Ernst-Uwe Küster: Fremdheit und Anerkennung. Ethnographie eines Jugendhauses
Ernst-Uwe Küster: Fremdheit und Anerkennung. Ethnographie eines Jugendhauses. Beltz Votum (Weinheim, Berlin, Basel) 2003. 171 Seiten. ISBN 978-3-407-55897-8. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 42,80 sFr.
Kasseler Studien zur Sozialpädagogik, Band 3. Herausgegeben von Ch. Sachse, F. Tennstedt, W. Thole in Zusammenarbeit mit dem FB Sozialwesen der Universität Kassel.
Einleitung: "Neues vom Rand der Wildnis"
Die Offene Jugendarbeit scheint so sehr am Rande der pädagogischen Institutionslandschaft zu liegen, so fremd und unbekannt scheint ihre "Kultur", dass sie eine Ethnographie braucht. Forscher wie der tapfere E.-U. Küster müssen in das "Herz der Finsternis" reisen und berichten, welche Produktions- und Reproduktionsweisen, Bräuche und Regeln, welche Mythen und Märchen, Deutungs- und Handlungsmuster unter diesen "Wilden" wohl herrschen möchten.
Und tatsächlich, von dieser marginalsten unter den Jugendhilfeeinrichtungen (im Vergleich mit KITA und HzE geringste Finanzausstattung, geringe Bedeutung für ökonomierelevante Qualifikation, kaum politisch-öffentliche Anerkennung, institutionelle Machtlosigkeit...) ist wenig bekannt. Nur Nutzer und Beschäftigte - also die Insider- wissen "was abgeht", aber Eltern, Politik, Öffentlichkeit, andere soziale und erzieherische Institutionen, staatliche Einrichtungen etc. ja oft sogar die eigenen Amtsleiter oder Trägervertreter haben in der Regel keine Ahnung und bedienen sich aus einem schmalen Fundus von Stereotypen und Vorurteilen über die Offenen Jugendarbeit. Der kleine Kreis der Jugendarbeitstheoretiker(Innen) beschäftigt sich weistestgehend damit, dem Feld konzeptionelle Vorschläge (oder Vorschriften?) zu machen und kümmert sich wenig um dessen Darstellung und Vermittlung an Außenstehende.
Ethnographische Analysen dieser "terra incognita" müssten also willkommen sein und schon deshalb ist Küsters Bericht zu begrüßen und allem zu empfehlen, die sich für die "Zone" der Offenen Jugendarbeit am Rande der wilden Jugend-Lebenswelten interessieren oder dringend einmal interessieren sollten.
Aufbau des Buches
Küsters Buch hat drei Hauptkapitel:
- eine Bestandsaufnahme zur Situation der Offenen Jugendarbeit, die sich besonders auf die referierten Ergebnisse der (wenigen und "alten") Alltagsbeschreibungen des Feldes stützt (von Kraußlachs Klassiker "Aggressive Jugendliche" von 1976, über Alys "Wofür wirst du eigentlich bezahlt?" von 1977 - übrigens eine Frage die sich Hauptamtliche im Feld häufig anhören müssen - bis zu Schröders Analyse der Entwicklung einer Jugendclique von 1991). Sie wird ergänzt um Erläuterungen zur "Methodenauswahl und Forschungshaltung" Methoden waren: narrative Interviews mit Besuchern und MitarbeiterInnen, teilnehmende Beobachtung, Interaktionsprotokolle, Fotos, etc. Hier finden sich auch Küsters Forschungsfragen: Ist die Offenen Jugendarbeit (noch) an den gleichen Problemen wie schon früher (siehe nächster Spiegelstrich)? Geht es mehr um "Beziehung" oder um "Raum und Serviceangebot"? Wie emotional involviert und belastet sind die MitarbeiterInnen? Und welche Deutungs- und Handlungsmuster der MitarbeiterInnen in Bezug zu den BesucherInnen lassen sich identifizieren?
