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Ulrich Schultz-Venrath (Hrsg.): Psychotherapie in Tageskliniken

Cover Ulrich Schultz-Venrath (Hrsg.): Psychotherapie in Tageskliniken. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2011. 200 Seiten. ISBN 978-3-941468-42-9. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 60,40 sFr.
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Thema

Tageskliniken haben sich in unterschiedlichen Formen mittlerweile als eigenständige Versorgungseinheit zwischen stationärer Vollversorgung psychisch Kranker und deren ambulanter Behandlung etabliert. Zeit also, wie der Herausgeber meint, eine Zwischenbilanz zu ziehen.

Herausgeber

Sowohl der Herausgeber, Prof. Dr. Ulrich Schultz-Venrath, Klinik für Psychiatrie,Psychotherapie und Psychosomatik als auch die Autoren der einzelnen Beiträge sind in entsprechenden Einrichtungen oder als Begleitforscher mit Theorie und Praxis einer Tagesklinik vertraut.

Entstehungshintergrund

Der Band sammelt die Vorträge der Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Tageskliniken Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik 2008 in Bergisch Gladbach.

Aufbau

In 17 Kapiteln werden die unterschiedliche therapeutischen Ansätze,die in Tageskliniken praktiziert werden, Erfolge, Misserfolge und mögliche Entwicklungslinien dargestellt.

Inhalt

Kapitel 1 befasst sich mit den Historischen Perspektiven und zukünftigen Aufgaben.

Kapitel 2 erläutert am Beispiel der Tagesklinik Siegburg die Integration der teilstationären Behandlung in die Behandlungskette Psychiatrische Institutsambulanz (alternativ: Praxis eines niedergelassenen Arztes) und vollstationärer Krankenhausbehandlung. (Repetitorium: in die Tagesklinik kommen die Patienten, die oft auch Gäste genannt werden, nur Tagsüber, abends und am Wochenende sind sie zu Hause, so integriert und belastbar sollten sie bei aller psychischer Ausnahmesituation schon noch sein.)

Kapitel 3 nimmt den Stellenwert der Psychotherapie im Rahmen psychiatrischer Tagesklinik-Behandlung ins Visier. Erinnern wir uns: Die tagesklinische Behandlung war seinerzeit, als ein Vorschlag der Psychiatrie-Enquete 1975, auch zur Entstigmatisierung und zur Vorbeugung gegen Hospitalismus gedacht, waren es doch gerade die langen und oft dem Behandlungsziel der Reintegration widersprechenden Anstaltsaufenthalte, die den Behandlungserfolg zunichte machten,da sich die Patienten „draussen“ nicht mehr zurecht fanden. Die gute Absicht, die Großkrankenhäuser abzuschaffen, führte häufig zu „Sturzgeburten“ der Rückkehr in unbekannte Alltage, die nicht selten aus Realitätsschock zu Suiziden führten. Neben der Rehabilitation ist Psychotherapie ausdrücklich ein wichtiger Funktionsbereich einer Tagesklinik, und dieser Bereich ist nicht selten ebenso umkämpft wie beim großen Bruder Psychiatrisches Krankenhaus, finden sich doch hier, wie auch weiter unten noch gezeigt wird, ebenso alle therapeutischen Schulen wie dort. Interessanterweise werden aber von den Patienten die Gesichtspunkte Struktur, zwischenmenschlicher Kontakt und Medikation viel stärker als bestimmend angesehen,als die (ursprünglich) intendierten Bezüge zur Außenwelt,Verbindung zur Gemeinde, Ausprobieren neuer Verhaltensweisen im häuslichen Umfeld.

Kapitel 4 berichtet über die tagesklinische Behandlung schwerer Persönlichkeitsstörungen, unter dem bezeichnenden Titel „Ein Leopard verliert seine Flecken nicht“. Menschen mit einer schweren Persönlichkeitsstörung eignet eine sehr spezifische Haltung zu Mitmenschen und Umwelt, Pflichten werden als Zwang und unerträgliche Einengung der Person erlebt, Stundenpläne und regulierte Abläufe nur dosiert ertragen, das Einfügen in Gemeinschaft als Verlust des Selbst und Eindringen in intime Räume.Nähe und Distanz müssen ständig nachreguliert werden, eigene und fremde Gefühle werden häufig falsch verortet oder übersteigert wahrgenommen: aus freundlicher Zuwendung wird Liebe gedeutet, sachlicher Umgang als Ablehnung und Hass empfunden. Die Tagesklinik bietet hier ein Übungs- und Erfahrungsfeld für den neuen Umgang mit sich und der Störung, das eine längerdauernde therapeutische Beziehung wachsen lassen kann – im Unterschied zum stationären setting, das fast immer fraglos akzeptiert werden muss und dem oft nur durch Flucht (oft in Form eines selbstinszenierten Rauswurfs) entkommen werden kann.

Das Kapitel 5 lenkt den Blick über die Grenzen: Tagesklinische Behandlung von Jugendlichen mit Persönlichkeitsstörungen in den Niederlanden; das Kapitel 6 berichtet über die Kerngruppe der Psychiatrie, die psychotischen Patienten.

