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Chris Paul (Hrsg.): Neue Wege in der Trauer- und Sterbebegleitung

Cover Chris Paul (Hrsg.): Neue Wege in der Trauer- und Sterbebegleitung. Hintergründe und Erfahrungsberichte für die Praxis. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2010. Vollständig überarbeitete und ergänzte Neu- Auflage. 240 Seiten. ISBN 978-3-579-06835-0. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 34,90 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Der Band ist die überarbeitete und ergänzte Ausgabe der ersten Auflage aus dem Jahre 2001 (ebenfalls im Gütersloher Verlagshaus), in dem nun insgesamt 21 Beiträge zur Trauer- und Sterbebegleitung unter dem gleichnamigen Titel versammelt sind. Lange Zeit galten die Autorinnen und Autoren dieses Sammelbandes vor allem in englischsprachigen Raum und verspätet auch im deutschsprachigen als maßgebend und richtungsweisend in der Konkretisierung und Weiterentwicklung zahlreicher Theorien zum Sterbe- und Trauerprozess. Unter den Veröffentlichungen, bei denen es sich vor allem um Forschungsergebnisse und Erfahrungsberichte aus der Praxis handelt, sind renommierte Autorinnen und Autoren wie Elisabeth Kübler-Ross, John Bowlby oder J. William Worden zu finden, um hier nur einige, aus heutiger Sicht zu Klassikern avancierten Vordenkern, zu nennen. Die Liste lässt sich auf diesem hohem Niveau weiterführen und umfasst in der aktuellen Ausgabe Autorinnen und Autoren, die in den letzten zehn Jahren mit einzelnen Werken einen wichtigen Beitrag zur Fachdiskussion liefern konnten. Die ursprüngliche Idee der Herausgeberin, dem Themenkomplex Sterben, Tod und Trauer in einer Vielzahl von Betrachtungsweisen und Annäherungsversuchen in einem Sammelband vereint Raum zu geben, lässt sie nun rückblickend eine erste Bilanz ziehen: Was hat sich seit dem Erscheinen der Originalpublikation verändert, was ist weiterhin aktuell und wird als wegweisend erachtet? Solche und ähnliche Fragen werden im Vorwort der aktuellen Ausgabe von Chris Paul gestellt und nicht zu Unrecht wird die Entwicklung im deutschsprachigen Raum bei allen positiven Konnotationen der letzten Jahre als maßgebend beeinflusst, um nicht zu sagen: abhängig vom englischsprachigen Raum skizziert. Mit Blick auf das Forschungsgebiet scheint es tatsächlich eine gewisse Skepsis zu geben, die eine Abschottung wissenschaftlicher Forschungsvorhaben bewirkt. So sehr die Todesthematik in der populärwissenschaftlichen Literatur Hochkonjunktur hat, insbesondere die Begleitung von Sterbenden und Trauernden, umso weniger findet man wissenschaftliche Arbeiten auf dem Gebiet der Trauer- und Sterbeforschung, die auf eigenen Erkenntnissen und Theorien fußen. Nach einigen Veröffentlichungen auch im deutschsprachigen Raum, so die Herausgeberin, ist der Wissenstransfer zwischen beiden Sprachräumen wieder zum Erliegen gekommen und damit eine wichtige Form der internationalen Zusammenarbeit. Ein Problem, das zurzeit ungelöst scheint.

Herausgeberin

Chris Paul, geboren 1962, absolvierte das Studium der evangelischen Theologie und Sozialer Verhaltenswissenschaften. Seit Anfang der 1990er Jahre führt sie Gruppen und bietet Seminare für Trauernde in eigener Praxis an, bildet darüber hinaus regelmäßig ehrenamtliche Leiterinnen und Leiter aus. Seit 2002 führt Chris Paul das TrauerInstitut Deutschland mit Sitz in Bonn und ist als Referentin im internationalen Raum für verschiedenste Institutionen unterwegs.