- eine ethnographisch interpretative "dichte Beschreibung" des "Gebietes" (der Stadtteil des Jugendhauses) , der jugendlichen BesucherInnen (unter den Stichworten: " Bildungsarmut, Geld und Arbeit, Gewalt und Solidarität, Sprache und Stil, Mädchen-sein und Geschlechterkampf, Sexualität") und der drei männlichen hauptamtlichen Mitarbeiter.
- Unter der Überschrift: "Jugendarbeit als Lebensort" versucht Küster abschließend Elemente der alltäglichen pädagogischen Kultur dieses Hauses und seiner Mitarbeiter herauszuarbeiten (Stichworte: " Das Öffnen von Anfängen, Ehre und Kampf um Anerkennung, Mimesis und Lebensort, Bildungsprozesse und unorthodoxe Didaktik, Soziale Dienstleistung")
Inhalt
Der von vierspurigen Bundesstrassen umgebene Stadtteil (einer nicht benannten "norddeutschen Großstadt") in dem das untersuchte Jugendhaus liegt, hat eine fortgesetzte Tradition eines Ghettos für arme Migranten und Einheimische, die von (insgesamt 37!) professionellen Helfern/Kontrolleuren des Sozialstaats in einer Art fürsorglicher Belagerung betreut werden. Die Jugendhauspädagogen beklagen eine Versorgungsmentalität bei den Bewohnern und bezeichnen sie als "vom Stamme Nimm". Die hauptsächlich männlichen Besucher des Jugendhauses haben kaum Sonder- oder Hauptschulabschlüsse, leben von staatlichen Hilfen, Nebenjobs, ABM und/oder(Klein-) Kriminalität. Sie befinden sich in der"Tantalus-Situation": "unentrinnbar an die alltägliche Not angekettet (...) und gleichzeitig den erlösenden Konsumreichtum vor Augen" ( S.70). Sie verlassen ihre "Insel" kaum, sind untereinander gewalttätig, schleißen sich aber auch gegen Außenfeinde zusammen; orientieren sich jugendstilistisch an ihrer Variante von Hip-Hop Gangstern; sprechen ein türkisch-deutsches Gemisch; heiraten in vermittelte ("türkische") Ehen, haben aber auch"deutsche" Geliebte und pflegen einen machistisch-pubertären Männlichkeitsstil.
Die drei männlichen Mitarbeiter werden typisiert als der "Macher/aufgeklärte Macker Lutz Wolkenhauer" - Küsters Phantasienamen der Mitarbeiter sind wohl als Charakterisierungen zu verstehen-; der fachlich informierte, hintergrundwirksame "Rolf Sachte" und der jugendzentrierte, flippige "Psychopath" - so sein nickname bei den Jugendlichen- "Daniel Bunte". Bezeichnend für die männlich-dominierte Kultur des Hauses ist, dass die Mitarbeiterinnen als irrelevant erscheinen. Küster deutet die Mitarbeiter denn auch für den Leser nachvollziehbar als "Helden in einem Westernszenario" (S. 107), und man sieht sie zunehmend als Abenteurer, die sich im Auftrag braver Bürger im vorgeschobensten - aber inzwischen fast außer Kontakt geratenen- Posten der Zivilisation der "Wilden" annehmen.
