Remo H. Largo: Lernen geht anders
Remo H. Largo: Lernen geht anders. Bildung und Erziehung vom Kind her denken. edition Körber-Stiftung (Hamburg) 2010. 188 Seiten. ISBN 978-3-89684-078-3. 14,00 EUR.
Thema
Remo Largo nimmt Bildung und Erziehung ins Visier, spricht von Umbruch. Und dieser Umbruch vollzieht sich in einer Geschwindigkeit und einer Intensität, dass es schwer fällt, alles noch einzuordnen und vor allem adäquat zu handeln. Es geht um unsere Kinder, unsere Zukunft, wie Politiker in ihren Sonntagsreden unermüdlich verkünden. Aber sie ziehen keine Konsequenzen aus den stattfindenden Umbrüchen. Largo: „Seit Jahrtausenden umkreisen wir das Kind mit unterschiedlichsten Vorstellungen, beim Kind selbst sind wir immer noch nicht angekommen“ (S. 6). Beim derzeitigen Umbruch setzt Largo an und stellt die ketzerische Frage „Was erhoffen wir uns für unsere Kinder?“ (S. 7). Damit überfordert er alle, Eltern, Pädagogen, Politiker. Die aktuelle Bildungsdiskussion und PISA haben zwar aufgerüttelt, aber haben sie auch Fortschritte gebracht? In der Schule ist es unruhig geworden. Bildungs- und Erziehungspläne wurden mit Eifer gepinselt, Lehrpläne fortgeschrieben. Vieles hat sich verändert. Largo spricht von einer Zäsur in der Menscheitsgeschichte. Demografische Probleme, Wandel der Familien, multikulturelle Gesellschaft, die Generationen triften auseinander, Altes wird nicht losgelassen, und so kann Neues nicht entstehen, die Wirtschaft macht Angst, Entwicklung von der Fließbandarbeit hin zum Team, die wenigen Kinder rücken in den Mittelpunkt.
Um Antworten oder Impulse zu geben, führt Largo den Leser durch die Charakteristiken der kindlichen Entwicklung und hin zu einer kindgerechten Bildung und Erziehung.
Autor
Remo H. Largo ist emeritierter Professor für Kinderheilkunde. Von 1975 bis 2005 leitete er die Abteilung „Wachstum und Entwicklung“ an der Universitätskinderklinik Zürich und erforschte in Langzeitstudien die Entwicklung von mehr als 800 Kindern von der Geburt bis ins Erwachsenenalter. Largo publizierte 120 wissenschaftliche Arbeiten sowie mehrere erfolgreiche Sachbücher über die Entwicklung des Kindes. Bestseller sind „Babyjahre“, „Kinderjahre“ und „Schülerjahre“. Er hält jedes Kind für einzigartig: „Nur eine Pädagogik, die das individuelle Potenzial jedes Kindes möglichst gut auszuschöpfen vermag, verhilft den Kindern dazu, jene eigenständigen, kreativen und lernbereiten Individuen zu werden, die sich in der Zukunft erfolgreich behaupten können“ (siehe Cover).
Aufbau und Inhalt
Der Autor zeigt uns knapp und präzise die Charakteristiken der kindlichen Entwicklung auf, formuliert präzise und breitet ohne überflüssiges Füllmaterial das Kind in seiner Entwicklung vor uns aus. Schon der Titel „Lernen geht anders“ lässt den Leser aufhorchen. Der Untertitel schließt an Formulierungen aus der Pädagogischen Bewegung vom Kinde aus an: „Bildung und Erziehung vom Kind her denken“. Er trifft damit den Kern, denn alle pädagogischen Konzepte, von Erwachsenen für Kinder „konstruiert“, greifen nicht. Vom Kind her denken ist deshalb Largos Devise. Das Kind in seinen Möglichkeiten, seinen Ressourcen, seinen Bedürfnissen… zu erkennen und dort anzusetzen, diesen Weg zeigt er mit seinen Ausführungen auf. Er erhebt nicht den Zeigefinger und gibt Ratschläge. Vielmehr beschreibt er und macht den Leser neugierig, das Kind zu erforschen und zu entdecken, wie sich der Erziehungs- und Bildungsalltag gestalten könnte.
In Teil I beschreibt Largo die Charakteristiken der kindlichen Entwicklung und unterscheidet zwischen dem Kind
- als soziales Wesen
- als lernendes Wesen und
- als einzigartiges Wesen.
Die Beispiele machen
anschaulich deutlich, wie sich kindliches Lernen vollzieht und warum
Kinder selbstbestimmt lernen wollen: „Jedes Kind will sich
entwickeln, und dazu muss es ständig neue Erfahrungen machen
können… Für jeden Entwicklungsschritt gibt es einen
bestimmten Zeitpunkt, zu dem das Kind innerlich bereit ist. Wann dies
so weit ist, zeigt uns das Kind mit seinem Verhalten. Diesen Zetpunkt
gilt es zu erfassen“ (S. 66).
