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Michael Doh: Heterogenität der Mediennutzung im Alter

Cover Michael Doh: Heterogenität der Mediennutzung im Alter. Theoretische Konzepte und empirische Befunde. kopaed verlagsgmbh (München) 2010. 443 Seiten. ISBN 978-3-86736-247-4. 24,80 EUR.

Reihe: Gesellschaft – Alter(n) – Medien - 2.
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Thema

Die vorgelegte Arbeit ist eine Dissertation (Institut für Gerontologie / Netzwerk Alternsforschung) der Universität Heidelberg und stellt u.a. auch eine Sekundäranalyse einschlägiger empirischer Studien und Untersuchungen dar: Interdisziplinäre Längsschnittstudie des Erwachsenenalters (ILSE 2005) und „Massenkommunikation der ARD-Werbung Sales & Services GmbH/Media Perspektiven 2000/2005“. Die untersuchte Gruppe repräsentiert die Gruppe der 60+ Jährigen, die in ihrer Mediennutzung sehr divergent und heterogen und überhaupt nicht einheitlich sind. Die Dissertation entwickelt in ihrem Design einen multidisziplinären theoretischen Referenzrahmen, der individuelle, gesellschaftliche und umweltbezogene Konzepte reflektiert. Insofern stellt diese Studie einen Beitrag zu einer differenziellen Mediengerontologie dar.

Autor

Dr. Michael Doh ist wissenschaftlich assoziiertes Mitglied der Abteilung für Psychologische Alternsforschung am Psychologischen Institut der Universität Heidelberg. Seine Dissertation wurde im Mai 2011 mit dem 2.Preis Willi Abts Förderpreis und im Juli 2011 mit dem Förderpreis 2011, Leipzig ausgezeichnet. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Mediennutzung älterer Menschen; Neue Medien im Alter; Altersbilder in den Massenmedien; Gerontechnologie; Redakteur für den Bereich „SeniorInnen“ im Informationsportal „Stiftung Digitale Chancen“ (www.digitale-chancen.de).

Aufbau

Das Buch gliedert sich in 6 Hauptkapitel nebst Literaturverzeichnis und Anhang:

  1. Einleitung
  2. Theoretische Grundlagen und empirische Befunde
  3. Forschungsfragen
  4. Methodik
  5. Ergebnisse
  6. Diskussion
  7. Literatur
  8. Anhang, Tabellenverzeichnis, Abbildungsverzeichnis

Inhalt

Ad 1. Einleitung

In modernen Gesellschaften vollzieht sich nicht nur in den nachwachsenden Generationen ein Strukturwandel, sondern auch in der Gruppe der 60-Jährigen und darüber hinaus, was unter anderem damit zu tun hat, dass die Lebenserwartung heute deutlich höher anzusetzen ist und Menschen auch in hohem Alter sich mit ihrer mediatisierten und technisierten Umwelt auseinandersetzen: „Damit verbunden wachsen derzeit Generationen heran, die ihre „formative Phase“ in einer digitalen Medienwelt zubringen …, während ältere Generationen mit einer „analogen Medienpraxiskultur“ Schwierigkeiten haben können, den Anschluss an die neuen „digitalen“ Umwelten zu halten. Diese bestehende „Digitale Kluft“ birgt nicht allein das Problem intergenerationell inkompatibler Informations- und Kommunikationswelten und einer unzureichenden gesellschaftlichen Integration und Partizipation älterer Kohorten. Es behindert auch die Möglichkeit, die vielfältigen Potenziale dieser neuen Medien als Entwicklungsressource im Alter aufzugreifen und kompetent zu nutzen.“ (S. 2) Bislang wurde, so der Autor, die Interdependenz von medien- und altersbezogenen Forschungsansätzen kaum theoretisch reflektiert; noch wurden spezielle Forschungsdesigns entwickelt, die die verschiedenen Gruppen des Alters / Dritten Alters / Vierten Alters fokussierten. Der Forschungsstand lässt sich wie folgt charakterisieren:

  1. Ältere Menschen gehören aufgrund ihres Zugewinns an freier Zeit zu den Gruppen intensiver NutzerInnen der klassischen Medien wie Fernsehen, Radio und Zeitung (S. 3).
  2. Im Alter stellt das Fernsehen das Leitmedium dar (S. 3).
  3. Gleichzeitig besteht unter älteren Menschen eine Heterogenität der Mediennutzung (S. 3.) und die Lebensphase des Alters muss in sich sehr differenziert werden.

