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Günter Esser, Franz Petermann: Entwicklungsdiagnostik

Cover Günter Esser, Franz Petermann: Entwicklungsdiagnostik. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2010. 169 Seiten. ISBN 978-3-8409-2232-9. 24,95 EUR, CH: 37,40 sFr.
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Autoren

Prof. Dr. Günter Esser bekleidet seit 1996 den Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Potsdam und ist Direktor der dortigen psychologisch-psychotherapeutischen Ambulanz.

Prof. Dr. Franz Petermann lehrt seit 1991 Klinische Psychologie und seit 2007 Klinische Psychologie und Diagnostik an der Universität Bremen und ist Direktor des Zentrums für Klinische Psychologie und Rehabilitation.

Thema

Ausgehend von einem aktuellen Entwicklungsbegriff, der sich von den traditionellen Reifungstheorien gelöst hat und von einer großen Variabilität der Entwicklungsverläufe ausgeht, werden Verfahren zur Erhebung des Entwicklungsstandes in verschiedenen Bereichen vorgestellt und besprochen.

Aufbau

Das Buch ist in sieben Kapitel gegliedert.

Kapitel eins bis fünf vermitteln einen knappen Überblick über den theoretischen Hintergrund der Entwicklungsdiagnostik, über die Anforderungen an den Untersucher und die Untersuchungssituation und eine kurze Beschreibung verschiedener Typen von Entwicklungsstörungen.

Die Vorstellung von Testverfahren, Kapitel sechs, nimmt den größten Raum ein und einige Fallbeispiele, Kapitel sieben, schließen das Buch ab.

Inhalt

Im ersten Kapitel wird nach einer kurzen Darstellung aktueller Entwicklungskonzepte eine Abgrenzung von Entwicklungs- zu Leistungstests vorgenommen. Esser und Petermann machen hier deutlich, dass Entwicklungstests im Unterschied zu Leistungstests, die auch erst ab einem späteren Alter sinnvoll eingesetzt werden können, ein breites Spektrum kindlicher Verhaltensweisen und Fähigkeiten, wie Fertigkeiten abdecken. Bereits an dieser Stelle weisen sie ausdrücklich daraufhin, dass die Erhebung des Entwicklungsstandes neben einer testdiagnostischen Überprüfung auch eine umfassende Anamneseerhebung und Verhaltensbeobachtung erfordert und aufgrund des Alters der Probanden besondere Anforderungen an den Untersucher stellt. Das Kapitel schließt mit der Beschreibung der Ziele und Aufgabenstellungen einer allgemeinen Entwicklungsdiagnostik, wobei statusdiagnostische Aspekte ebenso angesprochen werden, wie förderdiagnostische.

Kapitel zwei ist den Testgütekriterien gewidmet. Die Autoren beschreiben die Hauptgütekriterien der Objektivität, Reliabilität und Validität, wie auch das Nebengütekriterium der Normierung. Dabei weisen sie explizit auf die Besonderheiten und Schwierigkeiten bei deren Einhaltung beziehungsweise bei der Orientierung daran in Zusammenhang mit Entwicklungstests hin. Hervorzuheben ist hier, dass sie ausdrücklich auf die Notwendigkeit der Aktualität der Normierung hinweisen und die Bedeutung des „Flynn-Effekts“ nicht nur für Intelligenztests, sondern auch für Entwicklungs- und Schulleistungstests, illustriert durch kurze Beispiele der Auswirkungen auf die Ergebnisse, betonen und erläutern.

Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit der „Leistungsfähigkeit entwicklungsdiagnostischer Instrumente“ und deren Grenzen. Hier weisen Esser und Petermann erneut auf die Bedeutung eines theoretischen Konzepts von Entwicklung hin, das jedem Screening und Test zugrunde liegen sollte, allerdings gerade bei Entwicklungstests häufig fehlt. Die vorliegenden Verfahren für das Kleinkindalter sind vielfach eher als Aufgabensammlungen zu betrachten, die auf Grundlage von Erfahrungen in der klinischen Praxis zusammengestellt wurden, was die Vergleichbarkeit der Ergebnisse erschwert.
Im Folgenden werden weitere Besonderheiten und Schwierigkeiten angesprochen, die für die Abgrenzung und Einschätzung von „‚noch normal‘ und ‚schon abnorm‘“ (S. 25) in Bezug auf die Entwicklung eines Kindes relevant sind. Einerseits müssen Kriterien verwendet werden, die an einer Altersnorm für einen altersadäquaten Entwicklungsstand orientiert sind, gleichzeitig weist die Entwicklung, insbesondere im Säuglingsalter, aber deutliche interindividuelle Unterschiede auf und verläuft nicht unbedingt in gleichbleibendem Tempo, sondern unter Umständen auch in Sprüngen, was sich negativ auf die Reliabilität von Entwicklungstests auswirkt.
Abschließend weisen Esser und Petermann daraufhin, unbedingt zurückhaltend mit der Stellung von Prognosen aufgrund der Ergebnisse von Entwicklungstests umzugehen und begründen dies ausführlich.

