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Bert Hellinger: Ordnungen des Helfens. Ein Schulungsbuch in 2 Bänden

Bert Hellinger: Ordnungen des Helfens. Ein Schulungsbuch in 2 Bänden. Carl-Auer-Systeme Verlag (Heidelberg) 2003. ISBN 978-3-89670-421-4. 49,90 EUR, CH: 86,00 sFr.
374 Seiten (Band 1) und 233 S. (Band 2) .

Der Autor / das Thema

Der heute 78-jährige Bert Hellinger hat wie kein zweiter im Bereich der Psychotherapie öffentliche Debatten ausgelöst. Hellinger studierte Theologie, Philosophie und Pädagogik und wurde Priester. Als Mitglied eines katholischen Missionsordens arbeitete er 16 Jahre lang bei den Zulus in Südafrika. Danach widmete er sich (inzwischen nicht mehr Priester) der Psychoanalyse und entwickelte seine originelle und eigenwillige Art szenischen Arbeitens, die als "Familienstellen" bekannt geworden ist. In seinen Verfahren, die sich im Laufe der Jahre immer wieder gewandelt haben, kombiniert Hellinger soziodramatische Elemente, wie wir sie von Moreno kennen, mit Elementen anderer Schulen. Auf die Kritik an Bert Hellinger, dem "Spiegel" und "Zeit" große Artikel widmeten, will ich an dieser Stelle nicht eingehen. Sie ist hinreichend bekannt und als Rezensentin sehe ich meine Aufgabe nicht darin, Stellung für oder gegen bestimmte Aspekte von Hellingers Arbeit zu beziehen, sondern Leserinnen und Lesern vorzustellen, was sie in diesem neuen Band Hellingers finden können: In seinem neuen zweibändigen Werk möchte Bert Hellinger seine grundsätzlichen Einsichten über das Helfen - als Tätigkeit und als Beruf - vermitteln. Als Zielgruppe nennt Hellinger alle, die helfende Berufe haben, aber auch interessierte Laien wie z.B. Eltern.

Zunächst: In den letzten Jahren habe ich keine schöneren psychosozialen Fachbücher in Händen gehalten. Die beiden handwerklich schon gebundenen Bücher in einem Schober, der an eine chinesische Lackarbeit erinnert, sind aussergewöhnlich aufwändig und stilistisch klar gestaltet. Die beiden leuchtend roten Bände sind mit einem eingeprägten Feld mit einem zen-kalligraphischen Porträt Bert Hellingers und seiner Arbeit geschmückt, das der Zen-Künstler Alok Hsu Kwang-han gestaltet hat, der Hellinger 2002 in Stockholm kennen gelernt hatte.

Auch das Innere der beiden Bände ist ungewöhnlich gestaltet: Viel Raum und wenig Worte pro Seite wecken bei mir den Eindruck von Weite und Beschränkung aufs Wesentliche. Sie verführen mich als Leserin zu Denkpausen und gründlichem Lesen.

Der Inhalt

Die beiden Bände präsentieren vorwiegend Transkripte und zeichnerische Prozess- Darstellungen von Aufstellungen in der Ausbildungssupervision von TeilnehmerInnen, die an verschiedenen Ausbildungsorten in der Schweiz, in Deutschland, Österreich, Spanien und einigen anderen Orten stattgefunden haben. Die einzelnen Sitzungen werden von Hellinger kommentiert. Auch zwischen den Kapiteln finden sich grundsätzliche Ausführungen zu Themen, die dem Autor wichtig sind.

Am Ende des zweiten Bandes finden sich häufig gestellte kritische Fragen, die Hellinger beantwortet, um einige Missverständnisse zu seinem Ansatz auszuräumen.

Die einzelnen Sitzungen zeigen in der Regel keine Therapien, sondern Supervisionsfälle aus der psychosozialen Praxis der TeilnehmerInnen, die Aufstellungs-Ausbildungen machen. Außer Transkripten und Kommentaren enthalten die Bücher einige Gedichte und Geschichten, z.B. von Rilke und Hellinger selbst.