Aufbau und Inhalt

Wie in Fällen solcher Sammelbände üblich, wurden die Originalbeiträge im Gros unverändert übernommen, gegebenenfalls durch Nachträge neuerer Literatur erweitert sowie Verbesserungen von Fehlern vorgenommen. Der Band enthält im Vergleich zur ersten Auflage sechs neue Beiträge und Ergänzungen der Herausgeberin, die einzelnen nun vier Grundkapitel, in welche die Beiträge zusammengefasst sind, wurden teils neu benannt und strukturiert, so dass sich das Thema des Werkes in stringenter und gut nachvollziehbarer Reihenfolge durch den Buchband zieht.

Dementsprechend steht der erste Teil „Sterbe- und Trauerprozesse verstehen“ programmatisch am Beginn des Bandes. Neben den klassischen Trauerschriften von Elisabeth Kübler-Ross, John Bowlby und J. William Worden finden sich hier drei weitere Aufsätze bekannter Autorinnen und Autoren, im Einzelnen Margaret Stroebe, Henk Schut, Kenneth J. Doka, Dennis Klass, Phyllis R. Silverman und Steven L. Nickmann. Der Themenkomplex gibt einen Überblick über die Geschichte und Positionen genannter Autorinnen und Autoren in der Entwicklung der Trauer- und Sterbebegleitung der letzten Jahrzehnte. Insbesondere stehen hier die Erfahrungen im Mittelpunkt, die in der Praxis der Begleitung von Trauerenden und Sterbenden gesammelt und der Entwicklung einer Theorie zweckdienlich waren. Vorgestellt werden die verschiedenen theoretischen Modelle und die Hintergründe ihrer Entstehung, wie zum Beispiel die legendär gewordenen Arbeiten von Kübler-Ross, ihrem Buch „On Death and Dying“ (1969) entnommen, und ihrem wachrüttelnden Aufruf, die Patienten zu Wort kommen zu lassen, um mehr über Sterbende, ihre Ängste und Bedürfnisse zu erfahren. Zu den Aufsätzen, die neu in diesem Band sind, zählt auch „Kultur und Trauer“ (1998) von Margaret Stroebe und Henk Schut. In dieser Abschrift legen die Autoren nahe, dass es je nach Kultur unterschiedliche Wege gibt, auf einen Verlust zu reagieren und stellen darauf fußend ein Modell vor, das diese kulturelle Komponente stärker in den Mittelpunkt rückt. Aufrüttelnd auch die durch Kenneth J. Dokas geprägten Begriff „disenfranchised grief“ (zu Deutsch: „aberkannte Trauer“) initiierten Signale, die aufzeigen, dass Trauer, die nicht gelebt werden darf bzw. nicht öffentlich legitimiert ist, eben genau das Risiko in sich birgt, verstärkt zu werden. Der Aspekt der aberkannten Trauer und die Betonung der fortdauernden Beziehungen, wie in dem Beitrag von Dennis Klass Phyllis R. Silverman und Steven L. Nickmann skizziert, verleihen der Trauer einen erweiterten Platz auch im sozio-kulturellen Kontext.

Im zweiten Teil des Buches legt Chris Paul nahe, „Angemessene Rahmenbedingung zu schaffen“. Dieser Abschnitt des Buches, vormals „Erreichtes überprüfen und ausbauen“, wurde durch Beiträge von der Herausgeberin selbst bzw. den Autoren Kathrin Boerner und Richard Schulz erweitert. Hier rückt die Begleitung Trauernder und Sterbender selbst in den Mittelpunkt, nicht nur sichtbar als eigene Haltung zu Sterben, Tod und Trauer, sondern auch im institutionellen Rahmen, in dem Begleitung stattfindet. Traueraufgaben sprechen die eigenverantwortliche (Handlungs-) Kompetenz aller am Prozess Beteiligten an. Die Unterscheidung von nicht-erschwerter Trauer, erschwerter Trauer, traumatischer und komplizierter Trauer (wie Chris Paul sie vornimmt) trägt dazu bei, die jeweiligen Trauerprozesse im Zeitverlauf und mit den entsprechenden Erfordernissen für eine Begleitung und notwendige Therapie zu benennen. Ebenso thematisiert werden die immer wiederkehrenden Debatten um Nutzen und Schaden einer Trauerbegleitung (Colin Murray Parkes), der die Palliativmedizin erweiternde Begriff von Allan Kellehear zu einer ‚gesundheitsfördernden Palliativmedizin‘ sowie die wertvollen Hinweise aus den Arbeiten von Boerner und Schulz für pflegende Angehörige in langen häuslichen Pflegesituationen.