Die mediengerontologischen Prämissen des Autors sind Folgende: „Ältere Menschen nutzen die Medien aktiv und selektiv aufgrund von Bedürfnissen und Gratifikationserwartungen (rezipientenorientierte Perspektive): Medien stellen mediale und soziale Umwelten dar (sozialökologische Perspektive) und dienen nicht nur als Prothese und zur Kompensation, sondern auch als Ressource und Verstärkung (medienphilosophische Perspektive). Medien können folglich proaktiv als Entwicklungsressource und als gezielte Adaptation genutzt werden (successful aging Perspektive). Durch technische und mediale Innovationen verändern sich mediale Umwelten, wobei eine Innovationsaffinität älterer Menschen gegenüber neuen Medien erschwert ist (diffusionstheoretische Perspektive). … Dabei nimmt der Umweltdruck mit dem Alter zu, weshalb die häusliche Umgebung als ökologisches Zentrum an Bedeutung gewinnt und damit die häusliche Mediennutzung (ökogerontologische Perspektive).“ (S. 4)

Ad 2. Theoretische Grundlagen und empirische Befunde

Die theoretischen Grundlagen und die empirischen Befunde werden an der Alterskohorte der Geburtsjahrgänge 1930-32 spezifiziert. Auf dem Hintergrund medienphilosophischer Ansätze wird die Auffassung vertreten, dass der Mensch ein Mängelwesen sei, in dessen Alter bzw. Alterung bestimmte Funktionen abnehmen, sodass Medien „Hilfsmittel zur Kompensation und Substitution menschlicher Mängel bzw. Prothesen“ darstellen (vgl. Hartmann 2003a, b; Hartmann 2000; Freud 1986). Vor allem Sigmund Freud sah im Menschen mit seinen Hilfsmitteln einen „Prothesengott“. In einem weiteren Konzept nach Marshall McLuhan (1968 a, b) wurde die Entwicklung der Kommunikationsmedien analog menschlicher Evolution als kulturelle und mediale Evolution charakterisiert. Einige VertreterInnen dieser z.T. auch medienkritischen Bewegung sahen im Aufkommen des Computerzeitalters das Ende der Schriftkultur heraufdämmern oder die Verselbstständigung der Technik als Gefahr: „Im aktuellen medienphilosophischen Diskurs spielen kulturanthropologische Szenarien eine untergeordnete Rolle; es überwiegen integrative Ansätze. Dabei werden nicht nur kulturpessimistische Auffassungen und Mensch-Technik-Analogien zurückgewiesen … Vielmehr werden die klassischen Prothesen- und Kompensationstheorien als unzureichend betrachtet, da sie die Novität des neuen Zeitalters von Computertechnologie, Mikroelektronik und Wissenssystemen nicht erklären können. Auch wird im gegenwärtigen Diskurs die Entgegensetzung von Mensch und Technik/Medien in Frage gestellt.“ (S. 17) Selbstverständlich ist richtig, dass ältere Menschen ihre im Alter eingeschränkten sensomotorischen Fähigkeiten ausgleichen, aber Alter muss nicht mit Entwicklungsverlusten gleichgesetzt werden. Es kann auch Entwicklungsgewinne geben, d.h., in den Medien werden auch neue Ressourcen zur Verfügung gestellt. So hat z.B. der Uses and Gratification Approach-Ansatz (=UGA) als rezipientenorientierter Ansatz der Medien- und Kommunikationsforschung den medienorientierten Ansatz des vergangenen Jahrhunderts abgelöst und betont die motivationalen und funktionalen Aspekte der Mediennutzung: „Als zentral gelten die sozial und psychisch bedingten Bedürfnisse, die konkrete Erwartungen generieren und die wiederum zu einer spezifischen Mediennutzung und letztlich zu Gratifikationen führen können.“ (S. 23) Vier wesentliche Grundannahmen zeichnen den UGA aus:

  1. Mediennutzung ist ein aktiver Prozess des Mediennutzenden.
  2. Der Mediennutzende wählt aus dem Angebot der Massenmedien Medien aus und nutzt sie zu seinem Gebrauch, d.h., er verbindet Gratifikationen mit dieser Auswahl.
  3. Medien sind nur eine mögliche Quelle der Bedürfnisbefriedigung (S. 24).
  4. Motive und Ziele der Mediennutzung sind dem Nutzenden bekannt und können deshalb empirisch erfasst werden.

