Michalis Kontopodis, Jörg Niewöhner (Hrsg.): Das Selbst als Netzwerk
Michalis Kontopodis, Jörg Niewöhner (Hrsg.): Das Selbst als Netzwerk. Zum Einsatz von Körpern und Dingen im Alltag. transcript (Bielefeld) 2010. 227 Seiten. ISBN 978-3-8376-1599-9. 24,80 EUR, CH: 37,90 sFr.
Reihe: VerKörperungen - 12.
Thema
Dass die Sozialwissenschaften es nur mit zwischenmenschlichen Beziehungen zu tun hätten, wird von einer Reihe neuerer Theorien besonders stark in Frage gestellt. Die „Akteur-Netzwerk-Theorie“ (ANT) will die „Dinge“, d.h. die nicht-menschlichen Objekte, in den Fokus sozialwissenschaftlicher Aufmerksamkeit rücken. Schließlich, so argumentiert Bruno Latour, bestünde doch kein Zweifel daran, dass ein Schlüssel den Raum „verschließt“, ein Geländer uns vor dem Hinunterfallen „bewahrt“ oder ein Stundenplan eine Veranstaltung „auflistet“. Warum, so fragt Latour, bezeichnen diese Verben Handlungen, ohne dass man Objekten folgerichtig auch einen Akteursstatus zuschreibt? Die von ihm besonders prominent vertretene Akteur-Netzwerk-Theorie beantwortet diese Frage in radikaler Weise mit einem Akteursbegriff, der sowohl menschliche, als auch nicht-menschliche Einheiten als Handelnde umfasst und den Handlungsbegriff von jeglichem „subjektiv gemeinten Sinn“ entkoppelt. Damit erweitert dieser Ansatz die Perspektive auf eine Vielzahl von Objekten, die sich schon lange aktiv ins Soziale einmischen. Als Verbündete und Helfer, als Hindernisse oder Störquellen „vernetzen“ sie sich mit uns und wirken stabilisierend, verändernd oder irritierend auf soziale Beziehungen und auf uns selbst – gerade in einer Wissensgesellschaft, die sich durch komplexe Verwebungen von Technik und Sozialem auszeichnet.
Besonders eng sind diese Verknüpfungen aus Menschlichem und Nicht-Menschlichem dort, wo uns die Dinge im wahrsten Sinne des Wortes „auf den Leib“ gerückt sind und bis in unseren Körper und unser Selbstverständnis eingreifen – dies ist der Ausgangspunkt des vorliegenden Sammelbandes. Folgt man Donna Haraway, die von den Herausgebern als zweite Vertreterin eines „relational-materiellen Ansatzes“ herangezogen wird, so ist die Grenzziehung zwischen Körpern und Dingen sowieso höchst fragwürdig – man denke hier nur an medizinische Implantate, Prothesen oder virtuelle Identitäten. Von der Vernetzung scheint es dann nicht mehr weit bis zur Verkoppelung oder gar Verschmelzung von Technik und Mensch. Hybride Mischwesen bevölkern bei Haraway ein subversives Zwischenreich, das weder ausschließlich den „Dingen“, noch den „Körpern“ zugerechnet werden kann.
Entstehungshintergrund
Der vorliegende Sammelband greift die von Latour und Haraway angestoßenen Theorieperspektiven auf und konkretisiert sie auf „medizinische und technologische Eingriffe in Körper und körpernahe Praxen“, insbesondere im Hinblick auf die Folgen für das menschliche „Selbst“. Damit, so versprechen sich die Herausgeber, sollen die Anfänge einer Diskussion aufgenommen und fortgeführt werden, die Themen „der Reproduktion, des Altwerdens, des Krank- und Gesundseins oder der Behinderung aus relational-materieller Sicht erforschen“. Sechs der sieben Beiträge widmen sich dementsprechend auch dem kranken, hilfsbedürftigen oder medizintechnisch veränderten Körper – in der Klinik, Rehabilitation oder Pflege – aus Sicht der Akteur-Netzwerktheorie und verwandter Ansätze. Sie greifen damit einen Themenbereich auf, der gut geeignet erscheint, um den Blick auf die „Dinge“ zu schärfen. Sind es doch gerade im Falle von Krankheit oder Behinderung die medizinischen Geräte, Medikamente, Dokumente und technischen Hilfsmittel, die sich aktiv und besonders sichtbar in soziale Prozesse einmischen und nicht spurenlos an menschlichen Körpern und Identitäten vorbeigehen.