Teil drei, „Erinnerungen gestalten“, vereint die bekannten Beiträge von Harriet Frazer (Die Kunst des Gedenkens), Tony Walter (Verlust und Lebensgeschichte), Gordon Riches und Pam Dawson (Zerstörte Erinnerungen) sowie neu die Arbeit von Robert A. Neimeyer (Eine Umarmung des Himmels – sich neu erfinden nach einem Verlust). Die Autorinnen und Autoren wenden sich in ihren Ausführungen der Erinnerungsarbeit zu, ein Thema, so die Herausgeberin, das in den letzten 15 Jahren innerhalb der Trauerbegleitung eher eine untergeordnete Rolle in der Auseinandersetzung spielte bzw. als Selbstverständlichkeit erachtet wurde. Trauerarbeit ist ein schmerzlicher Prozess, der die ganze Person ergreift und ihr Denken und Handeln neu organisiert, ist genauso ein Versuch, vergangene Erlebnisse und Erinnerungen an den Verstorbenen in das gegenwärtige Leben zu integrieren, sodass ein Weiterleben möglich scheint. Trauerarbeit insistiert Befreiendes, wie auch Erinnerungsarbeit; Erinnerungsarbeit ist aber der Gewinn der Trauerarbeit, die jedoch vielfach Zeit benötigt. Frazer beispielsweise schildert die heilende Wirkung eines Gedenksteines für die Familie, während Riches und Dawson vor Augen führen, dass durch die Einwirkungen eines gewalttätigen oder stigmatisierten Todes glückliche Erinnerungen an den Verstorbenen getrübt werden können.

Der letzte vierte Teil, „Kinder und Jugendliche unterstützen“, zeigt nicht nur an der Anzahl der Beiträge in diesem Sammelband, dass dem Thema große Aufmerksamkeit gewidmet wird; abseits aller sonstigen schützenden und fernhaltenden Schonverfahren, die gerne und oft in Zusammenhang mit sterbenden und trauernden Kindern an den Tag gelegt werden, ist es richtig, Aufmerksamkeit zu erregen und bewusst zu lenken. Interesse und Unterstützung für betroffene Kinder haben stark zugenommen, das zeigen entsprechende Organisationen und Einrichtungen, weit mehr aber die Arbeiten der hier gewählten Autorinnen und Autoren. Julie Stokes und ihre Kolleginnen etwa schildern, wie Kinder mit Trauer umgehen und wie eine entsprechende Begleitung aussehen könnte. Enthalten in diesem Beitrag ist auch die vielfach zitierte Zusammenfassung wesentlicher Rechte von Kindern und Jugendlichen in Verlustsituationen, bekannt als ‚Charta für trauernde Kinder‘. Der Artikel von David Trickey, „Wir können es ein bisschen weniger schlimm machen“, liefert Ergebnisse seiner Forschungsarbeit mit traumatisierten Kindern, die einen Elternteil durch gewaltsamen Todes verloren haben. Diese traumatischen Erinnerungen können vielfach den natürlichen Trauerprozess überlagern und erschweren. Kathy Moore beschreibt in ihrer Arbeit mit Kindern, die einen Elternteil verlieren werden, die hilfreiche Unterstützung eines Hundes als Eisbrecher im Kommunikationsprozess. Gwyn Daniel rückt hingegen ihre Erfahrungen mit Angeboten nach einem Todesfall für Familien in den Blickwinkel, während Isobel Bremner generell zur Arbeit mit trauernden Jugendlichen ermutigt. Der letzte Beitrag dieses vierten und letzten Teiles schildert das Bedürfnis von Kindern, über Krankheit, Tod und Sterben Bescheid zu wissen. Dementsprechend auch der Titel von Francesca Thompson und Sheila Payne, „Was trauernde Kinder von einem Arzt wissen möchten“.

