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Peter Lienhard-Tuggener: Rezeptbuch Schulische Integration

Cover Peter Lienhard-Tuggener: Rezeptbuch Schulische Integration. Auf dem Weg zu einer inklusiven Schule. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2011. 160 Seiten. ISBN 978-3-258-07488-7. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 39,00 sFr.
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Eine gute Schule ist kein Kramladen, aber auch keine Podest-Institution

Schon immer haben Pädagoginnen, Pädagogen, Erziehungswissenschaftlerinnen und Erziehungswissenschaftler Visionen entwickelt und programmatische Schriften erstellt, die wie Monumente in Stein gemeißelt wirken und die Frage beantworten sollen, was eine gute Schule ist. Nicht selten entstehen dabei Anweisungen, bei denen die Vorstellungen von Bildung und Erziehung sich als hierarchisch und besserwisserisch darstellen und zu „Rezept“ – Büchern verkommen ( vgl. dazu z. B.: Bernhard Bueb: Lob der Disziplin. Eine Streitschrift, Berlin 2006, in: socialnet Rezensionen, http://www.socialnet.de/rezensionen/4096.php). In seiner „Erziehlehre“ (Levana) weist Jean Paul Fr. Richter in seiner Vorrede 1806 darauf hin, dass „einzelne Regeln ohne den Geist der Erziehung ( ) ein Wörterbuch ohne Sprachlehre (sind)“ und einer Heilslehre glichen. Die Geschichte der Pädagogik ist voll von Ideologien und Heilsversprechen; und die Schule als Ort der Bildung und Erziehung wird immer wieder herausgefordert von Entwicklungen, Erkenntnissen und Wandlungen des Denkens und Handelns, die sich etwa in der Reformpädagogik mit den Begriffen einer „Pädagogik vom Kinde aus“ (Maria Montessori) und den kontroversen Vorstellungen vom „Führen oder Wachsenlassen“ (Theodor Litt) artikulieren ( vgl. dazu: Jürgen Oelkers, Reformpädagogik. Entstehungsgeschichte einer internationalen Bewegung, Seelze/Velber 2009, http://www.socialnet.de/rezensionen/10292.php).Die Schulsysteme, die daraus entstanden sind, fundamentieren sich, das ist ja eigentlich ein ordre perdu, nach den gesellschaftlichen Strukturen, wie sie in der alltäglichen und verfassten Realität vorherrschen und sich in den Widersprüchen von bildungspolitischen Parolen, dass Bildung ein Humankapital darstelle und den Wirklichkeiten des dreigliedrigen Schulsystems zeigen ( vgl.: Eberhard Straub, Deutschland Deine Bildung! Essays zur Idee und Geschichte, Berlin 2008, http://www.socialnet.de/rezensionen/8681.php). Die Denke, dass die Vielfalt der körperlichen und geistigen Verschiedenheiten der Menschen Bremsklötze im Gesellschaftsprozess seien, bestimmt nach wie vor in vielfacher Weise die Auseinandersetzung um Bildungsgerechtigkeit (siehe dazu: Ingo Kramer, Herausforderung Bildungsgerechtigkeit. Zum fairen Umgang mit dem Leistungsprinzip, Hamburg 2011, http://www.socialnet.de/rezensionen/11185.php); und das Bewusstsein, dass Vielfalt Chancengleichheit befördere, ist noch längst nicht Selbstverständnis ( siehe dazu: Marianne Krüger-Potratz, u.a., Hrsg., Bei Vielfalt Chancengleichheit. Interkulturelle Pädagogik und Durchgängige Sprachbildung, http://www.socialnet.de/rezensionen/10508.php). Denn es sind immer wieder die Rätsel, die uns unsere Lehranstalten aufgeben ( Karl-Josef Pazzini, Hrsg., Lehren bildet? Vom Rätsel unserer Lehranstalten, Bielefeld 2010, http://www.socialnet.de/rezensionen/10560.php); und es sind die Herausforderungen, die sich in dem alles verbindenden und gleichzeitig kontroversen Diskurs um Individuum und Gesellschaft fokussieren ( Gernot Barth, Das Individuum und die Gesellschaft. Der Gemeinschaftsdiskurs in der Sozial- und Reformpädagogik, 2010, http://www.socialnet.de/rezensionen/11176.php).