Herausgeber und AutorInnen
Der Sammelband ist Teil der Reihe „VerKörperungen/MatteRealities“ des transcript-Verlages, die aus kultur-, sprach- und sozialwissenschaftlicher Perspektive die Wissenskulturen und -gegenstände von Medizin und Lebenswissenschaft in den Blick nimmt. Die Herausgeber Michalis Kontopodis und Jörg Niewöhner sind wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin. Bei den sieben Beiträgen handelt es sich um ethnografische Forschungsarbeiten von Studierenden, die im Rahmen eines dreisemestrigen Forschungsprojekts unter Leitung der Herausgeber erstellt wurden. Sie basieren ausnahmslos auf eigens erhobenen, qualitativen Daten der Autoren.
Aufbau und Inhalt
In ihrer Einleitung stellen Michalis Kontopodis und Jörg Niewöhner die von ihnen so bezeichnete „relational-materielle Perspektive“ vor und bieten gleichzeitig einen Überblick über die relevante Literatur des Themenfeldes.
Stefanie Zimmer beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit der Frage, wie SchlaganfallpatientInnen mit Hilfe von Gangmaschinen das Gehen neu erlernen. Zentrales Ergebnis ihrer umfangreichen Feldstudie ist, dass die Übertragung eines vorgegebenen Maschinenganges auf den menschlichen Körper oft misslingt. Einen Grund dafür vermutet die Autorin im „mechanistischen Körperverständnis“ der Reha-Robotik, welche den Gang nur in biomechanischen Kategorien erfasst. Aus Sicht der ANT geht die Autorin davon aus, dass eine gelungene körperliche Fortbewegung als ein Netzwerk unterschiedlicher Akteure beschrieben werden muss: Körper(-teile), Wissen, Erfahrungen und materieller Objekte. Sie schlussfolgert, dass die Maschinen nur einen Teilakteur des Gesamtnetzwerks ersetzen, nämlich die am Gehen beteiligten Muskelgruppen, jedoch das individuelle „Gangwissen“ der PatientInnen nicht ersetzen können. Sie versteht ihren Beitrag als Vorschlag zur Verbesserung der Therapie-Ergebnisse in der Schlaganfallrehabilitation, indem sie eine verstärkte Aufmerksamkeit für das individuelle Gangwissen von PatientInnen einfordert.
Einer Kombination qualitativer Verfahren bedient sich ebenfalls Stefan Reinsch in seiner Studie zur Mukoviszidose-Therapie. Ausgangspunkt ist die Problematik, dass gerade Jugendliche die Mitwirkung an der zeitaufwändigen Behandlung der Krankheit vernachlässigen. Durch teilnehmende Beobachtungen, Einzelinterviews und Gruppendiskussionen nimmt der Autor „die Konstellation Patient_in, Behandler_in, Klinik in ihren verschiedenen Alltagen als Akteur-Netzwerk in den Blick“, um die Frage zu beantworten, wie es Jugendlichen gelingen kann, ihr Leben mit der Mukoviszidose-Therapie zu integrieren. Der Autor versucht zu zeigen, dass hierfür nicht nur menschliche Akteure Voraussetzungen schaffen, sondern auch nicht-menschliche, wie z.B. Therapiegeräte oder der Entzündungsmarker CRP. Trotz der Darstellung dreier Schlüsselkonzepte der ANT kann die Anwendung dieser Perspektive nicht ganz überzeugen. Als Ergebnis seines Beitrages kann festgehalten werden, dass es letztlich die beteiligten Personen sind, denen die Aushandlung einer stabilen therapeutischen Beziehung obliegt: Ein Ergebnis, dass mit Hilfe „klassischer“ sozialer Netzwerkanalyse pointierter hätte herausgearbeitet werden können und die Frage nach dem Mehrwert der ANT an dieser Stelle aufwirft.
Als eine gelungene Anwendung des von Donna Haraway prominent vertretenen „Cyborg“-Konzepts kann die Studie von Nora Walther bezeichnet werden. Am Beispiel eines Hormonimplantats zur Schwangerschaftsverhütung argumentiert die Autorin, dass hier eine neuer, sich selbst regulierender Hybrid aus Organismus, Technik und Bedeutung geschaffen wird und beleuchtet anschließend die Körper- und Selbstwahrnehmungen der Nutzerinnen des Implantats. Das interessante Ergebnis ihrer Interviewstudie ist, dass von den Nutzerinnen ihr manipulierter Körperzustand als Befreiung beschrieben und eine „Neutralisierung“ des weiblichen Körpers begrüßt wird. Die Autorin schlussfolgert, dass dieser organisch-technische Körperzustand "mit keinem der anderen traditionell als weiblich definierten Zustände zu vergleichen“ ist und vermutet die Entstehung einer neuen Form von Körperlichkeit, „die auch eine neue Interpretation von „Weiblichkeit“ bieten könnte.“ Damit kann sie zeigen, dass enge Verkoppelungen von Mensch und Technik nicht nur auf materieller Ebene, sondern auch in Bezug auf die Formung neuer Identitäten und Selbst-Entwürfe relevant sein können.