Diskussion

Dieser Sammelband vereint wesentliche englischsprachige und deutschsprachige Literatur zum Thema Sterbe- und Trauerbegleitung der vergangenen Jahrzehnte, neu aufgelegt und durch aktuelle Diskussionen und Beiträge zur fachlichen Auseinandersetzung ergänzt und erweitert. In der Zusammenschau wird deutlich, dass sich auch die Theorie in ihrer Entwicklung weiterbewegt hat und offensichtlich von fest genormten, über lange Zeit als gegeben hingenommenen Phasenmodellen Abstand genommen hat, hin zur greifbaren Lebenssituation Trauernder und Sterbender. Eine moderne Trauer- und Sterbebegleitung kommt nicht umhin, das soziale Umfeld, in dem der Trauernde eingebunden ist sowie seine je individuelle Lebensgeschichte in den Blick zu nehmen und sich in der Auseinandersetzung darauf zu beziehen. Die Beiträge, die Chris Paul in diesem Sammelband vereint, bieten ein neues Verständnis von Trauerprozessen und stellen eine Basis dar, die in ihrer Vielfalt der Vorstellungen und Handlungsweisen wichtige Impulse für die Praxis unterschiedlichster Professionen und Personen bieten können. Der Wert des Sammelbandes liegt vor allem in der Zusammenführung alter, teils bekannter und klassischer Beiträge sowie neuerer Arbeiten auf dem Gebiet, möglicherweise für Chris Paul selbst zu verschiedenen Zeitpunkten ihres Lebens wichtige Schriften. Die Auswahlentscheidungen für den einen oder anderen Beitrag erschließen sich nicht immer; genauso schwierig ist es zu Beginn festzustellen, wann die Herausgeberin selbst zu Wort kommt oder einzelne Gedanken, Ideen und Theorien der einzelnen Autorinnen und Autoren veröffentlicht werden, da viele Texte gekürzt und aus dem Englischen übersetzt wurden. Im Fließtext wurde das zwar durch eine Kursivstellung der Schrift ausgeglichen, kann manchmal aber etwas verwirrend erscheinen. Hier wäre eine klarere Strukturierung der Übergänge zwischen den einzelnen Texten vom Vorteil gewesen. Dennoch bietet sich das Buch als wichtiger Einstieg an, will man sich mit der Entwicklung und Auseinandersetzung der Trauer- und Sterbebegleitung nicht nur im englischsprachigen Raum befassen. Eine Frage bleibt nach Ende der Lektüre allerdings immer noch unbeantwortet, nämlich die ungleiche Entwicklung der Forschungsarbeiten in beiden Sprachräumen. In der ersten Ausgabe schreibt Chris Paul, dass „eine der Besonderheiten der deutschen Trauerbegleitung […] die fast vollständige Abkopplung von der internationalen Forschung, Lehre und Praxis“ ist (2001, S. 31). Im Vorwort der Neuauflage wird dann deutlich, dass diese Entwicklung im Grunde genommen immer noch eine Einbahnstraße geblieben ist. So verstanden kann dem Sammelband durchaus die Funktion einer gegenseitigen Annäherung zugeschrieben werden.

Fazit

Die erweiterte Neuauflage empfiehlt sich für alle, die haupt- und ehrenamtlich in der Trauer- und Sterbebegleitung tätig sind und eine breite aber lesbare Einführung unterschiedlichster Blickwinkel in die Thematik bevorzugen. Ein guter Theorieteil mit wichtigen Trauer- und Sterbeforschern und ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Theorie und Praxis machen den Sammelband zu einem wissenswerten und immer wieder gern gelesenem Nachschlagewerk.


Rezensentin
Dr. Doris Lindner
Homepage www.kphvie.ac.at
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Zitiervorschlag
Doris Lindner. Rezension vom 02.04.2012 zu: Chris Paul (Hrsg.): Neue Wege in der Trauer- und Sterbebegleitung. Hintergründe und Erfahrungsberichte für die Praxis. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2010. Vollständig überarbeitete und ergänzte Neu- Auflage. ISBN 978-3-579-06835-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11062.php, Datum des Zugriffs 29.07.2016.


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