionen betrifft, die dem Verständnis des/der jeweils Sprechenden folgen. Damit wird keine einheitliche theoretische Linie verfolgt. Die aktuellen Entwicklungen und Diskussionen beispielsweise um Sozialraumorientierung oder Quartiermanagement bleiben unerwähnt.


Rezensent
Prof. Dieter Oelschlägel
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Zitiervorschlag
Dieter Oelschlägel. Rezension vom 24.10.2011 zu: Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit, DGSA, Sektion Gemeinwesenarbeit (Hrsg.): Gemeinwesenarbeit Deutschland Schweiz Österreich. FEL Verlag Forschung Entwicklung Lehre (Freiburg) 2010. ISBN 978-3-906490-40-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11060.php, Datum des Zugriffs 23.02.2012.


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