Rolf Rosenbrock, Thomas Gerlinger: Gesundheitspolitik. Eine systematische Einführung
Rolf Rosenbrock, Thomas Gerlinger: Gesundheitspolitik. Eine systematische Einführung. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2006. 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. 383 Seiten. ISBN 978-3-456-84225-7. 29,95 EUR, CH: 49,80 sFr.
Reihe: Verlag Hans Huber, Programmbereich Gesundheit.
Konzeption der Publikation
Der Untertitel "Eine systematische Einführung" signalisiert das Interesse der Autoren, möglichst grundlegend und systematisch die wesentlichen Inhalte, Bestimmungsfaktoren und Systemaspekte der Gesundheitspolitik darzustellen. Es will kein Spezialwerk zu einem der zahlreichen Teilgebiete der Gesundheitspolitik oder der Gesundheitsversorgung sein, sondern umfassend einführen. Damit ziel das Werk auf eine Leserschaft, die beginnt sich mit gesundheitspolitischen Fragen zu beschäftigen und auch auf "alte Hasen", die ein aktuelles und umfassendes Grundlagenwerk vermissen. Es erfüllt damit den Charakter eines Lehrbuches, das sich sowohl an die im Gesundheitswesen in leitender Position tätigen Personengruppen wendet, wie auch an Studierende und Hochschullehrer.
Das Werk besteht aus 6 Kapiteln, wobei sich das 6. Kapitel mit der Gesundheitspolitik in der Schweiz auseinandersetzt. Dies ist für deutsche Leser interessant, weil das Schweizer System in der aktuellen Gesundheitspolitik immer wieder als Reformoption für Deutschland dargestellt wird. Ein Schwerpunkt des Buches liegt auf der Präventionspolitik.
Übersicht über die einzelnen Kapitel
Die Kapitel des Lehrbuches bauen gut aufeinander auf:
- Gegenstand, Ziele und Akteure der Gesundheitspolitik
- Gesundheit und Gesundheitspolitik in Deutschland
- Präventionspolitik
- Das System der Krankenversorgung
- Ausgewählte Steuerungsprobleme des Versorgungssystems
- Gesundheitspolitik in der Schweiz
Die einzelnen Kapitel sind systematisch und fundiert aufbereitet. So erhalten z.B. die Leser im Kapitel "Gesundheit und Gesundheitspolitik in Deutschland" einen ausführlichen Überblick über die Entwicklungslinien der Gesundheitspolitik, Morbidität und Mortalität, chronische Krankheiten und demographischen Wandel, sozial bedingte Ungleichheit von Gesundheitschancen, Gesundheitsberichterstattung, Versorgungsforschung und die wirtschaftliche Bedeutung des Gesundheitswesens.
Im Kernkapitel des Buches - "Das System der Krankenversorgung" - informieren die Autoren ausführlich auf fast 130 eng bedruckten Seiten über Gesetzliche und Private Krankenversicherung, ambulante und stationäre Versorgung, Arzneimittelversorgung und Pflege. Alle Punkte weisen eine hohe Sachkenntnis aus. Besonders interessant ist der Punkt zur Pflege.
Im Kap. 5 "Ausgewählte Steuerungsprobleme des Versorgungssystems" greifen die Verfasser aktuell in der Gesundheitspolitik diskutierte Steuerungsalternativen auf. Sie widmen dabei der Qualitätssicherung (evidendenzbasierte Medizin und Leitlinien) berechtigterweise viel Raum. Stellt doch der Sachverständigenrat in seinen letzten Gutachten zahlreiche Qualitätsmängel, Tatbestände von Über-, Unter- und Fehlversorgung fest. Die aktuellen Disease Management - Programme (DMP) im Rahmen des Risikostrukturausgleichs (RSA) werden umfassend und kritisch gewürdigt. Obwohl die Fertigstellung des Manuskriptes noch vor Verabschiedung des aktuellen Gesundheitsmodernisierungsgetzes (GMG) datiert, haben die Verfasser zahlreiche im späteren Gesetz enthaltenen Steuerungsinstrumente dargestellt und kritisch gewürdigt. Das gilt v.a. für die integrierte Versorgung. Sie greifen ferner die Diskussion um eine Bürgerversicherung und die Kopfpauschale auf, die die Gesundheitspolitiker noch weiter beschäftigen wird.
Die Erfahrungen mit der Kopfpauschale (Prämienmodell) werden vor allem im Kapitel "Gesundheitspolitik in der Schweiz" referiert. Überhaupt erinnert die Reformdiskussion um das aktuelle Gesundheitsmodernisierungsgesetz an die Übernahme Schweizer Systembausteine. Ernüchternd allerdings die Feststellung der Verfasser, dass die Kopfpauschale in Verbindung mit Selbstbehalten zu einer Verschlechterung der Gesundheitsversorgung einkommensschwacher Personenkreise geführt hat. Skepsis ist auch nach den Erfahrungen in der Schweiz angebracht, wenn die deutschen Vertreter der Kopfpauschale unterstellen, dass die erforderlichen Zuschüsse aus öffentlichen Mitteln an einkommensschwache Personengruppen (Herzog: 27 Mrd. Euro, CDU: 25 Mrd. Euro) unter dem Druck leerer Kassen dauerhaft zur Verfügung stünden.
Resümee
Jedes einzelne Kapitel ist lesenswert. Die seit Jahren nachgewiesene Kompetenz der Verfasser in Wissenschaft, Forschung und Politikberatung zeigt sich in jedem Kapitel. Sie setzen sich kritisch mit ideologischen Grundannahmen und Fehlern der aktuellen Gesundheitspolitik auseinander, kennen jedoch auch die aktuellen Handlungsspielräume im durchweg "verminten Gelände" der Gesundheitspolitik und verweisen in ihren Ratschlägen immer wieder auf vorhandene Gutachten und Interessen. Leider sind zahlreiche Grafiken und Tabellen zu klein gesetzt, so dass ihre Nutzung vor allem in der Lehre eingeschränkt ist. Das (fast) komplette Literaturverzeichnis ist eine gute Basis für weiterführende Lektüre.
Anmerkung der Redaktion: Die Rezension basiert auf der 1. Auflage von 2004, ISBN 3-456-84022-5.
Rezensent
Prof. Dr. Klaus Hofemann
Fachhochschule Köln, FB Sozialpädagogik
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Zitiervorschlag
Klaus Hofemann. Rezension vom 23.03.2004 zu: Rolf Rosenbrock, Thomas Gerlinger: Gesundheitspolitik. Eine systematische Einführung. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2006. 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. 383 Seiten. ISBN 978-3-456-84225-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1110.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.
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