Largo gibt Impulse,
wie Eltern und Lehrer Kinder beim Lernen unterstützen können,
und rechnet ganz klar mit den „gigantischen Förderangeboten“
ab. Er löst den Irrglauben von Eltern und anderen Erwachsenen
auf, dass Kinder dadurch klüger würden. „Der Glaube,
ein Kind entwickle sich umso erfolgreicher, je früher und
intensiver es gefördert wird, basiert auf einem
verhaltensbiologischen Irrtum… Kinder sind von sich aus Weltmeister
im Üben“ (S. 79).
Aber auch die Stolperstellen
im pädagogischen Verhalten werden aufgezeigt, wenn z.B.
Normvorstellungen das Erziehen schwer machen. Nur durch
Individualisierung kann man der Verschiedenartigkeit der Kinder
gerecht werden.
Im Teil II geht es
um „Bildung und Erziehung kindgerecht“, um die Grundlagen
der Erziehung und vor allem auch um eine kindgerechte Schule. Selbst
wenn es so bekannt klingt, es wird immer wieder vergessen: Die
Familie ist bedeutsam für den Schulerfolg eines Kindes. Largo
lenkt den Blick aber auch auf die Doppelbelastung von Familie und
Beruf oder auf den Druck der Eltern, die ihr Kind zu Schulerfolg
bringen wollen. An Schule stellt er große Forderungen: Sie soll
kindgerecht sein, sie soll Geborgenheit bieten, eine positive
Lernatmosphäre schaffen, individualisierten Unterricht
gestalten.
Nicht zuletzt beschreibt Largo, was den
guten Lehrer ausmacht: „Grundvoraussetzung ist der Eros
paedagogicus. Der Lehrer mag Kinder, interessiert sich für ihr
Wesen und ihre Entwicklung, findet Befriedigung darin, wenn sie sich
gut entwickeln und er sie dabei unterstützen kann… Sie freuen
sich am Erfolg der Kinder und sind nicht persönlich beleidigt,
wenn ein Kind etwas nicht begriffen hat“ (S. 150).
Nach
all den vorausgehenden Ausführungen muss Largo zu dem
Fazit kommen, dass gleiche Chancen für alle Kinder unser
höchstes pädagogisches Ziel sein muss. Das darf aber nicht
den Gedanken aufkommen lassen, dass sich alle Kinder gleich
entwickeln. „Sie schafft vielmehr die Voraussetzungen dafür,
dass die Schule allen Kindern gemäß ihren individuellen
Voraussetzungen zum größtmöglichen schulischen Erfolg
verhilft und insofern Gerechtigkeit herstellt“ (S. 155). So wird
Bildungspolitik auch immer zu Sozialpolitik. Daraus erwächst
ganz natürlich der Wunsch nach Inklusion. Das allerdings geht
nicht ohne Schulreformen.
Reformen sind nötig, dass
Kinder und Gesellschaft in der Zukunft eine Chance haben. „Die
größte Herausforderung sind wir selbst, Eltern, Lehrer und
Bildungspolitiker. Wenn Schule erneuert werden soll, müssen auch
wir uns weiterentwickeln. Wir dürfen nicht am Alten festhalten,
weil es sich in der Vergangenheit einigermaßen bewährt hat
und vor allem uns lieb und teuer ist. Die Zukunft ist schwer
voraussehbar, und so fehlt uns weitgehend die Vorstellungskraft, wie
die zukünftige Schule aussehen muss. Einen sicheren
Orientierungspunkt jedoch gibt es: die Kinder als lernende Wesen. Auf
sie sollten wir die Schule ausrichten“ (S. 174 f.).
Diskussion und Fazit
Allein es bleibt die Hoffnung: Ich hoffe, dass viele, viele Eltern, Erzieher, Lehrer, Sozial- und Bildungspolitiker dieses Buch lesen werden und in einen „Entwicklungsschub“ eintreten!
Wer das Buch liest, der kann sich den Impulsen nicht entziehen. Ob man will oder nicht, man muss reflektieren und wird sich vielleicht auch an manche Details aus der eigenen Kindheit erinnern. Largos Sprache fesselt. Man kann das Buch nicht einfach weglegen. Es reizt sehr, Kernsätze auszuwählen und sich bildhaft immer wieder vor Augen zu führen - Verhinderung des Vergessens! So kann folgender Satz beispielsweise eine Mutter stützen und stärken, die von allen Seiten hört: Was, Dein Kind ist noch immer nicht sauber? „Es gibt keinen für alle Kinder einzig richtigen Zeitpunkt, um mit der Sauberkeitserziehung zu beginnen“ (S. 99). Viel Druck wird damit von ihr und ihrem Kind genommen.
Oder der Satz:„Der Umgang mit dem Kind besteht für Eltern und Lehrer in einem ständigen Abwägen zwischen Fürsorge, Grenzensetzen und Loslassen“ (S. 114).
Eigentlich gehört das Buch verpflichtend in die Hand aller im pädagogischen Bereich tätigen Menschen.
Rezensentin
Diplom-Pädagogin Ingeborg Becker-Textor
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Zitiervorschlag
Ingeborg Becker-Textor. Rezension vom 26.04.2011 zu: Remo H. Largo: Lernen geht anders. edition Körber-Stiftung (Hamburg) 2010. 188 Seiten. ISBN 978-3-89684-078-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11257.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.
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