Klar ist aber auch, dass Mediennutzung in der Theoriediskussion der Medienforschung auch ein Feld von Intentionen und Vermeidungsstrategien darstellt, sodass neuere Modelle der Mediennutzung, wie z.B. der kontextbezogene Nutzenansatz, neue Zugänge finden müssen. Der kontextbezogene Nutzenansatz beruht auf einem interpretativen Handlungskonzept sozialen Handelns; ebenso das Dynamisch-Transaktionale Modell, in dem Rezipienten erst durch hermeneutische Prozesse Medieninhalten Bedeutung zuweisen. Ähnlich arbeitet auch das Elaboration Likelihood Modell von Petty & Cacioppo (1986). Der Forschungsbereich Alter und Medien ist in Deutschland noch recht jung und entstand in Deutschland erst in den 1970er Jahren; erste Differenzierungen erfolgten in den 1980er Jahren, wobei lange Zeit die über 50-Jährigen nicht weiter unterschieden wurden und als belanglose „Restkategorie“ galten; vor allem aber fehlten rezipientenorientierte Ansätze. Nach wie vor gilt in der Medienforschung das Fernsehen als Leitmedium des Alters, weil damit kognitive, affektive, soziale Bedürfnisse und auch das Bedürfnis nach Orientierung und Identität oder auch das Bedürfnis nach Ordnung und Struktur (z.B. Tagesschau als Strukturprinzip) befriedigt werden können. Empirisch abgesichert ist die überdurchschnittliche Nutzung des Fernsehens im Alter (S. 39), wobei aufgrund des defizitorientierten Altersbildes Kompensationshypothesen dominieren: „Die hauptsächlichen Aspekte der Medien und besonders der Fernsehnutzung älterer Menschen werden im Zusammenhang von Ersatz und Rückzug gesehen.“ (S. 41) In den neueren Medienanalysen lässt sich jedoch eine heterogene Fernsehnutzung im Alter nachweisen. Auch die medienbiografische Forschung hat sich inzwischen dieser Sicht angeschlossen. Zum Beispiel kann auch das Lesen von Büchern der lustvollen Persönlichkeitsentwicklung dienen: „Beim Lesen lassen sich identifikatorische und empathische Erfahrungen sammeln, die zur Bearbeitung von Entwicklungsaufgaben unterstützend wirken. Dies ist ein Beispiel, wie Medien auch als Ressource für Entwicklungsgewinne verstanden werden können.“ (S. 50) Im Moment existieren drei miteinander konkurrierende Alterungstheorien, die Altern sowohl als ein gesellschaftliches als auch als ein individuelles Problem beschreiben:

  • Die Disengagement-Theorie (Cumming & Henry 1961) beschreibt ein defizitorientiertes Alterungsbild (S. 56). Empirisch gilt dieser Ansatz heutzutage als überholt.
  • Die Aktivitätstheorie (Havighurst 1979; 1982; 1996; Havigurst & Neugarten et al. 1996a, b; 1998; Neugarten 1996; 1998) ist im Grund der gegenteilige Ansatz zur Disengagement-Theorie: „Sie positionieren ein erfolgreiches, zufriedenes Altern, wenn Aktivitäten und soziale Kontakte des mittleren Lebensalters auch in der nachberuflichen Phase erhalten bleiben.“ (S. 57) Aber auch dieser Ansatz gilt in manchen Bereichen des Alterns als reduktionistisch.
  • Die Kontinuitätstheorie sieht dagegen vor, dass der Mensch im nachberuflichen Lebensalter sich neu orientiert und stabilisiert und Resilienz gegenüber Einschränkungen und Verlusterfahrungen entwickelt: „Ein Manko in diesem Ansatz ist die Betonung persongebundener Aspekte, die zur Erklärung individueller Differenzen beitragen. Gesellschaftliche Ursachen für soziale Ungleichheiten werden nicht erfasst. Für sozial benachteiligte Gruppen stellt jedoch eine Kontinuität von Ungleichheitsmomenten im Alter keine Lösung dar. Ebenso stößt die Kontinuitätstheorie an ihre Grenzen, wenn Diskontinuitäten wie gesundheitliche Veränderungen so bedeutsam werden, dass eine innere Kontinuität nicht mehr möglich ist.“ (S. 60) Attraktiv sind die Weiterentwicklungen in bestimmten Lebenslaufansätzen (z.B. Baltes et al. 1989; Baltes 1994; Altrock 2008; Lehr 2008) mit ihren successful aging Perspektiven. Zu unterscheiden sind in diesem Zusammenhang das dritte und vierte Alter. Das vierte Alter hat dann tatsächlich gehäuft mit Verlusterfahrungen zu tun; gleichzeitig existiert aber in dieser Lebensphase ein erhöhter Kultur- und Medienbedarf. Die ForscherInnen unterscheiden Entwicklungsprozesse, die aus einem komplementären Zusammenspiel von Selektion – Optimierung – Kompensation (S. 79) bestehen: „Durch bewusst zielgerichtete, handlungsorientierte Anstrengungen wird versucht, eine wahrgenommene Diskrepanz zwischen bestehendem und angestrebtem Zustand zu minimieren.“ (S. 81)