Kapitel 7 fragt: Brauchen ältere Menschen eine besondere Behandlung? Einschränkende Elemente, das kann man nach allem, was Gerontopsychiatrie- und -psychosomatik herausgefunden haben, liegen weniger in der Person der Patienten als vielmehr in den behandelnden Institutionen und Menschen. Sicher wird das setting auf gewisse körperliche Ausgangssituationen (keine durchgängige Belastung sondern Ruhepausen; Multimorbidität, was besondere medikamentöse Behandlungen nach sich zieht; eventuelle körperliche „Gebrechen“) eingehen müssen – aber Vorsicht: die Psyche altert nicht! Wichtiger sind aber die mentalen Vorbehalte der zumeist jüngeren Krankenbehandler: hier sollte die Übertragung (Eltern-Kind umgekehrt oder Enkel-Großeltern) Berücksichtigung finden, auch die mentalen Ressourcen und die Lebenserfahrungen der älteren ihren Platz finden, die zumeist über mehr „Kampferfahrung“ verfügen und meist mehr Belastungen bewältigten als die jungen. Der Anteil der über 60jährigen in Tageskliniken entspricht längst nicht dem Anteil wie im stationären Bereich oder gar in der Bevölkerung. Hier wird viel nachzuholen sein.

Im Kapitel 8wird eine empirische Erhebung an der Freiburger Psychosomatischen Tagesklinik referiert. Gefragt wird nach den subjektiven Bedeutungen einzelner Bausteine des therapeutischen settings, als da wären: Einzelgespräche, Gruppengespräche,Gestaltungstherapie,Arbeitsversuche, Teamvisite, Gespräche mit Sozialarbeiter, Chefvisite u.a.m.Befragt wurden die PatientInnen, die innerhalb von 10 Jahren behandelt worden waren. Zwischen den Diagnosegruppen ((Depression, Angststörungen, Somatoforme Störungen und Essstörungen) ergaben sich hinsichtlich der Rangfolge keine signifikanten Unterschiede. Den ersten Rang nahmen Einzelgespräche ein, gefolgt von Bezugspflegegesprächen, Gestaltungstherapie,Paar/Familiengespräche. Interessanterweise wurden die Tagesklinik-spezifischen Gewohnheiten wie Morgen- und Abendrunden, der Wechsel zwischen Klinik und Alltag, Sozialdienstkontakte als weniger bedeutsam als die anderen eingestuft. Eine zweite Untersuchung befasste sich mit den therapieinduzierten Bewältigungsstrategien und deren Anwendung in Klinik und Alltag.

Die Kapitel 9 bis 14 widmen sich den häufigsten Therapieansätzen, die in Tageskliniken angewandt werden, meist nicht eine Methode ausschließlich sondern in Kombination:

  • Körperpsychotherapie und Mentalisierung,
  • Psychotherapie mit dem Pferd – Bindungsrelevante Wahrnehmungsübungen auf körpersprachlicher Ebene,
  • Familien- oder Paartherapie,
  • Analytische und mentalisierungsbasierte Gruppenpsychotherapie,
  • Dialektisch-behaviorale Therapie,
  • Psychoedukation,
  • Achtsamkeitsbasierte Therapieansätze.

Kapitel 16 lenkt den Blick auf die vorzeitige Behandlungsbeendigung in der allgemein-psychiatrischen Tagesklinik und Kapitel 17 geht auf rechtliche Grundlagen, Probleme und Bedeutung für die Versorgung ein.

Diskussion

Der vorliegende Band trägt viel Erfahrungswissen vor und lässt den Leser auch kursorisch an den Mühen teilnehmen, die mit der Konstruktion Tagesklinik immer noch verbunden sind. Sich als Berufstätiger nicht zur Arbeit sondern zur Behandlung des Morgens zu verabschieden und Abends nach Hause zurückzukehren hat immer noch den Beigeschmack des Luxuriösen. Der Leerlauf, der stationäre Behandlungsverläufe innewohnt, wird hingenommen, versucht, durch verkürzte Liegezeiten und diagnosespezifische Kostenerstattung zu bekämpfen – hier lahmt wohl der Schwung der Psychiatrie-Enquete-Zeit.

Informativ sind nicht nur die Erfahrungsberichte sondern in mindestens ebensolchem Maße die Abschnitte über die einzelnen Therapieverfahren, deren Beschreibung fast die Hälfte des ganzen Buches ausmacht! Wer sich hier einen gerafften aber nicht reduzierendem Überblick verschaffen möchte, ist sehr gut bedient. Wahrscheinlich wurde dieser Effekt des Buches nicht gewollt, eine Wahl unter Berücksichtigung dessen wäre aber richtig getroffen.

Fazit

Eine empfehlenswerte Einführung in a) einen wichtigen organisatorisch-therapeutischen Bestandteil in der Behandlung psychisch und psychosomatisch Kranker und b)eine Einführung in die am häufigsten angewendeten (Psycho-)Therapieverfahren in eben diesen Einrichtungen, zu empfehlen also für alle in diesem Bereich unseres Gesundheitswesen Tätigen.


Rezensent
Dipl.-Psychol. Wolfgang Jergas
Jahrgang 1951, Psychologischer Psychotherapeut, bis 2006 auf einer offenen gerontopsychiatrischen Station, 2007-2015 Gedächtnissprechstunde in der Gerontopsychiatrischen Institutsambulanz der CHRISTOPHSBAD GmbH Fachkliniken
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Zitiervorschlag
Wolfgang Jergas. Rezension vom 04.01.2012 zu: Ulrich Schultz-Venrath (Hrsg.): Psychotherapie in Tageskliniken. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2011. ISBN 978-3-941468-42-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11156.php, Datum des Zugriffs 26.09.2016.


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