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Gillian Salmon, Jenny Dover: Pädagogische Psychotherapie bei emotional-sozialen Lernstörungen

Cover Gillian Salmon, Jenny Dover: Pädagogische Psychotherapie bei emotional-sozialen Lernstörungen. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2011. 232 Seiten. ISBN 978-3-8379-2062-8. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 41,90 sFr.

Reihe: Psychoanalytische Pädagogik.
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Autorinnen

Gillian Salmon war Lehrerin und leitende Psychologin bei der Schulaufsicht, leitete den Masterstudiengang Educational Psychotherapy der Caspari Foundation und arbeitet in privater Praxis als Erziehungsberaterin, Pädagogische Psychotherapeutin und Supervisorin.

Jenny Dover war als Lehrerin und sonderpädagogische Fallkoordinatorin tätig. Sie arbeitet als Pädagogische Psychotherapeutin im psychiatrischen Dienst und ist Lehrbeauftragte der Caspari Foundation im Ausbildungsgang Educational Psychotherapy.

Die Originalausgabe ist unter dem Titel „Reaching and Teaching Through Educational Psychotherapy: A Case Study Approach“ bei Wiley erschienen.

Thema

Die Pädagogische Psychotherapie soll die Lücke zwischen Theorie und Praxis der Psychoanalytischen Pädagogik schließen. Die Arbeitsweise mit Lernstörungen bei emotionalen Problemen soll vorgestellt werden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch enthält vier ausführliche Fallstudien. Nach jeder Falldarstellung folgen ein oder (nach dem vierten Fall) zwei theoretische Kapitel. Es werden dargestellt:

  • Osman, ein 8 Jahre alter Junge, emotional und kognitiv unreif, ein zurückgezogenes Kind, das keine Beziehungen eingehen kann,
  • Maria, ein 8 Jahre altes Mädchen, deren Lernen durch Ablehnung, Trennung und Verlusterfahrungen gehemmt ist,
  • Tariq, ein Junge im ersten Grundschuljahr, mit destruktiven Phantasien und extremen Angstzuständen,
  • Kevin, ein 7 Jahre alter Junge, ein unsicheres Kind unter unberechenbaren Erwachsenen.

Die Kinder kommen aus schwierigen familiären Verhältnissen und haben zum Teil auch einen Migrationshintergrund. Die Fallbeispiele beschreiben jeweils einen Zeitraum von ungefähr zwei Jahren. Sie wurden von erfahrenen Lehrerinnen, die sich in Ausbildung zur Pädagogischen Psychotherapeutin befanden, verfasst.

Die Theoriebeiträge beginnen mit der Diskussion der diagnostischen Zugänge zu emotional-sozialen Lernschwierigkeiten. Da es der pädagogischen Psychotherapie vor allem um schulische Lernaufgaben geht, die durch gemeinsame Aktivität gelöst werden, kommen Kinder in Frage, die unterdurchschnittliche Leistungen zeigen, die auf emotionale Probleme zurückzuführen sind, aber auch Kinder, die beispielsweise an ihre Bezugspersonen „ängstlich gebunden“ sind, eine Regulierung der Nähe zur Lehrerin bedürfen oder „unaussprechliche“ Gedanken mit sich herumtragen.

Eine bedeutsame Frage ist es, wie die schulischen Lernprobleme entstanden sind und wie sie aufrecht erhalten werden. Für die Interpretation des kindlichen Verhaltens sind die Ergebnisse der Bindungstheorie wichtig (Kinder mit Bindungsunsicherheit und desorganisierter Bindung). Auch auf Aussagen und Arbeiten von Winnicott, Klein oder Bion wird wiederholt hingewiesen, wobei insbesonders das Konzept des „Containment“ für die praktische Umsetzung von Bedeutung ist.

In der Therapie ist die Wahrnehmung der eigenen Gefühle eine wichtige Ressource und liefert wie die Beobachtung des kindlichen Abwehrverhaltens Hinweise auf Zugangsmöglichkeiten. Zeichnungen, Geschichten, Spiele, Vorlesen oder gemeinsames Lesen von Büchern sind Bestandteile des therapeutischen Vorgehens. Die Herstellung einer sicheren Lernbasis, die Bereitstellung neuer und anderer Lernerfahrungen, die Förderung des Selbstbewusstseins, die Beachtung von Metaphern und symbolischen Aussagen von Unterrichtsgegenständen sind weitere Themen, wobei auch auf die Unterrichtsfächer Lesen, Schreiben und Mathematik eingegangen wird.

Ein wichtiges Kapitel stellen die ethischen Überlegungen zur psychotherapeutischen Arbeit mit Kindern dar, in dem zum Beispiel die Bedeutung der psychoanalytischen Ausbildung (einschließlich Lehranalyse) und der Umgang mit Gewalt und Missbrauch angesprochen werden.

Abschließend wird die Bedeutung von Anfängen und Beendigungen, der Gestaltung von Übergängen im Verlauf der Schullaufbahn und die Arbeit mit Eltern und mit weiteren Netzwerken thematisiert.

Diskussion

Kindergärten und Schulen klagen über die Zunahme schwieriger Kinder. Unterstützung im Umgang mit diesen Kindern wird eingefordert. Einen Ansatz, die Probleme dieser Kinder zu verstehen und ihnen bei der Bewältigung zu helfen, bieten die psychoanalytische Pädagogik und die in diesem Buch vorgestellte Pädagogische Psychotherapie an.

Der Ansatz orientiert sich in seiner theoretischen Ausrichtung an einigen bedeutsamen Kinderpsychologen und auch an der Bindungstheorie. Die praktische Umsetzung bietet durch die Einbeziehung vieler Methoden viel Raum für persönliche Kreativität. Alltägliche Spiele, in denen sehr viele Aspekte angesprochen und gefördert werden können, so z.B. der Kaufladen, werden ins Bewusstsein gerückt. Hilfreich ist es, in den Fallbeispielen zu lesen, wie sich die Therapeutinnen das Vorgehen erarbeiten und dabei auch ihre Unsicherheiten ansprechen.

Erfreulich finde ich, dass das Literaturverzeichnis bearbeitet und ergänzt wurde; trotzdem sind dem Übersetzer auch deutsche Veröffentlichungen entgangen (z.B. zur Erfassung der Bindungsqualität mit dem Geschichtenergänzungsverfahren).

Pädagogische Psychotherapie kann nicht alles leisten; die Bedeutung der Zusammenarbeit bzw. Weitervermittlung an beispielsweise Förderschule oder Kinder- und Jugendpsychiatrie werden aufgezeigt.

Zielgruppen

Pädagogen und Therapeuten, die mit Kindern mit sozial-emotionalen Schwierigkeiten arbeiten

Fazit

Das Buch gibt vielfältige Anregungen, wie um Rahmen einer pädagogischen Psychotherapie erzieherische und schulische Aktivitäten unterstützen werden können.


Rezensent
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 24.06.2011 zu: Gillian Salmon, Jenny Dover: Pädagogische Psychotherapie bei emotional-sozialen Lernstörungen. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2011. ISBN 978-3-8379-2062-8. Reihe: Psychoanalytische Pädagogik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11271.php, Datum des Zugriffs 28.06.2016.


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