Zu Beginn seines Buches und noch weiter in den folgenden Kapiteln erläutert Hellinger, was er als Prinzipien des Helfens betrachtet:

  • HelferInnen sollen demütig sein und nur das geben, was sie auch geben können. Als "Unordnung des Helfens" beschreibt Hellinger, wenn HelferInnen mehr geben wollen als sie können.
  • HelferInnen sollen gegebene Umstände und das Schicksal akzeptieren. Sie sollen nur soweit eingreifen, wie es die Umstände gestatten und wie wirklich etwas zu ändern ist. Hier greift Hellinger Schattenseiten der HelferInnen-Persönlichkeit an: "Vielen Helfern mag das Schicksal der anderen schwer erscheinen und sie möchten es ändern. Aber oft nicht, weil der andere es braucht oder will, sondern weil sie selbst dieses Schicksal schwer ertragen. Wenn der andere sich dann trotzdem von ihnen helfen lässt, dann nicht sosehr, weil er es braucht, sondern weil er dem Helfer helfen will." (I 15) (Römische Zahlen vor der Seitenzahl verweisen auf Band I oder II) Sie wollen "Schicksale wenden" (I 203), während zum Beispiel Kranke manchmal durch die Zustimmung zu ihrer Krankheit ihre Würde gewinnen und bewahren (vgl. I 204). "Viele Helfer stellen sich dem Schicksal eines Klienten in den Weg. Oder stellen sich dem Tod in den Weg. Sie meinen, sie müssen jemanden von seinem Schicksal oder vom Tod erretten. Wieso eigentlich? Wer fürchtet den Tod und wer fürchtet das Schicksal? Der Helfer. Er will mit seinem Helfen seinem Tod entrinnen und seinem Schicksal und er benutzt den Klienten dazu." (I 291 ).

    Helfen aus Hellingers Sicht verzichtet oft auf das Helfen, mutet damit den Menschen Vieles zu und wird deshalb angegriffen. Helfen sollte zurückhaltend sein, sich den Umständen fügen und nur soweit eingreifen, wie die Umstände es gestatten (I15).

  • HelferInnen sollten ihren KlientInnen als Erwachsene gegenüber treten und sie damit auch fordern und respektieren. Zu vermeiden und außer in wenigen besonderen Situationen von Übel ist die "therapeutische Beziehung", die Hellinger als "Eltern-Kind-Beziehung" bezeichnet. Wer KlientInnen wie Kinder behandelt, über den werden die KlientInnen bald die Kontrolle gewinnen, denn auch die KlientInnen bringen ihre Erwartungen mit: "Wenn ein Hilfe Suchender sich bei einem Helfer als bedürftig oder unzufrieden mit seiner Situation vorstellt und dabei andere dafür verantwortlich macht oder anklagt, erwartet er oft vom Helfer eine Zuwendung wie ein Kind von seinen Eltern." (II 9) Wer sich den HelferInnen als Vater oder als Mutter anbietet, hat sich häufig auch den eigenen Eltern gegenüber " in dem Sinne überhoben, dass er oder sie gedacht hat: ich kann ihnen helfen. Also, die Überheblichkeit des Kindes gegenüber den Eltern setzt sich fort in der Überheblichkeit des Helfers gegenüber dem Klienten." (II 56) Merkmal guten Helfens dagegen ist die Kraft und die Stärke, die es KlientInnen gibt: "Die Hauptunterscheidung ist: Macht es die Klienten stärker oder schwächer? Alles, was sie stärker macht, ist gut. Was sie schwächer macht - das weiß man sofort -, ist nicht gut." (II 54)
  • HelferInnen sollen ihre KlientInnen als Teil ihrer Familien sehen, die Familie der KlientInnen achten und respektieren. Nur wer die Familie der KlientInnen ehrt, dessen Arbeit hat Kraft (I 46) und auch diejenigen respektieren und denjenigen "ihr Herz öffnen", über die der Klient sich beschwert und die der Klient ablehnt. So soll die HelferIn Mitleid mit Täter und Opfer haben (vgl. I 122), um Kraft für ihre Arbeit zu gewinnen. Dabei darf der Helfer nicht in Kategorien von gut und böse denken; alle Betroffenen sind verstrickt. Für HelferInnen gilt: "Sobald man sich in die Unterscheidung von gut und böse hineinbegibt, ist man verloren." (I 354) "Sobald wir diese Entscheidung treffen, schließen wir jemanden aus." (II 11)