Empirisch aufweisbar ist der Umstand, „dass eine sozial aktive Lebensführung positive Auswirkungen auf Gesundheit, kognitiven Funktionsstatus, subjektives Wohlbefinden und die Lebenserwartung haben kann.“ (S. 83) Zu den aktiv eingesetzten Copingstrategien gehören auch die Medien. Auch der alte und hochaltrige Mensch ist im sozialökologischen Ansatz von Dieter Baacke (1980) nicht hilflos seinen Umweltbedingungen ausgesetzt (S. 91) Entscheidend sind hierbei letztlich die Adaptionsleistungen des Individuums; auch Medien können altersrelevante sozialräumliche Umwelten darstellen. Die Formen der Adaption lassen sich wie folgt einteilen (S. 96ff): a. Innovators; b. Early Adaptors; c. Early Majority; d. Late Majority.

Aber es gibt keine eindeutigen Alterseffekte (S. 103). Karl Mannheim sieht in seinem Generationenkonzept (1964) die Bedeutung eines biografisch erworbenen Erfahrungswissens. Sackmann & Weymann (1994) nehmen dieses Konzept auf und differenzieren vier Technisierungsschübe:

  1. 1920er Haushaltstechnisierung
  2. Ausbreitungsphase zwischen 1961-1981
  3. 1980er Einführung des Personal Computers
  4. ab 2000 Internetgeneration / Digital Natives

Zu dieser Generationenzugehörigkeit werden komplementär vier Bereiche zugeordnet: Wohnen, Freizeit, Gesundheit, Soziale Beziehungen (S. 135). Für die älteste Kohorte ist aber auch in diesem Konzept bedeutsam, dass das Fernsehen Leitmedium ist.

Ad 3. Forschungsfragen

Michael Doh geht von folgenden Forschungsfragen aus:

  1. Wie lässt sich die aktuelle Mediennutzung älterer Menschen im Kontext von Medienumwelt, Medienrepertoire, subjektiver Bedeutung von Medien und medienbezogenen Bedürfnissen am besten charakterisieren? Welche Unterschiede ergeben sich intergruppenspezifisch (nach Alter) und welche intragruppenspezifisch (nach soziodemografischen Merkmalen)? (S. 163)
  2. Welche Veränderungstrends zeichnen sich in der Mediennutzung älterer Menschen ab? Inwiefern bestehen kohortenspezifische Unterschiede hinsichtlich Konstanz und Veränderung von Mediennutzung? (S. 164)

Doh unterscheidet beide Fragerichtungen nach dem medienökologischen, medienorientierten und dem rezipientenorientierten Bezugspunkt (S. 166).