Für die Analyse einer Online-Dating-Plattform verwendet Markus Quetsch den Begriff des „Mittlers“ aus dem Repertoire der ANT und will untersuchen, wie ein virtuelles soziales Netzwerk das Knüpfen und Halten von Kontakten ermöglicht. Sein Beitrag besteht vor allem aus einer Nacherzählung der Selbstdarstellungsformen von Nutzern auf ihren virtuellen Profilen. Seine Fallgeschichten münden in die leider wenig konkrete Vermutung, dass „technische Mediation auch im Bereich des Online-Dating kein geradliniger Prozess ist, sondern auf vielfache, unvorhersehbare Weise vermittelt, wobei diese Vermittlung sowohl unzählige humane als auch non-humane Instanzen mitbestimmen.“ Die von ihm aufgeworfenen Anschlussfragen führen den Leser irritierend weit weg von der ANT in den Bereich der klassischen quantitativen Sozialforschung – leider ohne dass das Potenzial der ANT an dieser Stelle ausgeschöpft worden wäre.
Lydia-Maria Ouart analysiert die Festlegungspraxis von Pflegestufen durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung. Auf Grundlage teilnehmender Beobachtung und Interviews zeichnet die Autorin sorgfältig nach, wie die Gutachterinnen des MDK vorgehen, wenn sie den Pflegeumfang von Personen festlegen. Diese Festlegung, so ihre These, kann als das Ergebnis einer Asymmetrie zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren interpretiert werden: „Den vorhandenen Materialitäten – seien es Körper oder Dokumente – messen die Gutachterinnen häufig ein größeres Gewicht bei als den mündlichen Schilderungen.“ Grund dafür sei das Gutachtenformular, welches als mächtiger Akteur über die Relevanz von Informationen entscheidet und in großem Maße handlungsleitend auf die Beurteilungspraxis wirkt. Der Beitrag der Autorin ist wegen der gelungenen Anwendung qualitativer Methoden und der Schlüssigkeit der Argumentation als besonders informativ hervorzuheben. Ihre Einsicht, dass Pflegestufenfestlegungen im derzeitigen System nur dann gelingen können, wenn die Aussagekraft von Dokumenten höher bewertet wird, als die Selbstbeschreibung von Patienten, zeigt das kritische Potenzial der ANT und zugleich eine beunruhigende Schieflage in der derzeitigen Begutachtungspraxis auf.
Denny Chakkalakal widmet sich in seinem Beitrag dem Thema der kardiologischen Rehabilitation. Ausgehend von dem Grundgedanken, dass Rehabilitation am Ziel der Wiederherstellung und Sicherung von Teilhabe orientiert ist, stellt er die Frage, wie „über eine Stabilisierung eines neuen Gesundheitskonzepts, das neue Körperbilder und Alltagsroutinen bzw. -wissen impliziert, eine Lebensstilveränderung“ der PatientInnen herbeigeführt werden kann. Als Ergebnis seiner ethnografischen Feldforschung hält er fest, dass die PatientInnen mit einem Risikodiskurs des „inhärent Krankseins“ konfrontiert werden, in welchem Gesundheit als eine stets zu erarbeitende Größe definiert wird. In einer Art „Blutdruckmanagement“ übernimmt Medizintechnik die Rolle einer Kontrollinstanz und produziert Werte, über die sich verschiedene Akteure erst zueinander in Beziehung setzen können. Dass Technik ein wirkmächtiger Akteur für die Etablierung neuer Körper- und Selbstbilder ist, könnte an diesem Beispiel besonders deutlich werden – leider verzichtet der Autor auf eine Einordnung seiner Befunde in die ANT, die sich als theoretische Folie hier schließlich besonders anbietet.
In ihrer Feldforschung in einem Zentrum für Brustkrebserkrankungen beschäftigt sich Mirjam Staub schließlich mit dem Spannungsfeld von Individualisierung und Gruppenbildung unter den Patientinnen. Sie fragt, wie „Veränderungen in Selbstverständnis und Kollektivbildung durch medizinische Praxis, d.h. im Kontakt mit der Klinik (…) hervorgebracht“ werden. Aus Sicht der ANT geht sie davon aus, dass hierbei verschiedene Akteure mitwirken: „Körper, Technologien, Medikamente, Artefakte“. Die Autorin zeigt, dass insbesondere bei einem diffusen Krankheitsbild wie Krebs Blutwerte eine wichtige soziale Aufgabe übernehmen: Sie individualisieren die Patientinnen im Sinne einer „somatischen Individualität“, indem sie eine verstärkte Sorge um den eigenen Körper einfordern. Die Ursache für Gemeinschaftsbildung unter Patientinnen diskutiert sie am Konzept der „Biosozialität“ von Paul Rabinow und gelangt zu dem Schluss, dass auch bei einer Krankheit wie Krebs, die einen stark individualisierten Umgang nahelegt, Gemeinschaftsbildungen auf Grundlage biomedizinischen Wissens um den eigenen Körper stattfinden können.