Im vierten Kapitel geben die Autoren praktische Hinweise zur Durchführung, wie zum Umgang mit den Eltern. In diesem Kontext weisen sie eindringlich auf die gegenüber der Testung von Schulkindern oder Erwachsenen deutlich höheren Anforderungen auf den Untersucher hin.

Im fünften Kapitel gehen Esser und Petermann, nach der Definition des Begriffs der Entwicklungsstörung und dessen Abgrenzung von dem der Entwicklungsverzögerung; auf die „Intelligenzminderung“ (S. 35) als allgemeine Entwicklungsstörung, umschriebene Entwicklungsstörungen der Sprache, des Lesens und Rechtschreibens, die umschriebene Entwicklungsstörung des Rechnens und die der motorischen Funktionen ein. Auch hier erläutern sie zunächst, was unter einer umschriebenen Entwicklungsstörung, im Sinne einer Teilleistungsstörung, zu verstehen ist. Sie erläutern nachdrücklich die mit der Diskrepanzhypothese verbundene Problematik bei der Diagnostik von überdurchschnittlich wie unterdurchschnittlich begabten Kindern, die auch in den Diagnosekriterien der ICD-10 und des DSM-IV-TR deutlich wird. Mögliche komorbide Störungen werden angesprochen und die Bedeutung einer frühzeitigen und differenzierten Diagnostik betont. Im Weiteren werden die umschriebenen Entwicklungsstörungen im Einzelnen beschrieben. Das Kapitel schließt mit Angaben zur Früherkennung umschriebener Entwicklungsstörungen im Vorschulalter. Esser und Petermann nennen hier auch aktuelle Testverfahren, ohne sie an dieser Stelle bereits näher zu beschreiben. Dies erfolgt in Kapitel sechs.

Das sechste und mit 94 Seiten umfassendste Kapitel des Bandes ist der Beschreibung von „Diagnostischen Verfahren zur Erfassung von Entwicklung“ gewidmet. Die Autoren folgen hier der verbreiteten Differenzierung in Screeningverfahren, allgemeine und spezifische Entwicklungstests. Für jede Variante wird zunächst kurz beschrieben, was darunter zu verstehen ist, um anschließend aktuelle und gängige Verfahren vorzustellen. Die Autoren gliedern hier durchgängig nach dem gleichen Muster, mit der Beschreibung der Intention, Angaben zum theoretischen Konzept, dem Aufbau und den Aufgaben des Tests, zur Auswertung und Interpretation, zur Normierung und den Gütekriterien, was dem Leser erlaubt, sich einen Eindruck von der Eignung eines Verfahrens für eine Fragestellung zu verschaffen. Unter dem Punkt „Zusammenfassung“ nehmen die Autoren eine kritische Einschätzung des jeweiligen Verfahrens vor.
Nach der Beschreibung der Intention, der Möglichkeiten und Grenzen von Screenings werden die „Denver Entwicklungsskalen (DES)“, die „Erweiterte Vorsorgeuntersuchung (EVU)“, das „Neuropsychologische Entwicklungsscreening (NES)“ und das „Dortmunder Entwicklungsscreening für den Kindergarten (DESK-3-6)“ nach den o. g. Kriterien besprochen. Für die allgemeinen Entwicklungstests, hier werden die „Münchner Funktionelle Entwicklungsdiagnostik (MFED)“, die „Griffiths-Entwicklungsskalen (GES)“, der „Wiener Entwicklungstest (WET)“, der „Entwicklungstest sechs Monate bis sechs Jahre (ET 6-6), und die „Bayley-Scales of Infant Development, Second Edition (Bayley II, Deutsche Version)“ vorgestellt, gehen Esser und Petermann entsprechend vor.
Den meisten Raum nimmt die Vorstellung von Spezifischen Entwicklungstests ein. Die Autoren trennen hier nach verschiedenen Problembereichen. Als Verfahren zur Erhebung der Sprachentwicklung werden der „Sprachentwicklungstest für zweijährige Kinder (SETK 2-3)“, der„Sprachentwicklungstest für drei- bis fünfjährige Kinder (SETK 3-5)“, der „Potsdam-Illinois Test für psycholinguistische Fähigkeiten (P-ITPA)“, der „Sprachstandserhebungstest für Kinder im Alter zwischen 5 und 10 Jahren (SET 5-10)“, der Wortschatztest für 3- bis 5-jährige Kinder - Revision (AWST-R)“, der „Elternfragebogen für die Früherkennung von Risikokindern (ELFRA)“, der „Kindersprachtest für das Vorschulalter (KISTE)“ und der „Fragebogen zur frühkindlichen Sprachentwicklung (FRAKIS, FRAKIS-K)“ vorgestellt.
Als Motoriktests besprechen Esser und Petermann den „Körperkoordinationstest (KTK)“, den „Motoriktest für vier- sechsjährige Kinder (MOT 4-6)“ und die „Movement Assessment Battery for Children 2 (M-ABC-2)“. Für den Bereich der Wahrnehmung werden „Frostigs Entwicklungstest der visuellen Wahrnehmung - 2 (FEW-2)“ und die „Prüfung optischer Differenzierungsleistungen bei Vierjährigen (POD-4)“ dargestellt.
Als Multiple spezifische Entwicklungstests zur Diagnostik umschriebener Entwicklungsstörungen stellen die Autoren die „Basisdiagnostik für umschriebene Entwicklungsstörungen im Vorschulalter - II (BUEVA-II)“, die „Basic-Preschool“, den „Kognitiven Entwicklungstest für das Kindergartenalter (KET-KID)“ und die „Basisdiagnostik umschriebener Entwicklungsstörungen im Grundschulalter (BUEGA)“ vor.