Auch ihre Pädagogik ist davon geprägt. Sie versuchen ein Mindestmaß an Zivilisation zu vermitteln (Eindämmung von körperlicher Gewalt, "Wahrung der letzten Grenzen von Ehre und Anstand bei allen beteiligten Personen", Konfrontation mit Realitäten - als Aufzeigen der Grenzen von Personen und Lebensumständen - und Wahrung eigener Authentizität, S.128), schaffen dies aber eher nur für den Bereich ihrer Station und kaum für die sonstige Lebenswelt der Besucher. Fachliche Reflexion oder gar Konzeptentwicklung erscheint den pädagogischen Raubeinen denn auch als unsinniges "Gequatsche", was Küster als größtes Manko analysiert. Sie selber scheinen den Lebensort an der Grenze sehr zu schätzen und dort persönliche Bedürfnisse und kulturelle Stile ausleben zu können, obwohl sie damit in Gefahr geraten, sich kaum noch von den wilden Jugendlichen zu unterscheiden, z.B. in der sexualisiert-verarschenden "Verrohung" der eigenen Sprache. Fast rührend dagegen ihr erzieherischer Versuch, zivilisatorische Mindestregeln, wie das "Bitte-Danke-Sagen" durchzusetzen. Die Mischung aus Missionsstation und (alkoholfreiem) Saloon bietet den Jugendlichen zuerst einmal einen eigenen Raum für ihren Typ von Freizeitgestaltung und leistet darüber hinaus Hilfen beim Lesen von Amtsschreiben, Bewältigung von Behördenkontakten, Bestehen der Führerscheinprüfungen - in der Szene wichtiger als Schulabschlüsse !- und bei Bewerbungen.
Bewertung
Der Verdienst der empfehlenswerten Studie liegt darin, dass sie überhaupt einmal einen Einblick in die marginalisierten Welten Offener Jugendarbeit bietet (Aber Vorsicht: der "Nachbarstamm" ist schon wieder ganz anders und doch irgendwie ähnlich!). Küsters dichte Beschreibung bleibt nicht nur deskriptiv-äußerlich, sondern wagt ergebnishaltige Deutungen. Diese sind zwar nicht systematisch und eher spontan an theoretische Versatzstücke angelehnt ("Anerkennungtheorie" wird eingeführt, "Mimesis" bleibt offen und ärgerlicherweise kommt der Begriff "Fremdheit" des eher hochtrabend-verwirrenden Buchtitels gar nicht als Kategorie vor), aber es werden immerhin für den Leser anregende Deutungen gewagt. So ist die Studie auch ein wichtiges Material für sekundäre Interpretationen, zu denen die Riege der Jugendarbeitstheoretiker sich aufgefordert fühlen kann. Man bekommt einen lebendigen Eindruck vom und aufschlussreiche Einsichten zum "Outback" der Offenen Jugendarbeit. Man erkennt wie schwer der pädagogische Alltag dort sein kann, welche Leistungen trotzdem erbracht werden, aber auch welche Mängel an fachlicher Professionalität bestehen.
Leserempfehlung und Fazit
Wenn man denn glauben könnte, dass die "braven Bürger" sich aus diesem ehrlichen Bericht von der pädagogischen Front nicht doch nur wieder ihre Vorurteile herausziehen würden, dann sollten besonders JugendpolitikerInnen den Bericht lesen; na gut, besser wäre es, selber mal im Jugendhaus vorbeizuschauen - die beißen nicht! Meistens jedenfalls. Studierende bekommen einen realistischen Eindruck vom Feld; schön wäre, wenn sie diesen nicht als unveränderbar, sondern als Motivations- und Ausgangspunkt eigener innovativer Kompetenzaneignung nähmen. Fachkräfte der Offenen Arbeit können sich und ihre Arbeitssituation leicht, aber auch riskant wiedererkennen. Sie könnten stattdessen die Studie nutzen, um in der leichteren Kritik der fremden Einrichtung auch für ihr eigenes Jugendhaus eine verbesserte Praxis zu entwerfen.
Rezensent
Prof. Dr. Benedikt Sturzenhecker
Fachhochschule Kiel
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Zitiervorschlag
Benedikt Sturzenhecker. Rezension vom 16.09.2003 zu: Ernst-Uwe Küster: Fremdheit und Anerkennung. Ethnographie eines Jugendhauses. Beltz Votum (Weinheim, Berlin, Basel) 2003. 171 Seiten. ISBN 978-3-407-55897-8. In: socialnet Rezensionen unter http://www.socialnet.de/rezensionen/1120.php, Datum des Zugriffs 12.03.2010.
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