    Weiter muss die Helferin auf ihre Intuition hören und muss selbst gleichgültig gegenüber dem sein, was sie erkennt: " Frei von Vorstellungen, frei von Theorien, frei von Absichten, frei von Emotionen, frei von Empathie in dem gewöhnlichen Sinn. Dann zeigt sich etwas." (I 59) Es geht also nicht um analytisches Denken, sondern: "Ich setze mich neben den Klienten hin und frage nichts. Ich warte. Ich denke auch nicht, sondern ich sammle mich." (I 258)

  • An mehreren Stellen bekräftigt Hellinger, dass HelferInnen nur einen Anstoß in die richtige Richtung und keine "Lösung" mehr vorgeben sollen. Hier hat sich auch seine Arbeit verändert: "Ich suche keine Lösung. Ich bringe etwas ans Licht, und was ans Licht gebracht ist, weist auf eine Lösung hin. Das ist jetzt eine neue Art des Familien-Stellens. Früher habe ich das noch so gemacht, das ich gesucht habe: Wie kann man das zu einem Abschluss bringen?" (É) Worauf ich jetzt achte, ist: Ist er jetzt in Kontakt mit der Wirklichkeit, die sich gezeigt hat, oder nicht. Wenn er nicht in Kontakt ist, breche ich ab. Dadurch dass ich abbreche, kommt er in Kontakt damit. Also, der Abbruch ist eine wichtige therapeutische Maßnahme." (II 214 f.)

Neben seinen Ausführungen zum Helfen geben die beiden Bände Einblick in die für Hellinger heute charakteristische Form des Familienstellens und geben kritischen LeserInnen wieder genug Diskussionsstoff. Hier einige Beispiele:

"Das Schicksal ist für uns weitgehend vorbestimmt - durch unsere Eltern und durch unsere Heimat." (I 302). Nur im Einklang mit diesem Schicksal haben Menschen Kraft. Dieses Schicksal erschließt sich Hellinger durch Intuition und Äußerungen der StellvertreterInnen in Aufstellungen. Danach entscheidet er, ob das Schicksal einer Klientin zu akzeptieren ist oder ob konkret geholfen werden kann.

Ob nun Dinge eine Seele haben und eine Aufstellung ans Licht bringt, ob man etwas gebrauchen darf oder ob man ein Vermögen annehmen darf (vgl. I 108), ob hinter einer Psychose regelmäßig ein (oft verheimlichter) Mord in der Familie gesehen wird (I 24), ob Hilfe nach Missbrauchserfahrungen in der Anerkennung der auch vorhandenen Liebesgefühle gesehen wird, all dies gibt genügend Diskussionsstoff, an dem sich die Geister entzünden können.

Besonders gewagt und faszinierend wirkt eine Aufstellung mit einem autistischen Patienten, dessen Urururgroßmutter ermordet worden war. (I 181ff.); der Mord wird von Hellinger und den StellvereterInnen nachträglich gelöst, der wahre Mörder identifiziert, eine Entwicklung angestoßen (I 181ff.).

Hellinger, der mich als Ethnologin an einen Schamanen erinnert, bezeichnet seine Arbeit nicht als Psychotherapie, sondern Philosophie (II 225).

Fazit und Zielgruppe

Mit diesen beiden Bänden können LeserInnen, die sich noch wenig mit Hellingers Ansatz beschäftigt haben, gut und kompakt über die Grundlagen des heutigen Familienstellens informieren. Die Transkripte sind übersichtlich gestaltet und beide Bände sehr kurzweilig zu lesen. Für LeserInnen, die Hellingers Arbeit bereits gut kennen, ist an diesen beiden Bänden der breit ausgeführte Aspekt helfender Berufe und die dokumentierte besondere Supervisionsarbeit Hellingers interessant.


Rezensentin
Prof. Dr. Lilo Schmitz
FH University of Applied Sciences Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkt "Beruf und Burnout-Prävention"
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Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 02.03.2004 zu: Bert Hellinger: Ordnungen des Helfens. Ein Schulungsbuch in 2 Bänden. Carl-Auer-Systeme Verlag (Heidelberg) 2003. ISBN 978-3-89670-421-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1126.php, Datum des Zugriffs 06.09.2010.


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