Abschließend werden in Kapitel sieben vier Fallbeispiele mit Fragestellungen aus unterschiedlichen Entwicklungsbereichen dargeboten, die in ihrem Aufbau einem kurzen Fördergutachten entsprechen und auch Hinweise zu den aufgrund der Testung empfohlenen Maßnahmen bieten.

Diskussion

Das Buch von Esser und Petermann gibt nicht nur einen Überblick über aktuelle Testverfahren aus dem Bereich der Entwicklungsdiagnostik, sondern weist darüber hinaus auf in diesem Kontext auf besonders zu beachtende und möglicherweise nicht unproblematische Aspekte hin. So auf die zentrale Bedeutung der Aktualität der Normierung, eine Angabe, die in Büchern zur psychologischen und pädagogischen Diagnostik leider häufig fehlt. Auch die besonderen Anforderungen an den Diagnostiker und das diagnostische Setting bei der Testung sehr junger Kinder heben die Autoren hervor und geben praktische Hinweise, so zum Umgang mit den Eltern. In diesem Zusammenhang weisen sie auch ausdrücklich daraufhin, dass die Anforderungen an die Standardisierung der Testsituation in Abhängigkeit vom Alter des jeweiligen Kindes nicht immer vollständig zu gewährleisten sein können. Eine Angabe, die gerade noch weniger erfahrene Untersucher unter Umständen entlasten kann. Ein Hinweis auf das Äquivalenzalter als weitere Auswertungsmöglichkeit, vor allem für deutlicher in ihrer Entwicklung verzögerte Kinder, erfolgt allerdings leider nicht.

Die ausführlichen Beschreibungen von Testverfahren zur Überprüfung des Entwicklungsstandes bieten dem Leser die Möglichkeit, sich über deren Eignung für die für ihn aktuelle Fragestellung zu informieren. Insofern kann das Buch auch als eine Art Testkompendium genutzt werden, wenn es auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann. Als hilfreich erweist sich hier nicht zuletzt, dass Esser und Petermann jeden Test in der zugehörigen Zusammenfassung kritisch bewerten und auf Vor- wie Nachteile bei Durchführung und Auswertung, wie auch bei der Testkonstruktion hinweisen. An dieser Stelle ist allerdings anzumerken, dass von den insgesamt 25 vorgestellten Tests neun von einem der beiden Autoren (mit)entwickelt wurden.

Fazit

In dem vorliegenden Band werden alle relevanten Aspekte kurz und prägnant angesprochen. Er bietet damit einen guten Überblick über aktuelle Verfahren zur Erhebung des Entwicklungsstandes in den verschiedenen Bereichen, die für die psychologische wie die pädagogische Diagnostik von Bedeutung sind und bietet hilfreiche Anregungen zur Testauswahl und -durchführung.


Rezensentin
Dr. Inge Brachet
Gastprofessorin an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Diagnostik und Psychologie im Förderschwerpunkt Lernen
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Zitiervorschlag
Inge Brachet. Rezension vom 23.02.2011 zu: Günter Esser, Franz Petermann: Entwicklungsdiagnostik. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2010. ISBN 978-3-8409-2232-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11068.php, Datum des Zugriffs 28.07.2016.


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