Diskussion
Die Beiträge des Bandes schwanken stark in ihrer Qualität. Einige können dem Themenfeld originelle Fragestellungen und plausibel hergeleitete Thesen abgewinnen, während andere es deutlich an argumentativer Stringenz vermissen lassen. Hervorgehoben werden sollte insgesamt der facettenreiche Einsatz qualitativer Forschungsmethoden bei der für ein studentisches Forschungsprojekt recht anspruchsvollen Thematik.
Als Manko muss klar benannt werden, dass die Anbindung der empirischen Befunde an die entsprechenden Theorien oft nicht gelingt. Zwar versteht sich die ANT als eine relativ offene Perspektive, die den „Akteuren folgen muss“ um soziale Bindungen nachzuzeichnen während sie entstehen, d.h. ohne im Vorhinein das Soziale auf einen spezifischen (menschlichen) Bereich einzugrenzen. Daher liegt auch der Einsatz qualitativer Methoden sehr nahe. Dennoch verfügt die ANT mittlerweile über ein differenziertes Begriffsinstrumentarium, das unter anderem auch in Auseinandersetzung mit (Medizin-)Technik gewonnen wurde. Eine Übertragung dieses reichhaltigen Instrumentariums auf die qualitativen Befunde wurde schlichtweg verpasst. Als Leser findet man sich daher in einem sehr heterogenen Geflecht aus Thesen und Ideen, die man mit Hilfe des eigenen Hintergrundwissens zwangsläufig selbst „vernetzen“ muss. Dementsprechend ist der Band nicht als erste Beschäftigung mit dem Themenbereich zu empfehlen. Da insgesamt recht sparsam mit den Konzepten der „relational-materiellen Perspektive“ gearbeitet wird, drängt sich zudem der Eindruck auf, dass die informativen Ergebnisse einiger Beiträge vor allem der Fruchtbarkeit ethnografischer Feldforschung zu verdanken sind – und weniger den angewendeten Theorien.
Ebenfalls ist auch die Stoßrichtung des gesamten Bandes nicht eindeutig und lässt Fragen offen. Neben der Akteur-Netzwerk-Theorie werden in Einleitung und Buchrückseite Autoren wie Deleuze, Guattari und Foucault bemüht – sie spielen jedoch in keinem der Beiträge eine Rolle. Ebenfalls stellt man erst nach einem Blick in das Inhaltsverzeichnis fest, dass es sich hier um ethnografische Studien zum Einsatz von Medizintechnik handelt, von denen die Mehrzahl mit der ANT arbeitet. Eine nicht ganz unwichtige Information, die sich jedoch weder aus Buchbeschreibung noch Titel erschließt – zumal Krankheit (zum Glück!) nicht gerade unter „Alltag“ fällt. Was dieser gesamte Themenkreis nun mit den foucaultschen „Technologien des Selbst“ zu tun haben soll, die auf der Buchrückseite als das zentrale Thema des Bandes suggeriert werden, bleibt schleierhaft – schließlich geht es ja im Großteil der Beiträge weder um Foucault, noch um körperliche Ästhetisierungpraktiken.
Fazit
Eine inhaltliche und editorische Fokussierung des Sammelbandes, sowie eine stärkere Berücksichtigung entsprechender Theorien in den Beiträgen wären nötig gewesen. Als das eigentlich Gewinnbringende des Buches sind einige originelle Denkanstöße zu nennen, die sowohl für eine theoretische Weiterarbeit, als auch für die Praxis sozialer Arbeit anschlussfähig sein können. Um diese weiterzuverfolgen bleibt der Leser/die Leserin jedoch unbedingt auf die Lektüre grundlegenderer Texte verwiesen.
Rezensent
Dipl.-Soz. Andreas Gefken
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Zitiervorschlag
Andreas Gefken. Rezension vom 30.05.2011 zu: Michalis Kontopodis, Jörg Niewöhner (Hrsg.): Das Selbst als Netzwerk. transcript (Bielefeld) 2010. 227 Seiten. ISBN 978-3-8376-1599-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11164.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.
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