Monica McGoldrick: Wieder heimkommen. Spurensuche in Familiengeschichten
Monica McGoldrick: Wieder heimkommen. Spurensuche in Familiengeschichten. Genogrammarbeit und Mehrgenerationen-Perspektive in der Familientherapie. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2003. 371 Seiten. ISBN 978-3-89670-404-7. 29,90 EUR.
Übersetzt von Irmela Köstlin.
Das Thema
Genogramme und die Mehrgenerationenperspektive sind klassische Themen der systemischen Familientherapie und der systemischen Sozialarbeit. Mit ihrem Buch will Monica McGoldrick neue Perspektiven auf dieses klassische Thema aufzeigen.
Die Autorin
Monica McGoldrick ist die Autorin des bekannten Klassikers "Genogramme in der Familienarbeit". Sie ist als Familientherapeutin und Sozialarbeiterin bekannt.
Der Inhalt
MacGoldricks Buch zerfällt für mich in drei große Segmente:
Zum einen behandelt die Autorin in allen Kapiteln des Buches große und wichtige Themen, die in (fast) allen Familiengeschichten auftauchen. An diesen Grundthemen erläutert Monica McGoldrick, wie Krisen und Entwicklungsaufgaben erfolgreich verarbeitet werden können, aber auch, wie leicht Individuen und Familien dabei in Sackgassen geraten und sich selbst im Wege stehen. In klugen und vorsichtigen Äußerungen beschreibt McGoldrick Möglichkeiten, solche Teufelskreise zu erkennen und aus ihnen auszubrechen.
Themen, die hier sehr kompakt und voller guter Anregungen behandelt werden, sind unter Anderem:
- Distanz und Nähe, Verschmelzung und Ausstoßung
- Familiengeheimnisse
- Schmerz und Konflikte
- Verlust-Erfahrungen
- Positionen in der Geschwisterreihe und ihre Auswirkungen
- Ehebeziehungen
- Dreiecksbeziehungen
- Rituale
- Klassenzugehörigkeit
- Geld
- Religion und spirituelle Werte
Die Lektüre dieses ersten großen Segmentes, das sich durch alle Kapitel des Buches zieht, ist außerordentlich anregend. Hier spricht Monica McGoldrick als erfahrene Familientherapeutin und lenkt den Blick auf eine Vielzahl möglicher Krisen und Störungen, aber auch auf Entwicklungsmöglichkeiten. Die Praktikerin aus Psychotherapie und Beratung findet hier sicher wertvolle Hinweise und Anregungen für ihre aktuellen Fälle.
Ein zweites Segment, das sich parallel zum ersten durch das Buch zieht, besteht aus Fallbeispielen. Diese Fallbeispiele, illustriert mit reichen Genogrammen, beziehen sich nicht auf anonymisierte Fälle aus der eigenen psychotherapeutischen Praxis. Vielmehr stellt Monica McGoldrick zur Illustration für die vornehmlich belastenden Entwicklungen, die eine Familie nehmen kann, lebende und verstorbene Berühmtheiten mit ihren Familien vor. Es handelt sich um verstorbene und lebende PolitikerInnen, SchriftstellerInnen, SchauspielerInnen und andere populäre Größen. Nacheinander treten hier beispielsweise auf die Familien O'Neill, Hepburn, Freud, Kennedy, Dickens, Kafka, Marx (von den Marx Brothers). Monica McGoldrick hat zu jeder Familie ein Genogramm erstellt. Die Informationen zu ihren Genogrammen und Ferndiagnosen entnimmt die Autorin der biographischen und autobiographischen Literatur zu den von ihr untersuchten Personen und ihren Familien.
Dieses Vorgehen finde ich aus folgenden Gründen befremdlich:
- Aus der ungeprüften biographischen und autobiographischen Literatur reiht die Autorin sehr private, peinliche und intime Einzelheiten aneinander.
- Mit Hinweis auf die gleichen Quellen kennzeichnet McGoldrick dann bestimmte Familienmitglieder farblich abweichend, je nachdem, ob sie "ein schweres geistig-seelisches oder körperliches Problem" oder "Drogen- und Alkoholprobleme" haben. An keiner Stelle im Buch wird dieses an ganz besonderen Defiziten orientierte Vorgehen erklärt oder diskutiert.
- Ihre Informationen verarbeitet die Autorin zu schnellen "Ferndiagnosen", die mir übergriffig und fachlich wenig überzeugend erscheinen. Hier drei Beispiele: "So waren auch die Feindseligkeiten zwischen Chicos Frau, der Frau des ewig sorglosen Charmeurs, der keinerlei Verantwortung übernahm und der Frau Grouchos, eines sich stets im Übermaß für alles verantwortlich fühlenden Pfennigfuchsers und Griesgrams, eher ein Spiegel der Spannungen zwischen den Brüdern bzw. der Schwierigkeiten innerhalb der beiden Ehen als ein Ausdruck der Probleme zwischen den beiden Frauen selbst." (108f.) "Als die Mutter von Peter und Jane Fonda Selbstmord beging, verschwor sich die gesamte Öffentlichkeit, diese Tatsache vor ihnen geheim zu halten. Sechs Monate später las Jane in einem Filmmagazin die Wahrheit über den Tod ihrer Mutter, gewiss eine grässliche Art, ein solches Geheimnis zu erfahren; kurz danach heiratete Henry Fonda wieder. Während er noch in den Flitterwochen war, schoss Peter Fonda sich "versehentlich" in den Bauch. Man muss sich fragen, ob hier nicht bereits die ungeheure Macht des schrecklichen Geheimnisses zum Ausdruck kommt." (85) "Katherine Hepburns 25-jährige Beziehung mit Spencer Tracy scheint gut zu den Mustern gepasst zu haben, die sie früher in ihrem Leben entwickelt hatte. Tracy war Alkoholiker, er war 17 Jahre älter als sie und litt bereits an Leber- und Nierenschäden, als sie sich das erste Mal begegneten. Man könnte sagen, er war ein Verlorener, er war sehr schwermütig und ruft Erinnerungen an die Beschreibung der Persönlichkeit von Katharines Bruder wach." (160)
Die Leserin mag selbst beurteilen, ob sie sich durch solche Fallbeispiele und Schnelldiagnosen aus der Ferne angesprochen fühlt.