Entstehungshintergrund und Autorenteam

Vom Quantensprung im pädagogischen und erziehungswissenschaftlichen Diskurs wird gesprochen seit dem Inkrafttreten der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung und der sich daraus ergebenden Notwendigkeit, eine Schule zu schaffen, in der nicht die Selektion, sondern die Integration der Schülerinnen und Schüler im Zentrum steht und “in er es im Kern um eine Konzeption geht, die niemanden ausschließt, ja, einen Ausschluss gar nicht in Betracht ziehen kann, da sie sich an der Maxime orientiert, eine Schule zu gestalten, die inklusiv ist und nicht nach Möglichkeiten sucht, Kinder und Jugendliche in diese Schule zu inkludieren“ ( vgl., dazu: Joachim Schwohl, Tanja Sturm, Hrsg., Inklusion als Herausforderung schulischer Entwicklung. Widersprüche und Perspektiven eines erziehungswissenschaftlichen Diskurses, Bielefeld 2010, http://www.socialnet.de/rezensionen/10651.php). Die ersten zaghaften Ansätze dazu, die ohne Zweifel an der bisher in der deutschen bildungspolitischen Diskussion vermiedenen Mauer der Tabuisierung des Schulsystem-Diskurses rütteln, sind in Gang gekommen. Da lohnt es in jedem Fall, einen Blick über den ethnozentrierten und sorgsam abgeschirmten Gartenzaun zu tun, etwa in Länder, in denen die „Schule für alle“ längst besteht.

Der an der Zürcher Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik tätige Lehrer, Psychologe und Sonderpädagoge Peter Lienhard-Tuggener, der als Dozent an der Pädagogischen Hochschule Luzern lehrende Klaus Joller-Graf und die ebenfalls an der Zürcher Hochschule arbeitende Sonderpädagogin Belinda Mettauer Szaday setzen sich in ihrem „Rezeptbuch schulische Integration“ nicht mit Rezepten auseinander, sondern wollen dazu beitragen, „eine gute Schule für alle zu verwirklichen“. Dabei geht es im wesentlichen darum, an konkreten Fallbeispielen zu verdeutlichen, wie der Unterricht in einer integrativ ausgerichteten Schule gestaltet werden und wie er tatsächlich funktionieren kann.

Aufbau und Inhalt

Die Autoren gliedern ihr Buch in fünf Kapitel, und sie schließen es mit einer annotierten Liste zur pädagogischen, didaktischen und methodischen Literatur ab. Jedes Kapitel wird dabei mit einem Merkposten abgeschlossen; etwa bei den Begriffsklärungen zu den durchaus umstrittenen Aspekten wie „Integration“, „Behinderung“, „Förderung“ und „Inklusion“, mit dem Nachweis, dass sich, aufgezeigt an mehreren Beispielen aus Südtirol, die Frage „Sonderschule oder Regelschule?“ gar nicht stelle. Wenn also „gemeinsames Lernen“ als pädagogisches und institutionelles Ziel im Vordergrund steht, stellen immer differenziertere, sonderpädagogische Formen keinen Gewinn, sondern ein Manko in der Perspektive dar – wie sich dies z. B. in der schulischen Praxis in Neuseeland zeigt. Natürlich benötigt eine integrative, inklusive Schule ein vernetztes System von organisatorischen, vor allem aber didaktischen Prinzipien, um das auf der Grundlage des Rechts auf Menschenwürde von Zugehörigkeit verwirklichen zu können. Es sind die vier wichtigsten Grundlagen, die den Weg von der (scheinbar) homogenen zur heterogenen, integrativen Schule ebnen können:

  1. Die integrative Haltung aller Beteiligten,
  2. das Zusammendenken von Unterricht und Förderung,
  3. die gemeinsame Lernarbeit und
  4. ein umfassender Schulentwicklungsprozess.

Die Autoren zeigen die entsprechenden Möglichkeiten und ihre Schweizer Erfahrungen damit auf, immer auch den Blick auf Entwicklungsprozesse anderswo gerichtet, etwa auf schwedische und israelische Konzepte.

Fazit

Der erst einmal irritierende Titel, ob aus aufmerksamkeitstechnischen Gründen oder aus motivatorischen Spekulationen so gewählt, verspricht anderes, den Versuch nämlich, Einblicke zu ermöglichen für Praktiker und Theoretiker, dass das scheinbare und nicht selten als Abwehrkanone in Stellung gebrachte Totschlagargument – „Das geht doch gar nicht“ – nicht hält, sondern die Erfahrungen von anderswo den eigenen Horizont erweitern und in der praktischen, pädagogischen und erziehlichen Arbeit zum Nachmachen ermuntern können. Das Buch belebt den vergleichenden, internationalen und interkulturellen erziehungswissenschaftlichen Diskurs. Es richtet sich deshalb vor allem an Studierende für Lehrämter und an Praktiker, die in Regelschulen tätig sind; natürlich auch an Bildungspolitiker, Eltern und in sozialpädagogischen Bereichen Tätig; denn „Jedermann hat das Recht auf Bildung“, wie dies in Art. 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 formuliert wird. Dieses Menschenrecht zu verwirklichen, ist unser aller Aufgabe!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 26.04.2011 zu: Peter Lienhard-Tuggener: Rezeptbuch Schulische Integration. Auf dem Weg zu einer inklusiven Schule. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2011. ISBN 978-3-258-07488-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11130.php, Datum des Zugriffs 29.08.2016.


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