Ad 4. Methodik

Im vierten Kapitel wird das an MK 2005 und MK 2000 entwickelte Forschungsdesign vorgestellt; dabei wurden 4500 Probanden untersucht; integriert in MK 2005 ist die Zielkohorte der ILSE-Studie 1930-32 mit N=702 (Probanden). Ausgewertet wurde das Datenmaterial mit Hilfe interferenzstatistischer Methoden. Folgende Großkategorien wurden zur Auswertung gebracht:

  • Medien und Freizeit (Freizeitinteressen, Medienausstattung, Mediennutzung, Medieneinstellung)
  • Einstellung und Persönlichkeit (Persönlichkeitstrails, Kontrollüberzeugungen, Selbstbeurteilung zu alterstypischen Veränderungen)
  • Wohlbefinden und Zufriedenheit (subjektives Wohlbefinden, Lebenszufriedenheit, Depressivität)
  • Gesundheit und Selbstständigkeit (Körperliche Symptomatik, basale und instrumentelle Aktivitäten des täglichen Lebens)
  • Kognitive Leistungsfähigkeit (=Intelligenz)
  • Sozioökonomische und soziodemografische Situation (Erwerbstätigkeit, Bildung, Finanzen)

Ad 5. Ergebnisse

Mit zunehmendem Alter wird der häusliche Bereich als ökologisches Zentrum bedeutsam (S. 210); die mobile Mediennutzung geht zurück und beschränkt sich auf den häuslichen Kontext. Die Versorgungsrate für Computer, Internet, MP3-Player und Mini-Disc liegt bei der ältesten Gruppe unter 10%. Person- und umweltbezogene Einflussfaktoren moderieren den Entwicklungsprozess. Aber die digitalen Medien nehmen auch in den höheren Alterskohorten zu, was bedeutet, dass die „Entwicklung der Medienausstattung unter älteren Menschen … folglich sehr heterogen [ist] und … multidirektional zwischen Modernisierung und Verdichtung des Medienportfolios [verläuft]. Jede zweite Person über 60 liest mehrfach in der Woche Bücher; bei zunehmendem Alter steigt die Nutzerrate; erst bei den 80-89-Jährigen fällt die Nutzungsrate auf 40% (S. 224); entscheidend ist hier jedoch der formale Bildungsgrad. In der Gruppe der über 60-Jährigen spielen CD, Kassette oder Schallplatte eine wichtige Rolle; auch Genderunterschiede zwischen den Nutzern sind in dieser Gruppe bedeutsam. Der Zeitaufwand für die Mediennutzung nahm in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich zu. Eine stabile Nutzungsdauer hat das Fernsehen mit ca. 4,5 Stunden pro Tag; wobei das ca. 47% der jeweiligen Gesamtmediennutzung entspricht. Am Anfang seiner Geschichte war das Fernsehen ein Abendmedium (S. 245); heute ist Fernsehen ein 24-Stunden-Medium; ab 1990 wurde gezielt ein Nachmittagsprogramm aufgebaut und dann kam auch der Vormittag hinzu. Das Radio wird am meisten vormittags und mittags genutzt; Tageszeitungen haben heterogene Nutzungszeiten; stark frequentiert ist jedoch die Zeit zwischen 7.30 bis 9.30 am Vormittag. Häufiger bei den über 60-Jährigen ist die Zeit zwischen 16-19 Uhr genutzt; zwischen 11 und 16 Uhr liegt ein temporales Nutzungstief vor (S. 263). „Diese allgemein stärkere Bindung zu Fernsehen, Radio und Tageszeitung unterstreicht die hohe gesellschaftliche Relevanz von Massenmedien im Alter“ (S. 273) Jedoch nimmt das Fernsehen bis zu einem Alter von 80 Jahren zu. Die Nutzungsmotive liegen bei Unterhaltung, Spaß, Information, Denkanstöße bekommen, Gewohnheit, Alleinsein, Vergessen des Alltags; beim Radio stellt sich die Nutzung als modellierender Tagesbegleiter ein; bei der Tageszeitung geht es hauptsächlich um Informationen, Denkanstöße, Partizipation. Die Zufriedenheit der NutzerInnen mit dem Medium Fernsehen liegt bei ca. 50%, wogegen 90% der Befragten mit Radio, Zeitung, Zeitschrift zufrieden sind. In der Gruppe K 30-32 liegt der Schwerpunkt der Freizeitaktivitäten im häuslichen Bereich und dabei auf medialen Tätigkeiten im Umgang mit Fernsehen, Musik und Lesen (S. 327)