In einem dritten Strang, den die Autorin ebenfalls durch das ganze Buch hindurch verfolgt, ermuntert sie die Leserin zur Recherche der eigenen Familiengeschichte. Hier gibt die Autorin anhand von Leitfäden Hilfestellungen für die Forschung in eigener Sache. Dazu einige Beispiele:
- "Welche Etikettierungen hatten die einzelnen Familienmitglieder? 'Xanthippe' oder 'Hausdrachen', 'Trauerkloß' 'Geizkragen', 'Sonderling', 'Tunichtgut'?" (138)
- "Welche Urlaubsgeschichten gibt es? Welche Verrats- oder Bettgeschichten?" (91)
- "Neigen die Ehepartner dazu, sich übers Geld zu streiten? Über Sex? Über die Kinder? Darüber, wie sie die Freizeit verbringen? Über das Essen? Die Religion? Politik? Über Schwiegermütter?
- Stammen die Ehepartner im Allgemeinen aus derselben ethnischen Gruppe? Aus der gleichen Schicht? Wenn nicht, streiten sie sich darüber, wer gesellschaftlich 'aufgestiegen' ist?
- Wie haben die Paare in ihrer Familie darüber verhandelt, wie sie mit Raum, Zeit, Geld umgehen wollten? Wie haben sie Entscheidungen darüber getroffen, wo sie den Urlaub verbringen und welche Familientraditionen und Rituale aus den jeweiligen Herkunftsfamilien sie beibehalten bzw. welche sie neu entwickeln wollten?" (306f.)
Bei der Erforschung der eigenen Familiengeschichte rät Monica McGoldrick eher zur Zurückhaltung:
"Respekt vor dem Widerstand der Familie gegen jede Veränderung ist bei diesem Unternehmen ganz wesentlich. Als die- oder derjenige, die oder der etwas in Erfahrung bringen will, müssen Sie Respekt davor haben, wenn Ihre Familie sich dagegen wehrt, Geheimnisse preiszugeben oder die Art, wie die einzelnen Familienmitglieder miteinander umgehen, zu verändern, so schädlich diese Beziehungen auch sein mögen." (46)
Ebenso rät sie dazu, mit sich selbst pfleglich umzugehen: "Wichtig ist aber auch, dass Sie keine Fragen stellen, solange Sie nicht in der Lage sind, mit den Antworten fertig zu werden." (47)
Dieser dritte Aspekt des Buches, die Erforschung der eigenen Familie, die auch zum Titel "Wieder heimkommen" inspiriert hat, hätte aus meiner Sicht intensiver bearbeitet werden können. Hier hat die Autorin anscheinend eine Vielzahl an guten Ideen, gibt aber keine Hilfestellung, wie eine Feldforschung in der eigenen Familie in welchen Schritten ganz praktisch durchgeführt werden kann.
Zielgruppen
Für KollegInnen in systemischer Therapie und Familientherapie.
Fazit
Insgesamt ist das Buch in seinen grundlegenden Ausführungen sowie in seinen Anregungen zur Erforschung der eigenen Familiengeschichte voller wertvoller Anregungen. Bezüglich der Fallgeschichten, die ich ablehne, weil in denen das Privatleben und die ausgeplauderten Geheimnisse öffentlich interessanter Personen durchleuchtet werden, mag die Leserin anhand der vorgestellten Beispielpassagen selbst entscheiden, ob sie ihr zusagen.
Rezensentin
Prof. Dr. Lilo Schmitz
FH University of Applied Sciences Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkt "Beruf und Burnout-Prävention"
E-Mail Mailformular
Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.
Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 27.01.2004 zu: Monica McGoldrick: Wieder heimkommen. Spurensuche in Familiengeschichten. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2003. 371 Seiten. ISBN 978-3-89670-404-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1127.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.
Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.
Zur Rezensionsübersicht
Zum Seitenanfang
Hilfe & Kontakt
Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
Jutta Ecarius (Hrsg.): Familie. Ein erziehungswissenschaftliches Handbuch
Stephan Cinkl, Kira Gedik u.a.: Praxishandbuch Sozialpädagogische Familiendiagnosen
Stellenangebote
Erzieher/in oder Kinderpfleger/in für Kindertagesstätte, Stuttgart
Erzieher/innen und Fachkräfte (w/m) als Gruppenleitung für Kindertagesstätten, München
Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.
Newsletter bestellen
Immer über neue Rezensionen informiert.