Ad 6. Diskussion

In seinem Diskussionskapitel rekurriert der Autor nochmals auf seine Grundannahmen „einer differenziellen und lebensspannenbezogenen Gerontologie und einer rezipientenorientierten Medienforschung. Altern stellt demzufolge ein dynamischer, multidimensionaler, multidirektionaler Entwicklungsprozess dar, der interindividuell und intraindividuell unterschiedlich verlaufen kann. Dies bedingt nicht nur eine Heterogenität im Alternsprozess, sondern drückt sich in vielfältigen Alternsformen und Alternsschicksalen aus. Aufgrund des Stellenwerts, den klassische Massenmedien wie Fernsehen, Radio und Tageszeitung im Alltag älterer Menschen einnehmen, kann Mediennutzung ein substanzieller Bestandteil von Freizeit-, Wohn- und Alternsformen ausmachen. Mediennutzung wird als ein aktiver, selektiver und bedürfnisgeleiteter Prozess verstanden, wobei Faktoren wie Biografie, Persönlichkeit, Lebenslage, Ressourcen und aktuelle Lebenssituation medienbezogene Bedürfnisse bedingen.“ (S. 378) Was in diesem längeren Zitat deutlich wird, ist die Veränderung des medien-sozialökologischen Raums in den verschiedenen Stadien des Alterns. Die Altersgruppe der 60+ -Jährigen kommt durchschnittlich auf ein Mediengesamtbudget von ca. 10 Stunden, was etwa gleich hoch ist wie für die Gruppe der 14-59-Jährigen, aber die temporale Zusammensetzung verändert sich im Alter signifikant und Fernsehen und Lesen haben beträchtliche Zuwächse. Auch bei den Hochaltrigen lassen sich Nutzungsverlagerung und Nutzungsverdichtung beobachten. Die empirischen Befunde der Studien sind kompatibel und anschlussfähig an MK 2000 und MK 2005; auch die Angehörigen der Jahrgänge von 1920-1929 weisen ebenso signifikant dem Medium Fernsehen eine hohe Bedeutung zu.

Fazit

Der Autor räumt in seiner sehr lesenswerten Dissertation mit etlichen Vorurteilen gegenüber der Mediennutzung älterer Menschen auf und zeigt, dass die Mediennutzung Älterer sich in den bevorzugten Medien von den Jüngeren massiv unterscheidet; in der Nutzungsdauer und Nutzungsinteressen und -motiven gleichen sich die verschiedenen Altersgruppen jedoch an. Die These von der Heterogenität der Mediennutzung im Alter ist empirisch gut belegt und nachvollziehbar für den Lesenden geschrieben. Die Ergebnisse der Dissertation sollten m.E. nicht nur in Fachzirkeln Einzug halten, sondern z.B. in den neuen Zweigen der Erziehungswissenschaft, wie Geragogik, breit rezipiert werden.

Literatur

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  • Baacke, Dieter (1980): Der sozialökologische Ansatz zur Beschreibung und Erklärung des Verhaltens Jugendlicher. In: Deutsche Jugend 11, S. 493-505.
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  • Hartmann, Frank (2003 (=2003b)): Mediologie. Ansätze einer Medientheorie der Kulturwissenschaften. Wien: WUV.
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  • Neugarten, Bernice L.; Havighurst, Robert J.; Tobin, Sheldon S. (1996): Personality and patterns of aging. In: Robert J. Havighurst und et al. (Hg.): The meanings of age. Chicago [u.a.]: Univ. of Chicago Pr; Univ. of Chicago Press, S. 264-269.
  • Petty, Richard E.; Cacioppo, John T. (1986): Communication and persuasion. Central and peripheral routes to attitude change. New York: Springer-Verlag (Springer series in social psychology).
  • Sackmann, Reinhold; Weymann, Ansgar; Hüttner, Bernd (1994): Die Technisierung des Alltags. Generationen und technische Innovationen. Frankfurt/Main: Campus-Verl.

Rezensent
Prof. Dr. Wilhelm Schwendemann
Professor für Evangelische Theologie und Didaktik an der Evangelischen Hochschule Freiburg im Fachbereich II (Theologische Bildungs- und Diakoniewissenschaft)
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Zitiervorschlag
Wilhelm Schwendemann. Rezension vom 26.03.2012 zu: Michael Doh: Heterogenität der Mediennutzung im Alter. Theoretische Konzepte und empirische Befunde. kopaed verlagsgmbh (München) 2010. ISBN 978-3-86736-247-4. Reihe: Gesellschaft – Alter(n) – Medien - 2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11244.php, Datum des Zugriffs 25.06.2016.


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